Schule-Teil 8-„Schülerzeiten“ (in German only, sorry)

Schule-Teil 8-„Schülerzeiten“ (in German only, sorry)


In dieser alten Stadt gab es Anfang der 70er Jahre noch viele Gymnasien, die ausschließlich für männliche Schüler oder ausschließlich für weibliche Schülerinnen reserviert waren, es gab auch Schulen, jedoch keine Gymnasien, mit zwei Eingängen über denen dann „Mädchen“ und „Jungen“ stand.

Gut, das waren alte Schilder, zugegeben. Es durften aber alle schon im selben Bus zur Schule fahren, man wurde lockerer.

Gerade die Gymnasien in der Altstadt waren hinter der eigenen Zeit, die 68er Unruhen waren ja schon vorbei.

Drei Schulen waren nur für Jungs, eines nur für Mädchen.

Offenbar gab es dreimal so viele Jungs wie Mädchen, nun, das ist natürlich ketzerisch, es gab ja auch moderne Schulen, die die Koedukation wagten.

Und zu so einer Schule schickten mich meine Eltern nach der vierten Grundschulklasse.

Nennen wir es das EMG, das Erich-Mühsam-Gymnasium, ein wenig außerhalb der Innenstadt gelegen, ein Bau aus den 60er Jahren, so schätze ich.

Nur zwei Stockwerke, weite Wege, große Schulhöfe, überdachte Fahrradständer, Lehrerparkplätze, eine große Sporthalle, ein gepflegter Rasenplatz mit Aschenbahn gleich nebenan.

Meine beste 400m-Zeit lief ich dort in Klasse 10, nichts ist tödlicher als ein 400m-Lauf, weil man da nicht groß taktieren kann, da gibt man an sich von Anfang an fast Vollgas.

Mühsam, das war nicht nur der Name, es war ein Omen. Es ging in Klasse 5 los, die Klassenlehrerin war die Direktorin, Frau Doktor Kriemhild.

Vom ersten Tag an war alles verflogen, die moderne Schule, der Sportplatz, die Halle, Turnmutter Kriemhild erschien.

Sie trug noch die Olympiarollen im Haar wie zu den Olympischen Spielen 1936 in Berlin, Ihre Kostüme waren neu, aber im Stil der 30er geschneidert, so war es immer.

Hier musste ich eben sehr aufpassen, weil es ja keine Olympiade in Berlin gab, die Olympiade, das ist ja der Zeitraum zwischen den Olympischen Spielen.

Manchmal kommt bei mir eben raus, dass ich mal Lehrer war.

Ihre Freundin, Frau Doktor Buchner, trug Kleidung in demselben Stil, man munkelte über weitere Gemeinsamkeiten.

Der Unterricht war hart und fordernd, einmal platzte mir auf dem Schulweg ein Fahrradreifen, also rannte ich die fehlenden 3km zur Schule, die Zeit kann so schlecht nicht gewesen sein, ich kam nicht zu spät.

Nach der sechsten Klasse konnte man eine zweite Fremdsprache wählen, es wurde sogar Russisch angeboten. Das gab es sonst nur in der DDR, hinter der Grenze mit den Schussautomaten, ein Schutz gegen den Klassenfeind, der so aggressiv im Westen lauerte.

Wir wohnten 2km von der Grenze entfernt, im Sommer sollte man nicht zu weit auf den See hinausschwimmen, ein bedrohliches Szenario.

Nein, die Klasse für Russisch kam nicht zustande, es meldeten sich nur 25 Schüler an, es hätten 27 sein müssen, eine Entscheidung der Olympiarollen.

Also dann eben Latein.

Würde ich heute keinem Kind mehr empfehlen, Französisch kann man wenigstens sprechen. Latein war ja eher so wie Mathematik, nur ohne die Zahlen. Schöne Strukturen, man muss das mögen, wenn man es nicht hassen will.

Ich bin nicht Franz Josef Strauß, ich kann das heute nicht mehr.

In Klasse 9 stand ich einmal vor der geschlossenen Schule, offenbar ein Feiertag, ein zweiter Schüler stand neben mir, die Informationspolitik war damals schon fragwürdig.

Die Busse hatten noch einen Schaffner und man konnte hinten noch rauchen, aber so ganz sicher bin ich mir damit nicht.

Das Polster der alten Busse war dunkelgrün und im Winter habe ich immer für Regina einen Platz besetzt.

Sie saß lieber am Fenster, ich auch, aber man muss als Mann auch große Opfer bringen können.

Irgendwann fragte sie mich, Doris ging neben uns, auf dem Weg auf die Schultür zu ob „ich mit ihr gehen will“.

Ich druckste herum, bis sie „durch die Tür“ sagte.

Dann habe ich ihr nie wieder einen Platz besetzt, ich liebe nämlich Fensterplätze. Habe ihr trotzdem zugelächelt, wenn sie im Bus stehen musste, bin ja nicht nachtragend.

Nach der 10ten Klasse fiel meine Klasse komplett auseinander, mehr als die Hälfte wechselte an andere Schulen, es ging darum, die gewünschte Leistungskurskombination zu bekommen.

Na, an sich hätte ich da auch bleiben können, aber irgendwie muss man nach einigen Jahren den Verein wechseln, neue Erfahrungen im Ausland sammeln, es muss gar nicht Spanien sein wie bei Netzer und Breitner, auch Italien, wie bei Schnellinger und Haller davor, gar nicht nötig, die Altstadt reichte völlig.

Primanerhof, Primanerfünfkampf im Sommer, Plaketten mit den Siegern seit 1880 oder so im Gang, Sportplatz kilometerweit entfernt an der Allee, die zum Strand führte.

Das hatte alles Stil, aber es roch auch wie eine alte Polizeiwache, obwohl es für die Oberstufe Räume mit Teppich gab, diese Filzteppiche, großartig. Das hallte nicht so, ich bin sehr sensibel bei Räumen, in denen es hallt.

Am besten war für mich im Altstadtgymnasium, das schon Graf Luckner und Thomas Mann besuchten, der Chemieunterricht bei Herrn Dr. Altmann.

Er war klein, er ging mit einem Stock, er las Comics, er rauchte Gauloises, auch im Chemieraum, wenn keine Schüler da waren.

Er empfahl immer, mit Swiss Air zu fliegen, die beste Fluglinie von allen und die Stewardessen seien auch besonders hübsch.

Ich war noch nie geflogen, aber das mit den Stewardessen konnte ich verstehen. Manchmal ging man zum Unterricht in den Chemieraum, er mit einem Glas Cola vor der Tafel, die filterlose Kippe in den Fingern „Was wollt Ihr denn?“ „Wir haben jetzt bei Ihnen Chemie!“ „Oh Gott, schon wieder?“

Ich brauchte Chemie gar nicht, das hat er in der ersten Stunde gemerkt, er kannte mein Gesicht nicht und fragte, welche Leistungskurse ich habe.

„Mathematik und Physik“

„Ach, dann brauchst Du Chemie doch gar nicht! Was willst Du dann hier?“

„Mich interessiert Chemie, an meiner alten Schule fiel das immer aus.“

„Na, gut, aber wenn Du das nicht brauchst, dann kannst Du mir auch immer von Harries Cola holen.“

Harries, das war der Bäcker gegenüber der Schule.

Der Herr Dr. Altmann hatte so ein kleines Kabuff neben dem Chemieraum, alles voller Bücher, Ascher, Gauloises und Colaflaschen.

Aus seinem Kabuff holte ich mir dann zu Stundenbeginn einige Deutsche Mark, die lagen in einer Schale und ging raus zu Harries, Cola kaufen.

Manchmal rief er mir noch hinterher:

„Und nimm die leeren Flaschen mit, Martin!“

Das Restgeld legte ich wieder in die Schale, ich durfte ihm leider nie Zigaretten kaufen, das wäre zu weit weg gewesen. Aber ich habe auch nicht gefragt, ob ich das machen darf.

Einmal hat Ingeburg eine Formel falsch gesagt, da ging er wutentbrannt in sein Kabuff, man hörte immer nur „alles sinnlos, alles sinnlos“, trank Cola und rauchte.

Wir waren sehr ärgerlich mit Ingeburg, wir hatten vorgesagt, aber sie hörte nicht zu. Schlimm.

Zum Schluss musste ich, der Colaträger, zu ihm gehen und ihm sagen, dass Ingeburg das jetzt kapiert hat und ob er nicht zurückkommen will.

„Ja, gleich, noch zwei Züge. Kannst Du nächste Woche eine Flasche mehr holen? Der aus der anderen Klasse ist krank.“

Kein anderer hat uns geduzt.

Großartiger Lehrer, perfekte Tafelbilder, wir mussten das DIN A5 Heft quer legen und exakt so abmalen, wie er das an der Tafel machte. Jede Stunde zwei Tafeln, jede Stunde zwei Seiten im Heft. Auch die Farben sollten so sein, wie er sie benutzte. Hefte wurden kontrolliert.

„Tafeltechnisch“ mein Vorbild, diese Ordnung, diese Farben! Gauloise habe ich nur im Studium gedreht. Von der Examensarbeit an meinte ich, dass das zu viel Zeit kostete und wechselte auf Prince Denmark mit Filter, später zu P&S, die hellgrüne Packung im Softpack. Pappschachteln sind schrecklich. Das liest sich wie die verschiedenen Autos, die man fuhr. 

Drei Sorten, ziemlich variabel.


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Aus der Schulzeitung „EMG“ von 1972:

Für Lehrer

1. Vergiß nicht, daß die Eltern deiner Schüler ein legitimes Interesse an dem Fortkommen ihres Kindes haben.

2. Erwarte weder vom Schüler noch von den Eltern Dank, unerwarteter Dank ist eine Dreingabe.

3. Gerechtigkeit bleibt auf Erden ein Wunschtraum. Dennoch ist das Streben danach für den Lehrer eine Existenzfrage.

4. Unterscheide streng zwischen unzureichender Leistung und schlechtem Benehmen eines Schülers.

5. Eine alte Erfahrung: Strenge, aber gerechte Lehrer sind beliebter als nachgiebige.

6. Beherrsche dich vor der Klasse, wenn dein Zorn auch berechtigt ist. Ein Gewitter zur rechten Zeit reinigt allerdings nicht nur in der Natur die Atmosphäre.

7. Als Lehrer darfst du den Schüler nicht schlagen. Lerne aber für alle Fälle den Notwehrparagraphen auswendig.

8. Respekt bei Schülern verschafft man sich durch Können und pädagogisches Geschick, nicht durch Einträge ins Klassenbuch.

9. Versuche nie, eigene Fehler zu vertuschen. Das Eingeständnis des Irrtums verschafft dir mehr Ansehen. Nur darfst du dich nicht zu oft irren.

10. Nimm deine Schüler ernst, auch wenn ihre Gedanken unausgegoren sind. Aber halte trotzdem Abstand, sonst klopfen sie dir auf die Schulter.

