Wir, also meine alte Familie, hatten in den 70er Jahren Freunde in Stuttgart. Ich mochte den VfB mit Hitzfeld und Ohlicher, aber Stuttgart in diesem im Sommer windstillen, heißen Kessel mochte ich nicht, außer der Sybille.
Die war doppelt so alt wie ich, so um die 30, und hatte schwarze Haare, also minimal ins Bräunliche spielend. Allerdings hatte sie in Wirklichkeit die Haare von Winnetou, nämlich in einem unfassbaren Blauschwarz. Niemand hat ihr je geglaubt, dass das ihre echten ungefärbten Haare sind. Niemand.
Das hat die ziemlich genervt, dass sie wiederholt der Lüge bezichtigt wurde, wenn sie sagte, dass das ohne Chemie so ist. Irgendwann färbte sie ihre blauschwarzen Haare dann immer in dem leicht bräunlichen Schwarz über. Von da an glaubten ihr alle.
Menschen sind merkwürdig, wenn es um die Wahrheit geht.
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Am letzten Wochenende war ich wieder im Süden, bei Bayreuth, ich hatte dort etwas abzuholen, damit ich endlich mal aus weißen Lautsprechern Musik hören kann. Ich hatte noch nie weiße und wollte wissen, ob das anders klingt, besonders im Wohnzimmer, da war nur so eine unsägliche BlueTooth-Kiste, die ich nicht bedienen wollte. Eine gute Kiste aus einem Abverkauf, aber auch die guten haben keinen echten Körper.
Man muss übrigens ziemlich dämlich sein, wenn man von Norden kommend über Berlin und Leipzig nach Bayreuth fahren will, wenn dort EM-Spiele stattfinden.
Ich bin ziemlich dämlich.
Das schwedische Auto war ich vorher noch nicht gefahren, wochenlang. Es kann ja mehr als ich, das widerstrebte mir. Und dann? Handy laden ging nicht, kein CD-Player, kein Anschluss für den iPod, eine echte Prüfung auf 1700km. Handy verbinden konnte ich nicht, ist kompliziert für Menschen aus dem letzten Jahrtausend.
Radio ist auch nicht mehr, was es mal war.
Dieses eingebaute Google hat mich auch die ganze Zeit belogen, zum Glück hatte ich das alte Germin-Navi an die Scheibe gepappt, das wusste von den Staus, aber Google war genauso dämlich wie ich.
Man muss den großen „Playern“ nicht blind vertrauen, manchmal hat die garminsche Kleingruppe fachlich die Nase vorn, das ist eben wie immer mit Leuten „vom Fach“.
Gegen Mitternacht wollte ich dann in das 20km entfernte Gästehaus, das lag auf einem Berg im Fichtelgebirge. Ich hatte eine tolle Beschreibung, wie ich an den Schlüssel komme, links ums Haus, dann die Treppe hoch und dann war der Safe direkt neben der Tür, ganz einfach. Das Haus war weiß, hatte ein schräges Dach und Balkone in dunklem Holz.
Der Weg war schmal dort hoch auf den Berg, unbeleuchtet und es schüttete aus Kübeln.
„Ihr Ziel liegt rechts. Sie haben Ihr Ziel erreicht!“, sagte Anna von Garmin im Auto.
Das ist keine Adlige, das ist die Garmin-Stimme, ich stelle immer Frauenstimmen ein, manchmal auf Englisch, wenn ich Anna gerade nicht mehr mag. Männer haben solche Phasen. Dann ist es schön, wenn man die Britin Sarah einwechseln kann.
In der Realität ist das nicht so einfach.
Diese steilen, dunklen, unbefestigten Wege den Berg hinunter wollte ich nicht zum vermuteten Parkplatz fahren, es war fast nichts zu sehen. Wenn einem dann Kühe entgegenkommen, ist man am Arsch.
Und es goß in Strömen, bei der Kirche fand ich einen Busparkplatz und so ein Volvo fährt wie ein Bus, der nimmt einen mit und dann sitzt man da wie in der Bahn und hat nicht viel zu tun.
Ich hatte meine Tasche in der linken Hand, über der rechten Schulter die mit den wichtigen Dingen und den Schirm hatte ich auch rechts, ich hatte nur die nässeempfindliche Ledertrachtenjacke dabei. Im Mund noch die Pfeife. Nach 30 Schritten waren die Lederschuhe nass. Ganz übel.
Eine Szene wie aus „Aktenzeichen XY“.
Das weiße Haus konnte ich gut sehen, aber es gab kein Licht, links durch das Tor, dann über den Rasen um das Haus. Da stand eine Leiter, hoch zu einer Terrasse mit einer Tür. Die wollte ich mit den Taschen nicht nehmen, mit Schirm auch nicht. Ohne Tasche ging es auch nicht, die hätte ja die Pfützen aufgesogen.
Also nochmal um das Haus, da war dann noch eine Leiter aus Holz. Die sind dort katholisch, vielleicht wollen die mit Leitern näher zu Gott.
Ich nicht, ich wollte nur schlafen.
Keine Treppe, nach der Umrundung entschied ich, dass das Haus doch das falsche war, ich machte einen Feuchtgang zu anderen Häusern auf derselben Straßenseite.
