40 Jahre

*40 Jahre*

Nein, so alt bin ich nicht.
Das ist nur der Altersunterschied zu meinem Großen. Er spielt American Football und ist gerade in der sogenannten „Massephase“.

85kg auf circa 1,90m.

Ich kann das auf der Waage nicht so gut sehen, weil ich eine Gleitsichtbrille trage. Und beim Messen der Länge ist das mit der Kopfhaltung auch nicht optimal. Das ist auch gar nicht so wichtig.

Und wenn ich so beim heimatlichen Fußballverein das Spiel der 25jährigen mit der guten Technik sehe, dann erwische ich mich beim Gedanken, dass ich im Mittelfeld immer noch meine 50 Ballkontakte hätte, wenn die mich mitspielen ließen.

Das ist Unsinn, denn damit habe ich ja vor 25 Jahren abgeschlossen und Seniorenmannschaften sind nicht so ganz das Meine. Dann lieber Besserwissermodus vor dem TV mit schlechtem Gewissen.

Männer denken oft, sie seien noch dieselben wie … früher.

Natürlich hilft da ein Sportwagen mit niedrigem Einstieg nur solange man drin sitzt. In einen Porsche gehört ein Mann unter 40! Leider hätte ich trotzdem gern einen, aber es wäre mir zu peinlich, damit herumzufahren. Ein Dilemma zwischen dem Wünschen und der Realität der Gefühle.

Langstrecke, das war nie mein Geschäft, kurz und schnell schon eher, bis 400m. Leider denke ich in manchen Momenten, ich könnte die 100m immer noch in 11,8 Sekunden abspulen. Das denke ich aber nur, weil das zuletzt vor 25 Jahren, also in meiner Sichtweise sozusagen „kürzlich“ noch ging.
Da konnte ich als ‚alter Mann‘ die zehn Jahre Jüngeren alle noch aussehen lassen als würden die parken. Das war jetzt mal ein richtig männlicher Satz, aber zwei oder drei Zehntel sind eben eine Ewigkeit für mich.

Und weil mein Großer mich neulich tatsächlich „plautzig“ nannte, weil er ja von hinten aussieht wie Daniel Craig als James Bond, da habe ich so locker rausgehauen, dass ich ihm „über 100m immer noch 3m abnehme“.

Also solange er seine Arme nicht zum Schubsen benutzen darf.

Und im Frühling probieren wir das aus.
Oder ist das jetzt eine blöde Idee?

Ich glaube: Ja.

Man kann ja nichts zurücknehmen, was man gesagt hat.

Gesundes Leben

*Gesundes Leben*

Zunächst einmal ist Leben insoweit ungesund, weil es ja irgendwann endet.

Aber Bücher, Freunde, was gibt es an Büchern zum Thema physischer Gesundheit und psychischer Hygiene allerorten!

Unfassbar.

Wer kauft das alles?
Wer liest das alles?
Wem nützt das?
Wem tut das Gutes?

Bücher über den Darm hinten und hautnah über die Haut, das schlagende Herz und den inneren Frieden. Auf Platz 1 beim Spiegel der komödiantische ‚Hirsch‘ der lockeren Unterhaltung zum Thema „Wunder, Medizin und Magie“.

Da lese ich lieber „Der Schatz im Silbersee“ zum zehnten Mal!

Und trotzdem bekomme ich gleich ein schlechtes Gewissen, weil ich „Die Cigarette“ aus dem Jahr 1927 öfter gelesen habe als ich Bücher zum Thema Gesundheit je aufschlug.

Ich googele auch keine Erkrankungen, ich werde davon nämlich ebenso krank wie vom Lesen eines Beipackzettels.

Bin ich vielleicht nicht … gesund, weil andere das offenbar tun? Lesen das Menschen meines Alters ’normalerweise‘ reihenweise? Oder hilft es, wenn man die Bücher im Regal ungelesen stehen hat auch schon ein wenig?

Eine Frage der alternden Gesellschaft?

Vielleicht auch nicht nur, denn die Jugend optimiert ihren Körper im Fitnessstudio und in Ernährungsfragen. Andererseits leidet niemand häufiger unter eingebildeten Krankheiten als ein Student der Medizin.

Vielleicht muss man gar nicht alles wissen.