11. Laß dich durch Körperlänge nicht täuschen. Manche junge Menschen möchten lieber noch Kinder sein als erwachsen.

12. Kümmere dich um die Sorgen deiner Schüler, aber laß ihnen einen privaten Bereich.

13. Hilf den Schwachen, doch vergiß darüber nicht die Begabten. Nicht gerittene Pferde werden kreuzlahm.

14. Ein humorloser Lehrer ist wie ein farbenblinder Maler.

15. Laß dich bei der Festlegung deiner Noten von niemanden beeinflussen. Ein Lehrer braucht mehr Zivilcourage als mancher Politiker.

16. Trage deine Noten in die Zeugnislisten nicht erst ein, wenn die Kollegen sich entschieden haben. Eine eindeutige Fünf schafft mehr Klarheit als gequetschte Vieren.

17. Man kann aIs Lehrer immer noch dazulernen. Auch von Schülern und Eltern.

18. Jeder Lehrer ist in Gefahr, sein Fach für das wichtigste zu halten. Daher sollte er immer wieder einen Blick über den Zaun riskieren.

19. Auch im Lehrerberuf gilt: Stillstand ist Rückschritt. Aber nicht jede Reform bedeutet Verbesserung.

20. Konservatismus kann mehr Mut erfordern als Neuerungssucht.

21. Der schlimmste Feind des Lehrers ist nicht die Dummheit, sondern das Vorurteil.

22. Vertraue auf die ausgleichende Gerechtigkeit. Vielleicht wird der größte Rüpel deiner Klasse später Lehrer.

23. Lehrer müssen geduldiger sein als Esel, brauchen sich aber trotzdem nicht von jedermann prügeln zu lassen.

24. Sei haushälterisch mit deinen Kräften, doch strebe nicht nur danach, dem Staat ein guter Pensionär zu werden.

25. Halte dich an die Anordnungen deiner vorgesetzten Behörde, aber nimm dir die Freiheit, eine eigene Meinung zu haben.

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Das Foto zeigt Carina, vermutlich 1979, auf dem Primanerhof, direkt neben dem Chemie-Raum, offenbar gejagt von einem mit einer Afro-Frisur. So waren die Zeiten, er trug immer diese olivfarbene Jacke. Carina konnte übrigens super singen, die traf jeden Ton aus dem Radio.



Schule-Teil 7- „Abiturprüfungen“ (in German only, sorry)

Schule-Teil 7- „Abiturprüfungen“ (in German only, sorry)

Abiturprüfungen, insbesondere die mündlichen, die sind schon ein spezieller Fall.

Ich hatte zum Glück nie den Fall, dass ein Schüler einfach nur mit einem Punkt da durchkommen wollte, oder dass er es gar darauf anlegte, durchzufallen, um im nächsten Jahr einen besseren Durchschnitt zu erzielen.

Wer weiß, ob man sich ein Bein bricht und im nächsten Jahr ist die letzte Chance vertan? Ungeschickt! Oder dieses „Ich will nur einen Punkt, ich bereite mich auf gar nichts vor“-Ziel, sehr schlecht.

Ganz schlechte Idee.

Es mag ja mit einem oder zwei Punkten klappen, die hat man mit rudimentärem Grundwissen nach 4 Minuten erwirtschaftet, reicht ja. Aber dann folgen noch 16 Minuten mit Fragen, die man nicht versteht, auf die man keine Antworten hat.

Wenn den Lehrern dann nichts mehr einfällt, nein, sie müssen nicht 16 Minuten lang neue Fragen oder Hilfen anbieten, dann wird die Zeit echt lang, sie dehnt sich, die Sekunden verrinnen. Minutenlang, Du sieht aus dem Fenster und hoffst, dass das nur ein schlechter Traum ist.

Aber es ist real, es ist Deine Abiturprüfung und sie dauert 20 Minuten. 30 Jahre später fragen Dich Deine Kinder, wie es denn bei Dir war und Du druckst herum und sagst: „Ich bin da irgendwie durchgekommen“.

Bei Vorträgen in Deiner Firma … kurz, diese Prüfung mit dem einen Punkt begleitet Dich durch Dein Leben, fast wie Lothar Matthäus.

Das ist nicht gut, weder das mit der Prüfung noch das mit Lothar Matthäus.

Es gibt solche Fälle, ich hatte das große Glück in meinen jungen Jahren einer denkwürdigen Abiturprüfung in Gemeinschaftskunde als Protokollant beizuwohnen.

Der Prüfling wollte offenbar eine 6, damit er sich im nächsten Jahr verbessern kann.

Nun ja, es gibt Schüler, die sieht man eben lieber gehen als kommen, und noch ein Jahr, nun, Begeisterung löst das nicht immer aus.

Schüler sagt also wiederholt „Dazu kann ich gar nichts sagen, tut mir leid.“

Keine Frage wird beantwortet, die gestellten Aufgaben verstehe er nicht.

Der Vorsitzende der Prüfung lehnt sich gemütlich zurück, der Stuhl quietscht, er bringt einiges auf die Waage.

„Ach, ist doch egal, dann reden wir einfach ein wenig, es ist ja noch so viel Zeit!“

Der Schüler entspannt sich, der Prüfer schiebt seine Unterlagen schon zusammen, die Sonne scheint durch die Gardine, der Schüler nimmt einen Schluck Wasser. Draußen Schritte im Gang, es ist so ruhig, man hört ja alles.

Aber es ist doch alles gar nicht so schlimm. Nur noch ein paar Minuten.

„Was haben Sie denn heute gefrühstückt?“, fragt der große Vorsitzende mit den 60 Jahren Lebenserfahrung den Jungspund mit dem fehlenden Wissen aus dem lächelnden Mundwinkel in die Stille hinein.

„Ach, nur zwei Brötchen und einen Kaffee.“

„Helle Brötchen? Woraus macht man die?“

„Aus Weizen, glaube ich.“

„Und der Kaffee, woher kommt der?“

„Von Rewe!“

„Nein, wo der zum Beispiel angebaut wird?“

„Keine Ahnung. Afrika? Amerika?“

„Vielen Dank!“

Schüler verlässt den Raum lächelnd, ja, so sehen Sieger aus, kurze Besprechung.

„Schüler verfügt über Grundwissen zum Getreide- und Kaffeeanbau“, habe ich im Protokoll vermerkt, mit einem deutlichen Haken für eine positiv zu wertende Leistung.

Ergebnis: 5/01 Punkt, Abiturprüfung bestanden, keine Wiederholung möglich.

Herzlichen Glückwunsch!

Schule-Teil 6-„Abiturprobeprüfungen“ (in German only, sorry)

Schule-Teil 6-„Abiturprobeprüfungen“ (in German only, sorry)

Der Höhepunkt des Jahres kann eine Fußballweltmeisterschaft sein.

Irgendwann, ich weiß nicht, bei welcher WM das war, da spielte die deutsche Mannschaft mittags gegen 13 Uhr unserer Zeit oder so, es könnte 2002 gewesen sein.

Die Rumpelfußballer und Oliver Kahn brachten uns bis in das Finale. Linke, Ramelow, Metzelder, Jeremies, Hamann, Frings, Ziege, die haben alle im Finale gespielt, Rehmer und Jancker saßen auf der Bank.

Auf der Gegenseite Rivaldo, Ronaldinho, Ronaldo, Cafu, Roberto Carlos und Lucio, Kaka nur auf der Bank.

Jedenfalls haben wir dann in so einem „Hörsaal“ mit 60 oder 70 Plätzen einen Beamer aufgebaut, abgedunkelt und dann sind die Schüler nicht nach Hause gegangen, die noch da waren, sondern wir standen und saßen mit ca 100 im Raum und schauten Fußball.

Sehr schön, habe leider vergessen, welches Spiel das war. So einen Höhepunkt gibt es aber nur alle 4 Jahre oder noch seltener, weil ja nicht jede WM auf der anderen Erdhälfte stattfindet.

Der Höhepunkt des Jahres für alle Lehrenden und Lerner, nein, ich werde mich nie an diese Begriffe gewöhnen, sind immer die mündlichen Prüfungen, das ist auch ein wenig wie „WM“.

Immer, aber auch immer, ist es heiß und die Sonne scheint vom Himmel, es regnet an diesen Tagen niemals, nie.

Niemals sonst bekommen ja KollegInnen mit, wer wie unterrichtet und was die SchülerInnen können und wie sie sich ausdrücken, wenn es zum Beispiel um Mathematik geht.

Eine Abiturprüfung ist immer auch eine Prüfung der LehrerIn.

Das erhöht die Spannung nochmals, sozusagen wie beim ElfmeterInnenschießen.

Es gibt KollegInnen die sagten, so eine Prüfung lasse sie „völlig kalt“.

Immer wieder gern gehört, wenn derselbe Kollege dann ein leicht zitterndes Papier während der Prüfung umschichtet. Sicher zu dünnes Papier.

Eine gewisse Anspannung gehört dazu, wenn auch der Prüfer bei 100% sein soll. Ein guter Prüfer ist 2 Punkte wert, ein schlechter kann Dich sogar mehr kosten. Da sollte man sich nichts vormachen.

Der organisatorische Ablauf, hier am Beispiel Mathematik, ist immer identisch:

Schüler sind eine Stunde vor ihrer mündlichen Prüfung in einem Aufenthaltsraum, eine halbe Stunde vor der Prüfung erhalten sie vom Prüfer die Aufgaben, meistens zwei aus verschiedenen Themengebieten, dann bereiten sie sich auf die Aufgaben unter Aufsicht vor und werden anschließend für die Prüfung abgeholt.

Die dauert in der Regel 20 Minuten, manchmal etwas länger.

Da sitzen dann der Prüfer, ein Beisitzer, ein Protokollant und ein Vorsitzender, bis auf den Vorsitzenden sollten alle Fakultas haben, das klappt nicht immer, aber sei´s drum.

Manchmal dürfen noch Gäste, also SchülerInnen zuhören, die ein Jahr später ihre Prüfung ablegen. Das sollte man nutzen, wenn man SchülerIn ist. Weitere LehrerInnen können ebenfalls zuhören, tun es aber selten.

Ich fand es immer interessant, in Philosophie, Religion, Kunst oder Gemeinschaftskunde zuzuhören, wenn das Zeitfenster gerade geöffnet war. Da lernt man manchmal SchülerInnen ganz anders kennen, weil man sie nur aus dem Zahlen- und Buchstabensalat kennt, eine gute Lehre, auch für LehrerInnen.

Man sollte nie vergessen: Als Lehrer war ich für zwei Fächer zuständig, manchmal noch für ein drittes, aber von allen anderen hatte ich wenig Ahnung. Meine eigene Schulzeit als Grundlage und das, was ich so nebenbei las, mehr nicht.

Die meisten LehrerInnen würden Schwierigkeiten haben eine Prüfung in einem Fach zu bestehen, das sie nicht unterrichten.

„Zugegeben, ich kann ziemlich viel in meinen beiden Fächern, wäre auch fatal, wenn nicht. Aber in den anderen acht, die Ihr auch noch habt, könnt Ihr mich vergessen!“, so habe ich das vermutlich ausgedrückt.