Alle weiß mit dunklen Balkonen. Die könnten Gästehäuser echt mal gelb anmalen. Die Pfeife war ausgegangen, aber ich hatte ja keine Hand frei.
Dann musste ich an die beste Ehefrau von allen, die ich je hatte, in ihrem trockenen, warmen Bett denken und verfluchte Franken und Richard Wagner.
Dann kam ich auf die Idee des Einsatzes meines Mobilgerätes! Meine Frau guckt da im Urlaub immer drauf und geht den Punkten nach. Ich gehe dann meiner Frau nach. Vorne die Google-Punkte, dann sie, dann ich.
Erstmal wusste ich nicht, wie man den Punkten folgt, ich frage immer Menschen nach dem Weg, aber da waren ja keine. Nach zwei Richtungswechseln ging es.
300m entfernt auf der *linken* Seite der Straße stand dann plötzlich ein beleuchtetes, schönes Haus mit englischem Rasen, da war ich vorbei gefahren. Oder die hatten es schnell gebaut, für mich.
Anna von Garmin kann man auch nicht mehr trauen. Jedenfalls nicht auf Bergen in Bayern. Aber Anna macht das mit dem „Lügen“ nicht mit Absicht, die weiß es einfach nicht besser.
Das ist der Unterschied zu Beatrix von Storch, die hat zwar den „Beat“ im Namen, aber keinen in Herz und Hirn. – „peace, tranquility and good will“
Es gibt Tage, da verlässt man sich nicht auf sein Gefühl im eigenen Bauch, das stellt sich später meistens als Fehler heraus.
Wenn man das ein wenig später merkt, wird es trotz des Fehlers noch ein recht guter Tag.
Andererseits gibt auch die anderen, leider deutlich selteneren Tage, an denen man sich auf sein Bauchgefühl komplett verlässt und hinterher denkt, das man das öfter tun sollte.
Das sind dann die richtig guten Tage.
Trotz meines südlich heißen Blutes hatte ich so einen Tag.
Jedenfalls saß ich vor dem Broad Street Café mit dem schwarzen Hund an der kurzen Leine. Es ist sein zweites Zuhause, er verteidigt seine beiden „Wohnungen“, wenn ein anderer Hund sich nähert. 3 Sekunden lang, der andere geht vorbei, ein Erfolg für meinen Hund. Er bellt, weil er damit Erfolg hat. Dann ist wieder Ruhe und er schläft weiter.
So ist das mit dem Briefträger auch, ein Eindringling, er geht zum Briefkasten, der Hund bellt, der Briefträger entfernt sich. Der Hund denkt:
„Super, ich habe ihn des Grundstücks verwiesen!“
Nichts ist erfolgreicher als Erfolg.
Aber nun stand plötzlich draußen ein E-Fahrrad quer vor meiner Sitzbank, dahinter ein Herr von circa 45 Jahren mit schütterem Haupthaar und Brille, er lächelte und sprach leise und voller Gefühl:
„Duuu, darf ich Dir etwas sagen?“
Ich schaue auf und sehe das Lächeln eines Hais. Ein „Du“ für mich, der ich der Hai-Vater sein könnte?
„Nein, bitte nicht“, sage ich aus dem Bauch heraus, selten bei mir, dass das erste Wort schon eine Absage ist.
Aber er hat ja gefragt.
„Du, mir tut Dein Hund so leid, sehr leid. Er hat doch nur Dich und Du gehst nicht gut mit ihm um, das macht mich traurig, das anzusehen!“
Noch mehr Worte, inhaltlich keine neuen Informationen, es dauert, der Wind weht seine Worte weg. Es dauert. Und noch eine Wiederholung, der Hund gähnt.
Ja, ich hatte ihn gerade zurückgezogen und „Schluss!“ gesagt, weil er wieder einen anderen Hund kurz anbellte. Ich sage das eigentlich nicht zum Hund sondern zu den anderen Menschen um uns herum. Ich kümmere mich also, damit sich keiner gestört fühlt, weiß aber, dass die Verteidigung des BSC an der Leine zu seinem Wesen gehört. Ohne Leine wäre es reiner Frieden, aber das geht in der Stadt nicht.
„Und? Geht es Dir denn jetzt besser?“ frage ich am Ende des langen Sermons zurück.
Nein, derselbe Sermon nochmal, Leid, nur mich hat es, das arme Tier. Ein Anwalt des „gequälten“ Hundes, er muss das loswerden. Ich möge ihm, dem Hai, meinen Hund überlassen.
Ich sehe ihn an, ebenfalls lächelnd.
Er macht den Rücken gerade, streckt mir die rechte Hand entgegen, zwei lange Sekunden lang, und sagt ebenso lächelnd, wieder wie der Hai:
„Ich bin der Roland!“
Seine Hand lasse ich in der Luft stehen, ich kenne schon mehrere Rolands. Nein, ich will nicht den rasend gefühligen Roland fühlen.
„Du, ich muss mir das nicht anhören, geh‘ bitte weiter und lass mich in Ruhe, aber zügig, junger Freund!“
„Ich bin nicht Dein ‚junger Freund‘, wir können das auch anders regeln!“
Nun ja, keine Ahnung wie, mein Normanne ohne Haupthaar wäre längst aufgestanden und hätte gesagt „Los, ab jetzt in Deine Einrichtung, Du Spinner!“
Aber den Normannen hätte er auch gar nicht angesprochen, ganz sicher nicht.
