Blue Monday

*Blue Monday*

Natürlich denke ich bei „Blue Monday“ zunächst an das Stück von ‚New Order‘. Und wenn ich an ‚New Order‘ denke, dann denke ich an Nicolette Krebitz, die mal auf einem Cover einer Platte von New Order zu sehen war. Und wenn ich an Nicolette Krebitz denke, dann denke ich daran, dass mir immer öfter Namen von Schauspielern und Schauspielerinnen entfallen und ich so oft „Das ist doch der Dings, der, wie heißt der nochmal?“ sage und frage.

Das ist ja kaum auszuhalten!
Mein Hirn schwächelt!

Der „Blue Monday“ ist nämlich der dritte Montag des Jahres und der gilt angeblich als der traurigste Tag des Jahres. Dagegen spricht schon mal, dass die Frau Krebitz eigentlich immer noch so aussieht wie auf dem Cover von 2001.

„Das Leben ist doch eigentlich ziemlich Scheiße.“

Dies hat mir kürzlich der Dirk geschrieben, den ich vom Schreiben seit knapp 20 Jahren kenne. Getroffen habe ich ihn ja nie, wir leben quasi in verschiedenen Sonnensystemen. Zwei Sätze später pries er jedoch enthusiastisch vier geniale Stunden von Bob Dylan in New York City aus dem Jahr 1993, die er mir empfahl und meinte ….

„Dafür lohnt es sich manchmal doch!“.

Heute, noch im Dunklen, kam mir dann ein ganz alter Mann mit grauem, sehr schütterem Haupthaar entgegen, der auf gleicher Höhe mit mir plötzlich „Hallo Martin“ sagte.

Und das war dann der Sebastian, der war mit mir vor weit über 40 Jahren in derselben Klasse. Nach 2 Sekunden sah der dann auch fast wieder so aus ‚wie immer‘. Fast. Schließlich hatte ich ihn zuletzt vor vielleicht 30 Jahren gesehen. Vermutlich sehe ich genauso aus wie er.

„Das Älterwerden finde ich total beknackt“, hat er noch gesagt bevor wir in unsere vorgegebenen Lebensrichtungen weitermarschierten. Wenn ich ihn in wiederum 30 Jahren nochmal sehe, dann können wie das ja beide sagen. Soweit bin ich nämlich noch nicht, also nicht heute. Gestern ganz kurz, aber das Morgen muss ja nicht wie das Gestern sein. Sebastian hatte unter Umständen heute so einen Tag wie ich gestern. Auf der anderen Seite klang sein Satz schon recht routiniert, fast wie an der Kasse der Tankstelle das „Beleg dazu?“

„Außer meiner Arbeit habe ich überhaupt keine Sozialkontakte!“

Das hat mich dann neulich als Satz einer Freundin sehr verwirrt, weil sie auf der Straße ganz viele Menschen kennt und grüßt und mit denen spricht. Zusätzlich sitzt sie mit mir seit fast zwei Jahren fast täglich beim Morgenkaffee. Dieser „Sozialkontakt“ am Morgen würde mir total fehlen, wenn sie jetzt plötzlich in einem anderen Laden ihren Milchkaffee trinken würde.

Oder was sind sonst ’soziale Kontakte‘?

Irgendwie habe ich das Gefühl als hätte ich das Cover von New Order schon einmal erwähnt. Aber wo, das kann ich mir nicht mehr merken.

So schlimm ist das doch alles gar nicht, oder? Es lohnt sich …. eben doch.

Alles.

 

 

 

Unter der Dusche

 

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*Unter der Dusche*

Stellt Euch mal vor, dass Ihr männlich seid und im Gefängnis einsitzt, sagen wir ruhig für eine längere Zeit. Und zweitens stellt Ihr Euch vor, dass Ihr zehn männlichen Insassen des Traktes gemeinsam nackt unter den Duschen steht.

Was darf man in dieser Situation sagen und was sollte man lieber nicht sagen?

„Verdammt, Heinrich, Du bist in den Jahren hier echt voll fett geworden!“

„Mensch, Herr Graf, etwas Sport würde Ihnen nicht schaden, Ihr Alter sieht man Ihnen auch an.“

„Gib‘ mir mal Dein Duschgel, Horst!“

So oder so ähnlich, das ginge, vermute ich.

