*Ordnung*
So, hier mal wieder etwas, wofür es keine „likes“ gibt.
„Likes“ werden eh überschätzt.
Die Bäckerei macht sonntags erst um 7 auf, ganz schön spät.
Gestern, da war es noch recht früh, auch beim Bäcker noch. Aber die Brötchen lagen nicht geschüttet wie sonst in der Auslage hinter dem Tresen. Sie lagen in Dreierreihen gestapelt exakt übereinander. Also nur die einfache Sorte, die mit Mohn beziehungsweise Sesam standen aufrecht, auch sauber in Reihen.
Frau R. und der mit der jungen mit dem güldenen, langen Haar war es sichtlich peinlich als ich das bemerkte und fragte, ob sie nicht das nächste Mal Bilder aus Brötchen legen könnten. Die Idee war bestimmt von der adretten Goldmarie.
„Uns war so langweilig“, haben sie entschuldigend gesagt. Ja, für Ordnung entschuldigen sich Leute fast öfter als für Unordnung.
Aber das hat nun mal Ordung gehabt und es war ein Bild wie für die Werbung und oft kommt man ja nicht zu dem, wie man es gern eigentlich möchte.
Das Ergebnis erfreut das Auge aber die Hände, die es tun müssten, sind schwach. Ist ja beim Aufräumen zuhause auch so.
So ähnlich war das früher in der Schule auch, also das mit der „Ordnung“, nicht das mit der Schwäche.
Also, wenn ich das nicht geschafft hatte, in der Pause die Tafel zu reinigen und eine neue, mir unbekannte Klasse kam rein, dann musste ich ja vor denen die Tafel putzen. Danach wussten die nämlich genau, wie das bei mir läuft.
Ein Schwamm für eine grüne Tafel!?
Pah, geht gar nicht. Damit verteilt man den Staub nur, nur echte Amateure verwenden Schwämme. Dass es in Schulen immer Schwämme gibt, ist ja logisch, die kaufen ja nicht die Lehrer. Die kommen so von oben wie die Lehrpläne und die neuen Ideen, die besser sind als die alten und von Leuten, die selten Tafeln wischen aber andere Ziele haben.
Mikrofasertuch für den ersten Gang!
Am besten sind die etwas dickeren für Fußböden, damit wird die Grundreinigung gemacht, am besten zweimal und das Tuch zwischendurch auswaschen. Dann mit einem guten Scheibenabzieher das restliche Wasser abziehen. Danach muss man an den Rändern nochmal kurz nachwischen, sonst rinnt da noch ein Tropfen hinab und zerstört das Gesamtbild. Abschließend die Auffangrinne abwischen und mit einem anderen Lappen die Tropfen vom Boden entfernen.
Danach Hände waschen und abtrocknen. Handtuch und Seife muss man selbst mitbringen, das gibt es meines Wissens nirgendwo. Tafeln werden ja auch nicht mehr von Reinigungsunternehmen geputzt und so sehen die dann eben auch aus.
Und wenn man dann als Lehrer von „Ordnung“ und „Einstellung“ faselt, aber so eine Dreckswand hinter sich hat, dann ist das so wie wenn Angie vor einem Abrissgebäude eine Regierungserklärung abgibt.
Uncool.
Am besten war dann, wenn irgendeiner ganz leise gegen Ende des Reinigungsprozesses „Scheiße“ gesagt hat, weil der schon ahnte, dass hier nicht nur die Tafel Anforderungen stellt. Die meisten haben aber so gegrinst und laut war es selten. Ich selbst sehe auch gern auf Baustellen zu, das ist recht entspannend.
Wenn man das nicht richtig kann, ist natürlich schon fast eine Stunde rum. Ansonsten ist das etwas Meditatives, besonders, wenn man noch nicht weiß, was man nach dem Wischen machen wollte. Es gibt neben der ‚Schwellenpädagogik‘ auch eine ‚Wischpädagogik‘ aber die wird es leider nie in ein Fachbuch schaffen.
Heute gibt es ja oft diese ‚Whiteboards‘, grau-en-haft.
Die sind viel schwerer vernünftig zu reinigen und zum Schreiben und Zeichnen sind die un-er-träg-lich. Ist aber modern, keine Ahnung, warum die sich so verbreiten. Ist so wie mit Schnupfen, will auch keiner, kriegen aber alle irgendwann.