Manche LehrerInnen scheinen das manchmal zu vergessen, weil sie in ihrem Fach SchülerInnen überlegen sind.

Wie bereitet man „Lerner“ (ja, das ist modern, geht aber auch wieder weg wie jeder Schnupfen) nun auf so eine Abiturprüfung vor?

Antwort: In den meisten Fällen wenig bis gar nicht. Oft werden nur Themen besprochen, das war´s. Das gehört dazu, ist aber nicht alles, das ist jedenfalls meine Meinung.

Wir haben im Kurs immer Freiwillige gesucht, die eine Prüfung „mitspielen“. Ich habe das exakt wie eine Abiturprüfung vorbereitet, der Ablauf war identisch. Alle Schüler ganz nach hinten an die Wand, vier nach vorne als Protokollanten, Beisitzer mit Zeitnahme und so weiter, ich prüfe.

Ich hatte das so mit einer Nachhilfeschülerin mal geprobt, da war ich noch Student. Wir hatten viel gelacht beim Üben, die war immer lustig beim Rechnen. Aber als ich die aus der Küche abholte zur Probeprüfung im Esszimmer, da zitterte sie etwas, gut, ich hatte sie auch plötzlich gesiezt, wie während der ganzen Prüfung, war ungewohnt. Nach der echten Prüfung rief sie kurz an und sagte, ich sei zehnmal schlimmer gewesen als ihre eigentliche Prüfung. Dreimal, nicht zehnmal, sie übertrieb gern.

Genau! So sollte es auch sein. Man nennt es „gut vorbereitet sein“, das Fachliche ist ein großer Teil davon, aber auch ein großer Teil ist nur ein Teil.

In der Schule hatte ich immer Freiwillige, denn die wirklichen Prüflinge (Das Wort erinnert mich immer an Schmetterling) nahm ich nie. Die denken sonst, ich frage eine Woche später dasselbe, so wie in der Realschule, manchmal, ganz selten, soll es das ja geben.

Die Freiwilligen konnten durch gute „Testprüfungen“ ihre Noten verbessern. Wenn es schlecht lief, haben alle geklatscht und „danke“ gesagt. Es lief selten schlecht. So hatten alle etwas davon.

Auch die Notenbesprechung haben wir gespielt, das gehört dazu, dann wissen die Schüler, welche Argumente vorgebracht werden können und so weiter, den größten Teil musste ich selbst in den verschiedenen Rollen spielen, aber das war dann auch egal. Es war etwas Spaß dabei, wenn meine Stimme ganz anders wurde. Muss sein der Quatsch, ein wenig Unterhaltung gehört dazu, eine Prüfungsvorbereitung ist keine Beerdigung.

Der schlimmste Moment für den Schüler ist der, wenn er aus dem Vorbereitungsraum abholt wird und dann durch einen circa 30 Meter langen Gang neben seinem ihn prüfenden Lehrer an den Ort der Prüfung gebracht wird, da war ich mir immer ziemlich sicher.

„Wenn Ihr das geschafft habt, dann ist die Prüfung schon fast vorbei!“

Ich habe jetzt die Nase voll von diesem -In und -Innen. Schon in meiner Examensarbeit, 1991 oder so, da ging es darum, Schülerinnen und Schüler zu schreiben. In den 80ern, da studierte ich mit Stefan, habe ich schon mal erwähnt, er war recht links und alle Texte hatte beide Formen, das ist jetzt 40 Jahre her. Man konnte es kaum lesen.

Da hat Stefan wutentbrannt einen schwarzen Stift genommen und eine Form im ganzen Text durchgestrichen. Er, links, ich sollte es niemandem sagen. Würde ich nie machen. Ja, ich weiß, wozu das gut ist, aber ich will nicht mehr Kulturstaatsminister werden.

Lasst uns in 40 Jahren wieder darüber reden, und es wird genauso sein wie heute. Viel Gewürz, aber kein Fleisch.

Während sich also der „Probeschmetterling“ 30 Minuten vorbereitete, hatten wir genug Zeit, genau dies zu üben, den Weg in den Raum der Prüfung, an den Ort, über dem dunkle Wolken schweben. Also alle in den Vorbereitungsraum und dann wortlos durch den dunklen Gang in den entfernten leeren Prüfungsraum mit dem Wasserglas, der Tafel und den sitzenden Lehrern mit den leeren Blicken nach 10 Prüfungen. Formel 1-Fahrer sitzen oft vor dem Start noch in der Box oder schon hinter dem Lenkrad, schließen die Augen und dann fahren die im Geiste den Kurs ab, das gibt es bei Skifahrern auch.

In der Schule habe ich mich über jedes kleine, leise „Oh, Scheiße“ auf dem Probeweg in den Prüfungsraum gefreut. Man fährt die gefährliche Runde in Monaco einfach sicherer, wenn man die Kurven, speziell vor den Casino, schon kennt.

Schule-Teil 5-„Spezialfälle“ (in German only, sorry)

Schule-Teil 5-„Spezialfälle“ (in German only, sorry)

Ist Euch das aufgefallen, dass das Wort Junglehrer, es ist ein altes Wort, ich glaube ich habe es von meinen Eltern, …. nun, ist Euch aufgefallen, dass das mit „Jungle“ anfängt?

Genau, so ist es auch, ein Dschungel, keine festen Wege, viel Regen, es geht heiß her, wilde Tiere gibt es, Schlangengruben auch.

Besonders bei Kollegen.

Neues ist da oft nicht gern gesehen.

Nach dem Referendariat hatte ich mich bereits nach Dänemark an eine deutsche Schule „abgesetzt“, sah alles gut aus dort, aber Apenrade ist klein und nicht so ganz der Ort zum Leben. Urlaub gern.

In Schleswig-Holstein gab es ja keine Stellen.

Dann wurde ich aus der Landeshauptstadt angerufen, ich könne eine Schwangerschaftsvertretung an zwei Berufsschulen unserer alten Stadt übernehmen, Schwerpunkt Fachgymnasien.

Als ich berichtete, dass ich eine Stelle in Dänemark habe, da wusste er davon schon.

Ich sagte ihm, dass ich einen Tag später zurückrufen werde. Das war an sich eine Frechheit, aber er war einverstanden, einen Tag zu warten.

Am nächsten Tag habe ich ihm gesagt, dass so ein Vertrag für 10 Monate für mich keinen Reiz habe, es gäbe Dänemark und auch noch andere Länder, meine Noten waren ja nicht die schlechtesten.

„Nun, ich kann Ihnen das nicht schriftlich geben, aber Sie können davon ausgehen, dass Sie an einer dieser Schulen bleiben können. Mehr darf ich nicht sagen.“

Gut, dann habe ich zugesagt.

An der einen Schule bekam ich das erste Mal keinen Schulschlüssel, höchst bemerkenswert, nach einer Woche hörte ich mehrfach „Schlüssel bekommen nur die Abteilungsleiter, sonst nur der Hausmeister.“


Dann habe ich ein Schreiben mit einem Antrag auf einen Schulschlüssel gestellt, mit Begründung … Physik, neue Sammlung … etc.“

Am nächsten Tag hatte ich den Schlüssel.

„Aber dafür brauchen Sie doch keinen Antrag zu stellen, Herr Bruno, … es muss aber nicht jeder wissen.“

Als ich einer FOS den Raum aufschloss, hörte ich von Schülern, die älter als ich waren, „Na, super, ein Schüler vom letzten Jahr.“

Der Anfang -speziell an der Schule B- war bemerkenswert.

Ich hatte einen Termin mit dem Direktor schon vor den Sommerferien, danach sollte ich dort anfangen, ich bekam sofort einen Leistungskurs.

Die Kollegen rieten davon ab, die wollten den selbst, wie auch die anderen 20 Jahre. Er empfahl mir, mich mit einer „erfahrenen Kollegin“ zu treffen.

Sie war aus einem anderen Jahrhundert.

„Ich bin die Auguste, wir Mathematiker duzen uns alle an der Schule, Martin.“

„Martin, wir geben in der elften Klasse am Ende des Schuljahres grundsätzlich einem Drittel der Schüler eine 5 oder 6 und wir wollen auch, dass das so bleibt.“

Dieser Satz ist ein Original, er ist fest eingebrannt auf meiner geistigen Festplatte.

„Ich verstehe, worauf Du hinaus willst, Auguste. Ich bin ja noch neu, sind Klassen nicht manchmal unterschiedlich leistungsstark? Also, muss man nicht auch manchmal der Hälfte der Schüler eine 5 geben?“

„Ja, Du hast Recht, das kann auch vorkommen.“

„Dass es auch bessere Klassen gibt, das ist sicher sehr selten, oder?“

„Nein, das hat es noch nie gegeben.“

Am Ende des ersten Jahres, ich hatte eine tolle Klasse, da gab ich nur drei Fünfen. Von da an war ich die neue Ella. (Das versteht Ihr erst einen Absatz später, ist nicht schlimm, ich gebe keine Zensuren mehr.)

Auch noch als ich später leistungsschwächere Klassen hatte und auch mal im Drittelbereich mitspielen musste, ich blieb „Ella“. Dazu könnte ich noch mehr sagen, also warum und wann schlechte Noten sinnvoll sein können, aber hier passt es nicht.

Am ersten Tag im Lehrerzimmer, ein Kollege für Zahlen weist mich ein:

„Hier sitzen wir Mathematiker, ich, der Hartmut, die Auguste, die Du schon kennst, der Walter, der Matthias und die Mulla. Der Stuhl da, der ist noch frei. Da saß die Ella, die passte nicht so zu uns.“


Dass er sich als erstes nannte, nun, das passte, Mulla hatte gar nicht Mathematik studiert, so munkelte man, konnte aber nur das, so rudimentär jedenfalls, Blätter verteilen und nachrechnen.

Also musste die immer mit Mathestunden im Gymnasium versorgt werden, so lief das da an der Schule B. Manchmal kommen Menschen in eine Position und irgendwann weiß keiner mehr so recht, warum die da gelandet sind, sehr ominös.

Das ganze kam mir wie eine Drohung vor „wer nicht bei uns sitzt, ist gegen uns“.

„Oh, danke, sehr nett! Gibt es hier ein Raucherzimmer?“

Ihr könnt Euch den Rest denken, ich bekam den Platz vom Ludwig, der bis zur Pension immer einen Schuss Finlandia im Tee aus der Thermoskanne hatte.

Da war es lustig, da saßen der Künstler, der Deutschlehrer, die Informatiker, manchmal flossen Tränen vor Lachen. Bei Geburtstagen gab es ein opulentes Frühstück, die Abteilungsleiter kamen gern und wurden locker, es war wie eine Großfamilie.

Und links neben mir Horsti mit den besten Sprüchen „Na, Maddin, heute wieder das Thema ´Die Klingel´ in Physik? Oder nach 2 Wochen Klingel jetzt ´Die Luftpumpe´, Du Luftikus?“

Dann noch der Pastor, den man auch „Gott“ nannte, er war irgendwann an einer Schule gelandet, die Gründe blieben unklar, weil er ja auch manchmal Gottesdienste hielt.