Der gute Niels Bohr, der Physiker, der hatte über seiner Haustür in Dänemark ein Hufeisen hängen. Das ist für einen Naturwissenschaftler … ungewöhnlich.

Und als seine Kollegen der ‚Kopenhagener Schule‘ ihn fragten, ob er etwa abergläubisch sei, da sagte er nur:

„Nein, aber man hat mir gesagt, das es auch hilft, wenn man nicht daran glaubt.“

Der hatte mehr verstanden als er selbst wusste.

Wie viele Unverschämte?

*Wie viele „Unverschämte?“*

Ja, das ist heute die Frage.

Und das wird lang, schafft keiner mehr heute. 😉

Manchmal erwische ich mich beim Gedanken an die Zukunft und da denke ich speziell darüber nach, was die ersten Anzeichen wären, um über die Abgabe des Führerscheins nachzudenken.

Wie fast jeder Mann halte ich mich natürlich für einen ‚guten‘ und ’sicheren‘ Fahrer, der ‚dahingleitet‘ und versucht, keinem auf die Nerven zu gehen. Das kann ich selbst ja auch nicht leiden, wenn solche Dickschiffe dicht auffahren. Da halte ich dann auch mal an, um zu sehen, wann ich Fahrer und Fahrzeug an der Leitplanke beim Überholen wiedersehe.

Neulich habe ich beim Abbiegen an einer Kreuzung bei der es nur Spuren für rechts ab und links ab gibt, vergessen zu blinken. Den älteren Herrn habe ich aber zu Fuß passieren lassen. Der hat aber wild zu mir in das stehende Auto gestikuliert und gebrüllt:

„Wozu hat Dein Auto einen Blinker?“

Ganz böse war der, der lag jetzt nicht verletzt vor dem Kühler, der ging noch. Munter war der jedenfalls auch. Lebendig und temperamentvoll.
Und er wusste was.

Wer weiß, wie man selbst in 20 Jahren so unterwegs ist?

Heute war das alles noch viel besser:
Ich wollte endlich die neue Stones-CD im limitierten Digipak holen. Die war nämlich seit dem Wochenende ausverkauft.

Und der Parkplatz, mein Gott, der Parkplatz von diesem Einkaufszentrum, der war so voll. Ins Parkhaus fahre ich sonst nicht, aber heute musste ich bis in den dritten Stock. Da war auf dem.ganzen Weg durch das Parkhaus ein uralter Fiesta vor mir. Der hielt an jedem Gang an und schaute nach einer Lücke. Es gibt da rote Lämpchen über besetzten Plätzen und welche in Grün über den freien. Das kannte der nicht, vermute ich. Zu Weihnachten sind ja überall so viele Lampen, auch unter Decken.

Das irritiert.

Weil gerade „Ring Them Bells“ aus dem Supper Club in New York City lief, hatte ich es auch nicht eilig. Manches hört man sogar hinter einem alten Fiesta gern bis zum Schluss.

Dann ging es aber geradeaus plötzlich nicht weiter, das hatte der im Ford nicht gemerkt. Der fuhr also schon 5m in eine Einbahnstraße, wo er hätte links abbiegen müssen. Es war jetzt die dritte Strophe des Glockenliedes.

Dann habe ich angehalten und bin 5m zurückgerollt, damit der Schläfer links abbiegen kann. Leider entschied der sich für’s Wenden auf 6m Breite! Das dauerte dann schon etwas und der ließ gern 150 Zentimeter Platz. Dann hat man wenig Platz zum Umdrehen.

Als ich dann schon darüber nachdachte, welches Lied als nächstes kommt, bin ich langsam mit Abstand links abgebogen. Da war ja Platz von der Größe eines kleinen Sees in Mecklenburg-Vorpommern. Da war aber kein Platz in der Reihe frei und der Fiesta kann dann in Ruhe seine Wende zuende in den Beton malen, dachte ich noch.

Das war *ganz* falsch.

Da war eine Dame zu Fuß unterwegs, etwas blass, etwas unter 50 und die pöbelte mich durch die offene Scheibe an:

„Rücksichtslos ist das! Eine Unverschämtheit! Lassen Sie die alte Dame doch in Ruhe fahren!“

Ich wusste erstens nicht, dass das eine alte Dame war und zweitens nicht, dass die sich wohler fühlt, wenn ich warte bis sie fertig ist mit ihrer ganzen Arbeit.

