
Schule-Teil 9-„Ein wenig Böses“ (in German only, sorry)
Heute gibt es nichts zum Lächeln.
Ja, die Auguste, die war die ersten Jahre eigentlich mein größtes Problem.
Die Kollegin aus dem anderen Jahrhundert, Ihr wisst schon, immer total nett zu mir „Martin, Du weißt, wie sehr ich Dich schätze!“
Leider war sie dann hintenrum ganz anders, wie nicht nur die Schüler mir petzten „Der junge Lehrer hält ja nur Tangenten an, die rechnen bei dem gar nicht“.
Ja, ich habe oft erst rechnen lassen, wenn verstanden worden war, warum man das tut. War zwar anders, aber recht erfolgreich.
Wenn die Grundlagen verstanden sind, dann kann man später Gas ohne Ende geben, alles geht schneller, wenn man am Anfang die Nerven behält und sachte voran geht.
Haben Schüler das Wesentliche jedoch nicht verstanden, fährt man zwei Jahre lang mit einem Motor, der stottert. Unrund laufende Motoren kann ich auch nicht leiden, sie müssen bei einem neuen Thema langsam eingefahren werden.
Wenn es um die Ableitungsfunktion geht, dann kann man auch erst mal Tangenten an den Graphen zeichnen und die Steigung messen, in nächsten Schritt nimmt man eine „Gerade auf einer Folie“ und schätzt die Steigung nur noch und skizziert dann die Tangentensteigungsfunktion, das wird fast genauso exakt wie ein Computerausdruck, aber so vergisst man nie, was diese Ableitungsfunktion angibt, capisci?
Und diese Namen, grausam ist das: Funktion, 1. Ableitungsfunktion, 2. Ableitungsfunktion, Menge der Stammfunktionen, das ist so verwirrend für jemanden, den schon eine Funktion in den Wahnsinn treiben kann.
Bei mir hießen die vereinfachend „Mutterfunktion“, „Tochterfunktion“ und „Enkelinfunktion“, zum Verstehen ist das praktisch.
Alle Prinzipien, wie man rechnen muss, fielen wie reife Äpfel von den Bäumen, die brauchten hinterher dafür keine Formelsammlung.
Blöd nur, wenn einer in der Abiturprüfung versehentlich „Mutterfunktion“ sagte, war mir aber auch egal.
Diese weibliche Struktur war ja in Ordnung, nur dass eine Tochter in der Mathematik leider unendlich viele Mütter hat und eine Mutter nur eine Tochter hat, aber es ist ja nur Mathematik.
Schöne Abiturprüfungsfrage, rein hypothetisch: „Inwiefern unterscheidet sich das Mutter-Tochter-Verhältnis im realen Leben von dem in der Mathematik?“
Nun, reines Herumgealbere, zugegeben.
Von einer Schülerin, Jule, mit der ich vor einigen Jahren Mathematik für das Abitur in einem Café trainierte, war ich sehr beeindruckt, die konnte alle Verfahren anwenden, zum Beispiel Extrema und Wendepunkte berechnen, eine 2er Schülerin an einem Gymnasium.
Aber als ich die fragte, warum sie das so rechnet, da sagte sie nur: „Das muss man so machen, das hat er auch immer so gemacht.“
Das fand ich beeindruckend.
Wie klug muss man sein, sich so etwas ohne jedes Verständnis einprägen zu können?
Der Lehrer war sehr anspruchsvoll, was Formalitäten anging, immer musste ein „TR“ notiert werden, wenn der Taschenrechner benutzt wurde, immer diese Äquivalenzpfeile bei Gleichungsumformungen, alles mehr Hindernis als Lösung. Eine Stunde später machte er es selbst nicht mehr aber die Schüler sollten es so beibehalten.
Es vergingen 4 Jahre, dann hatte unsere Tochter denselben Lehrer wie Jule.