„Anders regeln“, da war dann das Gefühlige in der Stimme fort, sein Blick hart und kampfeslustig. Aber was „anders regeln“ heißt, das konnte er auch auf Nachfrage nicht erklären, der Roland. Dann sollte man das auch nicht sagen, wenn das Gegenüber ihm den Ball sofort durch die Beine spielt.
„Du machst Dich jetzt ganz fix vom Acker. Tschüß, Roland.“
Es ist ja blöd für ihn, ich sitze mit Caffe Latte draußen und schicke ihn weg, aber irgendwann muss er sowieso gehen, mein Sieg ist sozusagen sicher. Ungünstig.
Es zog sich etwas, er wieder leise, unterschwellig aggressiv, kenne ich, die Technik, ich lauter werdend, die ersten Passanten bleiben interessiert stehen und sehen sich die Show an.
Nochmal dasselbe Gelaber, wie bei einer LP mit einem Sprung, dann zog er unbeachtet ab.
Die Reaktionen der Umstehenden waren bezeichnend:
„Solche gibt es immer mehr, wissen alles besser und wollen andere belehren.“
„Unfassbar, das haben Sie genau richtig gemacht, was geht den das an?“
„Einmischung, die ist so modern geworden und die Besserwisserei auch.“
Schön, mein Roland, jetzt bist Du der erste in 400 Geschichten mit Deinem wahren Namen.
Wäre ich mein Normanne gewesen, würde er künftig immer um die ganze Innenstadt radeln, um mich nicht zu treffen.
–
Eine Bekannte schreibt Nordseekrimis. Immer, wenn jemand sie im alltäglichen Leben nervt, übernimmt sie die reale Figur in ihren Krimi.
Ich weiß wirklich nicht, warum es Menschen gibt, die Toni Kroos nicht verstehen. Der ist einer der besten Fußballspieler aller Zeiten. Wer ihn nicht versteht, versteht nichts vom Fußball.
Sorry, Herr Hoeneß.
Der muss nicht grätschen und sein Trikot schmutzig machen oder sogar seine weißen Schuhe. Grätschen muss man nämlich nur, wenn vorher Fehler passiert sind, wenn man den Ball verloren hat oder wenn ein anderer schneller ist oder die besseren technischen Fähigkeiten hat. Dann muss man sich schmutzig machen oder „schmutzig“ spielen.
Man will ja auch gewinnen, wenn man eigentlich schlechter spielen kann. Oft klappt das, aber dafür muss man eben mehr waschen und öfter die Schuhe putzen.
Toni wird nicht schmutzig, es sei denn, die anderen machen etwas falsch, er selbst macht selten etwas falsch. Wenn man denkt, dass er etwas Falsches macht, dann kann man nicht in die Zukunft sehen, er kann das aber schon. Zumindest für einige Sekunden.
Manchmal erzeugt er die Zukunft auch selbst. Wenn seine Mitspieler ihn nicht verstehen, verliert die Mannschaft ein Spiel, so einfach ist das im Fußball.
Der braucht keine Kapitänsbinde und man muss ihn auch nicht „Capitano“ nennen. Wenn man etwas „ist“, dann braucht man keinen derartigen Karneval.
Toni Kroos mag es, weiße Schuhe zu sehen, wenn er nach unten sieht, ich mag es, Toni Kroos zu sehen, wenn ich nach oben sehe.
Leider will der jetzt aufhören und nur noch mit seinen Kindern kicken. Man sollte aufhören, wenn die Schuhe noch weiß bleiben im Spiel, der ist nämlich ein kluger Mann. Dumme Fragen stellt man klugen Leuten auch lieber nicht.
Leider tragen auch andere Menschen heute oft weiße Schuhe mit hellen Sohlen, putzen sie aber nicht. Toni Kroos putzt seine Schuhe immer selbst, das machen die meisten anderen Fußballmillionäre nicht. Er macht eben „den Unterschied“, auch dabei. Wer sein Arbeitsgerät nicht liebt, arbeitet nicht gut. Ich hätte ja auch nie die schreckliche deutsche Kreide verwendet, ich nahm nur die französische vom Kreideweltmeister.
Niemals würde ich weiße Schuhe anziehen, diese Sneaker oder wie man Turnschuhe für Straßen heute nennt, auch nicht. Die kann man abwaschen oder in eine Maschine werfen, aber das hat mit dem „Putzen“ von Schuhen so viel zu tun wie die Herstellung von Honig mit einem Fußballspiel.
Nur Lederschuhen bringt man durch das Putzen Glanz bei. Neue Schuhe muss man vor allem putzen, wenn sie sauber sind, erst mehrfaches Polieren erzeugt den richtigen Schimmer. Anziehen sollte man sie in dieser Kennenlernphase gar nicht oft. Man sieht eine Frau ja auch erstmal an bevor man mit ihr spricht. Im Dunklen macht das nämlich keiner, es sei denn, man ist wegen der Dunkelheit zusammengestoßen. Ich glaube auch nicht, dass Frauen Männer im Dunklen ansprechen.
Es sei denn, die klingen wie Robert Redford.
Keine Frau würde Markus Söder bei Dunkelheit als Mann ansprechen, ok, kein gutes Beispiel, weil es tagsüber ja genauso ist.
