„Thank you!“

*“Thank you!“*
Manchmal redet man ja auch zuviel.

Das passiert mir ziemlich oft, glaube ich. Das liegt daran, dass die in der Schule ja bis zum Klingeln nicht wegkonnten und es manchmal 15 Minuten gut fanden, wenn mir ’nur Mathe‘ zu langweilig war und sie selbst nichts machen mussten außer so zu tun als würden sie zuhören.

Das war ein komplizierter Satz, nicht wahr?

Die beste Ehefrau von allen, die ich je hatte, spricht in meinem Fall von „Logorrhoe“. Andere denken das nur und dafür wollte ich mich mal bedanken.

–
Bob Dylan bekommt ja heute den Literaturnobelpreis. Der hat nie Logorrhoe gehabt, außer in jener kurzen Phase 1979. Das war damals auch nicht immer kohärente Logorrhoe.

Aber heute früh habe ich zufällig in die Show vom 15. November 2002 reingehört, weil er da eine der besten Versionen von „Things Have Changed“ gespielt hat, die ich kenne.

Man kennt ja nie alle.

Ich finde Bob Dylan relativ gut, vielleicht wird das zwischen den Zeilen teilweise minimal spürbar.

Das wirklich Besondere am 15. November 2002 war aber, dass er sogar „Thank you!“ gerufen hat. Das hat der ganz selten, dass er auf der Bühne ganz plötzlich spricht.

Aber damals hat er „Thank you!“ schon nach „Maggie’s Farm“ gerufen!

Und das war das allererste Lied an diesem Abend in Philadelphia, Pennsylvania!

Für Bob Dylan ist das fast schon Logorrhoe.

„Thank you!“

„Ist das so?“

*Ist das so?“
Es ist ja die Zeit der Rückblicke. An sich ist dafür immer Zeit, aber man nimmt sie sich immer nur dann, wenn man eigentlich am wenigsten davon hat, vor Weihnachten.

Und eben habe ich gedacht, das ich noch acht Geschichten schreiben muss, weil ich ja hundert machen wollte. Dafür gibt es keinem Grund außer dem, dass ich die anderen hundert aus den letzten 16 Jahren nicht mehr finden kann. Die sind in den unendlichen Weiten des Weltraums entschwunden und unauffindbar. Natürlich könnte ich weiter nach den Verschollenen suchen, aber erstens dauert das lange und zweitens geht es schneller, andere zu schreiben. Besonders viel Geduld ist nicht so mein Geschäft.

„Ist das so?“

Das ist so eine Frage, die mir in diesen ‚postfaktischen‘ Zeiten oft begegnet. Mein Großer stellt sie routinemäßig und wenn ich Lust dazu hätte, würde ich mich darüber aufregen. Neulich hat mir sogar ‚Cinderella‘ das sogar unter dem Tisch durchgeschoben, dieses „Ist das so?“. Und es ging um Mathematik! Das ist einer der wenigen Bereiche, in denen ich bei kritischen Nachfragen ein wenig sensibel werde. Solche Fragen ohne jeden Inhalt kommen ja gern kritisch um die Ecke.

„Ist das so?“

Zum Glück fragt das keine, wenn ich irgendwo sage, dass ich gern einen Cappuccino hätte. Die sagen heute oft „Sehr gerne!“.

Darüber könnte ich mich dann auch aufregen, weil es Tage gibt, an denen dieselbe dann plötzlich nur „Gerne!“ sagt. Dann fragt man sich gleich, ob man etwas falsch gemacht hat, wenn sie den nicht „sehr gerne“ aufnimmt.

Fallen Ihnen typische Redensarten aus unseren postfaktischen Zeiten ein? Ich finde das Wort derartig unwortartig, dass ich es vor lauter Abscheu gar nicht lassen kann, es immer wieder zu benutzen. Und so macht ein Wort eben Karriere. Manchmal reicht schon Abscheu für eine Karriere. Das sieht man ja bei Donald Trump auch.

