
Schule-Teil 8-„Schülerzeiten“ (in German only, sorry)
In dieser alten Stadt gab es Anfang der 70er Jahre noch viele Gymnasien, die ausschließlich für männliche Schüler oder ausschließlich für weibliche Schülerinnen reserviert waren, es gab auch Schulen, jedoch keine Gymnasien, mit zwei Eingängen über denen dann „Mädchen“ und „Jungen“ stand.
Gut, das waren alte Schilder, zugegeben. Es durften aber alle schon im selben Bus zur Schule fahren, man wurde lockerer.
Gerade die Gymnasien in der Altstadt waren hinter der eigenen Zeit, die 68er Unruhen waren ja schon vorbei.
Drei Schulen waren nur für Jungs, eines nur für Mädchen.
Offenbar gab es dreimal so viele Jungs wie Mädchen, nun, das ist natürlich ketzerisch, es gab ja auch moderne Schulen, die die Koedukation wagten.
Und zu so einer Schule schickten mich meine Eltern nach der vierten Grundschulklasse.
Nennen wir es das EMG, das Erich-Mühsam-Gymnasium, ein wenig außerhalb der Innenstadt gelegen, ein Bau aus den 60er Jahren, so schätze ich.
Nur zwei Stockwerke, weite Wege, große Schulhöfe, überdachte Fahrradständer, Lehrerparkplätze, eine große Sporthalle, ein gepflegter Rasenplatz mit Aschenbahn gleich nebenan.
Meine beste 400m-Zeit lief ich dort in Klasse 10, nichts ist tödlicher als ein 400m-Lauf, weil man da nicht groß taktieren kann, da gibt man an sich von Anfang an fast Vollgas.
Mühsam, das war nicht nur der Name, es war ein Omen. Es ging in Klasse 5 los, die Klassenlehrerin war die Direktorin, Frau Doktor Kriemhild.
Vom ersten Tag an war alles verflogen, die moderne Schule, der Sportplatz, die Halle, Turnmutter Kriemhild erschien.
Sie trug noch die Olympiarollen im Haar wie zu den Olympischen Spielen 1936 in Berlin, Ihre Kostüme waren neu, aber im Stil der 30er geschneidert, so war es immer.
Hier musste ich eben sehr aufpassen, weil es ja keine Olympiade in Berlin gab, die Olympiade, das ist ja der Zeitraum zwischen den Olympischen Spielen.
Manchmal kommt bei mir eben raus, dass ich mal Lehrer war.
Ihre Freundin, Frau Doktor Buchner, trug Kleidung in demselben Stil, man munkelte über weitere Gemeinsamkeiten.
Der Unterricht war hart und fordernd, einmal platzte mir auf dem Schulweg ein Fahrradreifen, also rannte ich die fehlenden 3km zur Schule, die Zeit kann so schlecht nicht gewesen sein, ich kam nicht zu spät.
Nach der sechsten Klasse konnte man eine zweite Fremdsprache wählen, es wurde sogar Russisch angeboten. Das gab es sonst nur in der DDR, hinter der Grenze mit den Schussautomaten, ein Schutz gegen den Klassenfeind, der so aggressiv im Westen lauerte.
Wir wohnten 2km von der Grenze entfernt, im Sommer sollte man nicht zu weit auf den See hinausschwimmen, ein bedrohliches Szenario.
Nein, die Klasse für Russisch kam nicht zustande, es meldeten sich nur 25 Schüler an, es hätten 27 sein müssen, eine Entscheidung der Olympiarollen.
Also dann eben Latein.
Würde ich heute keinem Kind mehr empfehlen, Französisch kann man wenigstens sprechen. Latein war ja eher so wie Mathematik, nur ohne die Zahlen. Schöne Strukturen, man muss das mögen, wenn man es nicht hassen will.
Ich bin nicht Franz Josef Strauß, ich kann das heute nicht mehr.
In Klasse 9 stand ich einmal vor der geschlossenen Schule, offenbar ein Feiertag, ein zweiter Schüler stand neben mir, die Informationspolitik war damals schon fragwürdig.
Die Busse hatten noch einen Schaffner und man konnte hinten noch rauchen, aber so ganz sicher bin ich mir damit nicht.
Das Polster der alten Busse war dunkelgrün und im Winter habe ich immer für Regina einen Platz besetzt.
Sie saß lieber am Fenster, ich auch, aber man muss als Mann auch große Opfer bringen können.
