
Schule-Teil 2-„Referendariat“ (in German only, sorry)
Ja, ja, das gab natürlich einige Reaktionen auf meine Aussagen zum Offenen Unterricht, ist schon klar.
Ihr könnt Euch das vorstellen wie beim Fußball, da gibt es auch verschiedene Spielsysteme.
4-3-3, ein Klassiker zum Beispiel, oder das 3-5-2, das sich zum 5-3-2 wandelt, wenn man nicht im Ballbesitz ist, 5-2-2-1 gibt es auch, es gibt so viel.
Aber wenn Deine Mannschaft nicht aus 11 Weltklasseleuten besteht und nur ein System beherrscht, dann wird das schnell durchschaut und hinten nageln Dir die Gegner einen entscheidenden Ball in der 90sten rein, wenn sie gut kontern …. aber 89 Minuten ein zähes 8-2-0 spielten.
Mit Weltklassespielern braucht man nur einen Ball, mit einem guten Lehrer nur eine Tafel.
Basta.
Flexibel sollte man auch in der Schule bleiben, da helfen auch keine Demonstrationen für Kompetenzorientierung und offene Verteidigung. 🙂
Ach so, das Referendariat.
Am ersten Tag wurde uns vom Seminarleiter erklärt, dass wir unsere Zeit sinnlos opfern, es gäbe sowieso keine Stellen.
Wenn wir also einen guten Job als Taxifahrer oder in der Gastronomie hätten, dann sollten wir dabei bleiben. Ob es diese Beispiele waren, weiß ich nicht mehr, aber der war auch für die ganz modernen Konzepte ohne sie je ausprobiert zu haben.
Eine Stelle in Schleswig-Holstein, nun, ja, wenn man zuletzt überall Einsen hätte, ja, dann könnte es sein, dass uns eine Schwangerschaftsvertretung für 10 Monate über den Berg hilft.
Ich selbst war bis zur Untersekunda Schüler meiner ersten Ausbildungsschule, Zufall eben.
Am ersten Tag begrüßte mich meine alte Lateinlehrerin „Martin, das gibt es ja gar nicht! Was machst Du denn hier?“
Sofort dachte ich, ich müsste gleich wieder Grabsteine übersetzen, sie hatte ein Faible dafür.
Meine erste Klasse war eine Quinta. Ich erinnere mich gut an Pamela, deren Namen ich wie den von „Pamela“ aus Dallas aussprechen sollte. Pamela hat jetzt 5 Kinder, ich habe sie bei einem Stadtfest getroffen, sie hatte sich gar nicht verändert.
Und dann die erste benotete Lehrprobe:
Nun, da sitzen dann hinten in der Klasse die betreuende Lehrkraft, der Fachleiter aus dem Seminar und die 12 anderen Referendare.
Ist etwas eng, wenn noch 25 Schülerinnen dazukommen.
Danach gibt es eine Besprechung, bei der kein Referendar etwas Kritisches sagt, sondern nur das Positive erwähnt.
Der Seminarleiter ist auch stets ganz behutsam und sachlich, schließlich haben wir 6 Jahre studiert und machen die ersten Schritte in einer Schule vor einer Klasse.
Ich hoffe, die Ironie ist minimal spürbar.
Nach der zweiten Lehrprobe bin ich zu beiden Fachleitern gegangen und habe denen gesagt, dass mir das mit den Noten und dem „Einserdruck“ etwas zu viel wird.
Sie sollten ihre Kritik und Verbesserungsvorschläge mitteilen, die Noten wolle ich nicht wissen, sie sollten die für sich behalten.
Praktisch, ich hatte viel weniger Druck.
Ach, richtig, im ersten Jahr bekam ich dann eigenverantwortlich noch den „Friedhof“, wie die eine Obertertia intern hieß.
Die sprachen nicht, die störten nicht, die machten alles, was man denen sagte. Für einen Referendar „genau richtig“.
Furchtbar, ich habe nach vier Wochen gesagt, dass diese angenehme Klasse für andere gut ist, für mich sei sie tödlich.
Das klingt heute lustig, ich empfand das als Niederlage obwohl die Schulleitung es nur besonders gut gemeint hatte.
Die war ich also schnell los, ich bekam die unangenehme Untertertia.
Mann, die haben richtig Spaß gemacht. Einmal standen drei Jungs auf einem Tisch als ich reinkam, mit einer VfB-Fahne in der Hand und skandierten meinen Nachnamen. Damit muss man klarkommen, aber besser als tödliche Langeweile allemal.
Einmal kam auch der Fachleiter für Pädagogik in meinen Unterricht, ein kleiner Mann, sehr drahtig mit hoher Stirn, aber eben nicht nur von seiner Länge her klein.
Nach meinem Unterricht, vorbereitet über drei Stunden wie immer, mit Stundenraster, Arbeitsblättern und dem ganzen „shebang“, fragt er in der Besprechung nur:
„Haben Sie die ganze Stunde nichts gemerkt?“
Ich verneinte, eine merkwürdige Frage allemal. Er wiederholte die Frage.