In manchen Sekunden denke ich, dass wir das mit dem „Gefühlten“ irgendwie angefangen haben in der Öffentlichkeit zu übertreiben. Und auch das mit dem Schlüsselloch im Fernsehen.

Dieses ganze dumme rechte Gewäsch, dieses Gegeneinander, dieses Abgrenzende, dieses von Angst Bestimmte, das basiert großenteils auf dem, was jemand fühlt, nicht prüft und nicht infrage stellt.

Und leider ist es ausgesprochen schwer, sachlich und wahrheitsgetreu gegen Gefühle zu argumentieren. Das denke ich manchmal so vor mich hin, wenn Paola wieder durch die Tür schwebt und den nächsten Milchkaffee ’sehr gerne‘ bringt.

„Ist das so?“

Der Schamane

*Der Schamane*
Manches im Leben vergisst man nicht. Oft ist das sogar gar nicht so bedeutsam, bleibt aber trotzdem im Kopf und von Zeit zu Zeit erinnert man sich daran. Komischerweise habe ich den Eindruck, dass ich den Grund dafür oft gar nicht kenne.

Außer bei dem Holzlenkrad in dem alten Passat von 1988, das war so toll, weil das so herrlich glatt war

Marcus hat mir nämlich vor vielen Jahren eine kurze Geschichte erzählt und wie oft ich die schon weitererzählt habe, das kann ich nicht zählen. Es ist aber möglich, dass Marcus seine Geschichte gar nicht mehr erkennen würde, wenn ich ihm die jetzt 20 Jahre später wieder erzählen würde.

Egal.

Also:
Einem sehr reichen Mann in Europa ging es gar nicht gut, er lief von einem Arzt zum anderen, keiner konnte ihm helfen, keines der unzähligen Medikamente half, kein Heilpraktiker, nichts, gar nichts. Das ging so über Jahre. Marcus, der konnte das auswalzen, dass man schon dachte:

„Ein Kaffee zwischendurch wäre jetzt nicht so übel.“

Dann hörte der Europäer aber von einem geheimnisvollen Schamanen, der im Dschungel von Peru sehr einfach lebte. Der sollte ein großer Heiler sein, so hatte er gehört. Es kann auch Bolivien oder Bangla Desh gewesen sein, ich bin mir nur sicher, daß es vorne mit „P“ oder „B“ anfing. Es war aber nicht „Berlin“, ganz sicher nicht.

Berlin müsste auch mal zu dem Schamanen.

Jedenfalls machte sich der Geschäftsmann auf die lange und beschwerliche Reise, bleiben wir bei Peru. Bei „Peru“ muss ich immer daran denken, dass die am Ball so gut sind, aber seit 1966 immer mindestens zwei böse Treter im Team haben. Vermutlich brauchen die die dünne Luft von Zuhause, sonst haben die Überdruck. Ohne Platzverweis geht das nie ab. Kann aber sein, dass die Termine bei einem Schamanen haben und der Trainer das immer vergisst.

Ich komme gar nicht weiter, ärgerlich.

Jedenfalls musste der reiche Geschäftsmann den letzten Weg sogar zu Fuß gehen, bis er den geheimnisumwitterten Wohnort des Schamanen erreichte.

Er betritt sein Pueblo und er darf sich ihm gegenüber setzen, der alte Schamane deutet nur, er sagt kein Wort, fast wie Bob Dylan bei einer Preisverleihung.

Das mit dem „P“ kann auch „Pueblo“ gewesen sein, fällt mir eben auf. Es war aber nicht „Preisverleihung“.

Und der Europäer erzählt seine Leidensgeschichte. Sie ist lang. Zwischendurch schüttelt der Schamane den Kopf, manchmal schmunzelt er, er hört nur stumm zu.

Endlich fragt der Europäer:
„Kannst Du mir helfen?“

Nach einer Pause spricht der Schamane seine ersten Worte:

„Was willst Du von mir?

