
Schule-Teil 1-„Mentoren“ (in German only, sorry)
Wenn man Lehrerin werden möchte, dann brauchte man früher, als ich noch jung war, zwei Abschlüsse.
Erstens ein Staatsexamen an der Universität in drei Fächern, bei mir waren das Mathematik, Physik und Pädagogik.
Das letzte gehört auch da hin, das konnte man vergessen, alles Theoretiker, die von realem Unterricht keinen Schimmer hatten, ich sage das heute und ich dulde keinen Widerspruch, versucht es gar nicht erst.
Für angehende GymnasiallehrerInnen waren Vorlesungen und Seminare identisch mit denen für angehende DiplomphysikerInnen und DiplommathematikerInnen.
Schon weil es zwei Studiengänge waren, war das natürlich im Vergleich reduziert, aber inhaltlich war man nach einer Woche bereits im Sternenhimmel über der Thematik für eine 13te Klasse, also wenn ich mal ein großen Eisen rausziehe.
Es gab die Verpflichtung, während des jahrelangen Studiums ein Schulpraktikum zu absolvieren.
Ich glaube, es waren zwei Wochen gefordert. Wenn man sich also Mühe gab, dann waren das die einzigen Schulbesuche im Studium.
Das wären circa 2 Schultage pro Studienjahr. Nur zugehört zu haben, das wäre auch locker durchgegangen.
Zum Schluss habe ich mich im Rahmen einer Examensarbeit am Deutschen Elektronen Synchrotron DESY in Hamburg am Hasylab mit Auger-Elektronenspektroskopie und Spektralanalysen seltener Erden beschäftigt und eine Elektronenkanone mit Netzgeräten für die Steuerung gebaut.
Ist etwas tricky, weil das ja mit Hochspannung funktioniert.
Mit PETRA und HERA hatte ich keine engeren Kontakte, das waren auch keine Frauen, sondern die Schwestern von der DESY. Ist nicht schlimm, wenn Ihr den PhysikerInnenwitz nicht gleich versteht.
Meine Praktika an einem Gymnasium in der Altstadt unserer Stadt waren toll.
Meine betreuende Lehrerin wurde nach zwei Tagen krank und ich konnte die Klasse die restlichen 10 Tage allein unterrichten, das waren ja nicht viele Stunden.
Zugehört habe ich auch, aber ich fühlte mich wie ein Schüler, der das meiste schon kannte.
Der Student grinst dann mit den anderen SchülerInnen, man ist noch nicht über den Fluss mit den Stromschnellen geschwommen, man ist noch …. klein.
Weil das insgesamt etwas zu wenig war, habe ich den stellvertretenden Schulleiter gefragt, ob er mir nicht Vertretungsstunden zuschanzen kann.
Klar, das machte der gern.
Kein Lehrer gibt gern Vertretungsstunden.
Das war natürlich gut, weil da kein anderer zuhörte und ich machen konnte, was ich wollte.
Mal 10 Minuten Hausaufgaben anfangen lassen, einfach Fragen zu Mathe querbeet beantworten oder irgendwelche mathematischen Spiele spielen, war ja egal.
Oder in der Oberstufe kurz berichten wie denn so ein Studium ist. Das war sozusagen mein Einstieg.
Auf Deutsch: Quatschen.
Böse Zungen behaupten, mehr kam später auch nicht, klar.
Doch, ich habe damals auch in einer Abiturklasse schon Stochastik unterrichtet, mit einigen Experimenten der einfachsten Art.
Nach dem ersten Staatsexamen kommt das zweite Staatsexamen nach dem zweijährigen Referendariat an zwei Gymnasien.
Das hieß auch „Vorbereitungsdienst“.
So einen Begriff sollte man ernst nehmen. Man wechselte nach einem Jahr die Schule, eine sehr sinnvolle Vorgabe, die es heute nicht mehr gibt.
Der Abbau des Sinns ist ja allgegenwärtig.
Für jedes Halbjahr durfte ich mir nach einigen Unterrichtsbesuchen einen Mentor aussuchen.