Vermutlich könnten wir noch darüber sprechen, ob Özil nun ein Genie ist oder nicht oder ob die Gefängnisleitung jetzt ein anderes Waschmittel für die Bettwäsche verwenden lässt.

„François, Du hast die schönsten Beine der Welt!“
„Deine Körperbehaarung ist wirklich beeindruckend, Paolo!“
„Du bist so toll gebaut, Muhammad!“
„Mit Dir, Pep, würde ich gern mal allein duschen.“
„Du siehst heute wieder aus wie ein Weltstar, Rudi!“
„Du hast einen Knackarsch, Bernd.“
„Mit Deinem Körper kannst Du Geld verdienen, Gustav!“

Eben, das würdet Ihr vermutlich auch nicht sagen.

Es ist nämlich so, dass Ann, meine junge Englisch-Lehrerin, immer gute Ideen hat, wie man sich bestimmte Regeln auf einfache Weise merken kann. Irgendwie kamen wir dann wieder auf diese #metoo-Debatte und ich habe sie gefragt, wie ich mir einprägen könnte, was ich noch zu Frauen sagen darf und was ich lieber nicht sagen sollte.

Und dafür gab sie mir das „Gefängnisduschenbeispiel“.

„Stell‘ Dir vor, Du bist mit zehn anderen männlichen Gefangenen im Gefängnis und Ihr steht unter der Dusche. Wenn Du da etwas nicht sagen würdest, sag‘ es auch nicht zu einer Frau.“

„Alexander, mit Dir trinke ich morgens meinen Kaffee am liebsten“ …. das würde ich auch nicht sagen.

Vermutlich würde ich überhaupt nichts Nettes unter der Dusche sagen.

 

Mein Platz

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Mein Platz

Im „Stammcafe“ hatte ich eben meinen Lieblingsplatz am Fenster, da stehen zwei Sessel am kleinen runden Tisch. Und eben bin ich 5 Minuten raus zu den „Jungs“, um über Fußball zu sprechen und eine Zigarette zu rauchen.

Zwei ältere, elegante Damen gehen ins Café, legen meine Handschuhe vom Tisch, das Handy und mein Italienisch-Buch.

Sie nehmen Platz.

Das ist nicht so schlimm, ich bin ja recht flexibel und es gab 7 leere Tische, da suche ich eben einen anderen. Ich habe auch noch mehr Zeit, vielleicht.

Aber als ich meine Sachen hole, sagt die eine:
„Oh, war das Ihr Tisch?“
„Ja, das *war* mein Tisch.“
„Sie können sich ja dazusetzen!“
„Nun ja, erstens sind hier nur zwei Stühle und zweitens …. wäre das doch eher mein Angebot gewesen, oder?“

Uns trennten nicht nur 20 Jahre.

Aber angenommen ich wäre jetzt 25 und weiblich und zwei 20 Jahre ältere Männer hätten sich auf meinen Platz gesetzt.

Ändert das etwas?

 

Hard Times

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*Hard Times*

Es ist bestimmt nicht leicht, heute jung zu sein.

Das fängt schon bei einem großen Teil der Musik an, denn „Popsongs werden heute gebaut wie Hauptstadtflughäfen“, so stand es gerade in ‚Die Zeit‘ über den Produzenten Antonoff, der Taylor Swift, Lorde und anderen Frauen zu Erfolgen verhalf. Der arbeitet offenbar nur mit weiblichen Stars, ich kann den Mann gut verstehen. Ich würde auch nicht so gern eine männliche Heavy Metal-Combo betreuen.

Hugh Grant wieder Vater!

Fünf Kinder in sechs Jahren. Wieviele Mütter das jetzt ergibt, das weiß ich nicht, ist ja auch nicht so wichtig. Jedenfalls hat der offenbar noch Sex, was ja in der heutigen Zeit auch nicht mehr so ganz normal ist. Wir seien ja medial „oversexed“ aber „underfucked“, jedenfalls habe ich das auch irgendwo gelesen.

Natürlich sagen das die, die das schreiben, immer nur über die anderen. Das ist ja auch einfacher. Andererseits gab es einige Artikel zum Thema „Sexroboter“, auch in ‚Die Zeit‘. Entweder ist das tatsächlich ein kommendes Thema oder die halbe Redaktion der guten Wochenzeitung ist ‚underfucked‘, aber das wäre jetzt eine bösartige Unterstellung.