Du bist doch schon krank!“

–
Ich übe seit 20 Jahren daran, diese Geschichte so zu verstehen wie sie gemeint ist. Es ist ja gar nicht einfach über einen Satz richtig nachzudenken.

Also:
Wie ist *das* gemeint?

Noch nie

*Noch nie*

Zugegeben:
Ich habe noch nie in einem Auto eine Zigarette im Aschenbecher ausgemacht. Die werfe ich immer aus dem Fenster. Wenn es im Sommer extrem trocken ist, rauche ich in einer Haltebucht.

Andererseits hebe ich in der Stadt oder an der Tankstelle teilweise herumliegenden Müll auf und bringe den zum Mülleimer. Man kann sich da die Hände mit einer rosa Seife von Lidl waschen, die duftet ganz herrlich. Bei Sky haben die etwas Medizinisches, das mag ich nicht.

Zuhause fege ich auch die Straße, wenn der Rinnstein voll mit Blättern und Dreck ist. Weil es besser aussieht, mache ich das bei den Nachbarn rechts und links gleich mit, nicht aus sozialen Gründen, eher aus optischen.

Ich liebe Symmetrien.

Mir ist neulich aufgefallen, dass ich seit 25 Jahren sogar eine ‚Straßenreinigungsgebühr‘ bezahle. Habe noch nie einen Wagen von denen hier gesehen, auch nicht im Winter. Das ist auch gut so, weil die des Öfteren die Spiegel von parkenden Autos abfahren sollen.

Beim Thema „Kaugummis“, da schimpft die beste Ehefrau von allen, die ich je hatte, stets mit mir. Sie packt die immer durchgekaut in diese Alufolie, die sie in der Jackentasche verwahrt, später wirft sie die in den Müll. Sie sagt das. In ihrer Handtasche durfte ich mal irgendwas suchen. Da habe ich dann eine Alualtkugelsammlung gesehen. Ich sage dann nichts. Vielleicht waren die ja noch nicht zuende gekaut und meine Fragen nerven schnell.

Und was kann sie sich aufregen, wenn ich die Kaugummis in hohem Bogen ausspucke und mit dem Fuß volley ins Gebüsch kicke. Ja, schlecht, aber ich bin dann fast Ronaldo in dieser einen Sekunde. Und sie empört sich darüber immer wie eine Madrilenin im Stadion, wenn Cristiano gefoult wird.

Ich liebe es.

Blöd ist es ganz selten, nämlich wenn der Kaugummi bei mir am Schuh oder am Schnürsenkel hängen bleibt. Das hatte ich im Frühling in Hamburg zuletzt. Ein Ärgernis.

Das mit den Kaugummis mache ich schon länger als Mesut Özil auf der Welt ist. Der ist ein Genie, leider sehen das zu wenig Leute. Wenn der den Ball noch gar nicht hat, ist der nämlich schon auf dem Weg zum nächsten. Und der hat in einer kurzen Pause bei Werder Bremen mal mit einem Kaugummi gespielt, getrickst. Den hat er dann hoch geschossen und mit dem Mund wieder aufgefangen. Vielleicht war ihm der nur zu feucht geworden oder so. Jedenfalls hätte ihn Real schon wegen dieser einen Szene verpflichtet, hat mal einer gesagt. Das mit dem Ball, das sieht man nämlich schlechter.

Welche Marke kaut Mesut eigentlich?
Ich würde die gern mal probieren.

40 Jahre

*40 Jahre*

Nein, so alt bin ich nicht.
Das ist nur der Altersunterschied zu meinem Großen. Er spielt American Football und ist gerade in der sogenannten „Massephase“.

85kg auf circa 1,90m.

Ich kann das auf der Waage nicht so gut sehen, weil ich eine Gleitsichtbrille trage. Und beim Messen der Länge ist das mit der Kopfhaltung auch nicht optimal. Das ist auch gar nicht so wichtig.

