*Billy The Kid*
In einem Radio-Interview um den letzten Jahreswechsel herum hat irgendein Psychologe empfohlen, dass man seinen „inneren Schweinehund“ nicht so nennen soll.
Man solle ihn quasi „umarmen“, „annehmen“, sich zum „Freund machen“ und ihn zum Beispiel auf den Namen „Limbi“ taufen, irgendwas mit dem limbischen System, weiß der Geier, woran er gedacht hat.
Sicher eine niedliche Idee, aber ich habe „Limbi“ bei Facebook gesucht, konnte ihn aber nicht finden, Freundschaft ist dann schwierig. Außerdem könnte man dabei ja auch den Schweinehund von einem anderen erwischen und meiner ist schon ein wenig speziell. Ich glaube, dass alle Schweinehunde speziell und auch Mischlinge sind.
Ich kann mir gut vorstellen, wie Limbi im Ohr des Psychologen hockt und leise schmachtend sagt:
„Nein, mein Manfred, wir haben doch abgemacht, dass Du nicht mehr rauchen willst!“
Und Psychologe Manfred denkt dann:
„Mach Dich vom Acker, Limbi, Du bist für die Patienten zuständig!“
Mein Limbi lässt sich manchmal einfach nicht überwinden und das gilt insbesondere für das Zusammenleben mit einem kleinen, aber oft entscheidenden Anteil meiner Mitmenschen.
Mein Limbii hindert mich nämlich daran zu sagen, was gesagt werden müsste.
A. Der negative Mensch
Ist Carolina gerade mit 40 Jahren und dem dritten Kind schwanger geworden, sagt ihre Bekannte am Tisch:
„Mein Gott, mit 40! Bist Du denn wahnsinnig, musste das denn sein? Was das kostet!“
B. Der Vollschwallerer
Ein anderer steht in der Bücherei plötzlich neben mir während ich ein Buch lese und schwallert mich damit ohne Einleitung zu, dass er vor einer Stunde Nudeln mit einer Pilzsoße gegessen hat. Die Zubereitung der Nudeln kannte ich aber von den 10 Minuten von vor zwei Wochen. Auch, wo ich das alles in Bio-Qualität bekomme, hat sich nicht verändert.
Und dann muss ich nach 5 Minuten den letzten Satz nochmal lesen, ich mag Nudeln mit Pilzsoße gar nicht und das habe ich vor zwei Wochen auch schon gesagt.
C. Die taube Nuss
„Na, alles klar? Was hast Du denn gestern gemacht?“
„Beerdigung, ein trauriger Tag. Mir geht es heute nicht gut.“
„Ja ja, klar. Ich war ja gestern zum Laufen am Strand, muss ja fit bleiben, haha, das war so toll bei dem Wetter. Meine Strecke ist die beste hier an der Küste … “
Dann folgen noch der exakte Streckenverlauf und die gelaufene Zeit.
D. Der Stichwortsurfer
„Und? Na, wieder da? Ich war eben bei Karstadt, das war toll!“
„Warum? Was hast Du gekauft?“
„Da waren Unterhosen im Angebot, ich finde diese halbkurzen so super, stehen mir auch so gut. Habe ja ne richtig gute Figur für mein Alter. Mein Alter schätzen ja alle um 10 Jahre falsch, aber ich tue ja was dafür. Von nix kommt nix, oder? Stimmt doch. Tja, und Du? Was vor heute?“
„Ja, muss noch arbeiten und heute Abend will ich zu einem Konzert, das ist dann meine Belohnung.“
„Hach, Konzert, ja, muss nicht, ich gehe ja lieber ins Kino, letzte Woche, der war super, den musst Du auch sehen. Wie hieß der nochmal, na, mit der Dings, der blonden. Na, egal, aber bald kommt ja auch der über die Frau von Kennedy raus, nee, den seh´ ich mir nicht an, kommt ja dann später im Fernsehen. Und natürlich Nachos und Cola … haha, voll lecker. Ich hol´ mir mal ein Bier.“
Mit dem Bier:
„So ein Bier am Morgen, das ist zwar nicht so angesehen, aber lecker. Auch ´n Bier?“
„Du, ich sitze hier seit Jahren und habe noch nie Bier getrunken. Heute ist nicht der Tag, das zu ändern.“
„Ich werde jetzt aber was ändern, vielleicht fange ich noch ein Studium an, Betty hat das auch gemacht. Ich könnte ja viele verschiedene Fächer studieren, aber ich denke mal, das ich mit Jura gut was anfangen kann. Juristen braucht man ja immer und ich sitze auch gern mal. Könnte auch umziehen, neue Stadt und so. Ja, ich muss dann auch bald weiter, noch einkaufen, dann noch ne Runde mit dem Rad, tut mir gut, obwohl jetzt nach dem Bier, nee, ich leg´mich noch kurz hin, dann noch ein paar Folgen auf Netflix, voll geil, Netflix.“
„Du, ich geh´mal eine draußen rauchen, bis gleich.“
„Ja, da komm ich mit, Bier schmeckt ja draußen noch besser, ich bin auch voll gern draußen, gehe ja auch viel um die Stadt und so. Zu Fuß gehen ist schon eine feine Sache, Auto muss nicht sein, ich hab´ ja mein Rad, das ist richtig gut, war aber eben auch teuer, aber ich kaufe lieber etwas richtig Gutes, und nicht so einen billigen Schrott. Das Bier hier könnte auch billiger sein.“
Das ist jetzt eine Kurzfassung.
Es gibt noch mehr Typen, aber mein Limbi hindert mich, einfach zu sagen, was ich denke.
A. „Wann hast Du eigentlich das letzte Mal etwas Positives von Deinen Stimmbändern gelassen?“
B. „Weiß ich, hast Du mir vor zwei Wochen schon erzählt. Andere Nudeln, gleiche Soße. Ich lese. Tschüß.“
C. „Halt´s Maul.“
D. „Du, hier sind 50 Cent, erzähl´ das einer Parkuhr.“
Aber ich will ja nicht irgendwann erschossen werden wie Billy The Kid und deshalb sage ich nichts.
Aber andererseits verliere ich vorher so viel Lebenszeit, dass sich unfreundlich zu sein vielleicht doch rechnen könnte.
—
„To me, the award is like pinning a medal on Mount Everest for being the highest mountain.“
Leonard Cohen about Dylan getting the Nobel Prize for literature
Ich glaube der Psychologe hat die größten Probleme. Der schwafelt dich noch mehr voll. Sa sind A bis D sind nur kleine Fische. Aber die ncht gesagten Antworten sind klasse.
Deine „Überschrift“ vom „Billy“ hat mich endlich mal wieder dazu gebracht, die Scheibe rauszukramen und zu horen. Mal sehen, ob der Tatort heute wieder Müll ist , dann kommt noch Billy- Der Film dran.
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