Überlegt Euch selbst bitte ein Beispiel, ich spreche nicht viele Männer ohne Licht an. Ich bin ja „Antonio Banderas“, wie meine Frau ernsthaft wiederholt, was ich ironisch bemerke.
Schuhe: Man braucht eine hochwertige Schuhcrene, die nicht stinkt. Wenn sie stinkt, macht es weniger Spaß und Gerüche können sehr hemmen. Alles aus Supermärkten stinkt, fragt einen Profi, der Schuhe repariert. Da könnt Ihr die Schuhcreme besser kaufen.
Dazu einen Stofflappen, eine weiche Bürste, einen Damenstrumpf zum Polieren und eine Zahnbürste für die Nähte. Die Nähte sind wichtig, die müssen geschützt werden. Eine Vorreinigung von Schmutz und Sand findet bei mir nicht statt, ich nutze nur reine Wege zum Gehen. Bei der seltenen Nutzung eines Zweirades bei Regen verwende ich „Überschuhe“ zum Schutz des Leders. Die gibt es von Adidas, waschbar. Nein, das ist nicht ’spießig‘, das ist praktisch unverzichtbar.
Gummihandschuhe zum Putzen lehne ich ab, man hat in Gummihandschuhen zu wenig Gefühl für das wichtigste „Kleidungsstück“.
Technische Hilfsmittel wie Schuhputzmaschinen nutzen nur Menschen, die nicht gelernt haben, mit ihren Händen liebevoll und effektiv umzugehen. Ich kannte jemanden, der so etwas im Flur stehen hatte, der war aber zwei Meter groß und bückte sich ungern, auch nicht meinungstechnisch, ein Freund des einen ‚Russen‘ und von Sahra. Er sah über andere leicht hinweg, kein Wunder. Genau wie sie.
Ich suche neuerdings weder Kontakte zu Freunden von Wladimir noch zu Menschen mit Schuhputzmaschinen.
Natürlich trägt man nur Schuhe aus glattem Leder, kein Velourleder oder ähnlichen, falschen Unsinn. Eine Ledersohle lässt man gleich nach dem Kauf durch eine hochwertige, dünne Gummisohle schützen. Sonst werden die Schuhe von unten feucht und müssen lange trocknen, nicht gut. Ihr geht ja auch nicht mit klatschnassen Haaren ins zugige Filmtheater.
„Sneakerträger“ sagen „Kino“.
Man kann Lederschuhe bei Regen auch ausziehen und barfuß gehen, wenn man arbeitsscheu ist. Das bin ich nicht, ich habe aber auch recht empfindliche Füße.
Ich kann Schuhe bei Regen und Wärme nur ausziehen, wenn die beste Ehefrau von allen, die ich je hatte, nicht dabei ist.
Sie mag mich nur besohlt, irgendwie. Man könnte mich sehen, mit den Schuhen in der Hand. Liebe geht seltsame Wege. Auch zu Schuhen.
Eigentlich kümmere ich mich mehr um meine Schuhe als um meine Füße, die sieht man ja in Schuhen nicht. Nur die Schuhe sehen die Füße durch die Socken, deshalb sollte man sich auch um die eigenen Füße kümmern, wenn man mit den Schuhen fertig ist.
Eine Ausnahme stellt der Winter dar. Wenn jemand Salz auf dem Gehweg verwendet, gehe ich mit dem Hund auf der Straße, ist die matschig, verbringe ich den Winter im Haus, Salz ist schädlich für Hundepfoten und er will keine Schuhe.
Ja, die Creme gut eintrocknen lassen, nicht gleich bürsten und polieren, das wollte ich noch sagen. Am besten erst am nächsten Tag.
Frauen denken oft, dass wir Männer zuerst auf ihre Schuhe sehen, das ist völlig falsch, wir sehen nämlich alles auf einmal. Wir sind nicht fixiert auf Details, wir suchen ein Gesamtkunstwerk in jeder von Ihnen.
Nicht immer mit Erfolg, zugegeben.
Eine Einschränkung muss ich für mich persönlich machen: Eine Frau, die ihre Lederschuhe nicht pflegt oder von ihrem Mann pflegen lässt, wird niemals zu einer Muse bei mir. Da spielen andere Qualitäten keine Rolle mehr.
Ich wurde von einer Bekannten, die von einem Topmodel aus Paris begleitet wurde, einmal in der Innenstadt gegrüßt. Diese „Neu-Französin“ trug verwahrloste, alte Turnschuhe. Ich grüßte zurück, lehnte den Kaffee mit „Estrelle“ jedoch ab und ging weiter. Ich hätte sowieso zuerst gefragt, warum sie ’solche‘ Schuhe trägt. Natürlich kann ich mir das erklären, weshalb sie im Privaten ein wenig nachlässiger ist als im Job aber das „Warum“ würde mir ja trotzdem im Kopf schwirren.
Sorry, Estrelle.
Ungepflegte Schuhe kenne ich schon genug. Es ist aber nicht so, dass ich vom Schuh auf die Füße und den Menschen oberhalb schließe.
Dann eher barfuß! Aber die Nägel sollten lackiert sein und zwar sauber und ordentlich, das wird in Deutschland immer seltener. An den Fingern wird es übertrieben.