Und wenn ich so beim heimatlichen Fußballverein das Spiel der 25jährigen mit der guten Technik sehe, dann erwische ich mich beim Gedanken, dass ich im Mittelfeld immer noch meine 50 Ballkontakte hätte, wenn die mich mitspielen ließen.

Das ist Unsinn, denn damit habe ich ja vor 25 Jahren abgeschlossen und Seniorenmannschaften sind nicht so ganz das Meine. Dann lieber Besserwissermodus vor dem TV mit schlechtem Gewissen.

Männer denken oft, sie seien noch dieselben wie … früher.

Natürlich hilft da ein Sportwagen mit niedrigem Einstieg nur solange man drin sitzt. In einen Porsche gehört ein Mann unter 40! Leider hätte ich trotzdem gern einen, aber es wäre mir zu peinlich, damit herumzufahren. Ein Dilemma zwischen dem Wünschen und der Realität der Gefühle.

Langstrecke, das war nie mein Geschäft, kurz und schnell schon eher, bis 400m. Leider denke ich in manchen Momenten, ich könnte die 100m immer noch in 11,8 Sekunden abspulen. Das denke ich aber nur, weil das zuletzt vor 25 Jahren, also in meiner Sichtweise sozusagen „kürzlich“ noch ging.
Da konnte ich als ‚alter Mann‘ die zehn Jahre Jüngeren alle noch aussehen lassen als würden die parken. Das war jetzt mal ein richtig männlicher Satz, aber zwei oder drei Zehntel sind eben eine Ewigkeit für mich.

Und weil mein Großer mich neulich tatsächlich „plautzig“ nannte, weil er ja von hinten aussieht wie Daniel Craig als James Bond, da habe ich so locker rausgehauen, dass ich ihm „über 100m immer noch 3m abnehme“.

Also solange er seine Arme nicht zum Schubsen benutzen darf.

Und im Frühling probieren wir das aus.
Oder ist das jetzt eine blöde Idee?

Ich glaube: Ja.

Man kann ja nichts zurücknehmen, was man gesagt hat.

Gesundes Leben

*Gesundes Leben*

Zunächst einmal ist Leben insoweit ungesund, weil es ja irgendwann endet.

Aber Bücher, Freunde, was gibt es an Büchern zum Thema physischer Gesundheit und psychischer Hygiene allerorten!

Unfassbar.

Wer kauft das alles?
Wer liest das alles?
Wem nützt das?
Wem tut das Gutes?

Bücher über den Darm hinten und hautnah über die Haut, das schlagende Herz und den inneren Frieden. Auf Platz 1 beim Spiegel der komödiantische ‚Hirsch‘ der lockeren Unterhaltung zum Thema „Wunder, Medizin und Magie“.

Da lese ich lieber „Der Schatz im Silbersee“ zum zehnten Mal!

Und trotzdem bekomme ich gleich ein schlechtes Gewissen, weil ich „Die Cigarette“ aus dem Jahr 1927 öfter gelesen habe als ich Bücher zum Thema Gesundheit je aufschlug.

Ich googele auch keine Erkrankungen, ich werde davon nämlich ebenso krank wie vom Lesen eines Beipackzettels.

Bin ich vielleicht nicht … gesund, weil andere das offenbar tun? Lesen das Menschen meines Alters ’normalerweise‘ reihenweise? Oder hilft es, wenn man die Bücher im Regal ungelesen stehen hat auch schon ein wenig?

Eine Frage der alternden Gesellschaft?

Vielleicht auch nicht nur, denn die Jugend optimiert ihren Körper im Fitnessstudio und in Ernährungsfragen. Andererseits leidet niemand häufiger unter eingebildeten Krankheiten als ein Student der Medizin.

Vielleicht muss man gar nicht alles wissen.

Der gute Niels Bohr, der Physiker, der hatte über seiner Haustür in Dänemark ein Hufeisen hängen. Das ist für einen Naturwissenschaftler … ungewöhnlich.