Es war erstaunlich, der Unterricht ohne klare Struktur, die Erklärungen dürftig, aber im Gymnasium sitzen intelligente Schüler, die kommen damit irgendwie zurecht, macht aber viel Arbeit. Zur Not lesen die das im Buch und bringen sich die Themen gegenseitig bei.
Wenn das auch nicht klappt, dann sagen die Eltern „ich konnte das auch nicht, nicht schlimm“.
Zwischendurch ein Vergleich:
Früher spielte ich im Verein Fußball, viele Jahre lang. Als wir 16 Jahre alt waren, vielleicht auch 17, da verließen einige den Verein, weil sie eine Ausbildung begannen, für Sport blieb weniger Zeit.
Wir waren nur noch 13 Spieler, es war nie einfach, 11 Spieler am Sonntag auf den Platz zu bekommen.
Uwe spielte auch bei uns, total nett, total witzig, aber Fußball war nicht sein Sport, zu klein, zu unbeweglich, zu langsam.
Und wo hat unser Trainer ihn dann aufgestellt? Als Mittelstürmer!
Ich habe Lothar, unseren Trainer, einmal gefragt, warum er das macht. „Lothar, er verwertet nur eine von 10 Chancen, mehr nicht, kannst Du Uwe nicht woanders spielen lassen?“
„Martin, erst mal muss man Leute haben, die an ihrem Platz keinen Mist bauen. Vorne kannst Du nicht viel Mist bauen, da verlieren wir kein Spiel. Und zweitens, wer sorgt für die 10 Torchancen, wenn ich einen anderen vorne einsetze?“
So ähnlich geht es Direktoren und Abteilungsleitern an Schulen auch, es gibt ja schlechte Lehrer, es gibt faule Lehrer, es gibt auch nicht ausreichend gebildete Lehrer.
Alle an einer Schule wissen das und sie wissen auch, wer das ist.
Du musst aber auch diese Lehrer mit Stunden versorgen. Und dann macht man es wie Lothar mit Uwe: Man stellt sie als Mittelstürmer auf, in der Oberstufe.
Da machen sie am wenigsten kaputt.
Der an dem Innenstadtgymnasium hieß bei uns zu Hause nur „GH“, weil er Grosserhorst hieß. Oder so ähnlich.
Ich habe unseren Kindern immer versucht, in Mathematik zu helfen, wenn sie gefragt haben. Aber auch nur dann, ich bin nämlich lieber Vater als Lehrer meiner Kinder.
Bei GH hat sie dann manchmal gefragt und das war berechtigt.
Zum Beispiel erklärte GH während der Corona-Zeit in 20 Minuten die Winkelfunktionen Sinus und Cosinus.
Das war sozusagen wie ein Blick in eine Abstellkammer durch das Schlüsselloch.
Als Hausaufgabe sollten die Schüler dann eine Villa nach diesen Vorgaben bauen.
Graphen kann man verschieben, strecken, stauchen, spiegeln, ach, man kann ganz viel Unsinn damit treiben. Die Prinzipien sind aber immer dieselben.
Jetzt sollten die Schüler als Hausaufgabe also erkennen, was für ein veränderter Graph vorliegt, das ist hohe Schule.
Das kann man nur, wenn man selbst so etwas nach einem Term zeichnen oder skizzieren kann, das dauert in der Schule eine Woche bis das ein Kurs kann, unsere Tochter hatte es nach 60 Minuten verstanden.
Sie war ja auch allein, da geht alles schneller. Als einen Tag später die Mathestunde lief, das Oberstufenkind am Laptop, es war ja online-Unterricht, da saß sie da und die Tränen flossen, ganz stumm.
Ich hatte die Tür nur einen Spalt geöffnet.
„Er kann es nicht!“, hat sie geschluchzt.
Dann habe ich 5 Minuten dieses Dilemma angeschaut, die Schüler stellten falsche Lösungen vor, er erklärte sie für richtig, eine zweite Aufgabe wollte er selbst lösen, das war auch falsch.
