*Zeit? Zeit!
Im Kreisverkehr hat mich eine kupferfarbene, neuwertige Mercedes-Limousine überholt. Sie trug bereits ein H-Kennzeichen, also musste sie schon über 30 Jahre alt sein. Ich weiß noch genau, dass man damals sagte, sein chromverzierter Vorgänger sei der letzte ‚echte Benz‘ gewesen. Bis auf den Grill verzichtete der Neue auf allen glänzenden Zierrat. Und leider ist der für mich nicht ‚alt‘ sondern immer noch der „Neue“. Dass Zeit eine Abfolge von Ereignissen darstellt, das weiß der gar nicht. Wie viele Ärsche mag er gesehen haben?
Und gestern, es muss fast gestern gewesen sein, hat mir eine ehemalige Schülerin einen offenbar heimlich geschossenen Schnappschuss von mir geschickt, der fast ebenso alt war. Ich habe mich kaum erkannt, sitzend im Zug nach Nizza, sonnenbebrillt, die Stiefel auf dem Sitz gegenüber, allerdings auf einer aktuellen Tageszeitung. Leider sehe ich heute nicht mehr so aus wie der W124 mit dem H-Kennzeichen. Die Brille hat das Bild überdauert, das DB-Polster in den Farben von Miami Vice zum Glück nicht.
Über die ‚Zeit‘ gibt es vermutlich mehr Aphorismen und Zitate aus der Literatur als über die Liebe und den Tod. So versucht der Mensch festzuhalten, was fließt.
„Sie sagt aus, dass sowohl alle möglichen Vergangenheiten wie Zukünfte real sind und jede eine tatsächliche Welt oder ein Universum repräsentiert. Die Hypothese beinhaltet eine riesige oder unendliche Anzahl an Universen, und alles, was in unserer Vergangenheit geschehen hätte können, geschah in der Vergangenheit einiger anderer Universen.“
Soweit die wesentliche Aussage der Viele-Welten-Theorie. Die Gegenwart kommt da gar nicht vor und das könnte stimmen, eine Gegenwart gibt es nicht oder nur in einem Punkt ohne Ausdehnung, denn Zeit lässt sich nicht festhalten und jeder Moment, den man versucht zu greifen, verschwindet im Dunkel der Vergangenheit. Natürlich bis auf eine Mercedes E-Klasse aus den 80er Jahren. Und die kleinen Momente im Leben, in denen die Zeit gar nicht existiert.
Der schönste Teil ist doch „alles, was in unserer Vergangenheit geschehen hätte können, geschah in der Vergangenheit einiger anderer Universen“.
Heißt das jetzt eigentlich, dass Polygamie in der Viele-Welten-Theorie praktisch möglich ist? Schröder schafft das ja fast in einem einzigen Universum, Polykohle aber sicher. Oder dass ich meinen Thorens TD166 mit der Vakuumpumpe in einer Parallelwelt nicht verkauft habe? Dass es irgendwo keine Staus gibt und keinen Heuschnupfen? Dass in anderen Welten ein anderer Präsident wurde?
Ja, was noch?
Egal, in allen Universen steht die Zeit nicht still. Das ist ja auch ein Trost, wenn man schon nicht umsteigen kann.
Ich wollte irgendetwas schreiben, was in dieser Welt Bestand hat, ein einziges Mal! Aber das war auch wieder nix. Vielleicht anderswo, wo die Zeit etwas zähflüssiger ist.