Ich war damals noch nicht so rituell veranlagt, ich habe nach dem Halbjahr in jedem Fach einen anderen Mentor gewählt, also hatte ich im ersten Referendariatsjahr schon vier, zwei in Mathe, zwei in Physik. Insgesamt also sechs, weil ich im Prüfungsjahr nicht gewechselt habe.
Man kann nicht genug Mentoren haben, meine ich. Heute ist es so, dass die Mentoren zugeteilt werden, es wird nicht gewechselt, auch die Schule nicht. So kenne ich es aus Berichten, mein Erleben ist ja weit über 30 Jahre alt.
Von jedem Mentor kann man etwas anderes lernen, ob man das gut findet oder schlecht, ist ganz egal, man lernt ja auch von nicht so guten Vorbildern. Ich habe hier nur die männliche Form verwendet, ich hatte keine Frauen als Mentorinnen, es gab einfach keine.
Der eine konnte toll experimentieren, der nächste machte ausschließlich hochwertigen, anspruchsvollen, sogenannten „Frontalunterricht“.
Der nächste setzte auf Partnerarbeit, der letzte war kurz vor der Pension und mahnte mich immer wieder, meine Waden an die Heizung zu drücken und wie ein Trainer von der Seitenlinie zu agieren.
Durchaus ein wertvoller Rat, den ich nie beherzigte, denn dafür muss man erstens geboren sein und zweitens braucht man sehr dicke Socken im Winter.
In der Lehrerausbildung ist es auch nicht anders als bei Lagerfeld oder Mango.
Die Moden wechseln, die Kleider wechseln, aber hinter dem Ganzen bleiben alle nackt, die Probleme bleiben.
Ich sehe mit einem neuen Hemd besser aus, aber ich bin kein Jota klüger.
„Lernzielorientierung“ war die heilige Kuh in den 70ern und 80ern, dann kam das „Entdeckende Lernen“, jetzt steht auf den Plakaten der Demonstration „Kompetenzorientierter Unterricht“, und „Offener Unterricht“.
Das sind so die Umstandsmoden, die Farben wechseln eben.
Ihr könnt ja bei Wikipedia mal „Offener Unterricht“ eingeben.
Der wichtigste Satz dort lautet: „In der Erziehungswissenschaft gibt es keine einheitliche Definition offenen Unterrichts.“
Unten hänge ich mal stichwortartig etwas von Wikipedia an, dann könnt Ihr Euch selbst eine Meinung bilden.
Tut mir leid, dass ich dieses Gebäude hier ‚en passant‘ sprenge.
Es war nicht gut gebaut.
Alte Gebäude wie „Frontalunterricht“ sind absolut unbewohnbar, das sind Unworte, die man nicht nutzen darf!
Wenn alle nach vorn sehen und der Lehrer vor einer Tafel oder einem Bildschirm steht, dann ist das schon Frontalunterricht.
Das geht gar nicht!
Das Wort wird meines Wissens fast ausschließlich in abwertender Absicht benutzt. Habe ich fast jeden Tag gemacht, Frontalunterricht, klar, mit Variationen, aber frontal.
Ist sehr effektiv, wenn man Schüler erfolgreich auf eine Prüfung vorbereiten will. Auch Präsentationen von Schülern in Gruppen, ist auch ‚frontal‘.
Ist eben nicht ‚offen‘.
Mir soll bitte mal einer erklären, wie er im offenen Unterricht Logarithmen einführt. Nur so als Beispiel.
Geht bestimmt, dauert aber zwei Wochen und zum Schluss können es die meisten trotzdem nicht.
Ach so, der Mentor:
Mein erster Mentor in Physik war nicht unbedingt ein sympathischer Lehrer, er kam aus Baden-Württemberg, er war streng, er trug nur graue Strickjacken, er war manchmal ironisch, er lachte selten, er trug die Haare quer über dem Kopf und er war sehr, sehr anspruchsvoll.