Habe dann nur schwach gelächelt obwohl mir schon der Kamm schwoll. Man fühlt dann die Wärme der eigenen Ohren plötzlich. Faszinierend, wie schnell das geht, dass das Natürliche durchkommt im Menschen.

„Ach, wie lange sehen sie uns denn schon zu?“

Weiteres Pöbeln von der Seite, in der nächsten Reihe alles frei. Omi kam dann auch fast neben mir, habe sicherheitshalber nochmal gelächelt. Omi ging es den Umständen entsprechend offenbar gut.

Da habe ich mich schon ein wenig besser gefühlt in meinem Menschsein am Steuer. Aber auch nicht nicht so voll und ganz. Ich hatte das ja noch nicht verstanden.

Das Cover der neuen Stones-Scheibe, nun, aber darauf kommt es nicht an. Ein Faltenfoto, das wäre nett gewesen.

Auf dem Rückweg sah ich dann meine neue Freundin, die jüngere, nicht Fiesta-Senora, im Buchladen. Dann kann ich nicht anders, es ist ein Zwang zum Fragen.

„Entschuldigung, können Sie mir erklären, was ich ihrer Meinung nach vorhin falsch gemacht habe?“

Sie lächelte und war jetzt über 50.

Milde sprach ihr schmaler unglücklicher Mund:
„Ach, wir haben uns beide freigenommen, um etwas für Kinder zu kaufen, nicht? Wollen wir da nicht rücksichtsvoll sein? Ich musste an meine arme alte Mutter denken. Etwas mehr Freundlichkeit und Rücksichtnahme, wäre das nicht schön?“

Schier erschlagen von diesem Sermon, musste ich dann leiser fragen, ob zu „Freundlichkeit“ der Begriff „Unverschämheit“ einen Bezug hatte.

Aber sie wird bestimmt trotzdem heilig gesprochen.
Sie hatte einen Ratgeber in der Hand.

Aber sie hatte keine Antwort auf die Frage.
Fast wie in der Politik.

„Ich wollte die Anwältin der alten Dame sein.“

Die neue Stones-Scheibe ist wirklich besser als alles andere seit 1995.

„I Gotta Go“ zum Beispiel.

Pausen II

*Pausen II*
Das Schönste in der Schule waren ja die Pausen. Das sind sie aber nur, wenn man sie draußen und allein verbringt. Ansonsten war es im kleinen Lehrerzimmer für die Raucher und die, die im Geiste Raucher waren, lauter als im Unterricht.

Auch während der Unterrichtsstunden nimmt sich der Lehrer, wenn er klug und effektiv arbeitet, kleine innere Pausen. Sonst hält er nämlich keine 8 Stunden mit bis zu 200 Schülern am Tag durch.
Allerdings versuchen das die meisten im Geheimen.

Besonders schön war für mich immer die Zeit, in der die japanische Kirsche vor dem Hörsaal blühte. Da habe ich dann beim Blick aus dem Fenster manchmal mittendrin das Wort verloren.

Und wenn man dann fasziniert aus dem Fenster blickt und nachfragen muss, was man zuletzt gesagt hat, dann ist das sehr lustig. Das ist es auch deshalb, weil ich gern abgelenkte Schüler fragte, was ich gerade über ‚Niels Bohr‘ erzählt habe obwohl ich den überhaupt nicht erwähnt hatte.

Die Kirsche war sozusagen mein ‚Niels‘.

Wenn japanische Kirschen auch im Herbst und Winter blühen würden, wäre das das ganze Jahr über deutlich entspannter gewesen.

Niels Bohr war genial, aber immer sehr, sehr langsam. Genialität hat nicht zwingend mit Geschwindigkeit zu tun. Heisenberg schreibt, das Bohr die ersten Western im Kino nie verstanden hat obwohl das deutlich einfacher ist als Physik in atomaren Bereichen.

‚Maschinengewehr Natalia‘ habe ich mal unterrichtet, die war furchtbar schnell und gut.
Die konnte eine inhaltlich 30minütige Präsentation auf 12 Minuten einkochen. Dabei ist von Nachteil, dass das dann keiner versteht. Andererseits ist das eben ‚komplett‘, hätte sie gesagt.