In ansonsten wirklich überzeugenden Fällen würde ich auf Nachfrage auch selbst Hand anlegen, für ein Upgrade.
Bei den Schuhen, nicht bei den Nägeln.
Muss Schluß machen, habe noch einige Paare vor mir. Wenn Toni Kroos spielt, muss alles bereit sein.
Nachbarn zu haben, das ist wie eine zweite Verwandtschaft.
Meine eigene, enge Verwandtschaft besteht eigentlich nur noch aus einer einzigen Person, die leider eine „Unperson“ ist. Sie hat sich selbst dazu gemacht. Ich nenne diese eigene, kleine Verwandtschaft also nur noch „Person“, sie hat keinen Namen mehr.
Das ist recht angenehm.
Man kennt auch Nachbarn, man mag sie oder auch nicht, aber es gibt kein Entkommen, kein Entrinnen. Letztlich hilft bei Verwandtschaft im Notfall eine komplette Trennung, aber man bleibt gedanklich verflochten, also bleibt es doch ein Ding der Unmöglichkeit zu entfliehen.
Nachbarn jedoch, da gibt es im seltenen Fall, wenn man sich stets aus dem Weg geht, eine gute Lösung, ja, das ist eine räumliche Trennung, wenn die einfach ausziehen. Das ist aber sehr selten, wenn Grundbesitz vorliegt und die Zinsen exorbitant hoch sind.
Ich hoffe seit Jahren auf fallende Zinssätze.
Ich, wir, kommen mit allen sehr gut aus, überall nette, freundliche Menschen rundherum, ein Glücksfall!
Aber es gibt seit 8 Jahren fünf Probleme mit „direkt nebenan“, vorher war ‚alles gut‘.
Naja.
Wir haben einen Hund mit vier Beinen und manchmal habe ich so eine duftende Pfeife, die qualmt so. Also fünf „echte“ Probleme, die alle anderen in der Nähe offenbar nicht stören. Und dann ist da noch der Baum, dazu später, Geduld, bitte.
Da könnte man sich schon mal persönlich auseinandersetzen zu Hund und Qualm, wenn etwas stört, aber dann grüßt man nicht mehr, man ignoriert sich schlicht.
Komisch ist das im Sinne von „merkwürdig“.
An sich ist mir das auch völlig gleichgültig, ich kenne nämlich schon genug Menschen, nehme aber trotzdem weitere auf, nein, das ist nicht wie mit CDs, ich sammele keine Menschen, die brauchen zu viel Platz.
Ich bin kein „Menschenfänger“, dafür habe ich zu viel Wehrsamkeit im leicht aufwallenden, südlich heißen Blut. Dafür muss aber schon die Hütte richtig brennen oder mir die Pfeife im intensiven Streitgespräch ausgehen.
Wir waren ja nie befreundet, wir haben 2016 zusammen Fußball gesehen, bei uns, nebenan waren wir noch nie, aber die Frauen tranken am Wochenende Sekt an der Mauer zwischen den Grundstücken. Sie heißt nicht „Elsbeth“, aber ich nenne sie so. Sie kneift immer die Lippen zusammen, das steht ihr nicht so, ist aber nicht mein Problem, sondern ihres.
Einmal habe ich sie versehentlich so angesprochen, mit „Elsbeth“ vor 5 Jahren in einem Cafe, sie wollte da nur zur „Netten Toilette“, der Kaffee ist dort nicht billig.
„Fast richtig, fast“, hat sie gesagt. So eine ausführliche Kommunikation hatten wir da schon lange nicht gehabt. Nett.
Einen anderen, sehr sympathischen Nachbarn habe ich vorgestern versehentlich mit „Thomas“ angesprochen, sehr peinlich.
Es war wegen Thomas Mann, kann passieren.
Würde mich jemand „Bob“ nennen, ich denke, dass ich schmunzeln würde. „Bob“, der Dylan, einer meiner Helden der Gegenwart, wie Franz „100“ oder Thomas aus der Vergangenheit für andere.
Ich würde das „Bob“ auch für „Bob, der Baumeister“ nicht übel nehmen.
Ich kenne auch einen großen Kafka-Verehrer, ich weiß nicht, was der sagen würde, wenn ich ihn als „Franz“ anspräche. Der hat einen feinen Humor, aber auch viele Ausrufezeichen beim Schreiben, sehr schön!
Hier sind noch ein paar, speziell für ihn:
„!!! !! ! !! !! !!! ! ! !!!! !“
Was „Franz“ und „Thomas“ zum Nobelpreis für „Bob“ denken, das frage ich aus guten Gründen …. nicht. Der brauchte ja keinen, der Nobelpreis brauchte eher ihn, aber Schwamm drüber, weiter im Text.
Ach, ja, habe mich kurz verlaufen, es ist ja noch so eine „Ärger-Geschichte“, die sind leider so langweilig und wenig erbaulich.
Der Nachbar erklärte mir auch, wie man die hinteren Bremslichter des Autos schont, damit sie länger halten („Handbremse! Immer Handbrense, die Lichter haben richtig Power und das kostet Strom und Energie!“).
Die sind echt sparsam. Auch mit Worten. Im Spaß habe ich dann gesagt, dass ich an der Ampel immer auf Standlicht schalte. Er fand die Idee gut.