Hugh Grant braucht jedenfalls noch keinen Roboter, hoffentlich kann er die Namen der Kinder in 5 Jahren noch auseinanderhalten, denn so extrem jung bleiben ja auch Briten nicht für alle Zeit.

So ein Roboter ist an sich die logische Fortsetzung von pay-per-view und dem einsamen Spielen am Computer, nur eben mit dem unteren Teil. Wenn das in 30 Jahren zur Normalität gehören sollte, verlege ich meine Wiedergeburt auf einen anderen Planeten.

 

 

„Ilsebill salzte nach“

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„Ilsebill salzte nach“

Laut einer aktuellen Abstimmung unter Beteiligung vieler Experten ist das der ‚brillianteste Anfang deutschsprachiger Romane und Erzählungen‘, „Der Butt“, klar.

Allerdings bin ich auch nicht viel weiter gekommen.

Früher hatte ich den Butt links und rechts „Hitler“ von Fest, damit konnte man die Schallplatten gut fixieren.

Aber Fest habe ich wenigstens gelesen.

Dass Grass links stand und Fest rechts, das fällt mir erst jetzt auf.

„Schwarzenbeck setzt nach“ von Rudi Michels als Sportreporter beim Länderspiel ist nicht ausgezeichnet worden.

Und in New York gibt es jetzt Hundeboxen mit Kamera und Heizung, damit der Kunde in Ruhe einkaufen oder essen gehen kann.

Die kosten dort 20 Cent pro Minute, also 12$ pro Stunde, aber mir fehlen die Vergleichswerte mit Parkplätzen und den öffentlichen Toiletten der Millionenstadt.

Es könnte sein, dass es für diese sogenannten Tierfreunde preiswerter wäre, das Tier in einer Toilette einzuschließen.

Das sind schon anspruchsvollere Meldungen aus dem täglichen Nachrichtengestrüpp.

Dann habe ich noch eine Diskussion über den Philosophen Precht in einer facebook-Gruppe verfolgt.

Ich stelle mir Philosophen optisch immer anders vor, mit kürzerem Haar, dickerem Bauch und eigentlich ganz ohne Gesicht, das liegt an mir, könnte aber einer der Gründe sein, weshalb er fast so oft in Talkshows erscheint wie Sahra Wagenknecht, allerdings unrasiert und ohne Kleid.

Precht natürlich, nicht Sahra.

Diese Diskussion im Forum war derart angereichert mit eklatanten Rechtschreibfehlern, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, dass die alle ein Buch von ihm gelesen haben.

„Mengel“, das kann man eben beispielsweise auch falsch verstehen.

Und dann war da noch ein Bericht über posttraumatische Belastungsstörungen, dessen wesentliche Aussage war, dass „manchmal“ das Spielen von Tetris am Computer mehr hilft als das therapeutische Reden über Erinnerungen.

„Manchmal“ könnte in der BILD dann sinnentstellend gefehlt haben, aber wenn man als Computerspiel Tetris wählt, dann kann man sich vorstellen, seit wann die an der Studie gearbeitet haben.

Also, wenn man mal richtig böse sein möchte.

Wobei es durchaus nicht falsch ist, „manchmal“ lieber zu schweigen als zu reden, das haben die bei den Sondierungsgesprächen ja nun auch verstanden.

„Sie kennen mich“ wird trotzdem keinen Preis mehr gewinnen.

Es ist gar nicht so einfach, einen unsachlichen, richtig arroganten, besserwisserischen Text zu verfassen.

Andererseits kann das ja heute jeder Idiot öffentlich tun und das ist auch einer der Gründe, weshalb man denkt, die Welt werde immer schlechter.

Sie war nie anders, nur habe zum Beispiel ich das früher nur einem Betrunkenen am Tresen der Kneipe sagen können.

 

 

Atemlos

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*Atemlos*

Endlich.

Jetzt hat 2018 den ersten, richtigen „Scheißtag“ hingelegt. Das hat auch sein Gutes, denn erstens wollte ich erstmal gar nichts mehr schreiben und zweitens fiel mir sowieso nichts auf oder ein. Aber nun ist das ja schon um die Mittagszeit ein blöder Tag und darüber schreibt es sich besser als über die ersten drei noch guten ‚2018er‘.

