Über das Vergessen II
Und nachdem in dem großen Bekleidungsgeschäft Schluß war, habe ich in Hamburg angefangen, Mathematik und Physik studieren. Das, was man da in Pädagogik lernen konnte, das erwähne ich gar nicht, weil das unerheblich war.
Zunächst bin ich morgens mit der Bundesbahn in die große Stadt gefahren nachdem die 18 Minuten auf dem Rad erledigt waren. Insgesamt waren das dann circa 75 Minuten, aber solange brauchte auch mancher, der am Stadtrand Hamburgs wohnte. Später hatte ich dann ein zweites, altes Rad in Hamburg, vielleicht steht das heute noch am Dammtor.
Durch das Warten auf den nächsten Zug zurück hatte ich fast täglich Zeit für die Hamburger Innenstadt und die unzähligen Second-Hand-Läden mit Vinyl. Davon gibt es kaum noch einen.
Jedenfalls gab es damals auch die ersten Punks, die einen auf Geld ansprachen. Die fragten in meiner Stadt immer nach „ein paar Groschen“.
Der erste in Hamburg fragte aber:
„Hast Du mal ’ne Mark?“
Dem habe ich gesagt, dass die in meiner Stadt nach Groschen fragen und er hat gesagt:
„*Das*, mein Freund, ist Hamburg! Alles wird teurer!“
Morgens fuhren die Züge um 7:05, 7:34 und um 8:43. Meistens nahm ich den um 7:34, dann war ich ohne Eile um 9:00 da, konnte Kaffee trinken und eine weitere ‚Gauloises‘ drehen. Die Vorlesungen begannen ja „c.t.“, also mit dem „Akademischen Viertel“, erst im 9:15.
Trotzdem bin ich dann drei Wochen lang um 7:05 gefahren und um 16:32 zurück statt um 15:32 wie meist üblich.
Das war wegen Anka
Anka ging auch auf die Schule, die einst Thomas Mann besuchte und Anka rauchte wie ein Schlot und Anla war eine Erscheinung. Wenn Anka morgens über den Schulhof ging, hielten 50% der Schüler die Luft an, bis sie weg war. Ich hätte die niemals angesprochen, weil die mit dem Ablehnen aller Angebote ja sowieso schon beschäftigt war und außerdem hatte ich den falschen Eindruck, dass sie dadurch verwöhnt in jungen Jahren geworden war.
Das hatte ich an einem Morgen irgendwie vergessen, weil sie nämlich in demselben Zug saß. Aus irgendeinem Grund muss ich den 7:05 genommen haben. Am Hauptbahnhof nach der Ankunft hatte ich etwas Mühe, sie einzuholen.
Anka.
„Du gehst viel zu schnell!“, habe ich ihr kurz vor der Rolltreppe japsend gesagt.
„Ach was“, hat sie gesagt und gelächelt.
Und dann sind wir immer morgens um 7:05 und nachmittags 16:32 gemeinsam gefahren. Das waren also nur 30 Fahrten und insgesamt knapp 30 Stunden, wenn man etwas Wartezeit mitrechnet. Man kann auch sagen, dass wir insgesamt nur einen Tag und eine Nacht zusammen Zug gefahren sind.
Das war bis heute eigentlich der lustigste „Tag“ in meinem Leben. Nach der letzten Fahrt haben wir noch Fotos im Automaten gemacht, die ziemlich verwegen und irre waren.
Morgens fragte sie immer im Raucherabteil, ob ich Taschentücher dabei habe. Sie hatte nie welche, aber wir haben teilweise geheult vor Lachen und sie brauchte dann Tücher, weil die Schminke sonst verlief. An sich hätte sie auch die Schminke weglassen können, das wäre entspannter gewesen.
Sie rauchte Pall Mall Filter. Die gab es in der normalen Version und in einer anderen, roten Packung mit der goldenen Schrift. Sie nahm stets die mit dem Golddruck obwohl die anderen ihr auch gestanden hätten. Jedenfalls habe ich dann einmal im Zug darüber gelästert, dass man sich so zum selben Preis „Gold“ leisten könne und so auch ein wenig reicher durch das Rauchen werde, sinngemäß war das wohl so.
Der Typ, etwas älter, uns gegenüber, der hörte zu an diesem Tag. Und dann zog er plötzlich seine Schachtel raus, hielt mir die hin und fragte:
„Zigarette?“
Der rauchte auch Pall Mall Filter Gold.
Und Anja wieder: „Taschentuuuuch!“
Natürlich haben wir nie wieder den 7:05er genommen.
