Sie haben sogar einmal zu Käseplatten, Brot und Wein eine Tüte Haribo mitgebracht, eine nette Geste damals. Wir haben die Tüte auch noch, das ist so eine Art „Oscar“ für uns.
Ja, aber dann, nach „Haribo“, kam der Hund vor acht Jahren zu uns. So ein Hund legt Charaktereigenschaften gnadenlos bloß. Er ist auch Therapeut für andere, nicht nur für mich, ein Sinneschärfer, ein Wunderwerk auf Beinen.
Es gibt die Zeit mit Haribo „vor“ dem Hund und die Zeit mit Haribo „mit“ dem Hund. Haribo ruht ungeöffnet bei uns seit Jahren.
Acht Jahren.
Der kleine Hund bellt manchmal hinter der Balkontür, bei geschlossenem Fenster, wenn jemand vorbei geht. Das ist seine Natur, nicht meine, Katzen sind da anders. Die kacken vor die Garagentür, der Hund nur auf Grün und dann bin ich schnell da, sonst muss ich lange suchen.
Jedenfalls scheint man das Bellen auch durch eine stabile Wand hören zu können, etwas mühsam, man muss sich vermutlich konzentrieren, aber es scheint zu gehen.
Der kleine Hund jault auch etwas, wenn er einsam ist. Er war in den letzten 8 Jahren circa zehnmal allein für mehr als eine Stunde. An sich ist der nie allein, unser Fehler, mein Fehler, klar. Das zu üben ist schwierig, er bellt ja dann. Gehe ich dann zurück, denkt er, ich komme, weil er gebellt hat. Also muss man eine Pause abwarten. Wartet man zu lange, … nun gleich.
Ich kann mich nicht gut von ihm trennen, ich brauche den Hund für den Frieden meiner Seele, auch wenn er mir manchmal richtig auf die Nerven geht. Das ist mit Frauen genau dasselbe, aber milder. Viel milder. Nicht mit der besten Ehefrau von allen, die ich je hatte.
Also nehme ich den Hund fast immer mit.
Und bei den zehn Malen mit dem einsamen Hund im Haus habe ich acht kleine Briefe erhalten, dass das Bellen und Jaulen stört. Auch tagsüber. Circa ein Brief in krakeliger Schrift pro Jahr. Ich glaube, dass er das für seine Frau schreibt. Die ist noch verkniffener als er. Einmal hat er nach 22:00 gejault, da habe ich das klassische Konzert früh verlassen, um ihm die Töne zu nehmen.
Man darf nicht jedem eine Mobilnummer geben. Es gibt ja eine Polizei.
Ja, verstehe ich, aber es gab nur ein einziges Gespräch über dieses riesige Problem in dem ich dann der „Rücksichtslosigkeit“ beschuldigt wurde.
Andererseits bohrt der Herr am Sonntag in Wände und erneuert das Bad am letzten Tag vor dem Abitur des Kindes, klar, legal. Aber er wusste, wann das Kind das „Abitur schreibt“.
Es gibt keine Verpflichtung, Fliesen an anderen Tagen herauszuschlagen.
10mal in 8 Jahren bellte und jaulte der Vierbeiner.
Nun, in solchen Momenten kann man sich über die Wortwahl „rücksichtslos“, die er mir entgegenschleuderte, ärgern und diskutieren.
Wozu? Unnötig.
Ich ziehe es dann vor, mich wortlos umzudrehen und eine Tüte Haribo anzuzünden, so symbolisch, ich esse das Zeug nämlich nicht. Es klebt an den Fingern, ich schätze aber die Süße. Ich kann mich nicht jetzt schon füttern lassen, auch nicht von dem Nachbarn.
Und der Qualm, ja, dann werden alle Fenster extrem laut zugeschlagen, wenn ein Hauch in dieser windigen Stadt vorbeizieht.
Also das mit dem Grüßen, das ist seit 6 Jahren nur so ein Nicken, mehr nicht.
Es sagt: „Ach, blöd, dass Ihr hier wohnt“.
Kürzlich sprach ich einen Gärtner an, ob er eine Idee für unseren Vorgarten hätte, den haben wir gemeinsam mit den lärmempfindlichen Nachbarn. Aber die hatten ihn schon gefragt und gesagt, dass sie „sehr, sehr problematische Nachbarn haben mit denen man nicht sprechen kann“.
Also davon wusste ich nicht, im Gegenteil bin ich manchmal von großer argumentativer bis gewinnender „Wortgewalt“.
Das sagt meine Frau, die beste Ehefrau von allen, die ich je hatte, niemand sonst. Ich bin nämlich eigentlich sehr schweigsam und zurückhaltend, ….. besonders allein.
Also ist alles gut, ich arbeite nicht im Garten, ich liebe totes Gehölz, ich mag hingegen nicht so gern schmutzige Hände, vielleicht eine vorliegende Störung.
Kurz: Ich arbeite gern mit Papier in jedweder Form, aber es darf keine Knicke haben. Und mit CDs und Vinyl auch, aber auch da bitte ohne Knicke in Booklets und Hüllen.
Aber kleine Briefe auf geknickten Post-Its, die mag ich nicht, man kann doch auch ein weißes DIN A4-Blatt aus der Schule stehlen.
–
Leider plagt mich ein weiteres Nachbarschaftsproblem mit demselben Vogel. Das betrifft seit 6 Jahren einen bei einem Sturm umgestürzten „Grenzbaum“, der exakt auf der Grenze der Grundstücke stand.
