Schule-Teil 3-„Examensarbeiten“ (in German only, sorry)

Schule-Teil 3-„Examensarbeiten“ (in German only, sorry)

Als ich das Referendariat begann, da gab es noch diese sogenannten „Umdrucker“, das kennt Ihr vielleicht gar nicht mehr.

Dieses Verfahren habe ich zwei Wochen lang genutzt. Furchtbar, auf den Matrizen konnte man kaum korrigieren. Es sah auch höchst billig aus, es roch schlecht, es fehlte an Präzision, so kann ich nicht arbeiten.

Damit ich das nicht erklären muss, hier der Wikipedia-Artikel dazu: https://de.wikipedia.org/wiki/Hektografie

Es gab auch schon ein Fotokopiergerät in der Schule, aber jeder Lehrer durfte nur 100 Kopien im Monat anfertigen. 100!

Bei 60 Lehrern kommt man also auf 6000 Kopien monatlich, 72000 Kopien jährlich. Das war ein Kostenfaktor, es geht immer um die Kosten.

Ein Freund von mir hatte zum Glück einen Copy-Shop.

Er gab mir den Schlüssel, ich fuhr morgens vor der Schule neben die Kirche, kopierte, schrieb die Zahl der Kopien auf und fuhr weiter zur Schule.

100 Kopien im Monat, lächerlich, die brauchte ich manchmal pro Tag.

Im zweiten Jahr wurde es besser, 200 Kopien pro Monat, auch noch völlig unzureichend, es sei denn, man macht Unterricht wie er im „Buche“ steht.

Das habe ich nicht ein einziges Mal gemacht, mit einem Buch, das mir vorschreibt, was ich wie und in welcher Reihenfolge zu machen habe.

Dann hätte ich ja auch ins Finanzamt gehen können.

Auf Fragen des Geldes an Schulen komme ich später ausführlich zurück.

In meinem gesamten Lehrerdasein gab es zum Beispiel kaum Geld für den Fachbereich Physik, keinen PC, nichts.

Das lag auch den speziellen Gegebenheiten an dieser Schule, aber Physik ist Physik.

Darüber kann man mal nachdenken, wie man experimentieren soll, wenn kein oder nur altes Material vorhanden ist und nicht einmal Experimente am PC simuliert werden können.

Man simuliert ja kein Leben, das lebt man, man simuliert auch die Natur nicht, man muss sie er-leben.

Gut, es gab Experimentierkästen für Elektrik, Elektronik und Digitaltechnik, eines langweiliger als das andere. Damit konnte die Hälfte der Zeit mit Experimenten  abgedeckt werden. Die Hälfte!

Irgendwann habe ich aufgegeben und für die andere Hälfte nur noch kleine, selbst gebastelte Experimente eingesetzt oder Freihandexperimente.

Die Schüler denken ja vielleicht, man könne es nicht, aber die Hintergründe darf man nicht aufdecken, andeuten kann man das, mehr nicht.

Bücher, ja, die bekamen wir dann doch noch, ein Kollege wollte das, wurden aber nicht benutzt, die waren auch viel zu schwer zu verstehen.

Man lernt Physik nicht aus Büchern.

Zeitsprung:
Die Examensarbeiten, mein Gott, das waren an sich die stressigsten Zeiten in meinem Leben.

Ich kann mit viel Arbeit recht gut umgehen, aber leider fange ich ungern damit an. Ich weiß genau, was ich will, ich habe Material ohne Ende, aber beim Schreiben großer, umfangreicher Arbeiten, da fällt mir der Anfang unendlich schwer, weil mir nichts gut genug erscheint.

Das Scheitern an der ersten Seite kennen auch Romanschriftsteller.

Unter Zeitdruck nimmt die Selbstkritik aber deutlich ab. Zeitdruck und Selbstkritik sind umgekehrt proportional zueinander, notiert Euch das, bitte.

Das endete zweimal zwar mit Beurteilungen, an denen wenig herumzukritteln war, aber auch mit der Anfertigung zweier Examensarbeiten innerhalb von je zwei Wochen.