Er fühlte sich wohl mit den jungen Menschen.

Und Kaffee gab es immer.

Steven kaufte ihn ein und lagerte ihn in seinem 3er-BMW-Kofferraum, eine Packung holte er nur, wenn sie gebraucht wurde, damit nichts gestohlen wurde.

Klar, der hat uns immer etwas beschissen, aber dafür mussten wir nicht einkaufen gehen.

Er war ja Nichtraucher, zu teuer das Rauchen. Jeder hatte dort seine kleinen Macken.

Captain Bounty zum Beispiel, der kommentierte gern das Aussehen von Schülerinnen, er vergab Punkte, er fand das lustig, aber es war auch höchst peinlich, wenn man das anhören musste. Gelacht haben wir leider manchmal trotzdem. Verwandte wird man nie los, Kollegen sind ein ähnlicher Fall.

Da braucht es einen Modus Vivendi, wie der Spanier sagt. 🙂

Die Rettung war dann oft der Horsti.

Es klopft an der Lehrerzimmertür, Horsti macht auf, die Schwaden ziehen ins Treppenhaus, er schließt die Tür und ruft dem Bounty zu:

„Captain, da stehen 15 Punkte für Dich draußen und wollen mit Dir sprechen.“

So schnell war der Captain noch nie an der Tür! Dann kam er zurück „Wie jetzt, 15 Punkte, Horsti?“

„Na, alle vier zusammen, ist doch klar, Captain!“

Lehrer scheinen auch Menschen zu sein, manches darf aber keiner wissen.

Und es gab auch Lehrerinnen, die Schüler richtig niedlich fanden. Ein guter Satz, auf zwei Weisen lesbar, nicht wahr? Auch das sollte erwähnt werden, weil es ja sonst keiner tut.

Übrigens gestand mir ein Schüler einer Klasse, die ich gar nicht kannte, im zweiten Jahr seine tiefe Zuneigung. Nicht einfach zu lösen, solche Begebenheiten. Ich kannte ja schon die Frau, die später die beste Ehefrau von allen, die ich je hatte, wurde.

Zwei Jahre vergingen schnell, an der einen Schule hatte ich eine elfte Klasse mit einem tollen Mathematiker, der konnte fast alles.

Mit seinem älteren Bruder spielte ich Beachball am Strand.

Nun ja, der schrieb also Einsen in den Arbeiten, fehlte aber in 70% der Unterrichtsstunden, meistens unentschuldigt. Der Michi. Und nun?

Was macht man jetzt? 6/00 Punkte habe ich am Jahresende eingetragen, deshalb musste er wiederholen. Nur wegen Mathematik. Offenbar war er in den anderen Fächern immer anwesend gewesen.

Kleiner Scherz, Freunde.

Er fiel aus allen Wolken, ich hatte gemahnt und gemahnt, es half ja nichts.

Und wenn Ihr jetzt meint, das sei ungerecht, dann dürft Ihr mir das gern schreiben.

Nach dem Sommerferien saß er aber wieder in meinem Kurs, in derselben Klassenstufe wie im letzten Jahr.

„Michi, Mann, was ist denn jetzt los? Das müssen Sie sich doch nicht zweimal antun!“

Nein, er habe sich das überlegt, er wolle nochmal in meinen Kurs. Es lief super, zum Schluss hatte er seine Eins. Gut, er fuhr nachts Taxi, er brauchte das Geld. Im Unterricht schlief er oft ein, mit dem Kopf schräg auf dem Tisch, aber er war im zweiten Jahr immer da, auf seinem Platz hinten links in der letzten Reihe.

„Herr Bruno, der Michi ist eingeschlafen!“

„Ja, habe ich gesehen, lasst ihn mal, dann müsst Ihr eben etwas leiser sein.“

Und die Josephine, die hatte es geschafft in der Realschule eine 5 in Mathe zu bekommen, jetzt machte sie die Fachhochschulreife, im ersten Jahr scheiterte sie an Mathematik, nicht bei mir, es war eine 6.

Bei mir schrieb sie im Wiederholungsjahr auch immer eine 6. Es lag ihr nicht, Zahlen und Buchstaben, das kann verwirren, aber die anderen Fächer waren alle ohne Probleme und alles war „glatt“, wie man sagte.

Am Ende des Jahres gab ich ihr eine 5. Sie war immer da, sie hatte sich immer Mühe gegeben, gefragt und gerechnet, falsch, aber sie hatte das schönste Heft der ganzen Klasse, aber sie konnte es eben nicht.

Es gibt Wichtigeres im Leben als ein paar Zahlen und Buchstabensalat. Eine 5 sagt in ausreichendem Maße aus, was jemand in Mathematik kann. Ein Kollege spottete über meine 5, er hatte ja die 6 im Jahr zuvor gegeben.

Im Prüfungsjahr wieder dasselbe Spiel, als Vornote gab ich meine 5, Abschlussarbeit 6, dann entschied ich ohne mündliche Prüfung für die Note 5 und sie hatte ihre Fachhochschulreife.

Und wenn Ihr jetzt meint, das sei ungerecht, dann müsst Ihr mir das schreiben.

Nach zwei Jahren wurde ich von beiden Schulen für eine volle Stelle angefordert.

Im Raucherzimmer teilte mir die Direktorin von A mit verschwörerischer Stimme heimlich mit „Sie bleiben bei uns! Ich habe es nur noch nicht schriftlich.“

Da konnte ich nur Mathematik unterrichten, die Ausstattung war auch nicht so toll, das Raucherlehrerzimmer viel zu klein.

Wie schreibt man Raucherlehrerzimmer korrekt? RaucherInnenLehrerInnenzimmer? RaucherInnenLehrendenzimmer? Zimmer für rauchende Lehrende?

Ok, das gibt es ja nicht mehr. Vielleicht ist das der Grund, der Name.

Außerdem hatte mich bei A einer ein „Zuckerpüppchen“ genannt, weil ich ja Gymnasiallehrer war, ich war ja kein Handelslehrer. Ich wollte also lieber an die andere Schule B, also rief ich in Kiel an, den Herrn kannte ich ja schon.

„Sie müssen jeweils an Schule A und an Schule B jemanden für Mathematik schicken, richtig? Ich habe gehört, dass ich nach A gehen soll, aber ich will lieber B sagen.“

„Ja, wenn Sie das wollen, meinetwegen, dann ändere ich das und der andere geht nach A.“

Super, das hatte geklappt.

Natürlich Enttäuschung bei Frau A, mich falsch informiert zu haben, es war ein „Missverständnis“ im Kontakt mit Kiel, ja, das kommt vor, gerade mit Kiel.

Schade.

Dann vor den Sommerferien noch der Ausflug mit den Kollegen der Schule B, wir trafen uns in einem Dorf am Rande der Stadt, viel Grün da.

Es war warm, der Direx von B trug sein Hemd weit geöffnet, er trug eine große schwarze Sonnenbrille, Metallrand, auch schwarz, schlicht der Rest. Gürtel und Schuhe in derselben Farbe, wie bei Lothar Matthäus. So war es Anfang der 90er nach dem WM-Titel in Rom unter Beckenbauer. Der Elfmeter von Brehme, Maradona sehr traurig, er weinte.

Sorry, ich verlaufe mich in den großen Erfolgen meiner Jugend, also der Direx, gekleidet etwas wie bei der Mafia, so sah das aus. Das war ein Scherz.

„Na, Herr Bruno, Glückwunsch! Sie bleiben bei uns, an der B, dann freuen Sie sich mal!“

Kurzer Griff an den Rahmen der Sonnenbrille, ich konnte seine Augen nicht sehen, die Hitze, die brennende Sonne von Palermo, Ihr wisst schon. Er nuschelte ein wenig, fast wie in einem Film.

„Ach, das freut mich wirklich, sehr schön, mein Pate!“

„Ich habe Ihnen doch gesagt, wenn ICH das in die Hand nehme, dann klappt das auch!“

Ich habe diese Geschichte niemals jemandem erzählt, niemals. Man nennt es „Omerta“.

Und wenn Ihr jetzt meint, das sei alles unfair von mir gewesen, dann müsst Ihr mir das schreiben.

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Und nein, ich habe den Aufmacher aus der ZEIT noch nicht gelesen, das tue ich, wenn ich hier fertig bin.

Dog walk and a cake-Cake walk and a dog

Dog walk and a cake-Cake walk and a dog

Well, no one would guess it, but over time I have developed a few habits that set a certain rhythm. You need constants in life, whether it’s the bakery, a fixed time to get up, or a fixed time to walk the dog in the late morning. Constants are not only the simplest case imaginable in mathematics, but also outside of it! There are dog trainers who say that dogs need variety, not fixed routes. Unfortunately, our dog missed the program, probably during one of his rest periods. He loves the fixed route along the water and back through developed areas. I run this loop alone, without the best wife I’ve ever had. My wife has a habit of spending the morning doing paid work.

This morning loop usually takes 43 minutes. A dog like this covers at least twice the distance. It can also be 41 minutes if it’s raining, but that’s because the dog also likes something dry and speeds up his steps, he doesn’t like to get wet. The other day I wanted to give him a shower, so I went down to the basement to get two big towels, I didn’t say a word, but he was right under our double bed. He knows exactly what a ritual is.

When we meet Picasso for a walk, which is rare, it can take 48 minutes. Just saying hello to two dogs takes about 30 seconds, but as I said, Picasso is usually in his studio or somewhere else at that time. Picasso doesn’t go into the large garden at home alone, he finds it too lonely. He weighs an estimated 45 kg and protects his home from the inside. The time window of 41 to 48 minutes, which is flexible for me as you can see, has unfortunately shifted and that’s because of this café in our part of town. It’s on a street corner and has outdoor seating and two beach chairs. I tend to make the outdoor seating dependent on the weather, I don’t commit to that in advance.

It is the best café in the world, and you know very well that I am an extremely reserved, cautious person when it comes to superlatives, and would never give my emotions free rein in matters of fact. So we have to plan a break of about 25 minutes. This extends the time window for the late morning round to 66 to 73 minutes, so it is still a plannable element in the daily routine. The first visit was difficult, but after that the problems diminish with repetition. It’s like having a first boyfriend or girlfriend.

The dog got a slice of smoked turkey breast there about 4 years ago, I think. He got it from a gentleman who works there, with a full beard, who always wears heavy metal band t-shirts, usually black. As you can see from the turkey breast, he is very friendly, but not a service person like you might expect. It’s more like you’re visiting him and he’s forbidden you to help or get up. But you still pay for what you eat. And these cakes, you wouldn’t believe them. Bündner Nuss, cheese cream with poppy seeds, chocolate cake, fruit elements, caramel cake, the selection changes every day. There are also these little French things in delicate pastel colors. Our daughter loves them, especially because they come from France. I can’t think of the name, but you know what I mean. France, Marion Cotillard, Platini, Becaud, Lagerfeld, snails in Paris in garlic oil, the Carlton in Cannes, Vanessa Paradis, the Negresco in Nice, perfume from Grasse, they’re in that league.