Alle Kinder kletterten in ihren jungen Jahren darin herum, manchmal stutzte der Nachbar ihn wegen des Schattenwurfs, manchmal meine liebe Frau. Ich würde mich dabei nur verletzen, außerdem tue ich Bäumen nicht gern weh, ich kann ja auch keine Pferde essen.
Auch Hund, Katze, Meerschweinchen und Eichhörnchen kämen für mich nicht in Frage.
Und so geht’s mir mit Bäumen schon beim Sägen. Meerschweinchen sollen sehr wohlschmeckend sein, aber ich kann es einfach nicht. Vielleicht in Südamerika, ich frage mal unsere Tochter, ob sie die wissentlich probiert hat.
In Peru, Bolivien, Ecuador und Kolumbien werden jährlich bis zu 70.000.000 Meerschweinchen verzehrt. Ok, bei uns sind die Schweine eben größer, daher werden sie nicht in so hoher Zahl verspeist. Schwein esse ich nur unter den Bezeichungen „Parma“ und „Serrano“.
Das ist für ein Schwein sogar ein Karrieresprung, wenn ich mich da mal aus dem Fenster lehnen darf! Fische träumen sicher auch nicht von einem Räucherofen.
Aber Bäume eben auch nicht von Sägen.
Und als der Baum vor 6 Jahren umgekippt war, lag er quer über zwei Grundstücke neben unserem, nicht auf dem von uns. Also sägten wir alle Äste ab, zerkleinerten und entsorgten sie und ließen den 100cm langen Reststumpf auf dem Grundstück des Nachbarn liegen. Die waren nämlich im Urlaub als der Baum kippte.
Der sprach ja nicht mit mir wegen des Hundes und ein wenig sägen kann der doch auch, dem gehört der Baum ja ebenso wie uns. Ich darf den auch gar nicht komplett entsorgen, also rein rechtlich, ich müsste ihn vorher fragen.
Oder er mich.
Hat er aber nicht, kein Wort zum Baumrest.
Das hat er in 6 Jahren nicht geschafft, er hat den Stumpf quer über unsere beiden Grundstücke gelegt, halbe-halbe sozusagen. Und da verrottet er ohne Worte seit 6 Jahren.
Und jetzt überlege ich, ob ich nicht schriftlich auf alle meine Ansprüche am toten Stück Holz verzichte und ihn um die Entfernung des halben Restes von unserem Grundstück innerhalb einer Woche bitte. Auch auf so einem kleinen Post-It wie nach einem Hundegebell. Naja, ich nehme dann schon Briefpapier, ich mache mich nicht zu einem Post-It-Konkurrenten.
Nur so, zum Spaß.
Es ist nämlich zusätzlich so, dass seine Terrassenüberdachung bis über unser Grundstück reicht, nur einige Zentimeter, aber er hat irgendwie nicht bedacht, wo da im hinteren Garten die Grenze ist. Ich habe das nie moniert, so ein Dach aus Metall hat einen fünfstelligen Preis und er ist ein sparsamer Mann. Nicht so schlimm.
Und wenn er das umbauen muss, dann könnte das echt teuer werden. Für ihn.
Gut, wenn man noch eine verbale Patrone hat, wenn er doch noch spricht, der Nachbar mit der Haribo-Tüte.
Ich habe wenig Hoffnung, der ist irgendwie in einer Schule tätig. Soll nervig sein da mit ihm, immer mäkelig und schlecht gelaunt.
Ich weiß einfach nicht, wie ich ihm helfen soll.
–
Felix Vörtler hat 2016 in „Neues aus dem Reihenhaus“, einem TV-Film, vor einigen Jahren auf großartige Weise einen fiesen Nachbarn gespielt. Und deshalb bekommt er hier die Rolle nochmal.
Ja, das kam mir gestern entgegen als ich mit der qualmenden Pfeife und dem schwarzen, schnüffelnden Hund an den blühenden Schrebergärten entlang schlenderte.
Er trug eine schwarze, sportliche Kappe, helle Laufschuhe, ein verwaschenes, weites T-Shirt mit einer Vergangenheit in Orange oder so und eine schwarze, kurze Sporthose, die Farbe der Socken war mir egal.
Er ging, wie man eben so geht, wenn man geht. Das weite Shirt kaschierte seinen runden Bauch recht gut, der graue Bart und das kurze, graue Haar standen ihm ausgezeichnet, trotz der gerundeten, nicht geröteten Wangen. Sicher jünger als ich, der sportlich gekleidete, ältere Herr.
Kein Lächeln, ein echter Mann mit Weisungsbefugnis!
„Danke! Ich fange an, wenn ich Ihr Gewicht erreicht habe.“
Ja, kann man machen, muss ich aber auch nicht, weil mir das die Gemütlichkeit eines sonnigen, warmen Morgens stehlen würde.
Man könnte, aber man muss nicht.
Also lächle ich still vor mich hin und schaue seinen langsamen Schritten hinterher. Der Hund pinkelt gerade ins Grün, der weiß, wie er meine Verspannungen der inneren Art weiter löst.
Den ‚Normannen‘ traf ich 200m weiter.
„Und warum hast Du dem nicht gleich eins auf die Fresse gehauen?“ grinste er mich an.