Zuerst hatte es in der Nacht geregnet, nicht schlimm aber ausdauernd, eben nördlich, und das Fenster der Fahrertür sollte da doch lieber geschlossen sein. Alles mal wieder nass: Sitz, Boden, Teppich, Parkscheiben und die ganze Ablage in der Tür mit den 20 Stiften und dem Eau de Toilette gegen den Zigarettengeruch.

Zu dämlich. Das Alter.

Meine Hose war dann durch das aufgelegte Handtuch auf dem Sitz auch noch feucht geworden. Bin beim Kaffee nicht aufgestanden, um Gerüchten vorzubeugen. „Kaffee“ kommt vor „Putzen“, ich gehe gern alphabetisch vor, so weit reicht mein Ordnungssinn. Zum Glück liegen Putzen, Saugen und Wischen weit hinten. Bett, Frau, Frühstück, Hund, Kind und Kaffee hingegen nicht.

Also danach wischen, Essig gegen drohende Ränder, alles ausräumen … ein wundervoller Anfang. Jetzt verstehe ich auch, was Sabrina neulich meinte als sie sagte

„…. das muss Du ja alles zum Putzen wegnehmen!“

Dann wollte ich neue Scheibenwischer kaufen, berichte beim Händler vom VW, lege den Schein hin, und sage, dass der ja nicht neu sei. Der hat im Lager lange gesucht und kam mit den ‚richtigen‘ Wischern zurück.

„Volvo meinten Sie, nicht VW, oder?“

Der hatte tatsächlich zugehört aber nichts gesagt, denn ich gab ihm den falschen Fahrzeugschein, die Kennzeichen sind quasi fast identisch. Beim folgenden Anbau habe ich mich dann ungeschickt am Daumen geschnitten, sodass es frisch tropfte. Herrlich so ein 2018er im vierten Aufzug.

Danach mit dem Kind noch ’nach‘ IKEA und ’nach‘ Saturn – so sprechen manche hier – , Kameras testen, das wollte das Kind. Zwar nichts gekauft, aber an der Kasse das typische Piepen zwischen meinen schnellen Schritten, an der Kasse stehen mindestens 20 Kunden.

„Ein Dieb!“

„Dann komm‘ mal mit ins Büro!“ sagt der mächtige Sicherheitsmann im über der Brust gespannten Anzug in coolem Schwarz mit tödlichem Blick. Also mit Kind und Hund ins Büro. Die piepten nicht, die waren etwas befremdet.

Es war dann nur ein Sicherheitsetikett am noch neuen Pullover, aber vor der Piepbarriere musste ich wegen des Kindes eine Schere verlangen, um das vor 20 Kunden zu entfernen. Man steht ja selbst als echter Dieb nicht gern als solcher da.

Als Irrtum aber auch nicht.

„Und beim nächsten Mal bitte ‚Sie‘, der Herr“, habe ich ihm beim Abschied zugelächelt. Immer noch viel Luft in der Brust, als auch er kurz lachte.

An sich bin ich gar nicht so, aber die Pfütze im Auto kann einen ganzen Tag versauen, wenn man ein Sensibelchen ist.

–

Foto vom Ron. 🙂

 

„Wo ist das Blei?“

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„Wo ist eigentlich das Blei, das Du letztes Jahr besorgt hast?“, fragte die beste Ehefrau von allen, die ich je hatte.

„Das habe ich im Bücherregal liegen lassen, im Flur.“

Und es liegt noch an *genau* der richtigen Stelle.

Guten Rutschhhhhh für Euch!

…. der Hund hat leider an der „Zeit“ genagt.

„Oma, Du bist hier nicht der Chef!“

 

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„Oma, Du bist hier nicht der Chef!“

….. das soll das kleine Kind im Alter von 4 Jahren bei einer Frage der Organisation im Urlaub bemerkt haben.

Mit dem Organisieren hat man Weihnachten auch gut zu tun gehabt, auch mit dem überreichlichen Essen, ich bin ja immer froh, wenn das vorbei ist und ich mal wieder Haferflocken mit Kaba, Zucker und Milch essen kann. Etwas Vollmilchschokostreusel dazu sind auch optisch eine feine Sache.

Kürzlich hat mir eine mir völlig unbekannte junge Frau geschrieben, dass sie „Ballast abwerfen“ wolle im neuen Jahr. Irgendwie musste ich sie als ‚friend‘ geadded haben obwohl wir gar keine gemeinsamen „Freunde“ haben. Natürlich hat sie die Anfrage nicht positiv beantwortet, aber wir haben ein wenig hin- und hergeschrieben, per „Sie“ natürlich.

