*Wie viele „Unverschämte?“*
Ja, das ist heute die Frage.
Und das wird lang, schafft keiner mehr heute. 😉
Manchmal erwische ich mich beim Gedanken an die Zukunft und da denke ich speziell darüber nach, was die ersten Anzeichen wären, um über die Abgabe des Führerscheins nachzudenken.
Wie fast jeder Mann halte ich mich natürlich für einen ‚guten‘ und ’sicheren‘ Fahrer, der ‚dahingleitet‘ und versucht, keinem auf die Nerven zu gehen. Das kann ich selbst ja auch nicht leiden, wenn solche Dickschiffe dicht auffahren. Da halte ich dann auch mal an, um zu sehen, wann ich Fahrer und Fahrzeug an der Leitplanke beim Überholen wiedersehe.
Neulich habe ich beim Abbiegen an einer Kreuzung bei der es nur Spuren für rechts ab und links ab gibt, vergessen zu blinken. Den älteren Herrn habe ich aber zu Fuß passieren lassen. Der hat aber wild zu mir in das stehende Auto gestikuliert und gebrüllt:
„Wozu hat Dein Auto einen Blinker?“
Ganz böse war der, der lag jetzt nicht verletzt vor dem Kühler, der ging noch. Munter war der jedenfalls auch. Lebendig und temperamentvoll.
Und er wusste was.
Wer weiß, wie man selbst in 20 Jahren so unterwegs ist?
Heute war das alles noch viel besser:
Ich wollte endlich die neue Stones-CD im limitierten Digipak holen. Die war nämlich seit dem Wochenende ausverkauft.
Und der Parkplatz, mein Gott, der Parkplatz von diesem Einkaufszentrum, der war so voll. Ins Parkhaus fahre ich sonst nicht, aber heute musste ich bis in den dritten Stock. Da war auf dem.ganzen Weg durch das Parkhaus ein uralter Fiesta vor mir. Der hielt an jedem Gang an und schaute nach einer Lücke. Es gibt da rote Lämpchen über besetzten Plätzen und welche in Grün über den freien. Das kannte der nicht, vermute ich. Zu Weihnachten sind ja überall so viele Lampen, auch unter Decken.
Das irritiert.
Weil gerade „Ring Them Bells“ aus dem Supper Club in New York City lief, hatte ich es auch nicht eilig. Manches hört man sogar hinter einem alten Fiesta gern bis zum Schluss.
Dann ging es aber geradeaus plötzlich nicht weiter, das hatte der im Ford nicht gemerkt. Der fuhr also schon 5m in eine Einbahnstraße, wo er hätte links abbiegen müssen. Es war jetzt die dritte Strophe des Glockenliedes.
Dann habe ich angehalten und bin 5m zurückgerollt, damit der Schläfer links abbiegen kann. Leider entschied der sich für’s Wenden auf 6m Breite! Das dauerte dann schon etwas und der ließ gern 150 Zentimeter Platz. Dann hat man wenig Platz zum Umdrehen.
Als ich dann schon darüber nachdachte, welches Lied als nächstes kommt, bin ich langsam mit Abstand links abgebogen. Da war ja Platz von der Größe eines kleinen Sees in Mecklenburg-Vorpommern. Da war aber kein Platz in der Reihe frei und der Fiesta kann dann in Ruhe seine Wende zuende in den Beton malen, dachte ich noch.
Das war *ganz* falsch.
Da war eine Dame zu Fuß unterwegs, etwas blass, etwas unter 50 und die pöbelte mich durch die offene Scheibe an:
„Rücksichtslos ist das! Eine Unverschämtheit! Lassen Sie die alte Dame doch in Ruhe fahren!“
Ich wusste erstens nicht, dass das eine alte Dame war und zweitens nicht, dass die sich wohler fühlt, wenn ich warte bis sie fertig ist mit ihrer ganzen Arbeit.
Habe dann nur schwach gelächelt obwohl mir schon der Kamm schwoll. Man fühlt dann die Wärme der eigenen Ohren plötzlich. Faszinierend, wie schnell das geht, dass das Natürliche durchkommt im Menschen.
„Ach, wie lange sehen sie uns denn schon zu?“
Weiteres Pöbeln von der Seite, in der nächsten Reihe alles frei. Omi kam dann auch fast neben mir, habe sicherheitshalber nochmal gelächelt. Omi ging es den Umständen entsprechend offenbar gut.
Da habe ich mich schon ein wenig besser gefühlt in meinem Menschsein am Steuer. Aber auch nicht nicht so voll und ganz. Ich hatte das ja noch nicht verstanden.
Das Cover der neuen Stones-Scheibe, nun, aber darauf kommt es nicht an. Ein Faltenfoto, das wäre nett gewesen.
Auf dem Rückweg sah ich dann meine neue Freundin, die jüngere, nicht Fiesta-Senora, im Buchladen. Dann kann ich nicht anders, es ist ein Zwang zum Fragen.
„Entschuldigung, können Sie mir erklären, was ich ihrer Meinung nach vorhin falsch gemacht habe?“
Sie lächelte und war jetzt über 50.
Milde sprach ihr schmaler unglücklicher Mund:
„Ach, wir haben uns beide freigenommen, um etwas für Kinder zu kaufen, nicht? Wollen wir da nicht rücksichtsvoll sein? Ich musste an meine arme alte Mutter denken. Etwas mehr Freundlichkeit und Rücksichtnahme, wäre das nicht schön?“
Schier erschlagen von diesem Sermon, musste ich dann leiser fragen, ob zu „Freundlichkeit“ der Begriff „Unverschämheit“ einen Bezug hatte.
Aber sie wird bestimmt trotzdem heilig gesprochen.
Sie hatte einen Ratgeber in der Hand.
Aber sie hatte keine Antwort auf die Frage.
Fast wie in der Politik.
„Ich wollte die Anwältin der alten Dame sein.“
Die neue Stones-Scheibe ist wirklich besser als alles andere seit 1995.
„I Gotta Go“ zum Beispiel.