Keiner hat es gemerkt, keine Fragen. Wenn man das als Schüler jedoch beherrscht, ist es unerträglich, sich das anzusehen.
Nun, wenn man als Schüler 15 Punkte in Mathematik haben will, dann muss man nicht alles können, das geht gar nicht. Man muss nur mehr können als der Lehrer.
Das konnte unsere Tochter in der ganzen Oberstufe, mehr als dieser Lehrer.
Solche Mittelstürmer setzt man auf die Bank, die dürfen keinen Rasen betreten. Das war nicht der HSV, das war nicht mal der SV Meppen.
Für das Gymnasium brauchst Du einen Deutschen Meister, Champions League muss gar nicht sein.
Und dann sagen Schüler, dass sie Mathematik nicht verstehen und solche Kreisliga-Lehrer bewerten Leistungen als „mangelhaft“. Irgendwas ist da doch faul im System.
Wieder verlaufen, sorry. Wenn Ihr das Gefühl habt, ich habe keinen Plan beim Tippen, dann ist das wohl so, ich wollte gern mal Mittelstürmer sein.
Diese Sinus- und Cosinus-Geschichte, da gibt es am Anfang eine ganz wichtige Stunde, eine grundlegende.
Es gibt ja wichtige Stunden und verzichtbare, aber notwendige Stunden. Hat man als Lehrer jetzt eine sogenannte wichtige Stunde geplant und die Schüler sitzen total müde im Ring, weil sie gerade eine Klausur in Rechnungswesen auf die Nase bekommen haben oder sechs Schüler sind irgendwie abgeordnet, dann ja, dann …. verschiebt man nach 30 Sekunden die wichtige Stunde und packt eine Übung mit Vorträgen dazwischen.
Ich mache das doch nicht zweimal, wichtige, „grundlegende Stunden“ sind nämlich die anstrengendsten. Da muss in Mathematik jedes Detail passen, Missverständnisse sollten vermieden werden, Fragen sollten immer erlaubt sein, auch zur Not dreimal dieselbe.
Ach, zurück zu Tante Auguste, es war kaum zu ertragen, dieses falsche Spiel. Sprach ich sie darauf an, wusste sie von nichts. „Ich kann mich nicht erinnern“, wie heute der Kanzler. Ich vermute ja, dass sie ein wenig Angst hatte, sonst verhält man sich so nicht.
Zwei Jahre später ging es in einer Konferenz darum, wer die nächsten Leistungskurs bekommen sollte, der dynamische Matthias von heute oder die alte Auguste von 1910.
Dann habe ich gesagt „ach, lasst das doch Matthias machen, das ist auch besser für das Niveau.“
Ja, dann flossen Tränen. Manchmal geht das nicht anders. Keine Einsicht, was soll man da machen?
Wir fuhren dann später sogar gemeinsam mit zwei Klassen nach Nizza.
Wir sahen uns dort selten, ich schickte gern Schüler, um Wege finden, außerdem sollten die ja Französisch üben, ich lief nur hinterher.
Mit 18 muss man zu zweit mit einem Stadtplan zurechtkommen. Auguste musste immer vorn sein, eine gute Arbeitsteilung. Und sie aß 2kg Möhren in einer Woche, nur Möhren, sonst nichts, außer das Frühstück in der Unterkunft. Mann, da habe ich dann richtig Respekt entwickelt.
Soll ja gut für die Augen sein. Und Frankreich ist so teuer.
Ach Nizza, Rauchverbot, auch so eine super Idee für Schulveranstaltungen aus der Landeshauptstadt.
Eine Kollegin jagte auf einer Klassenfahrt jeden Raucher, es war ja verboten.
So geht das: „Bei Schulveranstaltungen gilt ein absolutes Rauchverbot! Sollte jemand hier rauchen wollen, dann müssen wir die Veranstaltung kurzzeitig unterbrechen.“
Meine haben immer gefragt, ob wir für 6 Minuten unterbrechen können. Die haben im Prinzip gefragt, ob sie rauchen dürfen.
Was will man mehr?