Ballast kann wie ein Lächeln sein.

Ballast ist nicht notwendig, auch ein Lächeln bräuchte man ja im Prinzip nicht, wenn es nicht eine Art zwischenmenschlicher Klebstoff wäre …. ohne den alles auseinanderfällt. „Ballast“, die ‚bare Last‘, soll ein Schiff stabilisieren, also ist das dort mit dem „Abwerfen“ nur in begrenztem Umfang eine gute Sache.

Natürlich könnte man sich von schlechten CDs und mehr alten Büchern trennen, aber ich weiß nicht, ob mein Lebensschiff dadurch vielleicht „Schlagseite“ bekäme. Den „Ballast“ im Kopf loszuwerden, ist wohl schwerer, jedoch noch wichtiger.

Das Stichwort „Ballast“ findet sich nur selten in Zitaten, das schönste ist von Gottfried Keller.
„Es ist doch sonderbar, wie auch der vortrefflichste Mensch schlechte Eigenschaften haben muß, gleich einem stolz segelnden Schiffe, welches Ballast braucht, um zu seiner guten Fahrt gehörig schwer zu sein.“

Cathy hat für Silvester eine Holzkiste vorbereitet in die sie mit ihrer Freundin den ‚ganzen Ballast von 2017 gepackt‘ hat. Die wird vor Mitternacht am Strand angezündet oder vergraben, wenn es regnet. Feuer ist an sich die symbolträchtigere Variante.

Manchmal werden auch Kinderworte zu leichtem „Ballast“, aber das spiegelt nur eigene Worte aus der nahen Vergangenheit. Und alles kommt zurück, das ist wunderbar.

„Wer will Wasser trinken? Du? Du hast doch zwei gesunde Füße“, als ich eine Wasserflasche aus dem Keller erbitte. „Es gibt kein schlechtes Wetter“, als es die Inliner bei Regen schnürt. „Was soll ich mit Hilfestellung, ich kann das auch allein lernen“, als die ersten Versuche auf dem Einrad bevorstanden.

Auch schön die kurze Erklärung bei „Activity“ in neuerer Zeit: „Maccaroni ist es nicht, aber es klingt so ähnlich und Papas Lautsprecher ist daraus.“
Das ist nur dann Ballast, wenn man gegen die Kinder verliert.

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https://maddin61.wordpress.com/

 

 

Über Farben, Teil 2 – ‚Schwarz‘

 

 

*Über Farben, Teil 2 – ‚Schwarz‘*

Der mit dem Vollbart und der hohen Stirn, bei dem ich häufig morgens die frischen Brötchen kaufe, trägt immer das für den Bäcker typische, rot-weiß karierte Hemd. Sehr freundlich und lustig ist er fast immer, nur am Sonntag ist er manchmal unausgeschlafen.

Treffe ich ihn aber draußen vor der Tür -wenn gerade keine Kunden da sind- im schwarzen Mantel mit seinem Espresso und der Zigarette, steht er hoch aufgerichtet und wirkt wie der Leiter der Kreditabteilung der Bank gegenüber.

Und das macht nur der Mantel!

Natürlich steht er dann auch nicht vor den Milchbrötchen.

Die beste Ehefrau von allen, die ich je hatte, sieht in Schwarz immer umwerfend aus.

Sie ist aber nicht die typische „Frau in Schwarz“. Es gibt jedoch „Frauen und Männer in Schwarz“, ich war selbst auch mal so einer.

Und doch gibt es dabei große Unterschiede.

Es gibt zum Beispiel das „Heavy-Metal-Schwarz“ und es gibt das „Düsseldorf-Schwarz“, das sich durch ein schlichtes schwarzes Kleid auszeichnet, das aber durch eine goldene Handtasche, glitzernde Schuhe und zuviel Lametta seine Nichtfarbe vollständig verliert. Man hätte auch „Audrey-Hepburn-Schwarz“ sagen können, aber dafür sehe ich sie zu gern und liebe das neureiche Düsseldorf zu wenig.

Es geht eher um das Schwarz der Filmschaffenden, der Theaterintendanten, der Kabarettisten, der Architekten und der Philosophen, das sich aus der Schwärze der Lunge Sartres speist.