Pausen waren für sie sinnlos verbrachte Sekunden.

Dies war eine ihrer seltenen Fehleinschätzungen.

Eine Pause eines Vortragenden stört nur eine einzige Person im Raum, nämlich den, der spricht. Für alle anderen ist sie pure Erholung. Darüber sollte man vor jeder Rede und jedem Vortrag am längsten nachdenken.

Gesprächspausen kann mancher ja nicht mal zu zweit ertragen. Das ist schade. Das passiert mir auch.

Und wenn Ihr Euch jetzt fragt, ob sich das hier etwas langweilig liest, dann habt ihr Recht.

Aber ihr habt genau das Richtige gemacht in diesen unruhigen Zeiten:

Pause.

Pausen

*Pausen*
„…. time is an enemy …“

Das singt Dylan so schön in „Up To Me“, einem Outtake von ‚Blood On The Tracks‘, und er zieht natürlich das „enemyyyy“ sehr quälend lang nachdem er das „time“ zart umgarnt hat.

Und das ist nicht falsch, doch ist die Zeit der Feind nur auf sehr lange Sicht. Auf kurze Distanzen ist sie einer der besten Freunde des Menschen.

Werbepause.

Das ist die schlimmste aller Pausen, weil sie gar keine ist, sondern noch lauter, schneller und lärmender daherkommt als das Davor und das Danach.

Was folgt, ist ein Loblied auf die Pause auf tonlose Art. Pausen sind keineswegs das Nichts. In Pausen passiert häufig viel mehr als im wilden Getümmel! Es ist dabei nur leise und jeder hört es anders.

Es gibt Musik, die stoppt und trotzdem im Ohr weiterlaufen kann, sozusagen in der Stille obwohl sie gar nicht da ist, die Musik. Das für mich schönste Beispiel dafür ist „Hard Rain“ von, klar, Dylan 1976, dem zweiten Teil der Rolling Thunder Revue.

Klänge ohne Töne.

Wilco, die für mich immer junge Kapelle, die beste der Welt, wie ich gern sage, beherrscht das heute auch.

Es gibt Filme wie „Paris, Texas“, die hauptsächlich aus Augenpausen bestehen und trotzdem nicht langweilen, wenn man sich darauf einlassen mag. Ob ein heute Junger das auch so sähe?

Man weiß es ja nicht.

Merkwürdigerweise geht es mit mit einem alten Tatort nicht so gut aus obwohl bei denen Pausen und Gemächlichkeit zur Entwicklung der Figuren dienten. Der Film mag gleich geblieben sein, das Auge des Zuschauers könnte sich verändert haben und mehr Bewegung oder schnellere Schnitte verlangen. Man schafft’s nicht über die volle Distanz. Warum?

Wer weiß das schon?

Helmut Schmidt-Pausenkönig!
Wer kann heute an den genau richtigen Stellen noch an einer Zigarette öffentlich ziehen? Wer kann an der entscheidenden Stelle eines Satzes die Ruhe für einen Schluck aus der Kaffeetasse aufbringen?

Fällt Ihnen eine Person des öffentlichen Lebens ein, die das kann? Außer Bob Dylan natürlich, der macht Pause bei der Verleihungszeremonie für den Literaturnobelpreis. Ich glaube ja, der hatte da lediglich schon einen Pausentag geplant.

Der Feind der Pause, das ist die Eile. Und bevor man über die nachdenkt, braucht man unbedingt ’ne Pause.

Große Pause.

„Kaffee?“

Belastungsgeschenke

*Belastungsgeschenke*

 

Lara von der Stammtankstelle bekommt ja immer ‚Mon Cheri‘ von einem ihrer zahlreichen Benzinkonsumenten. Der, der ihr das schenkt, kauft für sich selbst oft ‚Rafaello‘, das sind diese weißen Kugeln mit Kokosraspeln.

Ich kenne nur diese grauenhafte Werbung mit den Menschen in Weiß und roten Lippen unter blauem Himmel.