„Weil ich nicht Deine Oberarme habe, Du Normanne.“
Er hat nämlich schon alle Sportarten betrieben, außer Eiskunstlauf und Rhythmischer Sportgymnastik.
–
Einige Wochen früher nahm ich gerade einen Hundehaufen aus dem Gras, mit zwei ineinander gesteckten, fast durchsichtigen, roten Hundebeuteln aus dem städtischen Spender. Mir ist mal einer gerissen, deshalb nutze ich die nur noch in Form kleiner, flexibler Zwei-Raum-Wohnungen. Naja, eher ist das ein Einzimmerapartment mit doppelten Wänden.
Ein zweistrahliges Flugzeug ist sicherer als eines mit nur einer Turbine. Früher wurden Transatlantikflüge nur mit vierstrahligen Maschinen durchgeführt. Eine Frage stochastischer Betrachtungen. Vier Tüten sind übertrieben, trotz der weiter erhöhten Sicherheit bei der Entsorgung.
Aber ich trage die ja auch nicht über ein großes Wasser. Und die Tüten sind auch nicht von Boeing.
Müssen diese Beutel wirklich durchsichtig sein? Schwarz wie in Hamburg, das hat mehr Stil und weniger „Einsicht“. Travemünde hat auch die schwarzen.
Ich bevorrate mich dort gern.
„Das ist ja ‚entwürdigend‘, was sie da tun! Unfassbar, Hundescheiße aufsammeln! Ich würde am Sinn meines Lebens zweifeln!“
Klar, auch ein Mann, der einfach mal etwas loswerden wollte. Vielleicht darf er zuhause nicht. Frauen haben keine solchen Sprüche für mich, eigentlich schade, weil ich bei denen mehr Energien im Gespräch aufwenden würde.
„Wie ‚entwürdigend‘ finden Sie es denn, in so einen feinen, frischen, weichen Haufen zu treten?“
Klar, kann man machen.
Man könnte, aber man muss nicht.
„Ach was, geht es Ihnen denn jetzt besser?“ grinste ich nur zurück, dann war er schnell weg.
Eine Ansprache ist nett, aber so ergeben sich keine längeren Gespräche, schade, also manchmal.
Wenn der Papst mich so ansprechen würde, dann würde ich ihn vermutlich um seinen Mantel bitten, um das würdevolle Naturhäufchen zu bedecken.
Olaf hat ja nur die alte Aktentasche. Ob der einen Hund hat? Oder der Papst? Ob die „das“ auch wegmachen?
Oder lassen die wegmachen?
–
Und die von den Zeugen Jehovas haben eine neue Taktik, optisch manchmal reizvoll, inhaltlich aber auf dem Niveau von Hundebeuteln, sorry, so etwas flutscht mir manchmal raus.
Die setzen neuerdings offenbar verstärkt junge, schlanke, attraktive aber ungeschminkte Frauen ein.
Ich weiß nicht, ob denen ein Make-Up verboten ist, aber ich frage danach nicht. Die wollen ja mich upgraden und ich nicht die.
Die wollen und ich würde nur.
Jedenfalls stehen sie in der Stadt nur so rum, das provoziert mich mehr als die ganzen Männersprüche, es sind ja auch Frauen, trotz ‚Wachtturm‘.
„Wahrheit“, die suchen ja immer nach der ‚Wahrheit‘, jedenfalls steht das auf den Merkblättern auf denen man den eigenen Namen und die Anschrift eintragen kann. Die sind einzeln in Folie eingeschweißt, die Merkblätter, fast wie Blumen vom Floristen.
„Ach, das ist ja schön“, sprach ich die dunkle Schöne ohne Upgrade an.
Sie stand neben zwei jungen Männern, beide auch ungeschminkt, mit den üblichen Rucksäcken, den Hemden mit kurzem Arm und den Krawatten zur gepflegten Hose und den geputzten Lederschuhen. Das können die ganz gut, aber irgendwie erkenne ich diese ‚Trupps‘ schon von hinten. Neuerdings tragen die auch diese Turnschuhe für draußen, manchmal. Meistens sind die Rucksäcke von gleicher Bauart.
Eine schlichte Wahrheit.
„Die ‚Wahrheit‘, suchen wir die nicht alle? Haben Sie sie denn gefunden?“ fragte ich die Dunkle.
„Ja, das haben wir“, formten ihre vollen Lippen in Worte, was mein Hirn nicht glaubte.
„Dann müssen Sie ja ein sehr unglücklicher Mensch sein!“, lächelte ich zurück.
„Nein, Gott hat sie mir gezeigt!“
Die war gar nicht verwirrt, ein sehr schlechtes Zeichen, keine Zweifel, das ist echt übel. Wenn man so gar nicht zweifelt, dann ist man ganz sicher auf Holz unterwegs.
„Na, dann grüßen Sie ihn mal, er soll mich bitte nicht erleuchten, ich will das alles gar nicht wissen!“
„Schade.“
So ein langes Gespräch mit Jehova hatte ich noch nie. Die sah wirklich gut aus, auch ohne schon.
Schade.
Ein wenig Mascara und ich hätte noch etwas gefragt, vielleicht ja beim nächsten Mal in der Fußgängerzone. Mit den Rucksackmännern rede ich nicht.