Seine Schrift an der Tafel war kaum lesbar, aber er meinte, man könne das verstehen, wenn man zuhöre. Aber der war fachlich eine echte Koryphäe.
„Die an der Uni können doch nichts, in der Schule gehen die ein wie eine Pflanze. Fragen sie die mal nach den Grundlagen, dann stottern die herum und kommen mit ihren Axiomen. Kann man in der Schule vergessen.“
Gut, ich entschied mich, dass ich den will. Von denen, die den Schülern das Leben besonders einfach machten, lernte man leider weniger.
Vermutlich unterschreiben heute diesen Satz auch Schölerinnen und Schöler.
„Jaha, so einfach ist das nicht, Herr Bruno. Ich nehme ja nicht jeden!“
„Das ist mir schon klar, ich vermute, dass alle zu Ihnen wollen.“
„Nein, ich bin jetzt 55 und ich bin der Jüngste in diesem Fachbereich, ich hatte noch nie einen Referendar zu betreuen.“
„Würden Sie das denn trotzdem machen?“
„Ja, gern. Aber bei mir gibt es Bedingungen, die Ihnen nicht gefallen werden.“
„Nun, dann sagen sie mal, was das wäre.“
„Sie haben 12 Stunden Unterricht pro Woche zu erteilen, ja? Das ist für einen Anfänger sehr viel. Dann haben sie drei oder vier Klassen, denke ich. Jede Stunde mit Raster und Lernzielen vorbereiten wie beim Kollegen Arnheim, der das mit Ihnen in Mathematik macht, Arbeitsblätter, viel Spaß. Schön und gut, machen Sie das für die Stunden, in denen ich dabei bin, bitte auch. Ist nicht nötig, aber als Training für die Prüfung brauchbar. Für die Realität ist es natürlich Blödsinn.“
„Ja, das sind keine so harten Bedingungen!“
„Noch nicht. Wenn Sie zu mir wollen, dann müssen Sie sich verpflichten, jede Woche eine Stunde ohne jede Vorbereitung zu geben, nicht einmal darüber nachdenken sollen sie. Sie gehen da rein und dann können sie mit den Schülern machen, was Sie wollen. Sie reden mit denen, fragen die etwas, sie unterhalten sich. Kino, Theater, Fernsehen oder Fußball. Sie können auch etwas spielen, wenn Sie wollen. Sie können auch unvorbereiteten Unterricht machen, aber das müssen Sie nicht, das ist nicht der Sinn der Sache. Und das machen sie jede Woche in einer anderen Klasse. Das mit dem Lehrplan, das bügele ich später weg. Zur Not fasse ich die Themen von vier Wochen in 45 Minuten zusammen, da steht sowieso so viel Schwachsinn drin. Ich könnte ja auch krank werden, dann fällt das ja auch aus. Grippe steht auch nicht im Lehrplan, immer schön auf Kante genäht von den ahnungslosen Planern und Herrschaften in Kiel.“
Der beste Mentor, den ich je hatte.
Von dem habe ich am meisten gelernt. Habe das nicht jede Woche geschafft, aber die Richtung war völlig richtig.
Und jetzt glaubt mal nicht, dass das so einfach ist, wie es Euch gerade erscheint.
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Offener Unterricht:
organisatorisch Die Lerner bestimmen selbst:
–zeitlich: wann sie an einem Thema arbeiten
–räumlich: wo sie an einem Thema arbeiten
–kooperativ: mit wem sie an einem Thema arbeiten
methodisch Die Lerner bestimmen selbst:
-wie sie ihr Thema bearbeiten
-welchen methodischen Zugang zum Thema sie wählen
inhaltlich Die Lerner bestimmen selbst:
-woran, bzw. an welchem Thema sie arbeiten
sozial Die Lerner bestimmen selbst:
-über die Regeln und den Ablauf des Klassenlebens
-über die Konsequenzen, die sich in Problemfällen ergeben
persönlich Die Lerner bestimmen selbst:
-welche Werte und Prioritäten sie für ihr Leben wählen