I often see people I know in the café, some teachers from the elementary school across the street, staff from the kindergarten next to the church in the other direction, and the pastors of the church, they also appreciate the quality, there’s no need to say a quick prayer. I also meet the neighbors, I greet them in a friendly but reserved way, but I don’t want to be a nuisance, it also puts my schedule at risk to a certain extent, the time slot is flexible, yes, but it’s not a sliding door either.

Sometimes I thought I’d leave a piece of cake for the next day. It could be that after 31 minutes of walking I’ve already planned a caramel cake, but then it’s not there and I have to reschedule the day, unthinkable. It’s like a mathematical problem without a solution, but even the four-color problem could be solved in the end. Something like that always encourages me to accept adversity, like a missing cake flavor. Now the friendly gentleman with the full beard and perfect tattoos wasn’t there anymore, but a young woman, also tall, no full beard, of course, no heavy metal. It took me less time than usual to get used to it. If he was on vacation, I would have liked to know before, but I don’t want to be petty. The cake stayed the same, as did the coffee and the dog. As I said, constants have their appeal.

In short, I have to go there every morning because of the dog, he stays outside the door, tugging at the leash is pointless, he wants to trace the memory of the cured slice of turkey breast. I give in.

Hundespaziergang mit Kuchen-Kuchenspaziergang mit Hund

Hundespaziergang mit Kuchen-Kuchenspaziergang mit Hund

Nun, es wird keiner vermuten, aber im Laufe der Zeit habe ich einige Gewohnheiten entwickelt, die einen gewissen Rhythmus vorgeben. Man braucht Konstanten im Leben, ob es der Bäcker ist, eine festgelegte Zeit zum Aufstehen oder eben eine feste Hunderunde am späten Vormittag.

Konstanten sind nicht nur in der Mathematik der einfachste vorstellbare Fall, auch außerhalb! Es gibt ja Hundetrainer, die sagen, dass der Hund Abwechslung braucht, keine festen Wege, die beschritten werden. Unser Hund hat die Sendung leider verpasst, vermutlich lief sie in einer seiner Ruhephasen. Er liebt die feste Runde am Wasser entlang und durch bebautes Gebiet zurück. Ich gehe diese Runde allein ohne die beste Ehefrau von allen, die ich je hatte. Meine Frau hat die Gewohnheit, den Vormittag mit bezahlter Arbeit zu verbringen.

Diese Morgenrunde erfordert in der Regel ein Zeitfenster von 43 Minuten. So ein Hund legt ja mindestens die doppelte Strecke zurück. Es können bei Regen auch 41 Minuten werden, aber das liegt daran, dass auch der Hund etwas Trockenes gern hat und seine Schritte beschleunigt, er wird nicht gern nass. Kürzlich habe ich ihn duschen wollen und ging nur in den Keller, um zwei große Handtücher zu holen, ich sagte kein einziges Wort, aber er war sofort unter unserem Ehebett. Der weiß genau, was ein Ritual ist.

Wenn wir auf der Runde Picasso treffen, ein seltener Fall, dann können es auch 48 Minuten sein. Schon die Begrüßung zweier Hunde dauert um die 30 Sekunden, aber wie gesagt Picasso ist um die Zeit meistens im Atelier oder sonst wo. Picasso geht allein nicht in den großen heimischen Garten, das ist ihm zu einsam. Er wiegt geschätzt 45kg und schützt sein Heim vom Innenbereich aus.

Das Zeitfenster von 41 bis 48 Minuten, flexibel bei mir, wie Ihr ja seht, hat sich leider verschoben und das liegt an diesem Cafe in unserem Stadtteil. Es liegt an einer Straßenecke und bietet auch im Außenbereich Sitzplätze sowie zwei Strandkörbe. Ich pflege das Sitzen im Außenbereich von der Wetterlage abhängig zu machen, ich lege mich in dieser Hinsicht nicht vorab fest.

Es ist das beste Cafe der Welt und Ihr wisst genau, dass ich bei Superlativen ein äußerst zurückhaltender, behutsamer Mensch bin, der seinen Emotionen in Sachfragen niemals freien Lauf lassen würde. Es ist also eine Pause einzuplanen, die ungefähr 25 Minuten dauert. Das weitet das Zeitfenster für die späte Vormittagsrunde auf 66 bis 73 Minuten aus, es handelt sich also durchaus noch um ein planbares Element im Tagesablauf. Der erste Besuch war schwierig, danach nehmen die Probleme durch Wiederholung ab. Es ist wie mit der ersten Freundin oder dem ersten Freund.

Der Hund hat vor 4 Jahren dort einmal eine Scheibe Putenbrust bekommen, gepökelt, glaube ich. Er bekam sie von einem dort arbeitenden Herrn mit Vollbart, er trägt immer T-Shirts von Heavy-Metal-Kapellen, meistens in Schwarz. Wie an der Putenbrustgabe zu ersehen ist, ist er sehr freundlich, dabei aber keine Servicekraft wie man vermuten könnte. Es ist eher so, dass man sich fühlt als sei man bei ihm zu Besuch und er habe verboten, dass man hilft oder aufsteht. Man bezahlt den Verzehr aber dennoch.

Und diese Kuchen und Torten, Ihr glaubt es ja nicht. Bündner Nuss, Käsesahne mit Mohn, Schokoladentorte, Fruchtelemente, Karamellkuchen, jeden Tag wechselt das Angebot. Es gibt auch diese kleinen französischen Dinger in den hauchzarten Pastellfarben. Unsere Tochter liebt sie sehr, vor allem, dass sie aus Frankreich kommen. Ich komme nicht auf den Namen, aber Ihr wisst schon. Frankreich, Marion Cotillard, Platini, Becaud, Lagerfeld, Schnecken in Paris in Knoblauchöl, das Carlton in Cannes, Vanessa Paradis, das Negresco in Nizza, Parfum aus Grasse, …. in der Liga spielen die Dinger.

Häufig sehe ich im Cafe Menschen, die ich kenne, einige LehrerInnen der Grundschule schräg gegenüber, MitarbeiterInnen des Kindergartens neben der Kirche in der anderen Richtung, zusätzlich die PastorInnen der Kirche, auch sie wissen die Qualität zu schätzen, ein Stoßgebet erübrigt sich.

Auch Nachbarn treffe ich an, ich grüße freundlich, aber zurückhaltend. Ich will jedoch nicht störend einwirken, es gefährdet in gewissen Maße auch meine Ablaufpläne, das Zeitfenster ist flexibel, ja, es ist aber auch keine Schiebetür.

Manchmal habe ich schon gedacht, ich lasse mir ein Stück Kuchen für den nächsten Tag zurücklegen. Es kann ja sein, dass ich nach 31 Minuten Weg schon fest einen Karamellkuchen eingeplant habe, dann ist der aber nicht da und ich muss den Tag umplanen, nicht auszudenken. Das ist dann wie ein mathematisches Problem ohne Lösung, aber selbst das Vierfarbenproblem konnte ja letztendlich gelöst werden. So etwas ermutigt mich immer wieder, auch Widrigkeiten wie eine fehlende Kuchenvariante in Kauf zu nehmen.

Jetzt war der freundliche Herr mit dem Vollbart und den perfekten Tattoos schon einige Male nicht da, aber dafür eine junge Frau, auch groß, kein Vollbart, klar, kein Schwermetall. Ich konnte mich in kürzerer Zeit als sonst daran gewöhnen. Wenn er im Urlaub ist, dann hätte ich das gern vorher gewusst, aber ich will nicht kleinlich werden. Der Kuchen blieb ja identisch, der Kaffee und der Hund auch.

Wie bereits erwähnt, Konstanten haben durchaus ihren Reiz.

Kurz, ich muss wegen des Hundes jeden Vormittag dort einkehren, er bleibt vor der Tür sitzen, das Zerren an der Leine ist zwecklos, er will der Erinnerung an die gepökelte Scheibe Putenbrust nachspüren. Ich gebe dem nach.

Schule-Teil 4-„Irgendwas über Lehrer“ (in German only, sorry)

Schule-Teil 4-„Irgendwas über Lehrer“ (in German only, sorry)

So, wenn dann eine „Junglehrerin“ oder ein „Junglehrer“ die Zeit des Referendariats erfolgreich beendet hat und sogar durch glückliche Umstände zu einer vollen Stelle an einem Gymnasium kam, dann, ja dann fangen die Problem nämlich erst richtig an.

Im sogenannten zweijährigen „Vorbereitungsdienst“ lernt man vor allem, wie man perfekte Stunden gibt, für die betreuende Lehrkraft, für den Seminarleiter bei den zahlreichen Unterrichtsbesuchen, für die benoteten Lehrproben, bei denen auch die anderen Referendare anwesend sind und schließlich für die abschließenden Prüfungen.

Ich weiß gar nicht mehr, wie man das nannte oder heute nennt, ist auch egal, „you´ve got the picture“.

Im Referendariat sind LehrerInnen (gar nicht so unpraktisch, diese Schreibweise) oder Lehrende mit 10 bis 12 Wochenstunden sehr gut ausgelastet.

Aber danach kommen Dir dann in einer dunklen Gasse 25 Wochenstunden im schwarzen Umhang mit doppelt so vielen Klassen entgegen.

Sie lächeln nicht, sie fletschen die Zähne.

Darauf ist keiner auch nur ansatzweise vorbereitet.

Erhöht der junge Lehrer seinen Arbeitsaufwand proportional zur Stundenzahl, ist er nach 2 Jahren pensionsreif, das ist nicht zu schaffen. Behält er seinen Arbeitsaufwand bei, dann gibt er Unterrichtsstunden mit denen er fast immer unzufrieden ist, weil man ihm vermittelt hat, wie ein guter Unterricht auszusehen hat.

Keine gute Lösung.

Auf Deutsch: So eine Ausbildung erzeugt leider von Anfang an mit sich selbst unzufriedene Lehrer, wenn sie denn einen höheren Anspruch an sich haben.

Es gibt auch die, die es nach dem Referendariat nur noch laufen lassen, es klingelt bald, die Ferien wollen geplant werden, nachmittags dann noch Kurse an der VHS, gibt es alles.

Im Unterricht laufen viele DVDs, der Spitzname ist „Mr. Deejay“, egal, verbeamtet ist verbeamtet.

Nein, so sind nicht alle.

Ob die Fachleiter selbst mit einer vollen Stelle solch perfekt geplanten Unterricht anbieten können? Ich habe da meine begründeten Zweifel.

Ich durfte am Anfang meiner Zeit als Referendar meinen Seminarleiter für Mathematik in eine Sexta begleiten, für nur eine Stunde.

Ich fand diesen Seminarleiter toll, ein Mathematiker wie ich ihn selten kennengelernt habe: Tolle Ideen, eine traumhafte große Schrift, wenn er in meinem Unterricht Notizen machte. Er konnte sehr gut loben, er konnte motivieren, er war ausgleichend, manchmal nicht klar genug, wenn ein Referendar im Unterricht zum Beispiel ständig „Scheiße“ sagte.