Die erste in Atomphysik, mit Schreibmaschine getippt, hatte vermutlich nur 60 oder 70 Seiten.

Genauer: Das war eine Arbeit über den Bau einer Elektronenkanone für Auger-Elektronen-Spektroskopie am Hasylab des DESY in Hamburg. Damit wurde dann die Elektronenhülle von Seltenen Erden analysiert, speziell an Samarium.

Das war von Schulstoff ungefähr so weit weg wie der Südpol von der Stadt an der Elbe.

Geschenkt.

Die zweite über eine Einheit in Stochastik in einer Abiturklasse, „schon“ an einem MacIntosh SE30 geschrieben, war ein dicker Schinken. Mit Anhang war sie sicher 140 Seiten schwer.

Ich schreibe das nur, weil ich glaube, dass man sich heutzutage hoffentlich kürzer fassen darf. Über drei Wochen Unterricht 140 Seiten zu schreiben, ist grenzwertig, war aber durchaus üblich.

Die zweite Examensarbeit habe ich in Teilen einer Freundin direkt diktiert, der Anhang war ja gut aufbereitet und dokumentierte einiges.

Sie tippte einfach schneller, mich bremst so eine Tätigkeit beim Denken. Und ich kann im Stehen und beim Herumlaufen besser formulieren als im Sitzen, als Lehrer später kein Nachteil.

14 Tage für 140 Seiten sind kurz, da kann man nicht lange diskutieren, da muss Tacheles getippt werden.

Der Anhang war ja auch praktisch fertig, es mussten nicht 140 Seiten getippt werden. Kaffee, Zigaretten, Diktieren, das war mein Leben für zwei Wochen.

Hinterher, wenn die Kopien noch warm sind, denke ich jedes Mal: „Mann, so ein Stress! Beim nächsten Mal mache ich das anders!“

Andererseits finde ich es auch blöd, sich bis zu einem halben Jahr des Lebens mit einer Examensarbeit herumzuquälen, wenn man die auch in 14 Tagen schreiben kann.

Sicher hätten beide Arbeiten noch etwas besser werden können, aber so richtig ausgezahlt hätte sich das nicht. Da war auch nicht viel Platz frei. 

Wenn man schnell und hochkonzentriert arbeitet, dann ist es einfacher einen roten Faden zu halten, als wenn man das ganze streckt ohne Ende, da verknoten sich Fäden irgendwann.

Ihr merkt es sicher, auch eine dritte Examensarbeit würde ich wieder ebenso angehen. Menschen ändern sich nach dem 15. Lebensjahr nicht mehr entscheidend sondern nur noch in Nuancen.

Kleiner Einschub:
Woher kommt das alles? Bei meinen eigenen Abiturprüfungen musste ich drei schriftliche Arbeiten schreiben, die erste am Montag in Mathematik, die zweite am Mittwoch in Physik, die dritte am Freitag in Latein.

Nun, auch damals habe ich nicht in den Weihnachtsferien wie andere angefangen für die Prüfungen im April zu lernen, auch nicht zwei Wochen vorher.

Zuerst wollte ich das Ganze abbrechen, es sei ja sowieso zu spät, dann habe ich exakt drei Tage vor der ersten Prüfung mit Mathematik begonnen.

Liegend auf dem Boden, auf riesigen Blättern im A2-Format habe ich drei Tage fast durchgerechnet.

Als Mathematik geschrieben war, habe ich mit Physik begonnen, also 48 Stunden vorher, danach wiederum mit der Vorbereitung auf Latein.

Es waren also 8 Tage intensive Arbeit für das Abitur.

Ich kann diese Technik nicht weiterempfehlen und habe das meinen Schülern später meines Wissens auch immer berichtet, wie dumm ich früher war.

Mein Problem war eigentlich, dass das immer sehr gut funktioniert hat.

„Never change a winning Irrsinn“.

Mir wäre viel geholfen gewesen, wenn das irgendwann einmal richtig danebengegangen wäre, einfach aus erzieherischen Gründen.

Hinterlasse einen Kommentar