Dann „da lag doch ein Taschentuch in der Mitte des Raumes!
Da hätten Sie doch einen Schüler auffordern müssen, es aufzuheben!“
An den Rest erinnere ich mich nicht, ich habe wohl gar nicht mehr zugehört.
Den Umgang mit Vollidioten lernt man am besten frühzeitig. Eine Schule hat oft passende Angebote. Gut für das gesamte Leben!
Weil ich so viele Lehrer und Lehrerinnen meiner ersten Ausbildungsschule noch kannte, habe ich meist im Raucherlehrerzimmer gesessen, mit Enno und seiner Pfeife, der nie sprach.
Ich hatte ihn früher in Englisch, da erzählte er ganz viele Heldensagen aus seiner Jugend. Irgendwie war der wie ich heute.
Das Lehrerzimmer hatte eine breite Fensterfront zum Schulhof, es war gleichzeitig eine Lehrerbücherei, die Wände waren voller Bücher.
Wunderbar.
Die Schüler winkten manchmal, man selbst ohne Zigarette zurück. Schwierig.
Dann saß der Kunstlehrer da, der sprach auch nicht immer, hinten in der Ecke der Deutschlehrer, der meistens mit seinem großen, schwarzen Hund in den Unterricht ging, dazu der eine Mathematiker, vor dem ich so viel Respekt hatte, dass ich ihn zwar gern nach seiner Meinung fragte, aber lieber nicht als Mentor wählte.
Auch so ein Realist, der war auch nicht gerade jung. Er rauchte ohne Filter.
Die Kaffeemaschine lief immer, es war der Ort der Ruhe in der Schule, ganz anders als das gesunde Lehrerzimmer und genau wie man es nach einer Doppelstunde braucht.
Nie voll, nie eng, es gab fünf kleine Tische. Man unterhielt sich selten, jeder blieb an seinem eigenen Tisch.
Ruhig, kein Gequassel, viel Kaffee und Birgit, eine andere Referendarin, aber für Französisch und Deutsch. Wir saßen als einzige zusammen.
Für die Lehrproben trug sie immer schwarz und kurz, ihre Noten waren super.
Der Rest auch.
Mir stehen kurze Hosen nur beim Fußball, schade. Schon im ersten Jahr saß ich immer mit den „anderen Fächern“ zusammen, ich weiß auch nicht, weshalb.
Am Ende des Referendariats, Prüfungslehrprobe in Mathematik, Unterprima, Analytische Geometrie.
Da ging es ja um den „entdeckenden Unterricht“, das war das Mantra.
Manchmal haben die Schüler „vorher“ aber gerade 4 Stunden Deutsch geschrieben oder sie haben den 5km Lauf absolviert, jedenfalls ist nicht jeder Tag der beste für eine Entdeckungsreise.
Ganz blöd, wenn in der Prüfung die Schüler trotz zahlreicher Impulse vom Lehrer nicht auf die Lösung kommen, die sie ja entdecken sollen. Wenn das nicht klappt, dann waren die Impulse falsch gesetzt.
Logisch.
Einschub: Schnitt von zwei Ebenen, genau, das war es. Ich hatte denen jeweils zu zweit zwei verschiedenfarbige Pappebenen vorbereitet, eine mit einem Schlitz. Dann war sozusagen ein Entscheidungsfahrplan gesucht für die Fälle Schnittgerade, Parallelität und Identität der Ebenen. Und für den Fall, dass die Ebenen windschief sind.
Kleiner Scherz.
Die Fälle sind schnell klar, danach geht es ans Eingemachte. Man kann das unterschiedlich lösen, das macht es interessant. Zum Schluss Anwendung des erarbeiteten Fahrplans am Beispiel.
Im Prinzip eine schlichte Struktur wie in fast jeder Stunde.
Oder wie einer meiner Mentoren sagte: „Sie dürfen von sich nicht immer eine Eins oder Zwei erwarten, das geht nicht. Die normale Unterrichtsstunde ist im Schnitt eine 3- und dann ist es schon gut gelaufen!“
Dann muss man also in diesem kranken System für die Prüfung eine gesunde Lösung finden.
Also nimmt man die beste Schülerin einen Tag vor der Prüfung zur Seite und sagt.
„Morgen ist ja meine Prüfungslehrprobe, Elisabeth.“
Mehr musste ich gar nicht sagen, ich wollte ja nur eine Notärztin im Raum haben, falls es total hakt.
„Klar“, sagte Elisabeth, „ich habe mir mit Kai schon überlegt, was Sie so machen könnten. Wir sind ganz gut vorbereitet, wenn die anderen nicht darauf kommen.“
„Aber bitte erst nach 15 Minuten!“
„Herr Bruno, wir sind keine Anfänger, wir haben 12 Jahre Erfahrung.“
Das war´s.
Ich musste nicht „schummeln“, das machten die ja schon.
Schülerinnen und Schüler sind eigentlich immer die Rettung, wenn etwas nicht läuft.