Nun gut, also ich mochte den vom ersten Tag an.

Ich mag leider Typen, die nicht dem entsprechen, was man im Allgemeinen erwartet, es sind meistens auch die besten.

Jedenfalls ging seine gut geplante Stunde mit entdeckendem Lernen bei Bruchzahlen in der Sexta total in die Hose.

Die Schüler blieben nicht sitzen, sie hörten nicht zu, es war keine Struktur mehr da, er fing an zu verzweifeln, seine Blickwechsel beschleunigten sich. Es war wie eine Schießerei im Western, aber ich stand zum Glück auf der Veranda des Saloons und dachte an einen Whiskey.

Was sollte ich tun? Helfen? Wie denn? Einmal laut werden, wie es meine Art später gewesen wäre? Geht auch nicht.

Er verteilte also eine Strafarbeit nach der anderen bis sein Revolver leer war.

„Hat nicht so gut geklappt, so ist Schule auch manchmal, ich habe viel falsch gemacht“, hat er zu mir auf dem Weg ins Lehrerzimmer gesagt.

Seht ihr, der hatte nämlich „Klasse“, auch wegen der geröteten Wangen. Ich glaube trotzdem, dass er in der Lehrerausbildung besser aufgehoben war als in einem Klassenraum mit 25 SchülerInnen.

Keinem habe ich davon damals erzählt, keinem einzigen. 

„Niemand wird es je erfahren“, das ist jetzt aus „Die Firma“ als Mitch seine Frau betrügt. Sorry, ich komme vom Thema ab. Schule kann sehr zäh sein, wisst Ihr?

Kürzlich berichtete mir noch ein junger Lehrer aus einem Elterngespräch, das Kind hatte nur Einsen im Zeugnis.

Trotzdem machte die Mutter, Professorin, mit jeder Lehrerin und jedem Lehrer einen Gesprächstermin aus. Der Lehrer sollte dann die einzelnen Fragen aus der Klassenarbeit begründen.

Ich habe fast nur in der Oberstufe unterrichtet, ich hatte wenige Elterngespräche, keine Ahnung, was ich mit der Dame gemacht hätte.

Echt jetzt, meine Kinder haben zusammen 24 Jahre Schule hinter sich, ich habe ein einziges Mal einen Termin mit einem Lehrer ausgemacht. Das überließ ich ansonsten gern meiner Frau, der besten Ehefrau von allen, die ich je hatte.

Er, groß und muskulös, Cabriofahrer, tut aber nichts zur Sache, hatte meinen Sohn mehrfach etwas grob angefasst, also körperlich.

Der Termin war kurz, sehr kurz. Er kam nicht zu Wort. Ich diskutiere gern, aber nicht mit solchen „Vögeln“.

Er sprach alle Jungen im Unterricht mit den Nachnamen an, alle Mädchen mit den Vornamen. Die einen waren Konkurrenz, die anderen, nun ja, wie soll ich es sagen?

Jedenfalls wurde er tief rot, stotterte, dann ging ich.

Er war zu meinem Sohn höchst freundlich, die ganzen folgenden Jahre. Alle Jungs hatten plötzlich Vornamen, erstaunlich. Aus Western kann man viel lernen.

Manchmal muss man auch da nur den Griff der Waffe streicheln.

Sorry, ein Einzelfall.

Schule-Teil 3-„Examensarbeiten“ (in German only, sorry)

Schule-Teil 3-„Examensarbeiten“ (in German only, sorry)

Als ich das Referendariat begann, da gab es noch diese sogenannten „Umdrucker“, das kennt Ihr vielleicht gar nicht mehr.

Dieses Verfahren habe ich zwei Wochen lang genutzt. Furchtbar, auf den Matrizen konnte man kaum korrigieren. Es sah auch höchst billig aus, es roch schlecht, es fehlte an Präzision, so kann ich nicht arbeiten.

Damit ich das nicht erklären muss, hier der Wikipedia-Artikel dazu: https://de.wikipedia.org/wiki/Hektografie

Es gab auch schon ein Fotokopiergerät in der Schule, aber jeder Lehrer durfte nur 100 Kopien im Monat anfertigen. 100!

Bei 60 Lehrern kommt man also auf 6000 Kopien monatlich, 72000 Kopien jährlich. Das war ein Kostenfaktor, es geht immer um die Kosten.

Ein Freund von mir hatte zum Glück einen Copy-Shop.

Er gab mir den Schlüssel, ich fuhr morgens vor der Schule neben die Kirche, kopierte, schrieb die Zahl der Kopien auf und fuhr weiter zur Schule.

100 Kopien im Monat, lächerlich, die brauchte ich manchmal pro Tag.

Im zweiten Jahr wurde es besser, 200 Kopien pro Monat, auch noch völlig unzureichend, es sei denn, man macht Unterricht wie er im „Buche“ steht.

Das habe ich nicht ein einziges Mal gemacht, mit einem Buch, das mir vorschreibt, was ich wie und in welcher Reihenfolge zu machen habe.

Dann hätte ich ja auch ins Finanzamt gehen können.

Auf Fragen des Geldes an Schulen komme ich später ausführlich zurück.

In meinem gesamten Lehrerdasein gab es zum Beispiel kaum Geld für den Fachbereich Physik, keinen PC, nichts.

Das lag auch den speziellen Gegebenheiten an dieser Schule, aber Physik ist Physik.

Darüber kann man mal nachdenken, wie man experimentieren soll, wenn kein oder nur altes Material vorhanden ist und nicht einmal Experimente am PC simuliert werden können.

Man simuliert ja kein Leben, das lebt man, man simuliert auch die Natur nicht, man muss sie er-leben.

Gut, es gab Experimentierkästen für Elektrik, Elektronik und Digitaltechnik, eines langweiliger als das andere. Damit konnte die Hälfte der Zeit mit Experimenten  abgedeckt werden. Die Hälfte!

Irgendwann habe ich aufgegeben und für die andere Hälfte nur noch kleine, selbst gebastelte Experimente eingesetzt oder Freihandexperimente.

Die Schüler denken ja vielleicht, man könne es nicht, aber die Hintergründe darf man nicht aufdecken, andeuten kann man das, mehr nicht.

Bücher, ja, die bekamen wir dann doch noch, ein Kollege wollte das, wurden aber nicht benutzt, die waren auch viel zu schwer zu verstehen.

Man lernt Physik nicht aus Büchern.

Zeitsprung:
Die Examensarbeiten, mein Gott, das waren an sich die stressigsten Zeiten in meinem Leben.

Ich kann mit viel Arbeit recht gut umgehen, aber leider fange ich ungern damit an. Ich weiß genau, was ich will, ich habe Material ohne Ende, aber beim Schreiben großer, umfangreicher Arbeiten, da fällt mir der Anfang unendlich schwer, weil mir nichts gut genug erscheint.

Das Scheitern an der ersten Seite kennen auch Romanschriftsteller.

Unter Zeitdruck nimmt die Selbstkritik aber deutlich ab. Zeitdruck und Selbstkritik sind umgekehrt proportional zueinander, notiert Euch das, bitte.

Das endete zweimal zwar mit Beurteilungen, an denen wenig herumzukritteln war, aber auch mit der Anfertigung zweier Examensarbeiten innerhalb von je zwei Wochen.

Die erste in Atomphysik, mit Schreibmaschine getippt, hatte vermutlich nur 60 oder 70 Seiten.

Genauer: Das war eine Arbeit über den Bau einer Elektronenkanone für Auger-Elektronen-Spektroskopie am Hasylab des DESY in Hamburg. Damit wurde dann die Elektronenhülle von Seltenen Erden analysiert, speziell an Samarium.

Das war von Schulstoff ungefähr so weit weg wie der Südpol von der Stadt an der Elbe.

Geschenkt.

Die zweite über eine Einheit in Stochastik in einer Abiturklasse, „schon“ an einem MacIntosh SE30 geschrieben, war ein dicker Schinken. Mit Anhang war sie sicher 140 Seiten schwer.

Ich schreibe das nur, weil ich glaube, dass man sich heutzutage hoffentlich kürzer fassen darf. Über drei Wochen Unterricht 140 Seiten zu schreiben, ist grenzwertig, war aber durchaus üblich.

Die zweite Examensarbeit habe ich in Teilen einer Freundin direkt diktiert, der Anhang war ja gut aufbereitet und dokumentierte einiges.

Sie tippte einfach schneller, mich bremst so eine Tätigkeit beim Denken. Und ich kann im Stehen und beim Herumlaufen besser formulieren als im Sitzen, als Lehrer später kein Nachteil.

14 Tage für 140 Seiten sind kurz, da kann man nicht lange diskutieren, da muss Tacheles getippt werden.

Der Anhang war ja auch praktisch fertig, es mussten nicht 140 Seiten getippt werden. Kaffee, Zigaretten, Diktieren, das war mein Leben für zwei Wochen.

Hinterher, wenn die Kopien noch warm sind, denke ich jedes Mal: „Mann, so ein Stress! Beim nächsten Mal mache ich das anders!“

Andererseits finde ich es auch blöd, sich bis zu einem halben Jahr des Lebens mit einer Examensarbeit herumzuquälen, wenn man die auch in 14 Tagen schreiben kann.

Sicher hätten beide Arbeiten noch etwas besser werden können, aber so richtig ausgezahlt hätte sich das nicht. Da war auch nicht viel Platz frei. 

Wenn man schnell und hochkonzentriert arbeitet, dann ist es einfacher einen roten Faden zu halten, als wenn man das ganze streckt ohne Ende, da verknoten sich Fäden irgendwann.

Ihr merkt es sicher, auch eine dritte Examensarbeit würde ich wieder ebenso angehen. Menschen ändern sich nach dem 15. Lebensjahr nicht mehr entscheidend sondern nur noch in Nuancen.

Kleiner Einschub:
Woher kommt das alles? Bei meinen eigenen Abiturprüfungen musste ich drei schriftliche Arbeiten schreiben, die erste am Montag in Mathematik, die zweite am Mittwoch in Physik, die dritte am Freitag in Latein.

Nun, auch damals habe ich nicht in den Weihnachtsferien wie andere angefangen für die Prüfungen im April zu lernen, auch nicht zwei Wochen vorher.

Zuerst wollte ich das Ganze abbrechen, es sei ja sowieso zu spät, dann habe ich exakt drei Tage vor der ersten Prüfung mit Mathematik begonnen.

Liegend auf dem Boden, auf riesigen Blättern im A2-Format habe ich drei Tage fast durchgerechnet.

Als Mathematik geschrieben war, habe ich mit Physik begonnen, also 48 Stunden vorher, danach wiederum mit der Vorbereitung auf Latein.

Es waren also 8 Tage intensive Arbeit für das Abitur.

Ich kann diese Technik nicht weiterempfehlen und habe das meinen Schülern später meines Wissens auch immer berichtet, wie dumm ich früher war.