Schon deshalb käme ich nicht auf die Idee, ‚Rafaello‘ zu probieren. Wäre die Reklame wie die von Campari in Schwarz und Weiß, hätte ich die bestimmt auf dem Einkaufszettel notiert.

Die reich und alkoholisch beschenkte Lara also hasst ‚Mon Cheri‘, aber sie liebt „Rafaello“. Man weiß natürlich nicht, ob ‚Rafaello‘ zufällig auch der Name eines ihrer ‚besten Freunde‘ ist. Sie hat relativ viele ‚beste Freunde‘, aber nur einen ‚Mon Cher‘.

Man weiß es ja nicht.

Jedenfalls hat sie die ‚Mon Cheri‘ immer weiterverschenkt. Das war nicht so einfach, weil die meisten Leute die auch nicht mögen. Ich selbst bin ganz froh, dass sie mir andere Sachen schenkt, weil ich sonst auch jemanden suchen müsste, der diese Alkoholpillen mag.
Meine Mutter hat mir früher auch oft Sachen geschenkt, die ich nicht so gut brauchen konnte. Mit 16 ist ein Regenschirm als Mann zum Beispiel unbrauchbar und peinlich. Dazu noch ein ‚Knirps‘! Wäre es wenigstens ein schwarzer Stockschirm gewesen, man hätte ihn ja zum Aufstützen verwenden können.

Oder weinrote Hosen und Pullover. Ich würde niemals etwas in Weinrot anziehen. Als Getränk hingegen finde ich die Farbe mittlerweile einmal im Monat durchaus kleidsam.

Schenken andere Mütter ihren fast erwachsenen Söhnen eigentlich auch tuckige Herrenhandtaschen?

Alles nie benutzt, aber man ist ja bei Geschenken zurückhaltend mit Kritik. In der ledernen Herrenhandtasche habe ich eine Sammlung von Audiokabeln verwahrt. Die fanden es schön im teuren Leder.

Meine Mutter selbst war ja auch zurückhaltend mit Kritik an Geschenken. Damals vor 40 Jahren hatten wir nämlich eine Putzhilfe, die einmal pro Woche kam. Die häkelte wirklich viel und gern. Da gab es Kissenbezüge und Blumenampeln und vieles mehr, alles aus ihrer Fabrik vor dem Fernseher auf dem sie Wim Thoelke liebte.

Der hat vielleicht sogar selbst gehäkelt.

Diese Produkte hat sie dann meiner Mutter zum Geburtstag mitgebracht oder zu Weihnachten. Meine Mutter war verbal immer ganz hingerissen wegen der Kissenbezüge in den scheußlichen Farben und wegen der langen Blumenampeln mit den vielen Troddeln.

„Ach, wie wunderschön! Die hängen wir in den Durchgang zum Esszimmer!“

Da sah man die auch nicht so.
Wir aßen ja in der Küche.

Jedenfalls wurden alle Geschenke mittwochs am Morgen im Haus verteilt bevor die Putzhilfe die Tür aufschloss.

Nachdem die ältere Dame gegangen war, wurde alles wieder in den Karton hinter der Schrankwand im Schlafzimmer im ‚Anbau‘ geworfen.

Eigentlich wäre selbst wischen und saugen weniger anstrengend gewesen. Aber dann hätte die Häkeldame keinen Nebenjob mehr gehabt.

Es ist nie so einfach wie es scheint.

Meckerei in Zeiten von Leckerei

*Meckerei in Zeiten von Leckerei*
Natürlich sind es gute Zeiten, wenn die vielen Lichter leuchten und die gebrannten Mandeln duften. Dazu Mutzen, auf die und Poffertjes kann ich kaum verzichten. Bratwürste unter Baumnadeln könnte ich gut umgehen, weil diese fettigen Dämpfe mich eher zu kleinen Umwegen zwingen als zu Besuchen zum Essen im Stehen. Essen im Stehen ist sowieso eine Unsitte der To-Go und To-Stand-Generation.

Das Beste in der Weihnachtszeit sind weder Lebkuchen noch Spekulatius und Stollen sondern der Pannettone aus Italien! Der hält sich bis zum April und dann sind nur noch 6 Monate zu überbrücken …. wenn der nicht vor dem Jahreswechsel unter Puderzucker-Schnee begraben und anschließend weggeschleckt wird.