Dann noch diese E-Boards, super. Klasse, vor allem, weil die so oft nicht funktionieren. Das ist der neuere Trend, so wie Hallenbäder in Dörfern in den 60er Jahren. Wenn der Mensch keine Ideen hat, waum etwas nicht läuft, dann setzt er gern auf mehr Technik. Sprachlabore waren auch mal so ein Trend, den ich nie verstanden habe. Hat auch immer gutes Geld gekostet, der Quatsch.
Wenn es hieß „heute gehen wir ins Sprachlabor“, dann war das immer witzig, weil irgendwas nicht funktionierte oder weil es im Kopfhörer immer einen kleinen Klick und ein Rauschen gab, wenn der Lehrer sich reinschaltete. Vorher konnte man so rumdösen, war super.
Eine Wandtafel geht übrigens noch seltener kaputt als man denkt.
Einmal hatte ich eine, lang her, mit einem Loch von 2cm Durchmesser. Da musste ich morgens immer eine Blume mitbringen, die hab ich da immer reingesteckt, damit man mit der Kreide nicht plötzlich um das Loch kurven muss. Das Loch ist bestimmt heute noch da.
Löcher sind fast so haltbar wie Steine.
Natürlich darf das keine grün lackierte Tafel aus Holz sein. Die muss eine etwas raue durchsichtige Plexiglasoberfläche vor einem dunkelgrünen Hintergrund haben und ein kaum sichtbares Raster von Punkten mit 5cm Abstand besitzen.
So geht Tafel.
Ich hatte die letzte in der ganzen Schule und hätte sie mit Waffen verteidigt gegen den Schmier mit den meist kaputten Stiften auf Weiß. Da schreibt man in groß wie auf Papier mit Stiften, geht aber nur selten gut aus. Und wenn einer wieder versehentlich den wasserfesten Edding zum Schreiben erwischt hat, dann kostet das mindestens eine Stunde. Die sind außen schwarz, die anderen weiß, kann man ja leicht verwechseln. Meistens sind die Kollegen dann einfach raus wie wenn sie am Kopierer einen Papierstau erzeugt hatten.
Das macht dann der nächste weg.
Außerdem habe ich den Eindruck, dass wenige weder vernünftig mit 8 Quadratmeter Schiebetafel noch mit 6 Quadratmeter Klapptafel richtig umgehen können. Man lernt ja meistens das Falsche. Aber wenn man bei einer Klapptafel mit *einer* aufgeklappten Seite anfängt, dann hat man zum Bespiel nach dem beiderseitigen Umklappen wieder volle drei Quadratmeter frei und rein.
Und man schreibt niemals über eine Kante oder so, damit das klar ist. Auf den inneren, mittleren zwei Quadratmetern kann man das machen. Ist aber trotzdem nicht praktisch für die Klappvorgänge.
Tafeln sind übrigens auf einen Meter Höhe genormt. Auch praktisch, so eine Ordnung.
Und keine eckige Kreide, bitte, die ist viel zu trocken, lässt sich schlecht in der Hand halten und bricht leicht. Ist aus Deutschland so wie diese Toilettenbecken, die sich nun auch langsam zurückziehen. Ihr wisst schon. Gibt es auch nur in Deutschland.
Die runden Kreidestücke aus Frankreich sind wesentlich besser. Natürlich auch in Farbe. Die französischen Farben sind nicht ganz so kräftig. Das ist aber nicht so schlimm, weil die nämlich preiswerter ist und leichter abzuwischen.
Ohne Farben macht „Tafel“ sowieso keinen Spaß.
Wobei „Spaß“ ungefähr ebenso oft überschätzt wird wie „Tafel“ unterschätzt wird.
Ja ja, ihr denkt wohl, dass irgendwann schon etwas kommt, was interessant oder amüsant ist, aber das ist eben wie Schule hier.
Durchbeißen.
Und etwas ‚Ordnung‘ war noch nie „amüsant“.
Dass die meisten Klassenräume auch aussehen wie Gefängniszellen zum Sitzen für viele Leute, ist auch blöd, aber wieder ein anderes Thema.