Und als seine Kollegen der ‚Kopenhagener Schule‘ ihn fragten, ob er etwa abergläubisch sei, da sagte er nur:

„Nein, aber man hat mir gesagt, das es auch hilft, wenn man nicht daran glaubt.“

Der hatte mehr verstanden als er selbst wusste.

Wie viele Unverschämte?

*Wie viele „Unverschämte?“*

Ja, das ist heute die Frage.

Und das wird lang, schafft keiner mehr heute. 😉

Manchmal erwische ich mich beim Gedanken an die Zukunft und da denke ich speziell darüber nach, was die ersten Anzeichen wären, um über die Abgabe des Führerscheins nachzudenken.

Wie fast jeder Mann halte ich mich natürlich für einen ‚guten‘ und ’sicheren‘ Fahrer, der ‚dahingleitet‘ und versucht, keinem auf die Nerven zu gehen. Das kann ich selbst ja auch nicht leiden, wenn solche Dickschiffe dicht auffahren. Da halte ich dann auch mal an, um zu sehen, wann ich Fahrer und Fahrzeug an der Leitplanke beim Überholen wiedersehe.

Neulich habe ich beim Abbiegen an einer Kreuzung bei der es nur Spuren für rechts ab und links ab gibt, vergessen zu blinken. Den älteren Herrn habe ich aber zu Fuß passieren lassen. Der hat aber wild zu mir in das stehende Auto gestikuliert und gebrüllt:

„Wozu hat Dein Auto einen Blinker?“

Ganz böse war der, der lag jetzt nicht verletzt vor dem Kühler, der ging noch. Munter war der jedenfalls auch. Lebendig und temperamentvoll.
Und er wusste was.

Wer weiß, wie man selbst in 20 Jahren so unterwegs ist?

Heute war das alles noch viel besser:
Ich wollte endlich die neue Stones-CD im limitierten Digipak holen. Die war nämlich seit dem Wochenende ausverkauft.

Und der Parkplatz, mein Gott, der Parkplatz von diesem Einkaufszentrum, der war so voll. Ins Parkhaus fahre ich sonst nicht, aber heute musste ich bis in den dritten Stock. Da war auf dem.ganzen Weg durch das Parkhaus ein uralter Fiesta vor mir. Der hielt an jedem Gang an und schaute nach einer Lücke. Es gibt da rote Lämpchen über besetzten Plätzen und welche in Grün über den freien. Das kannte der nicht, vermute ich. Zu Weihnachten sind ja überall so viele Lampen, auch unter Decken.

Das irritiert.

Weil gerade „Ring Them Bells“ aus dem Supper Club in New York City lief, hatte ich es auch nicht eilig. Manches hört man sogar hinter einem alten Fiesta gern bis zum Schluss.

Dann ging es aber geradeaus plötzlich nicht weiter, das hatte der im Ford nicht gemerkt. Der fuhr also schon 5m in eine Einbahnstraße, wo er hätte links abbiegen müssen. Es war jetzt die dritte Strophe des Glockenliedes.

Dann habe ich angehalten und bin 5m zurückgerollt, damit der Schläfer links abbiegen kann. Leider entschied der sich für’s Wenden auf 6m Breite! Das dauerte dann schon etwas und der ließ gern 150 Zentimeter Platz. Dann hat man wenig Platz zum Umdrehen.

Als ich dann schon darüber nachdachte, welches Lied als nächstes kommt, bin ich langsam mit Abstand links abgebogen. Da war ja Platz von der Größe eines kleinen Sees in Mecklenburg-Vorpommern. Da war aber kein Platz in der Reihe frei und der Fiesta kann dann in Ruhe seine Wende zuende in den Beton malen, dachte ich noch.

Das war *ganz* falsch.