Irgendwann fragte sie mich, Doris ging neben uns, auf dem Weg auf die Schultür zu ob „ich mit ihr gehen will“.
Ich druckste herum, bis sie „durch die Tür“ sagte.
Dann habe ich ihr nie wieder einen Platz besetzt, ich liebe nämlich Fensterplätze. Habe ihr trotzdem zugelächelt, wenn sie im Bus stehen musste, bin ja nicht nachtragend.
Nach der 10ten Klasse fiel meine Klasse komplett auseinander, mehr als die Hälfte wechselte an andere Schulen, es ging darum, die gewünschte Leistungskurskombination zu bekommen.
Na, an sich hätte ich da auch bleiben können, aber irgendwie muss man nach einigen Jahren den Verein wechseln, neue Erfahrungen im Ausland sammeln, es muss gar nicht Spanien sein wie bei Netzer und Breitner, auch Italien, wie bei Schnellinger und Haller davor, gar nicht nötig, die Altstadt reichte völlig.
Primanerhof, Primanerfünfkampf im Sommer, Plaketten mit den Siegern seit 1880 oder so im Gang, Sportplatz kilometerweit entfernt an der Allee, die zum Strand führte.
Das hatte alles Stil, aber es roch auch wie eine alte Polizeiwache, obwohl es für die Oberstufe Räume mit Teppich gab, diese Filzteppiche, großartig. Das hallte nicht so, ich bin sehr sensibel bei Räumen, in denen es hallt.
Am besten war für mich im Altstadtgymnasium, das schon Graf Luckner und Thomas Mann besuchten, der Chemieunterricht bei Herrn Dr. Altmann.
Er war klein, er ging mit einem Stock, er las Comics, er rauchte Gauloises, auch im Chemieraum, wenn keine Schüler da waren.
Er empfahl immer, mit Swiss Air zu fliegen, die beste Fluglinie von allen und die Stewardessen seien auch besonders hübsch.
Ich war noch nie geflogen, aber das mit den Stewardessen konnte ich verstehen. Manchmal ging man zum Unterricht in den Chemieraum, er mit einem Glas Cola vor der Tafel, die filterlose Kippe in den Fingern „Was wollt Ihr denn?“ „Wir haben jetzt bei Ihnen Chemie!“ „Oh Gott, schon wieder?“
Ich brauchte Chemie gar nicht, das hat er in der ersten Stunde gemerkt, er kannte mein Gesicht nicht und fragte, welche Leistungskurse ich habe.
„Mathematik und Physik“
„Ach, dann brauchst Du Chemie doch gar nicht! Was willst Du dann hier?“
„Mich interessiert Chemie, an meiner alten Schule fiel das immer aus.“
„Na, gut, aber wenn Du das nicht brauchst, dann kannst Du mir auch immer von Harries Cola holen.“
Harries, das war der Bäcker gegenüber der Schule.
Der Herr Dr. Altmann hatte so ein kleines Kabuff neben dem Chemieraum, alles voller Bücher, Ascher, Gauloises und Colaflaschen.
Aus seinem Kabuff holte ich mir dann zu Stundenbeginn einige Deutsche Mark, die lagen in einer Schale und ging raus zu Harries, Cola kaufen.
Manchmal rief er mir noch hinterher:
„Und nimm die leeren Flaschen mit, Martin!“
Das Restgeld legte ich wieder in die Schale, ich durfte ihm leider nie Zigaretten kaufen, das wäre zu weit weg gewesen. Aber ich habe auch nicht gefragt, ob ich das machen darf.
Einmal hat Ingeburg eine Formel falsch gesagt, da ging er wutentbrannt in sein Kabuff, man hörte immer nur „alles sinnlos, alles sinnlos“, trank Cola und rauchte.
Wir waren sehr ärgerlich mit Ingeburg, wir hatten vorgesagt, aber sie hörte nicht zu. Schlimm.
Zum Schluss musste ich, der Colaträger, zu ihm gehen und ihm sagen, dass Ingeburg das jetzt kapiert hat und ob er nicht zurückkommen will.
„Ja, gleich, noch zwei Züge. Kannst Du nächste Woche eine Flasche mehr holen? Der aus der anderen Klasse ist krank.“
Kein anderer hat uns geduzt.
Großartiger Lehrer, perfekte Tafelbilder, wir mussten das DIN A5 Heft quer legen und exakt so abmalen, wie er das an der Tafel machte. Jede Stunde zwei Tafeln, jede Stunde zwei Seiten im Heft. Auch die Farben sollten so sein, wie er sie benutzte. Hefte wurden kontrolliert.