Mein Problem war eigentlich, dass das immer sehr gut funktioniert hat.

„Never change a winning Irrsinn“.

Mir wäre viel geholfen gewesen, wenn das irgendwann einmal richtig danebengegangen wäre, einfach aus erzieherischen Gründen.

Schule-Teil 2-„Referendariat“ (in German only, sorry)

Schule-Teil 2-„Referendariat“ (in German only, sorry)

Ja, ja, das gab natürlich einige Reaktionen auf meine Aussagen zum Offenen Unterricht, ist schon klar.

Ihr könnt Euch das vorstellen wie beim Fußball, da gibt es auch verschiedene Spielsysteme.

4-3-3, ein Klassiker zum Beispiel, oder das 3-5-2, das sich zum 5-3-2 wandelt, wenn man nicht im Ballbesitz ist, 5-2-2-1 gibt es auch, es gibt so viel.

Aber wenn Deine Mannschaft nicht aus 11 Weltklasseleuten besteht und nur ein System beherrscht, dann wird das schnell durchschaut und hinten nageln Dir die Gegner einen entscheidenden Ball in der 90sten rein, wenn sie gut kontern …. aber 89 Minuten ein zähes 8-2-0 spielten.

Mit Weltklassespielern braucht man nur einen Ball, mit einem guten Lehrer nur eine Tafel.

Basta.

Flexibel sollte man auch in der Schule bleiben, da helfen auch keine Demonstrationen für Kompetenzorientierung und offene Verteidigung. 🙂

Ach so, das Referendariat.

Am ersten Tag wurde uns vom Seminarleiter erklärt, dass wir unsere Zeit sinnlos opfern, es gäbe sowieso keine Stellen.

Wenn wir also einen guten Job als Taxifahrer oder in der Gastronomie hätten, dann sollten wir dabei bleiben. Ob es diese Beispiele waren, weiß ich nicht mehr, aber der war auch für die ganz modernen Konzepte ohne sie je ausprobiert zu haben.

Eine Stelle in Schleswig-Holstein, nun, ja, wenn man zuletzt überall Einsen hätte, ja, dann könnte es sein, dass uns eine Schwangerschaftsvertretung für 10 Monate über den Berg hilft.

Ich selbst war bis zur Untersekunda Schüler meiner ersten Ausbildungsschule, Zufall eben.

Am ersten Tag begrüßte mich meine alte Lateinlehrerin „Martin, das gibt es ja gar nicht! Was machst Du denn hier?“

Sofort dachte ich, ich müsste gleich wieder Grabsteine übersetzen, sie hatte ein Faible dafür.

Meine erste Klasse war eine Quinta. Ich erinnere mich gut an Pamela, deren Namen ich wie den von „Pamela“ aus Dallas aussprechen sollte. Pamela hat jetzt 5 Kinder, ich habe sie bei einem Stadtfest getroffen, sie hatte sich gar nicht verändert.

Und dann die erste benotete Lehrprobe:

Nun, da sitzen dann hinten in der Klasse die betreuende Lehrkraft, der Fachleiter aus dem Seminar und die 12 anderen Referendare.

Ist etwas eng, wenn noch 25 Schülerinnen dazukommen.

Danach gibt es eine Besprechung, bei der kein Referendar etwas Kritisches sagt, sondern nur das Positive erwähnt.

Der Seminarleiter ist auch stets ganz behutsam und sachlich, schließlich haben wir 6 Jahre studiert und machen die ersten Schritte in einer Schule vor einer Klasse.

Ich hoffe, die Ironie ist minimal spürbar.

Nach der zweiten Lehrprobe bin ich zu beiden Fachleitern gegangen und habe denen gesagt, dass mir das mit den Noten und dem „Einserdruck“ etwas zu viel wird.

Sie sollten ihre Kritik und Verbesserungsvorschläge mitteilen, die Noten wolle ich nicht wissen, sie sollten die für sich behalten.

Praktisch, ich hatte viel weniger Druck.

Ach, richtig, im ersten Jahr bekam ich dann eigenverantwortlich noch den „Friedhof“, wie die eine Obertertia intern hieß.

Die sprachen nicht, die störten nicht, die machten alles, was man denen sagte. Für einen Referendar „genau richtig“.

Furchtbar, ich habe nach vier Wochen gesagt, dass diese angenehme Klasse für andere gut ist, für mich sei sie tödlich.

Das klingt heute lustig, ich empfand das als Niederlage obwohl die Schulleitung es nur besonders gut gemeint hatte.

Die war ich also schnell los, ich bekam die unangenehme Untertertia.

Mann, die haben richtig Spaß gemacht. Einmal standen drei Jungs auf einem Tisch als ich reinkam, mit einer VfB-Fahne in der Hand und skandierten meinen Nachnamen. Damit muss man klarkommen, aber besser als tödliche Langeweile allemal.

Einmal kam auch der Fachleiter für Pädagogik in meinen Unterricht, ein kleiner Mann, sehr drahtig mit hoher Stirn, aber eben nicht nur von seiner Länge her klein.

Nach meinem Unterricht, vorbereitet über drei Stunden wie immer, mit Stundenraster, Arbeitsblättern und dem ganzen „shebang“, fragt er in der Besprechung nur:

„Haben Sie die ganze Stunde nichts gemerkt?“

Ich verneinte, eine merkwürdige Frage allemal. Er wiederholte die Frage.

Dann „da lag doch ein Taschentuch in der Mitte des Raumes!

Da hätten Sie doch einen Schüler auffordern müssen, es aufzuheben!“

An den Rest erinnere ich mich nicht, ich habe wohl gar nicht mehr zugehört.

Den Umgang mit Vollidioten lernt man am besten frühzeitig. Eine Schule hat oft passende Angebote. Gut für das gesamte Leben!

Weil ich so viele Lehrer und Lehrerinnen meiner ersten Ausbildungsschule noch kannte, habe ich meist im Raucherlehrerzimmer gesessen, mit Enno und seiner Pfeife, der nie sprach.

Ich hatte ihn früher in Englisch, da erzählte er ganz viele Heldensagen aus seiner Jugend. Irgendwie war der wie ich heute.

Das Lehrerzimmer hatte eine breite Fensterfront zum Schulhof, es war gleichzeitig eine Lehrerbücherei, die Wände waren voller Bücher.

Wunderbar.

Die Schüler winkten manchmal, man selbst ohne Zigarette zurück. Schwierig.

Dann saß der Kunstlehrer da, der sprach auch nicht immer, hinten in der Ecke der Deutschlehrer, der meistens mit seinem großen, schwarzen Hund in den Unterricht ging, dazu der eine Mathematiker, vor dem ich so viel Respekt hatte, dass ich ihn zwar gern nach seiner Meinung fragte, aber lieber nicht als Mentor wählte.

Auch so ein Realist, der war auch nicht gerade jung. Er rauchte ohne Filter.

Die Kaffeemaschine lief immer, es war der Ort der Ruhe in der Schule, ganz anders als das gesunde Lehrerzimmer und genau wie man es nach einer Doppelstunde braucht.

Nie voll, nie eng, es gab fünf kleine Tische. Man unterhielt sich selten, jeder blieb an seinem eigenen Tisch.

Ruhig, kein Gequassel, viel Kaffee und Birgit, eine andere Referendarin, aber für Französisch und Deutsch. Wir saßen als einzige zusammen.

Für die Lehrproben trug sie immer schwarz und kurz, ihre Noten waren super.

Der Rest auch.

Mir stehen kurze Hosen nur beim Fußball, schade. Schon im ersten Jahr saß ich immer mit den „anderen Fächern“ zusammen, ich weiß auch nicht, weshalb.

Am Ende des Referendariats, Prüfungslehrprobe in Mathematik, Unterprima, Analytische Geometrie.

Da ging es ja um den „entdeckenden Unterricht“, das war das Mantra.

Manchmal haben die Schüler „vorher“ aber gerade 4 Stunden Deutsch geschrieben oder sie haben den 5km Lauf absolviert, jedenfalls ist nicht jeder Tag der beste für eine Entdeckungsreise.

Ganz blöd, wenn in der Prüfung die Schüler trotz zahlreicher Impulse vom Lehrer nicht auf die Lösung kommen, die sie ja entdecken sollen. Wenn das nicht klappt, dann waren die Impulse falsch gesetzt.

Logisch.

Einschub: Schnitt von zwei Ebenen, genau, das war es. Ich hatte denen jeweils zu zweit zwei verschiedenfarbige Pappebenen vorbereitet, eine mit einem Schlitz. Dann war sozusagen ein Entscheidungsfahrplan gesucht für die Fälle Schnittgerade, Parallelität und Identität der Ebenen. Und für den Fall, dass die Ebenen windschief sind.

Kleiner Scherz.

Die Fälle sind schnell klar, danach geht es ans Eingemachte. Man kann das unterschiedlich lösen, das macht es interessant. Zum Schluss Anwendung des erarbeiteten Fahrplans am Beispiel.

Im Prinzip eine schlichte Struktur wie in fast jeder Stunde.

Oder wie einer meiner Mentoren sagte: „Sie dürfen von sich nicht immer eine Eins oder Zwei erwarten, das geht nicht. Die normale Unterrichtsstunde ist im Schnitt eine 3- und dann ist es schon gut gelaufen!“

Dann muss man also in diesem kranken System für die Prüfung eine gesunde Lösung finden.

Also nimmt man die beste Schülerin einen Tag vor der Prüfung zur Seite und sagt.

„Morgen ist ja meine Prüfungslehrprobe, Elisabeth.“

Mehr musste ich gar nicht sagen, ich wollte ja nur eine Notärztin im Raum haben, falls es total hakt.


„Klar“, sagte Elisabeth, „ich habe mir mit Kai schon überlegt, was Sie so machen könnten. Wir sind ganz gut vorbereitet, wenn die anderen nicht darauf kommen.“

„Aber bitte erst nach 15 Minuten!“

„Herr Bruno, wir sind keine Anfänger, wir haben 12 Jahre Erfahrung.“

Das war´s.

Ich musste nicht „schummeln“, das machten die ja schon.

Schülerinnen und Schüler sind eigentlich immer die Rettung, wenn etwas nicht läuft.

Schule-Teil 1-„Mentoren“ (in German only, sorry)

Schule-Teil 1-„Mentoren“ (in German only, sorry)

Wenn man Lehrerin werden möchte, dann brauchte man früher, als ich noch jung war, zwei Abschlüsse.

Erstens ein Staatsexamen an der Universität in drei Fächern, bei mir waren das Mathematik, Physik und Pädagogik.

Das letzte gehört auch da hin, das konnte man vergessen, alles Theoretiker, die von realem Unterricht keinen Schimmer hatten, ich sage das heute und ich dulde keinen Widerspruch, versucht es gar nicht erst.

Für angehende GymnasiallehrerInnen waren Vorlesungen und Seminare identisch mit denen für angehende DiplomphysikerInnen und DiplommathematikerInnen.