Da war eine Dame zu Fuß unterwegs, etwas blass, etwas unter 50 und die pöbelte mich durch die offene Scheibe an:

„Rücksichtslos ist das! Eine Unverschämtheit! Lassen Sie die alte Dame doch in Ruhe fahren!“

Ich wusste erstens nicht, dass das eine alte Dame war und zweitens nicht, dass die sich wohler fühlt, wenn ich warte bis sie fertig ist mit ihrer ganzen Arbeit.

Habe dann nur schwach gelächelt obwohl mir schon der Kamm schwoll. Man fühlt dann die Wärme der eigenen Ohren plötzlich. Faszinierend, wie schnell das geht, dass das Natürliche durchkommt im Menschen.

„Ach, wie lange sehen sie uns denn schon zu?“

Weiteres Pöbeln von der Seite, in der nächsten Reihe alles frei. Omi kam dann auch fast neben mir, habe sicherheitshalber nochmal gelächelt. Omi ging es den Umständen entsprechend offenbar gut.

Da habe ich mich schon ein wenig besser gefühlt in meinem Menschsein am Steuer. Aber auch nicht nicht so voll und ganz. Ich hatte das ja noch nicht verstanden.

Das Cover der neuen Stones-Scheibe, nun, aber darauf kommt es nicht an. Ein Faltenfoto, das wäre nett gewesen.

Auf dem Rückweg sah ich dann meine neue Freundin, die jüngere, nicht Fiesta-Senora, im Buchladen. Dann kann ich nicht anders, es ist ein Zwang zum Fragen.

„Entschuldigung, können Sie mir erklären, was ich ihrer Meinung nach vorhin falsch gemacht habe?“

Sie lächelte und war jetzt über 50.

Milde sprach ihr schmaler unglücklicher Mund:
„Ach, wir haben uns beide freigenommen, um etwas für Kinder zu kaufen, nicht? Wollen wir da nicht rücksichtsvoll sein? Ich musste an meine arme alte Mutter denken. Etwas mehr Freundlichkeit und Rücksichtnahme, wäre das nicht schön?“

Schier erschlagen von diesem Sermon, musste ich dann leiser fragen, ob zu „Freundlichkeit“ der Begriff „Unverschämheit“ einen Bezug hatte.

Aber sie wird bestimmt trotzdem heilig gesprochen.
Sie hatte einen Ratgeber in der Hand.

Aber sie hatte keine Antwort auf die Frage.
Fast wie in der Politik.

„Ich wollte die Anwältin der alten Dame sein.“

Die neue Stones-Scheibe ist wirklich besser als alles andere seit 1995.

„I Gotta Go“ zum Beispiel.

Pausen II

*Pausen II*
Das Schönste in der Schule waren ja die Pausen. Das sind sie aber nur, wenn man sie draußen und allein verbringt. Ansonsten war es im kleinen Lehrerzimmer für die Raucher und die, die im Geiste Raucher waren, lauter als im Unterricht.

Auch während der Unterrichtsstunden nimmt sich der Lehrer, wenn er klug und effektiv arbeitet, kleine innere Pausen. Sonst hält er nämlich keine 8 Stunden mit bis zu 200 Schülern am Tag durch.
Allerdings versuchen das die meisten im Geheimen.

Besonders schön war für mich immer die Zeit, in der die japanische Kirsche vor dem Hörsaal blühte. Da habe ich dann beim Blick aus dem Fenster manchmal mittendrin das Wort verloren.

Und wenn man dann fasziniert aus dem Fenster blickt und nachfragen muss, was man zuletzt gesagt hat, dann ist das sehr lustig. Das ist es auch deshalb, weil ich gern abgelenkte Schüler fragte, was ich gerade über ‚Niels Bohr‘ erzählt habe obwohl ich den überhaupt nicht erwähnt hatte.

Die Kirsche war sozusagen mein ‚Niels‘.

Wenn japanische Kirschen auch im Herbst und Winter blühen würden, wäre das das ganze Jahr über deutlich entspannter gewesen.