Dunkel wird es hingegen im öffentlichen Raum immer öfter trotz der vielen Lichter zum Fest der großen Liebe und der teuren Geschenke.

Läßt man jemanden abbiegen, ermöglicht den Spurwechsel oder verzichtet auf die Vorfahrt, um einen reibungsfreien Ablauf im Verkehr zu fördern, so bedankt sich heute deutlich seltener jemand als vor 10 oder 20 Jahren.

Ein Lächeln, ein kurzes Heben der Hand, ein Klick am Warnblinklicht oder ein kurz gereckter Daumen, …. ist das nicht nett, um das Freundliche zu betonen?

Busfahrer, Taxifahrer und die Jungs im Führerhaus von Lastkraftwagen, *die* kennen das noch, die haben die höchsten Quoten beim kleinen Dank der wortlosen Art.

Danke, dass es Euch noch gibt.

Aber sonst …. kein Kommentar.

Kein Lächeln, kein Blinken, keine Hand, kein Daumen.

Oder sind das schon die ersten selbstfahrenden Autos in denen die sitzen?

Haben die Leute keine Zeit, keine Wahrnehmung oder ist es ihnen nur zu anstrengend?

Oder „bringt Ihnen das nichts“?

Man braucht den Dank ja nicht, aber es freut einen schon. Oder brauche ich nur den Wink, der mich kurz lobt? Jeder braucht etwas Lob.

Mittlerweile versuche ich ja, Quoten zu messen, das heißt, dass ich immer eine Kerbe ins Lenkrad beißen möchte, wenn kein Dank kommt und am Schalthebel lecke, wenn „es“ mal funktioniert.

Da wäre das Lenkrad schnell hinüber und der Knüppel bliebe furztrocken.

Aber mir fehlt es auch an Beweglichkeit in der Umsetzung, zugegeben.
Auch das Leben im Digitalen hat sich verändert. Bedenkt man 10 ‚Freunde‘ im Netz mit für sie vielleicht interessanten Noten, so erhalten das alle, das sieht man ja, aber der unpersönliche Schenkungsweg scheint auch dazu zu führen, dass maximal zwei ein kurzes „Nett, danke!“ senden.

An der Stelle merke ich dann, dass ich das nicht mehr mache. Es kommt meist nichts zurück. Nein, ich meine keineswegs ein Gegengeschenk, ich meine die eine …. Zeile.

Eben ein kurzes Blinken, das Zeichen, das sagt:

„Ich weiß, dass Du das nicht musst und es ist nett, dass Du das trotzdem machst.“

… mal wieder Automobile

*… mal wieder Automobile*

Das sind ja die Pferde der Cowboys von heute, anders kann ich mir das nicht vorstellen, warum die fahrbaren Untersätze speziell auf Männer eine gewisse Faszination ausüben.

Frauen, zumindest aber die beste Ehefrau von allen, die ich je hatte, betrachten das moderne Pferd ja lediglich als Arbeitstiere oder „Gebrauchsgegenstände“ und nicht als Mittel zur Ausdehnung der eigenen Persönlichkeit.

Man weiß es ja nicht.

Anfang der 70er Jahre hatte mein Tante einen neuen Mercedes, einen W128er in dunklem Grün und ohne Typenschild. Das war damals neu, denke ich, dass man ein Auto gegen Aufpreis auch ohne Typenschild bekam. Man nennt den Fahrzeugtyp auch „Strich-Achter“.

In den 70ern waren Autos eher hell, ‚Ganz in Weiß‘, wie Roy auch sang oder auch in Orange, wenn es ein kleines Auto war. Große Limousinen in Farbtönen gab es damals auch, furchtbar.

Dunkelgrün, das war „Understatement“, denn die schwarze Farbe gehörte den Taxiunternehmern und den Bestattungsunternehmern.

Obwohl ich ja noch jung war, ein Kind, das aber schon mit 5 alle der wenigen Modelle kannte, machte mich das mit der Zurückhaltung und dem ‚Understatement‘ minimal mißtrauisch.

Ich habe nämlich meine Tante gefragt, welcher Motor vorn werkelt und ob das Getriebe automatisch schaltet. Das war in den 70ern, ich pubertierte mit Fragen.

„Das ist der Kleinste“, hat sie gesagt.