Schon weil es zwei Studiengänge waren, war das natürlich im Vergleich reduziert, aber inhaltlich war man nach einer Woche bereits im Sternenhimmel über der Thematik für eine 13te Klasse, also wenn ich mal ein großen Eisen rausziehe.

Es gab die Verpflichtung, während des jahrelangen Studiums ein Schulpraktikum zu absolvieren.

Ich glaube, es waren zwei Wochen gefordert. Wenn man sich also Mühe gab, dann waren das die einzigen Schulbesuche im Studium.

Das wären circa 2 Schultage pro Studienjahr. Nur zugehört zu haben, das wäre auch locker durchgegangen.

Zum Schluss habe ich mich im Rahmen einer Examensarbeit am Deutschen Elektronen Synchrotron DESY in Hamburg am Hasylab mit Auger-Elektronenspektroskopie und Spektralanalysen seltener Erden beschäftigt und eine Elektronenkanone mit Netzgeräten für die Steuerung gebaut.

Ist etwas tricky, weil das ja mit Hochspannung funktioniert.

Mit PETRA und HERA hatte ich keine engeren Kontakte, das waren auch keine Frauen, sondern die Schwestern von der DESY. Ist nicht schlimm, wenn Ihr den PhysikerInnenwitz nicht gleich versteht.

Meine Praktika an einem Gymnasium in der Altstadt unserer Stadt waren toll.

Meine betreuende Lehrerin wurde nach zwei Tagen krank und ich konnte die Klasse die restlichen 10 Tage allein unterrichten, das waren ja nicht viele Stunden.

Zugehört habe ich auch, aber ich fühlte mich wie ein Schüler, der das meiste schon kannte.

Der Student grinst dann mit den anderen SchülerInnen, man ist noch nicht über den Fluss mit den Stromschnellen geschwommen, man ist noch …. klein.

Weil das insgesamt etwas zu wenig war, habe ich den stellvertretenden Schulleiter gefragt, ob er mir nicht Vertretungsstunden zuschanzen kann.

Klar, das machte der gern.

Kein Lehrer gibt gern Vertretungsstunden.

Das war natürlich gut, weil da kein anderer zuhörte und ich machen konnte, was ich wollte.

Mal 10 Minuten Hausaufgaben anfangen lassen, einfach Fragen zu Mathe querbeet beantworten oder irgendwelche mathematischen Spiele spielen, war ja egal.

Oder in der Oberstufe kurz berichten wie denn so ein Studium ist. Das war sozusagen mein Einstieg.

Auf Deutsch: Quatschen.

Böse Zungen behaupten, mehr kam später auch nicht, klar.

Doch, ich habe damals auch in einer Abiturklasse schon Stochastik unterrichtet, mit einigen Experimenten der einfachsten Art.

Nach dem ersten Staatsexamen kommt das zweite Staatsexamen nach dem zweijährigen Referendariat an zwei Gymnasien.

Das hieß auch „Vorbereitungsdienst“.

So einen Begriff sollte man ernst nehmen. Man wechselte nach einem Jahr die Schule, eine sehr sinnvolle Vorgabe, die es heute nicht mehr gibt.

Der Abbau des Sinns ist ja allgegenwärtig.

Für jedes Halbjahr durfte ich mir nach einigen Unterrichtsbesuchen einen Mentor aussuchen.

Ich war damals noch nicht so rituell veranlagt, ich habe nach dem Halbjahr in jedem Fach einen anderen Mentor gewählt, also hatte ich im ersten Referendariatsjahr schon vier, zwei in Mathe, zwei in Physik. Insgesamt also sechs, weil ich im Prüfungsjahr nicht gewechselt habe.

Man kann nicht genug Mentoren haben, meine ich. Heute ist es so, dass die Mentoren zugeteilt werden, es wird nicht gewechselt, auch die Schule nicht. So kenne ich es aus Berichten, mein Erleben ist ja weit über 30 Jahre alt.

Von jedem Mentor kann man etwas anderes lernen, ob man das gut findet oder schlecht, ist ganz egal, man lernt ja auch von nicht so guten Vorbildern. Ich habe hier nur die männliche Form verwendet, ich hatte keine Frauen als Mentorinnen, es gab einfach keine.

Der eine konnte toll experimentieren, der nächste machte ausschließlich hochwertigen, anspruchsvollen, sogenannten „Frontalunterricht“.

Der nächste setzte auf Partnerarbeit, der letzte war kurz vor der Pension und mahnte mich immer wieder, meine Waden an die Heizung zu drücken und wie ein Trainer von der Seitenlinie zu agieren.

Durchaus ein wertvoller Rat, den ich nie beherzigte, denn dafür muss man erstens geboren sein und zweitens braucht man sehr dicke Socken im Winter.

In der Lehrerausbildung ist es auch nicht anders als bei Lagerfeld oder Mango.

Die Moden wechseln, die Kleider wechseln, aber hinter dem Ganzen bleiben alle nackt, die Probleme bleiben.

Ich sehe mit einem neuen Hemd besser aus, aber ich bin kein Jota klüger. 

„Lernzielorientierung“ war die heilige Kuh in den 70ern und 80ern, dann kam das „Entdeckende Lernen“, jetzt steht auf den Plakaten der Demonstration „Kompetenzorientierter Unterricht“, und „Offener Unterricht“.

Das sind so die Umstandsmoden, die Farben wechseln eben.

Ihr könnt ja bei Wikipedia mal „Offener Unterricht“ eingeben.

Der wichtigste Satz dort lautet: „In der Erziehungswissenschaft gibt es keine einheitliche Definition offenen Unterrichts.“

Unten hänge ich mal stichwortartig etwas von Wikipedia an, dann könnt Ihr Euch selbst eine Meinung bilden.

Tut mir leid, dass ich dieses Gebäude hier ‚en passant‘ sprenge.

Es war nicht gut gebaut.

Alte Gebäude wie „Frontalunterricht“ sind absolut unbewohnbar, das sind Unworte, die man nicht nutzen darf!

Wenn alle nach vorn sehen und der Lehrer vor einer Tafel oder einem Bildschirm steht, dann ist das schon Frontalunterricht.

Das geht gar nicht!

Das Wort wird meines Wissens fast ausschließlich in abwertender Absicht benutzt. Habe ich fast jeden Tag gemacht, Frontalunterricht, klar, mit Variationen, aber frontal.

Ist sehr effektiv, wenn man Schüler erfolgreich auf eine Prüfung vorbereiten will. Auch Präsentationen von Schülern in Gruppen, ist auch ‚frontal‘.

Ist eben nicht ‚offen‘.

Mir soll bitte mal einer erklären, wie er im offenen Unterricht Logarithmen einführt. Nur so als Beispiel.

Geht bestimmt, dauert aber zwei Wochen und zum Schluss können es die meisten trotzdem nicht.

Ach so, der Mentor:
Mein erster Mentor in Physik war nicht unbedingt ein sympathischer Lehrer, er kam aus Baden-Württemberg, er war streng, er trug nur graue Strickjacken, er war manchmal ironisch, er lachte selten, er trug die Haare quer über dem Kopf und er war sehr, sehr anspruchsvoll.

Seine Schrift an der Tafel war kaum lesbar, aber er meinte, man könne das verstehen, wenn man zuhöre. Aber der war fachlich eine echte Koryphäe.

„Die an der Uni können doch nichts, in der Schule gehen die ein wie eine Pflanze. Fragen sie die mal nach den Grundlagen, dann stottern die herum und kommen mit ihren Axiomen. Kann man in der Schule vergessen.“

Gut, ich entschied mich, dass ich den will. Von denen, die den Schülern das Leben besonders einfach machten, lernte man leider weniger.

Vermutlich unterschreiben heute diesen Satz auch Schölerinnen und Schöler.

„Jaha, so einfach ist das nicht, Herr Bruno. Ich nehme ja nicht jeden!“

„Das ist mir schon klar, ich vermute, dass alle zu Ihnen wollen.“

„Nein, ich bin jetzt 55 und ich bin der Jüngste in diesem Fachbereich, ich hatte noch nie einen Referendar zu betreuen.“

„Würden Sie das denn trotzdem machen?“

„Ja, gern. Aber bei mir gibt es Bedingungen, die Ihnen nicht gefallen werden.“

„Nun, dann sagen sie mal, was das wäre.“

„Sie haben 12 Stunden Unterricht pro Woche zu erteilen, ja? Das ist für einen Anfänger sehr viel. Dann haben sie drei oder vier Klassen, denke ich. Jede Stunde mit Raster und Lernzielen vorbereiten wie beim Kollegen Arnheim, der das mit Ihnen in Mathematik macht, Arbeitsblätter, viel Spaß. Schön und gut, machen Sie das für die Stunden, in denen ich dabei bin, bitte auch. Ist nicht nötig, aber als Training für die Prüfung brauchbar. Für die Realität ist es natürlich Blödsinn.“

„Ja, das sind keine so harten Bedingungen!“

„Noch nicht. Wenn Sie zu mir wollen, dann müssen Sie sich verpflichten, jede Woche eine Stunde ohne jede Vorbereitung zu geben, nicht einmal darüber nachdenken sollen sie. Sie gehen da rein und dann können sie mit den Schülern machen, was Sie wollen. Sie reden mit denen, fragen die etwas, sie unterhalten sich. Kino, Theater, Fernsehen oder Fußball. Sie können auch etwas spielen, wenn Sie wollen. Sie können auch unvorbereiteten Unterricht machen, aber das müssen Sie nicht, das ist nicht der Sinn der Sache. Und das machen sie jede Woche in einer anderen Klasse. Das mit dem Lehrplan, das bügele ich später weg. Zur Not fasse ich die Themen von vier Wochen in 45 Minuten zusammen, da steht sowieso so viel Schwachsinn drin. Ich könnte ja auch krank werden, dann fällt das ja auch aus. Grippe steht auch nicht im Lehrplan, immer schön auf Kante genäht von den ahnungslosen Planern und Herrschaften in Kiel.“

Der beste Mentor, den ich je hatte.

Von dem habe ich am meisten gelernt. Habe das nicht jede Woche geschafft, aber die Richtung war völlig richtig.

Und jetzt glaubt mal nicht, dass das so einfach ist, wie es Euch gerade erscheint.

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Offener Unterricht:

organisatorisch Die Lerner bestimmen selbst:

–zeitlich: wann sie an einem Thema arbeiten

–räumlich: wo sie an einem Thema arbeiten

–kooperativ: mit wem sie an einem Thema arbeiten

methodisch Die Lerner bestimmen selbst:

-wie sie ihr Thema bearbeiten

-welchen methodischen Zugang zum Thema sie wählen

inhaltlich Die Lerner bestimmen selbst:

-woran, bzw. an welchem Thema sie arbeiten

sozial Die Lerner bestimmen selbst:

-über die Regeln und den Ablauf des Klassenlebens

-über die Konsequenzen, die sich in Problemfällen ergeben

persönlich Die Lerner bestimmen selbst:

-welche Werte und Prioritäten sie für ihr Leben wählen