
*Menschen von nebenan*
Es ist ein höchst beunruhigender Tag.
Der Ascher im Café steht heute auf der falschen Seite der linken Bank vor der Tür, ich würde mich niemals auf die rechte Bank setzen. Zuerst habe ich den Ascher dort platziert, wo er hingehört und langsam kehrt der Normalzustand zurück.
Der mit den zahlreichen Plastiktüten, der jeden Morgen an der Bushaltestelle gegenüber sitzt und laut vor sich hinspricht, ist zum Glück da. Heute geht es die ganze Zeit um „Dinosaurier“. Es ist das einzige Wort, das ich verstehe. Wenn er nicht spricht, mache ich mir Sorgen.
Die täglichen Nachrichten zu lesen, das ist in letzter Zeit immer mehr wie einen „C-Movie“ zu sehen. Beunruhigend. Voller logischer Brüche, schlecht gefilmt, übelste Darsteller. Aber diesem Nachrichtenfilm entkommt man nicht mehr.
Wie würde man ‚ihn‘, also Donald, eigentlich wahrnehmen, wenn der weder reich noch Präsident wäre, so als Mann im Café, der da regelmäßig sitzt?
Laut würde er sprechen, das ist schon mal sicher. Und weil es dann keine Artikel oder Bilder von ihm in der Presse gäbe, würde er auch nicht lesen. Er würde schauen und trinken. Zwischendurch würde er immer wieder ins Bad gehen und den Sitz seiner Haare optimieren. Er ist nämlich sehr, sehr eitel.
Würde er ein kleines Trinkgeld geben? Sich über Kleinigkeiten beschweren? Wie würde er sich im normalen Leben den weiblichen Bedienungen gegenüber verhalten? Sich mit anderen Gästen kurz unterhalten? Könnte er auch zuhören? Wie lang wäre seine Aufmerksamkeitsspanne? Würde er sich am Waschbecken vordrängeln?
Irgendwann würde seine Tochter einschweben und ihn nach Hause bringen, den einsamen, alten, emotional verarmten, verbitterten Mann. Mit einem Blick zum Tresen würde sie sich entschuldigen, dass er ihr Vater wurde.
Wladimir, der würde im Café still im Eck sitzen, Tee trinken und traurig schauen, vielleicht würde er sich Notizen über alle Gäste machen, aber ohne ein „Amt“ würde man den kaum wiedererkennen. Oder irre ich?
Hier steht von 9:00 morgens bis zum Nachmittag an der belebten Straße neben dem ruhigen Flußarm auch immer eine ältere Frau, die vor sich leise hinspricht und auf einem Berg loser Blätter Autokennzeichen notiert. Sie ‚arbeitet‘ vermutlich, es vergeht kaum ein Tag, an dem ich sie nicht tätig sehe. Eben kam sie am Café vorbei, etwas zu spät. Bis 9:00, da muss sie jetzt zügig zu ihrem Job gehen. Wladimir wäre diese fünf Minuten früher aufgestanden.
Ich glaube, der Donald wäre ganz derselbe wie im TV und es ärgert mich maßlos, dass ich so oft über die psychischen Probleme dieses einen Mannes nachdenke. Ehrlich gesagt denke ich lieber über Frauen nach.
Eben kam Giselle auf einen Kaffee vorbei, sie trug „Hypnotic Poison“, das war neu, aber irgendetwas an Giselle ist bei jedem Morgenkaffee neu.
Hach, „back to business“, wie er sagen würde, der alternde Mann. Laienhaft betrachtet halte ich ihn für schwer krank.
Cholerisch, schnell verärgert, geringe Aufmerksamkeit für andere, misstrauisch, reizbar und die Themen und Ansichten ohne inneren moralischen Kompass wechselnd, stets unreflektiert und spontan. Sätze ohne passendes Ende, kryptische Äußerungen vom mobilen Telefon. Heute so, morgen so.
Die erste Möglichkeit also vielleicht …. beginnende Demenz?
Die andere unter mehreren weiteren ist noch beunruhigender. Ein „schlechter Mensch“, ein Narziss, der sich für nichts, aber auch gar nichts außer für sich selbst interessiert.
Und ich habe nicht geglaubt, dass es möglich ist, dass die Amerikaner so sind wie sie waren. Richtig lehrreich wäre es gewesen, wäre er ein anderer, der Minuten nach der Vereidigung seinen Rücktritt getwittert hätte, weil er nur satirisch zeigen wollte, was mit Lügen und schlechtem Charakter in den USA möglich sei. Die Welt hätte sich lachend und dankbar verneigt. Und er hätte einen verdienten Platz in der Geschichte gehabt, der ihm doch so wichtig scheint.
„Chapeau“ hätte ich aber auch nicht gerufen.
„Der Präsident, der unser Land in 10 Minuten weiter nach vorn brachte als andere in 50 Jahren es vermochten“, das wäre der Nachruf gewesen.
Zu spät, Chancen hat man manchmal nur einmal.