Über das Vergessen
Gestern war wieder eine Neue an meiner Tankstelle. Die wusste offenbar schon, dass ich für den Kaffee nie bezahle, weil sie mir den gleich nach dem Kauf der Zigaretten anbot. Der Erwerb der Zigarettenschachtel hatte etwas länger gedauert, weil ich tatsächlich nicht mehr wusste wie meine Marke heißt. Ich kaufe die nur an der Tankstelle oder in zwei verschiedenen Tabakgeschäften in der Innenstadt. Den ersten Laden ziehe ich vor, obwohl der „Thiel’s Tabak“ heißt, aber da muss ich in bar zahlen. Habe ich kein Bargeld dabei, muss ich zum zweiten Laden 300 Schritte gehen, weil man da mit der Karte zahlen kann. Zur Bank sind es nämlich 500 Schritte.
An allen drei Orten sage ich ja nur „einmal Zigaretten, bitte“. Ich sage nie die Marke, die kennen die ja. In dem Laden mit der Kartenzahlung muss ich auch manchmal zeigen, wenn die Blonde nicht arbeitet. Die Männer merken sich meine Marke nicht.
Seitdem es diese ganzen Farbaufnahmen auf den Schachteln gibt, sieht man kaum noch, wie die Marke heißt! Ich habe also der neuen Maria nur sagen können, dass die Schachtel hellgrün ist und neben Rothhändle im Regal steht.
Mit „dritte Reihe von oben, jetzt zwei Handbreit weiter rechts“ ging das aber auch.
Die Plätze wechseln ja des Öfteren, weil die Hersteller für bestimmte Platzierungen in den Regalen bezahlen müssen. Darauf müsst Ihr als Nichtraucher mal achten, das ist recht interessant.
Fast vergessen hätte ich auch, dass ich im Alter von 18 Jahren mal Marzipan am Fließband produziert habe. Das war nur eine knappe Woche mit den dicken Damen am Band und ich hatte mich auch nur beworben, weil Peter, mein Freund, da auch gearbeitet hat und erzählt hatte, dass die Sekretärin so toll sei. Aber mit der hatte man am Fließband viel weniger zu tun als ich bei der Vertragsunterschrift gehofft hatte. Die Fabrik wurde dann bald abgerissen. Da gab es nämlich die Grundmasse in 90/10 und in 70/30. Die zweite hatte 30% Zucker und war für Sonderangebote. Die hatten das nicht so mit der Qualität, fast wie VW heute.
Die Sekretärin war aber wirklich klasse, eigentlich 99/1.
Danach habe ich in einem großen Bekleidungsgeschäft angeheuert, leider kam ich in die Abteilung für Bettwäsche und Matratzen. Durch die Schaufensterdekorateurin habe ich dann Wolf Wondratschek kennengelernt und sie Bob Dylan.
Das war auch eine Sabine. Sie wollte sich damals selbständig machen mit einem Stand und selbst hergestelltem Schmuck. Das ist ja 40 Jahre her und jetzt müsste sie also 65 sein. Ich sehe mir die Verkäuferinnen an Schmuckständen mal wieder an. Ob sie die lockigen Haare noch mit Henna färbt?
Es gab eine regelrechte Hierarchie in dem Bekleidungsladen: „DOB“ grüßte zum Beispiel „BA“ im Fahrstuhl nicht.
Also die Damen aus der edlen Abteilung der Damenoberbekleidung grüßten die Damen aus der Bettenabteilung nicht, da musste sozusagen das Kopfkissen den Ledermantel grüßen.
Es gab auch noch den Beruf des Fahrstuhlführers. Der sagte immer die Abteilungen an.
„Dritter Stock, Betten und Matratzen, Stoffe“ oder so ähnlich.
Als Mann hatte ich es mit dem Grüßen besser, denn dass da ein junger Mann jobbte, das war recht ungewöhnlich. Daniela aus der DOB hatte mich gleich am ersten Tag vor einer jungen Mitarbeiterin aus der Federabteilung gewarnt, weil die jede Woche in der Discothek einen anderen abschleppte.
Mit der aus der DOB habe ich ich mich dann einige Male verabredet, denn die gefährliche fand ich leider total langweilig. Das haben die Typen aus der Discothek vermutlich nach dem ersten Abend auch gleich gemerkt. Ich weiß heute nicht mal ihren Namen obwohl wir im Lager vor der Stadt einen ganzen Tag lang Matratzen sortiert haben. Also ich habe sortiert, sie lag auf einer Latex und erzählte von ihren Typen. Das war recht interessant, man konnte da einiges lernen.
Der Substitut hat sich dann im Lager ‚angeschlichen‘ wie Sam Hawkins als er uns mit dem Auto wieder abholen wollte. Der dachte wohl, dass wir beide auf der Matratze liegen.
Aber der war eben aus Braunschweig und hatte einen Oberlippenbart und machte danach anderswo Karriere als Abteilungsleiter.
„Mal wieder eine falsche Wahl“, habe ich gedacht.
So viel vergesse ich gar nicht, finde ich.