„Sie“ oder „Du“ – In der Zwischenwelt

„Sie“ oder „Du“ – In der Zwischenwelt


Helmut Schmidt und Peer Steinbrück sind beide Hamburger aus verschiedenen Generationen.

Peer ist der, der wegen seines Mittelfingers auf einem Foto für ein Interview nicht Kanzler wurde. Also, wenn man mutig einen verbalen Steilpass spielen möchte.

Und Helmut ist der beste Bundeskanzler, den Deutschland je hatte.

Jedenfalls für alle, die die Zeit bis 1982 nicht miterlebt haben.

So toll, wie man es nach seiner aktiven Zeit empfand, war es nun auch nicht.

Auch das ein ‚Steilpass‘.

Man nennt es „Realismus“.

Im ‚Danach‘ ist vieles einfacher als im Tagesgeschäft. Vor allem kann man alles sagen und empfehlen, wenn und weil man es selbst nicht umsetzen muss.

Trotzdem schätze ich ihn immer noch, den „elder statesman„.


Die beiden -Helmut und Peer- haben oft Schach zusammen gespielt.

In Langenhorn.

Das ist im Norden Hamburgs, wo Schmidt die Wände mit Büchern tapezierte. So muss man nicht streichen, selbst, wenn man ‚Reyno‘ raucht.

Wer da öfter gewann -beim Schach- , das weiß ich nicht.

„Peer, wollen Sie noch eine Tasse Kaffee?“

„Helmut, eine Revanche bieten Sie mir doch am nächsten Sonntag an, oder? Gegen 11?“

Das ist das „Hamburger Sie„.

Trotz Jahrzehnten, sie blieben dabei.

Hamburg ist eine „Zwischenwelt“.


–

„Frau Mehlfeld, kommst Du kurz an Kasse 2?“

„Hauschild, Du fegst aber noch die Ecken, ja?“

Das ist das „Münchner Du„.

Man nennt es auch „Kassiererinnen Du„, aber das darf man heute nur unter Strafandrohung so ausdrücken.

Ich erwähne es lediglich, um den historischen Kontext zu bewahren.

München ist auch eine „Zwischenwelt“.

–

Ich war exakt 100mal in physiotherapeutischer Behandlung.

Also 100mal für 20 Minuten.

Das sind 2000 Minuten, die ich mit geschlossenen Augen, aber wortreich verbracht habe.

Das entspricht 33 Stunden und 20 Minuten.

Grob fast eineinhalb volle Tage.

Es muss schwer sein, jeden Tag 25 verschiedenen Menschen zuzuhören während man sie behandelt.

Eigentlich darf man -zum Selbstschutz- nicht immer zuhören.

Aber meine wusste jedes Mal, worüber wir beim letzten Mal sprachen. Sie hört ja 5mal 25 Menschen in einer Woche zu, das sind 125 „Erzählungen“. Viel Stoff.

Hoffentlich gibt es auch „SchweigerInnen“.

Als Zwischenruf:
In der Bücherei rufen sie „Konfetti!“, wenn ich auf 100 Bücher und CDs komme. „Medien“ sagen die. Ist modern. Frau Kunz auch. Sehr.

–

Bei der ‚Physio‘ herrscht „Schweigepflicht“.

Das ist eine großartige Sache, diese Schweigepflicht, weil man da dann wirklich alles -ok, fast alles- erzählen kann, was niemand -außer dem Hund, klar- sonst weiß.

Das ist psychohygienisch nämlich ebenso hilfreich wie physiotherapeutisch.

Das darf man nicht unterschätzen.

Aber man muss es selbst auch entsprechend nutzen können.

Ich kann das. 🙂

Sogar die empfohlenen „Übungen“ mache ich.

Das machen -auch lt. anderen Physiotherapeutinnen in meiner „hood“- nämlich nicht besonders viele Patienten.

Meine „Übungen“ führe ich am Mobiltelefon aus, das geht in meinem Fall.

Eine Beschreibung möchte ich nicht geben.

Schweigepflicht.

Aber ich mache „es“ täglich 15 Minuten bei „Threads“.

Das ist so eine Seite, wo ganz viel Unsinn geschrieben wird. Und dann tippe ich da zum Spaß, weil 15 Minuten mit einem Korken zwischen den Zähnen wirklich langweilig ohne „Threads“ wären.

Wenn ich das nicht mehr machen muss, muss ich mich dann bei „Threads“ abmelden, weil ich gesund bin?

Da treiben sich viele herum, die es nicht sind.

Vor allem Männer, die sich von Dating-Plattformen verlaufen haben.

Mühsam, aber es schärft das verbale Florett.

Noch schlimmer sind die Extremen in Blau und die von Putins Sahra.

Die nennt man „Honks“.

„HONK“, das könnte vom englischen „honky“ stammen, aber ich bevorzuge „Hirn ohne nennenswerte Kapazität“.

Ermüdend.



Ach so, richtig -back to the roots-, das mit dem „Hamburger Sie“ und dem „Münchner Du“ habe ich beim hundertsten Termin elegant ‚en passant‘ thematisiert.

Ich bin auch Schachspieler.

Mit Worten.

Ich wollte als der Ältere -zwischen den Zeilen- ein Angebot machen.

Das Ergebnis unterliegt -der aufmerksame Leser ahnt es schon- leider der „Schweigepflicht“.

„Münchner Du„, grausam.

„Hamburger Sie„? Guter Deal.

–

Warum heißt es „Hamburger Sie„?

Weil die es erfunden haben.


Warum heißt es „Münchner Du„?

Keine Ahnung, ich bin nicht von dort.


Tut mir leid, Frau München, Du.

„Duvenstedter Du„?

Wäre passender.

–

Ergänzend, nur meine Sichtweise:

Es gibt das „Hamburger Sie“ auch zu anderen Zwecken, die ich vereinfachend „körperliches Sie“ nenne.

Frisörinnen haben selten einen Nachnamen, auch bei den Trinkgeldkassen nicht.

„Janina, schneiden Sie bitte hinten und an den Seiten kurz und oben bitte etwas länger lassen, ach, machen Sie mal, wie Sie meinen!“

Frauen duzen Ihre Frisörin vermutlich eher als Männer das tun.

Und das hat Gründe.

Es ist ja eine Tätigkeit, die nah am Körper durchgeführt wird.

Meinen Zahnarzt duze ich auch nicht, das hält die Distanz besser.


„Schwester Cynthia, bringen Sie mir bitte noch eine Flasche Pellegrino?“

Das ist im Krankenhaus nicht anders.

Ja, die haben kein „Pellegrino“, nur „Bismarck“.

Schwester Cynthia hat keinen Nachnamen.

Sagt man noch ‚Schwester“ oder oute ich mich gerade als ewig Gestriger?

Aber die Ansprache ähnelt lediglich dem „Hamburger Sie„, sie ist nicht dieselbe, auch wenn sie so klingt.

Wieder zu lang.


–
„peace, tranquility and good will“

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