



Ärger Pt. 2: „Mach‘ mal Sport, Mensch!“
Ja, das kam mir gestern entgegen als ich mit der qualmenden Pfeife und dem schwarzen, schnüffelnden Hund an den blühenden Schrebergärten entlang schlenderte.
Er trug eine schwarze, sportliche Kappe, helle Laufschuhe, ein verwaschenes, weites T-Shirt mit einer Vergangenheit in Orange oder so und eine schwarze, kurze Sporthose, die Farbe der Socken war mir egal.
Er ging, wie man eben so geht, wenn man geht. Das weite Shirt kaschierte seinen runden Bauch recht gut, der graue Bart und das kurze, graue Haar standen ihm ausgezeichnet, trotz der gerundeten, nicht geröteten Wangen. Sicher jünger als ich, der sportlich gekleidete, ältere Herr.
Kein Lächeln, ein echter Mann mit Weisungsbefugnis!
„Danke! Ich fange an, wenn ich Ihr Gewicht erreicht habe.“
Ja, kann man machen, muss ich aber auch nicht, weil mir das die Gemütlichkeit eines sonnigen, warmen Morgens stehlen würde.
Man könnte, aber man muss nicht.
Also lächle ich still vor mich hin und schaue seinen langsamen Schritten hinterher. Der Hund pinkelt gerade ins Grün, der weiß, wie er meine Verspannungen der inneren Art weiter löst.
Den ‚Normannen‘ traf ich 200m weiter.
„Und warum hast Du dem nicht gleich eins auf die Fresse gehauen?“ grinste er mich an.
„Weil ich nicht Deine Oberarme habe, Du Normanne.“
Er hat nämlich schon alle Sportarten betrieben, außer Eiskunstlauf und Rhythmischer Sportgymnastik.
–
Einige Wochen früher nahm ich gerade einen Hundehaufen aus dem Gras, mit zwei ineinander gesteckten, fast durchsichtigen, roten Hundebeuteln aus dem städtischen Spender. Mir ist mal einer gerissen, deshalb nutze ich die nur noch in Form kleiner, flexibler Zwei-Raum-Wohnungen. Naja, eher ist das ein Einzimmerapartment mit doppelten Wänden.
Ein zweistrahliges Flugzeug ist sicherer als eines mit nur einer Turbine. Früher wurden Transatlantikflüge nur mit vierstrahligen Maschinen durchgeführt. Eine Frage stochastischer Betrachtungen. Vier Tüten sind übertrieben, trotz der weiter erhöhten Sicherheit bei der Entsorgung.
Aber ich trage die ja auch nicht über ein großes Wasser. Und die Tüten sind auch nicht von Boeing.
Müssen diese Beutel wirklich durchsichtig sein? Schwarz wie in Hamburg, das hat mehr Stil und weniger „Einsicht“. Travemünde hat auch die schwarzen.
Ich bevorrate mich dort gern.
„Das ist ja ‚entwürdigend‘, was sie da tun! Unfassbar, Hundescheiße aufsammeln! Ich würde am Sinn meines Lebens zweifeln!“
Klar, auch ein Mann, der einfach mal etwas loswerden wollte. Vielleicht darf er zuhause nicht. Frauen haben keine solchen Sprüche für mich, eigentlich schade, weil ich bei denen mehr Energien im Gespräch aufwenden würde.
„Wie ‚entwürdigend‘ finden Sie es denn, in so einen feinen, frischen, weichen Haufen zu treten?“
Klar, kann man machen.
Man könnte, aber man muss nicht.
„Ach was, geht es Ihnen denn jetzt besser?“ grinste ich nur zurück, dann war er schnell weg.
Eine Ansprache ist nett, aber so ergeben sich keine längeren Gespräche, schade, also manchmal.
Wenn der Papst mich so ansprechen würde, dann würde ich ihn vermutlich um seinen Mantel bitten, um das würdevolle Naturhäufchen zu bedecken.
Olaf hat ja nur die alte Aktentasche. Ob der einen Hund hat? Oder der Papst? Ob die „das“ auch wegmachen?
Oder lassen die wegmachen?
–
Und die von den Zeugen Jehovas haben eine neue Taktik, optisch manchmal reizvoll, inhaltlich aber auf dem Niveau von Hundebeuteln, sorry, so etwas flutscht mir manchmal raus.
Die setzen neuerdings offenbar verstärkt junge, schlanke, attraktive aber ungeschminkte Frauen ein.
Ich weiß nicht, ob denen ein Make-Up verboten ist, aber ich frage danach nicht. Die wollen ja mich upgraden und ich nicht die.
Die wollen und ich würde nur.
Jedenfalls stehen sie in der Stadt nur so rum, das provoziert mich mehr als die ganzen Männersprüche, es sind ja auch Frauen, trotz ‚Wachtturm‘.
„Wahrheit“, die suchen ja immer nach der ‚Wahrheit‘, jedenfalls steht das auf den Merkblättern auf denen man den eigenen Namen und die Anschrift eintragen kann. Die sind einzeln in Folie eingeschweißt, die Merkblätter, fast wie Blumen vom Floristen.
„Ach, das ist ja schön“, sprach ich die dunkle Schöne ohne Upgrade an.
Sie stand neben zwei jungen Männern, beide auch ungeschminkt, mit den üblichen Rucksäcken, den Hemden mit kurzem Arm und den Krawatten zur gepflegten Hose und den geputzten Lederschuhen. Das können die ganz gut, aber irgendwie erkenne ich diese ‚Trupps‘ schon von hinten. Neuerdings tragen die auch diese Turnschuhe für draußen, manchmal. Meistens sind die Rucksäcke von gleicher Bauart.
Eine schlichte Wahrheit.
„Die ‚Wahrheit‘, suchen wir die nicht alle? Haben Sie sie denn gefunden?“ fragte ich die Dunkle.
„Ja, das haben wir“, formten ihre vollen Lippen in Worte, was mein Hirn nicht glaubte.
„Dann müssen Sie ja ein sehr unglücklicher Mensch sein!“, lächelte ich zurück.
„Nein, Gott hat sie mir gezeigt!“
Die war gar nicht verwirrt, ein sehr schlechtes Zeichen, keine Zweifel, das ist echt übel. Wenn man so gar nicht zweifelt, dann ist man ganz sicher auf Holz unterwegs.
„Na, dann grüßen Sie ihn mal, er soll mich bitte nicht erleuchten, ich will das alles gar nicht wissen!“
„Schade.“
So ein langes Gespräch mit Jehova hatte ich noch nie. Die sah wirklich gut aus, auch ohne schon.
Schade.
Ein wenig Mascara und ich hätte noch etwas gefragt, vielleicht ja beim nächsten Mal in der Fußgängerzone. Mit den Rucksackmännern rede ich nicht.
Gott ist ja weiblich.