
Ärger Pt. 4: Der Hai
Es gibt Tage, da verlässt man sich nicht auf sein Gefühl im eigenen Bauch, das stellt sich später meistens als Fehler heraus.
Wenn man das ein wenig später merkt, wird es trotz des Fehlers noch ein recht guter Tag.
Andererseits gibt auch die anderen, leider deutlich selteneren Tage, an denen man sich auf sein Bauchgefühl komplett verlässt und hinterher denkt, das man das öfter tun sollte.
Das sind dann die richtig guten Tage.
Trotz meines südlich heißen Blutes hatte ich so einen Tag.
Jedenfalls saß ich vor dem Broad Street Café mit dem schwarzen Hund an der kurzen Leine. Es ist sein zweites Zuhause, er verteidigt seine beiden „Wohnungen“, wenn ein anderer Hund sich nähert. 3 Sekunden lang, der andere geht vorbei, ein Erfolg für meinen Hund. Er bellt, weil er damit Erfolg hat. Dann ist wieder Ruhe und er schläft weiter.
So ist das mit dem Briefträger auch, ein Eindringling, er geht zum Briefkasten, der Hund bellt, der Briefträger entfernt sich. Der Hund denkt:
„Super, ich habe ihn des Grundstücks verwiesen!“
Nichts ist erfolgreicher als Erfolg.
Aber nun stand plötzlich draußen ein E-Fahrrad quer vor meiner Sitzbank, dahinter ein Herr von circa 45 Jahren mit schütterem Haupthaar und Brille, er lächelte und sprach leise und voller Gefühl:
„Duuu, darf ich Dir etwas sagen?“
Ich schaue auf und sehe das Lächeln eines Hais. Ein „Du“ für mich, der ich der Hai-Vater sein könnte?
„Nein, bitte nicht“, sage ich aus dem Bauch heraus, selten bei mir, dass das erste Wort schon eine Absage ist.
Aber er hat ja gefragt.
„Du, mir tut Dein Hund so leid, sehr leid. Er hat doch nur Dich und Du gehst nicht gut mit ihm um, das macht mich traurig, das anzusehen!“
Noch mehr Worte, inhaltlich keine neuen Informationen, es dauert, der Wind weht seine Worte weg. Es dauert. Und noch eine Wiederholung, der Hund gähnt.
Ja, ich hatte ihn gerade zurückgezogen und „Schluss!“ gesagt, weil er wieder einen anderen Hund kurz anbellte. Ich sage das eigentlich nicht zum Hund sondern zu den anderen Menschen um uns herum. Ich kümmere mich also, damit sich keiner gestört fühlt, weiß aber, dass die Verteidigung des BSC an der Leine zu seinem Wesen gehört. Ohne Leine wäre es reiner Frieden, aber das geht in der Stadt nicht.
„Und? Geht es Dir denn jetzt besser?“ frage ich am Ende des langen Sermons zurück.
Nein, derselbe Sermon nochmal, Leid, nur mich hat es, das arme Tier. Ein Anwalt des „gequälten“ Hundes, er muss das loswerden. Ich möge ihm, dem Hai, meinen Hund überlassen.
Ich sehe ihn an, ebenfalls lächelnd.
Er macht den Rücken gerade, streckt mir die rechte Hand entgegen, zwei lange Sekunden lang, und sagt ebenso lächelnd, wieder wie der Hai:
„Ich bin der Roland!“
Seine Hand lasse ich in der Luft stehen, ich kenne schon mehrere Rolands. Nein, ich will nicht den rasend gefühligen Roland fühlen.
„Du, ich muss mir das nicht anhören, geh‘ bitte weiter und lass mich in Ruhe, aber zügig, junger Freund!“
„Ich bin nicht Dein ‚junger Freund‘, wir können das auch anders regeln!“
Nun ja, keine Ahnung wie, mein Normanne ohne Haupthaar wäre längst aufgestanden und hätte gesagt „Los, ab jetzt in Deine Einrichtung, Du Spinner!“
Aber den Normannen hätte er auch gar nicht angesprochen, ganz sicher nicht.
„Anders regeln“, da war dann das Gefühlige in der Stimme fort, sein Blick hart und kampfeslustig. Aber was „anders regeln“ heißt, das konnte er auch auf Nachfrage nicht erklären, der Roland. Dann sollte man das auch nicht sagen, wenn das Gegenüber ihm den Ball sofort durch die Beine spielt.
„Du machst Dich jetzt ganz fix vom Acker. Tschüß, Roland.“
Es ist ja blöd für ihn, ich sitze mit Caffe Latte draußen und schicke ihn weg, aber irgendwann muss er sowieso gehen, mein Sieg ist sozusagen sicher. Ungünstig.
Es zog sich etwas, er wieder leise, unterschwellig aggressiv, kenne ich, die Technik, ich lauter werdend, die ersten Passanten bleiben interessiert stehen und sehen sich die Show an.
Nochmal dasselbe Gelaber, wie bei einer LP mit einem Sprung, dann zog er unbeachtet ab.
Die Reaktionen der Umstehenden waren bezeichnend:
„Solche gibt es immer mehr, wissen alles besser und wollen andere belehren.“
„Unfassbar, das haben Sie genau richtig gemacht, was geht den das an?“
„Einmischung, die ist so modern geworden und die Besserwisserei auch.“
Schön, mein Roland, jetzt bist Du der erste in 400 Geschichten mit Deinem wahren Namen.
Wäre ich mein Normanne gewesen, würde er künftig immer um die ganze Innenstadt radeln, um mich nicht zu treffen.
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Eine Bekannte schreibt Nordseekrimis. Immer, wenn jemand sie im alltäglichen Leben nervt, übernimmt sie die reale Figur in ihren Krimi.
Als Mordopfer.
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„peace, tranquility and good will“