Das wäre der 200er gewesen.

Wir hatten ja nur 45PS im Kadett B LS Coupe im modisch hellen Blau. Da war selbst ein 200er von Daimler schon fetter. Ich selbst schwärmte von der BMW 02-Reihe oder einer Guilia von Alfa Romeo.

Aber der Tachometer des Benz ging bis 240km/h und der verbale „200er“ hatte zwei Endrohre am Auspuff.

Ein 280er oder schon der 280E!

Understatement ist nicht immer einfach.

–

Auch Namen von Autos haben Traditionen. Man darf sie nicht bedenkenlos abschneiden, die alten Zöpfe. Opel hat mal mehr Autos verkauft als Volkswagen, daran erinnert man sich heute selten.

Kadett, Olympia, Ascona, Manta, Rekord, Commodore, Admiral und Diplomat!

So muss ein Opel heißen!

Astra, Omega, Calibra, Monza und Co., damit begann der Abstieg, nicht mit den qualitativen Mängeln.

Noch schlimmer lief das ja bei den Japanern von Mitsubishi, die haben einen Geländewagen für den kernigen Mann mal „Pajero“ genannt, natürlich weltweit. Ich glaube, den Pajero gibt es schon mehr als 30 Jahre.

In Ländern in denen Spanisch gesprochen wird, haben die echt wenige davon abgesetzt.

„Pajero“ heißt im Spanischen nämlich „Wichser“.

Aber vielleicht gibt es die in Spanien ja dann ohne Typenschild mit geringerem Aufpreis.

Hemingway

*Hemingway*
Nach dem heute kurzen Verbal-Yoga mit Sabrina habe ich draußen vor dem Café noch schnell „Kopfschmerztabletten“ in das Mobiltelefon gehackt.

Ja, üble Sprache heute.

Wenn alles schnell gehen soll, dann wird alles schneller fertig aber nie besser.

Dann habe ich noch den weißen Steingutbecher zurückgetragen nachdem ich den süßen Rest Milchschaum rausgelöffelt hatte.

Und bei der Kaffeeausgabe standen zwei Handwerker und weil die mich so angesehen haben mit meinem Damenkörbchen im Arm und meinem blöden Hut wegen der wilden Haare und der Kälte, habe ich mir die beiden eben auch angesehen.

Der eine sah wie ein junger Handwerker aus. Die wirken manchmal wie die Guten in einem alten Western.

Der andere, der hatte so eine moderne Wollmütze auf und einen kunstvoll gezwirbelten Ziegenbart trug er. Die Hose voll mit Farbe.

Ein Maler, mit blauen, wachen Augen.

Jemand der im Sägewerk arbeitet, trägt den Bart eher kurz, aus Sicherheitsgründen. Farbe kann man ja auswaschen.

Und als ich eben durch die Tür rausgehe, da ruft einer ganz laut:

„Meine Damen und Herren!
Hemingway hat das Gebäude verlassen!“

Herrlich, ich habe noch auf einer Strecke von 100 Schritten gelacht. Das muss aus dem Ziegenbart gekommen sein. Genialer Typ.

Natürlich dreht man sich dann nicht um, man fürchtet ja, dass der Spruch von dem braven Cowboy war und man will, dass es der Ziegenbart war, weil man den cool fand. So kann man sich die Realität nämlich auch hinbiegen, man darf nicht zu genau hinschauen.

Nicht umdrehen, dann war es der mit dem Bart!

Mit so einem Satz rechnet man ja nicht und das ist das Schöne daran.
„Elvis has left the building.“

Das hat der zitiert und kreativ variiert.

Ein Künstler!
Warum ist der Maler geworden, also kein Kunstmaler, sondern einer, der Wände anstreicht?

Und „Hemingway“, toll, oder?

Der Maler war keine 30 Jahre alt.
Natürlich fühlt man sich bei so einem Spruch auch etwas verarscht, aber das ist sehr schön.
So richtig schön verarscht hat mich mal eine 13. Klasse am Freitag nach der 8. Stunde.