Niels Bohr war genial, aber immer sehr, sehr langsam. Genialität hat nicht zwingend mit Geschwindigkeit zu tun. Heisenberg schreibt, das Bohr die ersten Western im Kino nie verstanden hat obwohl das deutlich einfacher ist als Physik in atomaren Bereichen.

‚Maschinengewehr Natalia‘ habe ich mal unterrichtet, die war furchtbar schnell und gut.
Die konnte eine inhaltlich 30minütige Präsentation auf 12 Minuten einkochen. Dabei ist von Nachteil, dass das dann keiner versteht. Andererseits ist das eben ‚komplett‘, hätte sie gesagt.

Pausen waren für sie sinnlos verbrachte Sekunden.

Dies war eine ihrer seltenen Fehleinschätzungen.

Eine Pause eines Vortragenden stört nur eine einzige Person im Raum, nämlich den, der spricht. Für alle anderen ist sie pure Erholung. Darüber sollte man vor jeder Rede und jedem Vortrag am längsten nachdenken.

Gesprächspausen kann mancher ja nicht mal zu zweit ertragen. Das ist schade. Das passiert mir auch.

Und wenn Ihr Euch jetzt fragt, ob sich das hier etwas langweilig liest, dann habt ihr Recht.

Aber ihr habt genau das Richtige gemacht in diesen unruhigen Zeiten:

Pause.

Pausen

*Pausen*
„…. time is an enemy …“

Das singt Dylan so schön in „Up To Me“, einem Outtake von ‚Blood On The Tracks‘, und er zieht natürlich das „enemyyyy“ sehr quälend lang nachdem er das „time“ zart umgarnt hat.

Und das ist nicht falsch, doch ist die Zeit der Feind nur auf sehr lange Sicht. Auf kurze Distanzen ist sie einer der besten Freunde des Menschen.

Werbepause.

Das ist die schlimmste aller Pausen, weil sie gar keine ist, sondern noch lauter, schneller und lärmender daherkommt als das Davor und das Danach.

Was folgt, ist ein Loblied auf die Pause auf tonlose Art. Pausen sind keineswegs das Nichts. In Pausen passiert häufig viel mehr als im wilden Getümmel! Es ist dabei nur leise und jeder hört es anders.

Es gibt Musik, die stoppt und trotzdem im Ohr weiterlaufen kann, sozusagen in der Stille obwohl sie gar nicht da ist, die Musik. Das für mich schönste Beispiel dafür ist „Hard Rain“ von, klar, Dylan 1976, dem zweiten Teil der Rolling Thunder Revue.

Klänge ohne Töne.

Wilco, die für mich immer junge Kapelle, die beste der Welt, wie ich gern sage, beherrscht das heute auch.

Es gibt Filme wie „Paris, Texas“, die hauptsächlich aus Augenpausen bestehen und trotzdem nicht langweilen, wenn man sich darauf einlassen mag. Ob ein heute Junger das auch so sähe?

Man weiß es ja nicht.

Merkwürdigerweise geht es mit mit einem alten Tatort nicht so gut aus obwohl bei denen Pausen und Gemächlichkeit zur Entwicklung der Figuren dienten. Der Film mag gleich geblieben sein, das Auge des Zuschauers könnte sich verändert haben und mehr Bewegung oder schnellere Schnitte verlangen. Man schafft’s nicht über die volle Distanz. Warum?

Wer weiß das schon?

Helmut Schmidt-Pausenkönig!
Wer kann heute an den genau richtigen Stellen noch an einer Zigarette öffentlich ziehen? Wer kann an der entscheidenden Stelle eines Satzes die Ruhe für einen Schluck aus der Kaffeetasse aufbringen?

Fällt Ihnen eine Person des öffentlichen Lebens ein, die das kann? Außer Bob Dylan natürlich, der macht Pause bei der Verleihungszeremonie für den Literaturnobelpreis. Ich glaube ja, der hatte da lediglich schon einen Pausentag geplant.

Der Feind der Pause, das ist die Eile. Und bevor man über die nachdenkt, braucht man unbedingt ’ne Pause.

