Der kleine Unterschied

Der kleine Unterschied

Mich an die Gehgeschwindigkeit des Hundes anzupassen, fällt mir gar nicht so schwer. Aber wenn ich mit der besten Ehefrau von allen, die ich je hatte, durch die Stadt gehe, ist das völlig anders. Mal bin ich zu langsam, mal bin ich zu schnell, aber nie richtig. Dass das beim Hund nicht so ist, kann daran liegen, dass der das nicht sagt.

Als ich meine Frau gerade kennengelernt hatte, da musste sie noch ein Geschenk für eine Hochzeit bei Marseille besorgen. Das klingt so cool wie es ist, nicht wahr?

Bei „Negernbötel“ wäre das nämlich anders, auch wenn das dasselbe Paar heiratete.

Sie trug ein hellblaues Hemd, bei Frauen sagt man Bluse, und dazu einen dunkelblauen Rock, der knapp über den Knien endete.

Sie hatte eine dunkelbraune Umhängetasche um, eine Perlenkette und diese silbernen Ohrringe, die so herunterbaumeln.

Das weiß ich so genau, weil ich 60 Minuten lang vor mehr als 25 Jahren in 3 bis 4 Meter Abstand hinter ihr her lief, die blonden langen Haare wehten bei jedem Schritt, die Beine waren vom Sommer gebräunt. Und ich dachte ständig, was für eine tolle Frau das ist während sie über die Schulter zurückblickte und wiederholt sagte:

„Geht das nicht alles ein kleines bisschen schneller?“

Mich würde eine Frau, die immer sehr langsam geht, auch in den Wahnsinn treiben. Aber ich gehe nicht langsam, sondern gemessenen Schrittes und mit einem Blick für die anderen Leute.

Manchmal gibt es auch neue Verkehrsschilder oder ein Geschäft hat eine neue Schaufensterdekoration. Wenn man da zu schnell ist, sieht man das nicht. Zusätzlich muss man auch noch andere überholen.

Kurz:
Schnell zu gehen ist ebenso anstrengend wie auf der Autobahn zu versuchen, einen Schnitt von 180km/h zu fahren. Das schafft keiner und hinterher, selbst nach nur 2 Stunden, sind die Fahrer ermüdet. Die brauchen dann 45 Minuten Ruhe. Und sie haben für 7€ mehr Benzin verfahren als wenn sie ruhiger rollen würden.

Der Kaffee kommt ja noch dazu.

Dann könnten die jedoch gleich nur 130km/h fahren, das kommt in der Summe auf dasselbe heraus und ist auch für andere viel entspannter.
Also die 360km in 2 Stunden und 45 Minuten fahren. Ich würde ja fast 4 Stunden brauchen, aber dabei soviel Diesel einsparen, dass ich quasi zwei Kaffee herausrollen kann!

Es geht beim Gehen im Beispiel auch nur um den Unterschied in der Geschwindigkeit und nicht um das Tempo an sich.

Usain Bolt würde meine Frau für eine lahme Schnecke halten, so meine ich das.

Das ist vermutlich auch in anderen Bereichen so, das mit dem „kleinen Unterschied“.

Vielleicht kennt Ihr das auch, ich versuche es mal:

Wenn man auf der „organisatorischen Ebene“ des Lebens zum Beispiel zwei Extreme nimmt wie „Wanderzirkus/Lebenskünstler-Typ Horst Janssen“ und als zweites Extrem den „Finanzbeamten-Typ Hans-Jochen Vogel“, dann sind die meisten Menschen ja Mischformen der beiden willkürlich gewählten Beispiele.

Mir fallen leider keine prominenten Alternativen zu Vogel und Janssen ein.

Man kann auch Sophia Thomalla und Frau Strack-Zimmermann nehmen. Aber FSZ fährt Motorrad, das passt nicht so richtig. Und die Thomalla bearbeitet Ihr Geschäftsmodell für Zirkus zu strukturiert und zielgerichtet. Extreme Frauen zu finden ist gar nicht so leicht wie bei Männern.

Meine Frau ist zum Beispiel zu 80% Vogel und zu 20% Wanderzirkus. Ich hingegen bin zu 40% Wanderzirkus und zu 60% Vogel. Der Unterschied ist keineswegs riesig, aber er ist entscheidend!

Meine Frau selbst würde jetzt übrigens gänzlich andere Prozentwerte nennen, aber das hätte Hans-Jochen, der Typ, der jedes Papier der SPD in einer Klarsichtfolie verwahrte, auch gemacht.

Und ebenso wie er würde sie darüber 45 Minuten diskutieren.

Pause.

Es ist *so* wie ich sagte, sie ist *eben* gerade zum Frühstück gekommen!

Ich habe es ausprobiert, aber zunächst nur gefragt, wo sie sich *selbst* sieht:

60% Vogel, 40% Wanderzirkus.

Exakt *dort* hätte ich *meinen* Stift auch hingelegt!

Aber sie sieht mich deutlich näher bei „Zirkus“ und ich sie mehr bei Finanzbeamtin!

Hochinteressant.

Das kann man ja ganz einfach mit zwei Stiften zwischen Messer und Gabel darstellen. Typisch ist auch wieder, dass man die eigene Position des Stiftes nicht verändert, sondern nur diejenige des anderen. 🙂

Würde ich auch so machen.

Übrigens war hier der ‚Zirkus‘ schon seit 3 Stunden wach als die Finanzbeamtin sich erst räkelte.

Eine völlig unpassende Nebenbemerkung, zugegeben.

Und ich kann nur sagen, dass es sich lohnt, das mit dem Partner mal auszuprobieren. Allerdings sollte man mindestens 45 Minuten für die anschließende Diskussion einplanen. Eher mehr.

Sie spricht gerade noch im Bad mit dem Spiegel.

Irgendwelche wirren Prozentwerte oder so.

Keine Frau will zu 80% sein wie Hans-Jochen Vogel.

🙂

Hinterlasse einen Kommentar