Da wird Kleidung zum Code, zum Statement, zu einer Art Entscheidung im Leben, es wird selten variiert.

Das sieht natürlich gut aus, aber eine Vernissage mit Dutzenden in Schwarz gewandeten Menschen bekommt auch leicht das Flair einer Beerdigung. Es dürfen nicht zu viele Schwarz tragen, sonst fällt das in der Masse nicht mehr auf und das soll es eigentlich. Zumindest war ich früher der einzige ’schwarze‘ Naturwissenschaftler.

Hätten alle Schwarzes getragen, hätte ich auch vor Weinrot keine Angst gehabt.

Weinrot ist furchtbar, sorry.

In Schwarz lächelt man verhalten und selten. Wissend sozusagen. Wer nur Schwarz trägt, hat etwas Wissendes, Oberschichtiges, sich Abgrenzendes.

Oder zumindest weckt es den Anschein.

Diese „Uniform“ könnte auf Friedrich Wilhelm III, den alten Preußen, zurückgehen.

Der hat Pfarrer, Richter und Professoren zu schwarzer Kleidung verpflichtet. Das waren alles „Akademiker“.

Andere glauben, dass später Sartre und seine Existentialisten, die Gréco und Co das Schwarz der Reformationszeit wieder aufleben ließen.

Kurz, Genaues weiß man halt nicht. „Europäisch“ ist dieser Look meiner Meinung nach jedoch fast immer.

Ich habe früher die praktischen Aspekte herausgestellt, wenn ich nach Gründen gefragt wurde, aber wie immer ist das nur die halbe Wahrheit.

„Positiv“ wahrgenommen wird Schwarz meines Wissens nur in Afrika als Farbe der fruchtbaren Erde und beim Schornsteinfeger als Glücksbringer.

Ansonsten ist es die Abwesenheit von Farbe, die Leere, die Trauer oder das Nichts.

Aber es betont den, der darin steckt.

„Physikalisch gesehen ist Schwarz die Farbe eines nichtleuchtenden Körpers, der alles Licht schluckt. Ein Schwarzes Loch im Universum ist ein Gravitationsfeld solcher Stärke, dass weder Materie noch Licht oder Information ihm entkommen können.“

Schwarzer Peter, schwarzes Schaf oder Schwarzmalerei, Schwarze Magie, positiv ist es kaum. Pessimisten sehen schwarz, Schwarzhandel, Schwarzfahren und die Schwarzarbeit sind verboten. Die schwarze Katze verheißt Unheil.

Andererseits wächst jeder bei Mutti ja zunächst im Schwarz auf, die Dunkelheit könnte man durchaus mit mehr Sternchen versehen.

Trotzdem leben wir in neuen schwarzen Zeiten, weg waren sie selten ganz.

Bei den Farben der Autos gab es Abwesenheit von Schwarz nur in der Zeit als die Taxen dunkel waren. Heute gehört ein Auto im unpraktischen Schwarz zum ‚Style‘, von Knutschkugel bis Oberklasse.

Ein Kanzler im grünen oder roten Auto ist undenkbar, das würde sofort für Spekulationen sorgen. Bei den Grünen passiert das bei schwarzen Autos jedoch nicht.

„Sprachlich verwandt ist Schwarz mit dem lateinischen Wort „sordidus“, es bedeutet schmutzig, gemein und niederträchtig“, das wusste ich nicht.

Der Sensenmann und der Henker kommen ja auch nie in Gelb.

Die Bevorzugung von Schwarz im Kulturbetrieb ist eigentlich kaum zu erklären.

In Italien wurde es zur faschistischen Farbe, vielleicht weil es Stärke und Härte ausdrücken kann. Unter Umständen drückte die Todesfarbe auch aus, dass man bereit war, für seine merkwürdigen Überzeugungen zu töten. Keine Ahnung, auch die Anhänger des sogenannten IS trugen ja bevorzugt Schwarz.

Aber warum auch im Kulturbetrieb?

Selbstdarstellung und Individualität kann man doch auch und gerade durch Farbe zeigen! Würden alle, die sich heute stets dunkel anziehen, plötzlich in Gelb auflaufen, dann hätten wir öfter ein sonniges Lächeln in den Mundwinkeln.

Aber vielleicht soll gerade das nicht sein.

Ernsthaftigkeit, Würde, Unnahbarkeit und Eleganz drückt die Sonnenfarbe nicht aus.