Große Pause.

„Kaffee?“

Belastungsgeschenke

*Belastungsgeschenke*

 

Lara von der Stammtankstelle bekommt ja immer ‚Mon Cheri‘ von einem ihrer zahlreichen Benzinkonsumenten. Der, der ihr das schenkt, kauft für sich selbst oft ‚Rafaello‘, das sind diese weißen Kugeln mit Kokosraspeln.

Ich kenne nur diese grauenhafte Werbung mit den Menschen in Weiß und roten Lippen unter blauem Himmel.

Schon deshalb käme ich nicht auf die Idee, ‚Rafaello‘ zu probieren. Wäre die Reklame wie die von Campari in Schwarz und Weiß, hätte ich die bestimmt auf dem Einkaufszettel notiert.

Die reich und alkoholisch beschenkte Lara also hasst ‚Mon Cheri‘, aber sie liebt „Rafaello“. Man weiß natürlich nicht, ob ‚Rafaello‘ zufällig auch der Name eines ihrer ‚besten Freunde‘ ist. Sie hat relativ viele ‚beste Freunde‘, aber nur einen ‚Mon Cher‘.

Man weiß es ja nicht.

Jedenfalls hat sie die ‚Mon Cheri‘ immer weiterverschenkt. Das war nicht so einfach, weil die meisten Leute die auch nicht mögen. Ich selbst bin ganz froh, dass sie mir andere Sachen schenkt, weil ich sonst auch jemanden suchen müsste, der diese Alkoholpillen mag.
Meine Mutter hat mir früher auch oft Sachen geschenkt, die ich nicht so gut brauchen konnte. Mit 16 ist ein Regenschirm als Mann zum Beispiel unbrauchbar und peinlich. Dazu noch ein ‚Knirps‘! Wäre es wenigstens ein schwarzer Stockschirm gewesen, man hätte ihn ja zum Aufstützen verwenden können.

Oder weinrote Hosen und Pullover. Ich würde niemals etwas in Weinrot anziehen. Als Getränk hingegen finde ich die Farbe mittlerweile einmal im Monat durchaus kleidsam.

Schenken andere Mütter ihren fast erwachsenen Söhnen eigentlich auch tuckige Herrenhandtaschen?

Alles nie benutzt, aber man ist ja bei Geschenken zurückhaltend mit Kritik. In der ledernen Herrenhandtasche habe ich eine Sammlung von Audiokabeln verwahrt. Die fanden es schön im teuren Leder.

Meine Mutter selbst war ja auch zurückhaltend mit Kritik an Geschenken. Damals vor 40 Jahren hatten wir nämlich eine Putzhilfe, die einmal pro Woche kam. Die häkelte wirklich viel und gern. Da gab es Kissenbezüge und Blumenampeln und vieles mehr, alles aus ihrer Fabrik vor dem Fernseher auf dem sie Wim Thoelke liebte.

Der hat vielleicht sogar selbst gehäkelt.

Diese Produkte hat sie dann meiner Mutter zum Geburtstag mitgebracht oder zu Weihnachten. Meine Mutter war verbal immer ganz hingerissen wegen der Kissenbezüge in den scheußlichen Farben und wegen der langen Blumenampeln mit den vielen Troddeln.

„Ach, wie wunderschön! Die hängen wir in den Durchgang zum Esszimmer!“

Da sah man die auch nicht so.
Wir aßen ja in der Küche.

Jedenfalls wurden alle Geschenke mittwochs am Morgen im Haus verteilt bevor die Putzhilfe die Tür aufschloss.

Nachdem die ältere Dame gegangen war, wurde alles wieder in den Karton hinter der Schrankwand im Schlafzimmer im ‚Anbau‘ geworfen.

Eigentlich wäre selbst wischen und saugen weniger anstrengend gewesen. Aber dann hätte die Häkeldame keinen Nebenjob mehr gehabt.

Es ist nie so einfach wie es scheint.