






Kleine Scheisserchen und Tom Ford
Ich möchte ja alles richtig machen.
Und dann kommt irgendetwas dazwischen.
Oder jemand.
Zum Beispiel esse ich einmal im Jahr eine oder zwei Weißwürste. Eigentlich schmecken mir die als Wurstverächter gar nicht, aber ich liebe diesen süßen bayerischen Senf und brauche eine Trägermasse.
Vor einigen Monaten hatten sie bei Rewe dann ganz kleine, frische und ich zeigte auf die und wollte fünf Stück.
„Ah, gern, 5 Scheisserchen!“
Er grinste und wog die ab.
Selten haben die die.
6 Monate später waren sie wieder da und ich verlangte bei Frau T. „5 kleine Scheisserchen“.
Sie sah mich nur an, durchdringend.
Ich ahnte gleich, dass da etwas nicht stimmt.
„Ah, verstehe, mein Kollege ändert die Namen manchmal, also 5 kleine Weißwürste?“
–
Früher beim Bäcker auch, aber anders, ich wollte immer die hellen Brötchen mit dieser Halbierungsfalte in der Mitte und sagte immer -mit Zeigefinger- „5 von denen, bitte“.
Dann wurden die getauft mit „5 Weizenbäckchen, gerne“.
Das würde ich nie aussprechen.
Bei der Produktentwicklung hat vermutlich einer „Weizenärschle“ vorgeschlagen und dann wurde das diskutiert.
„Du, das kann man nicht ma-chen!“
–
Jetzt kaufe ich bei der Konkurrenz am Bahnhof. Also, die haben viele Filialen, auch näher zum Frühstückstisch, aber ich bin „Bahnhof“.
Wenn ich als Mann in einem Geschäft arbeiten würde, das „Mädchen“ heißt, würden mich alle männlichen Nachbarn damit aufziehen.
„Martiiiina, naaaa? Wieder zu ‚Mädchen‘? Heute Spätschicht? Hoho!“
Ja, so sind die Jungs auch noch kurz vor der Rente.
Der Bäcker heißt „Junge“.
Da arbeiten fast ausschließlich Frauen. Niemand ärgert die damit, keine Freundin, kein Mann.
Unfair.
Ich hoffe immer, dass ‚Frau Sabrina‘ mich bedient. Sie hat eine Brille von Tom Ford und sieht damit einfach großartig aus. Sie wird von Mitarbeitenden oft gerufen, ich denke, dass die trotz ihrer Jugend eine Leitungsfunktion hat.
Das mit der Brille weiß ich seit 2024, ja, hatte gefragt, steht auch am Bügel, Frau „Sabrina“ weiß ich erst seit 2025 durch die Rufe nach ihr.
Seit 2026 sagt sie zu mir „Herr Dinkel“.
Ich sage immer:
„Guten Morgen, 5 Dinkel Plus, bitte, Frau Sabrina.“
Es ist nämlich die einzige Sorte, von der ich den Namen behalten kann.
„Yes, 4.55, Herr Dinkel, mit Karte?“
Sie sagt gern „Yes“ statt „Ja“.
Wenn das ‚kaputt“ ist, selten, stelle ich irgendeine Frage, die sie dann mit „Yes“ beantworten kann.
Läuft immer.
Das „Plus“ in „Dinkel Plus“ ist sozusagen von ‚Herrn Dinkel‘ für ‚Frau Sabrina‘ hinter ‚Tom Ford‘ bei ‚Junge‘.
Wenn die nicht da ist, kaufe ich oft Brötchen bei Lidl, die sind auch gut. Aber eben ohne TF.
Dort gehe ich zu Emilia an die Kasse. Ist die nicht da, gehe ich zur Selbstbedienungskasse.
Da arbeitet auch eine, die mir Angst macht, deshalb „self-service“ im Notfall.
–
Heute war ich noch kurz im „Junge“-Bad für Jungs.
Die Brötchentüte hatte ich auf dem reinen Glastresen geparkt.
Der Wasserhahn funktioniert automatisch, wenn man die Hände drunter hält.
Er heißt „Dyson“. Steht drauf. Klein.
„Komisch“, dachte ich, „die machen doch in ‚Luft‘!“
Egal, der Hahn hatte zwei Griffe links und rechts vom Hahn.
Symmetrisch. Metall. Teuer.
Ich dachte an diese „Einrichtungen“ in den Kachelabteilungen bayerischer Festsäle.
„Komisch“, dachte ich nochmal und griff zu.
Links und Rechts.
Boah, ein Geheul, irre. Voll erschrocken aufgeschrien habe ich.
Von draußen kam einer rein: „Alles gut?“
„Ja, da ist ein Fön im Hahn!“
Und die bei den Brötchen haben das gehört.
Ich habe ein breites Lächeln von ‚Frau Sabrina‘ und ‚Tom‘ bekommen.
Einfach so.
Weil ich blöd bin.
Am Morgen.
In Jogginghose.
Blau.
Adidas.
–
„peace, tranquility and good will“






































