„Tafeltechnisch“ mein Vorbild, diese Ordnung, diese Farben! Gauloise habe ich nur im Studium gedreht. Von der Examensarbeit an meinte ich, dass das zu viel Zeit kostete und wechselte auf Prince Denmark mit Filter, später zu P&S, die hellgrüne Packung im Softpack. Pappschachteln sind schrecklich. Das liest sich wie die verschiedenen Autos, die man fuhr.
Drei Sorten, ziemlich variabel.
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Aus der Schulzeitung „EMG“ von 1972:
Für Lehrer
1. Vergiß nicht, daß die Eltern deiner Schüler ein legitimes Interesse an dem Fortkommen ihres Kindes haben.
2. Erwarte weder vom Schüler noch von den Eltern Dank, unerwarteter Dank ist eine Dreingabe.
3. Gerechtigkeit bleibt auf Erden ein Wunschtraum. Dennoch ist das Streben danach für den Lehrer eine Existenzfrage.
4. Unterscheide streng zwischen unzureichender Leistung und schlechtem Benehmen eines Schülers.
5. Eine alte Erfahrung: Strenge, aber gerechte Lehrer sind beliebter als nachgiebige.
6. Beherrsche dich vor der Klasse, wenn dein Zorn auch berechtigt ist. Ein Gewitter zur rechten Zeit reinigt allerdings nicht nur in der Natur die Atmosphäre.
7. Als Lehrer darfst du den Schüler nicht schlagen. Lerne aber für alle Fälle den Notwehrparagraphen auswendig.
8. Respekt bei Schülern verschafft man sich durch Können und pädagogisches Geschick, nicht durch Einträge ins Klassenbuch.
9. Versuche nie, eigene Fehler zu vertuschen. Das Eingeständnis des Irrtums verschafft dir mehr Ansehen. Nur darfst du dich nicht zu oft irren.
10. Nimm deine Schüler ernst, auch wenn ihre Gedanken unausgegoren sind. Aber halte trotzdem Abstand, sonst klopfen sie dir auf die Schulter.
11. Laß dich durch Körperlänge nicht täuschen. Manche junge Menschen möchten lieber noch Kinder sein als erwachsen.
12. Kümmere dich um die Sorgen deiner Schüler, aber laß ihnen einen privaten Bereich.
13. Hilf den Schwachen, doch vergiß darüber nicht die Begabten. Nicht gerittene Pferde werden kreuzlahm.
14. Ein humorloser Lehrer ist wie ein farbenblinder Maler.
15. Laß dich bei der Festlegung deiner Noten von niemanden beeinflussen. Ein Lehrer braucht mehr Zivilcourage als mancher Politiker.
16. Trage deine Noten in die Zeugnislisten nicht erst ein, wenn die Kollegen sich entschieden haben. Eine eindeutige Fünf schafft mehr Klarheit als gequetschte Vieren.
17. Man kann aIs Lehrer immer noch dazulernen. Auch von Schülern und Eltern.
18. Jeder Lehrer ist in Gefahr, sein Fach für das wichtigste zu halten. Daher sollte er immer wieder einen Blick über den Zaun riskieren.
19. Auch im Lehrerberuf gilt: Stillstand ist Rückschritt. Aber nicht jede Reform bedeutet Verbesserung.
20. Konservatismus kann mehr Mut erfordern als Neuerungssucht.
21. Der schlimmste Feind des Lehrers ist nicht die Dummheit, sondern das Vorurteil.
22. Vertraue auf die ausgleichende Gerechtigkeit. Vielleicht wird der größte Rüpel deiner Klasse später Lehrer.
23. Lehrer müssen geduldiger sein als Esel, brauchen sich aber trotzdem nicht von jedermann prügeln zu lassen.
24. Sei haushälterisch mit deinen Kräften, doch strebe nicht nur danach, dem Staat ein guter Pensionär zu werden.
25. Halte dich an die Anordnungen deiner vorgesetzten Behörde, aber nimm dir die Freiheit, eine eigene Meinung zu haben.
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Das Foto zeigt Carina, vermutlich 1979, auf dem Primanerhof, direkt neben dem Chemie-Raum, offenbar gejagt von einem mit einer Afro-Frisur. So waren die Zeiten, er trug immer diese olivfarbene Jacke. Carina konnte übrigens super singen, die traf jeden Ton aus dem Radio.