Ich hatte immer zwei Wanduhren im Klassenraum, eine hinten für mich, die immer 3 Minuten vor ging und eine zweite neben der Tafel für die Schüler aber die ließ ich ja immer zwei Minuten nachgehen.
Jedenfalls war die letzte Stunde an dem Freitag gefühlt echt kurz. Die waren auch so still rausgegangen und noch mit einem Lächeln so ein „Ciao“, das war … verdächtig.

Aber es war 14:50 Uhr. Konnte man hinten sehen.

In der Halle war aber nix los, totale Stille, keine 400 Schüler auf den Treppen und geklingelt hatte es auch nicht

Und die Uhr in der Halle zeigte 14:20 Uhr.

Fast wie Feuerzangenbowle.

Herrlich.

Lehreruhr vorgestellt.

Gab es viel zu selten.

Habe ich schon mal geschrieben, glaube ich.
Das wäre Hemingway nicht passiert.

Kopfschmerztabletten

*Kopfschmerztabletten*

Heute früh war es wieder besonders schlimm. Das drückt dann so und alles staut sich, man kann gar nicht mehr voran, dazu diese Feuchtigkeit, das macht mich immer ganz fertig, allein schon, weil man dann da sitzt und anderen zusieht, wie sie sich in der Nase pulen.

Es geht nämlich um den Stau am Morgen in dieser Stadt, die weniger Brücken als Venedig hat, aber die einen kompletten Ausfall erzeugt, wenn zwei Brücken lustlos oder defekt sind.

Wir haben ja auch nach 40 Jahren Problemen mit der Mechanik einer Klappbrücke eine neue Klappbrücke gebaut. Schließlich haben wir 40 Jahre Erfahrung mit Klappbrückenproblemen.
Und eigentlich ist der Begriff „Autofahrt“ auch nicht mehr richtig, „Autostand“ ist jetzt auch nicht gut, und ich möchte gern, dass man ab jetzt vom „Autosein“ spricht.

Der Mensch identifiziert sich ja sehr stark mit seinem fahrbaren Untersatz, man merkt das schon daran, wenn jemand sagt:

„Ich stehe am Kanal“.

Die meint ja nur ihr Auto, in der Realität kauft sie gerade ein Haarfärbemittel bei Rossmann.

Andererseits habe ich neulich zu Marc gesagt, dass „mein Getriebe kaputt ist“.

Der hat nur gelacht und gesagt, dass er sich das gar nicht vorstellen kann, dass ich schon ‚Getriebeprobleme‘ habe.

Aber echt jetzt, dieser VW bekommt mit 72000km sein drittes Getriebe und ich fahre so wie meine Oma fahren würde, wenn sie noch leben würde.

„Lunge ist völlig klar und sauber im CT“, hat mein Doktor gesagt.

„Hach, nach 40 Jahren Zigaretten ist das ja schön!“, habe ich dann rausgerotzt. Der hatte gerade einen kleinen Studenten dabei und ich glaube, dass der Arzt deshalb gesagt hat, „das höre ich aber nicht gern“.

Der sieht in Weiß und mit seinem grauen Haar fast so aus wie Gott. Und Gott sieht man nie mit Zigaretten. Darüber hatte ich noch gar nicht nachgedacht, also ob Gott jetzt Raucher ist.

Ob der vegetarisch lebt?
Kann nicht sein, der hat ja auch die Pflanzen erschaffen! Der futtert doch seine grünen Kinder nicht.

Noch belastender wird das mit den Wörtern bei kleinen Wehwehchen und Erkältungen.

Das sind auch Wörter, die man da verwendet, heidewitzka! Da kann’s einem schon schlecht gehen, wenn es einem gut geht!

„Schnupfenspray“
„Hustensaft“
„Grippetropfen“

… und mein absoluter Favorit:

Die „Kopfschmerztablette“.

Wer denkt sich das aus?

Ist das Zeug *für* die Krankheit oder dagegen?

Schon wegen des Wortes lehne ich das ganze Zeug ab. Einfach weniger rauchen, dann geht das weg.

Und da sieht man mal wieder, dass Worte oft falsch sind, aber wenn man alles richtig machen will, kann auch das falsch sein.

Und anstrengend wie gesundes Essen.

Habe wieder zwei Löffel Zucker im Cappuccino.
Super, wenn der Milchschaum so süß ist und etwas knirscht.
—
„Time is an ocean but it ends at the shore“.