Die Heiligen

Die Heiligen

Es weihnachtet sehr.

Und ich habe in drei Tagen schon drei „Heilige“ getroffen.

Heilige fahren nämlich Bus.

Es geschah zu der Zeit als die Bremsen meines 18 Jahre alten Autos komplett hinüber waren.

Der hatte zu lange gestanden beim Vorbesitzer und dass der TÜV im April weder Bremsbeläge noch Scheiben mit „Verschleißgrenze erreicht“ kommentierte, verstehe ich nicht.

Jedenfalls fuhr ich das Auto gemeinsam mit dem Hund nach „Dunkeldorf“, 30min über Land von meiner Stadt entfernt.

Dort wollte sich ein Freund eines Freundes der Bremsen annehmen, also auf dem Wiesenrand geparkt und zurück nach Hause. Den zweiten Schlüssel hatte er schon.

VW wollte mehr als 3300€ haben, aber ich hatte nur spaßeshalber einen Kostenvoranschlag machen lassen.

Soviel ist das ganze Auto nicht wert.

Dann musste ich also aus Dunkeldorf zurück in meine Stadt, hatte mich aber nicht nach möglichen Bus- und Bahnverbindungen erkundigt.

Wozu auch?

Man kann ja erstmal ankommen und dann mit dem Hund gehen, bis man einen Menschen fragen kann.

Es waren nur 25 Minuten Fußweg zur Haltestelle neben Kindergarten und Schützenverein.

Dann mussten wir 50 Minuten auf den Bus warten, also haben wir den Gesamtspaziergang auf 75 Minuten ausgedehnt.

Dann kam endlich der Bus und ich sagte dem Inder am Steuer, wohin ich will und fragte, was ich mit Hund bezahlen muss.

Er fuhr schon los und als er meine Karte sah, sagte er nur „Ich nehme Sie mit ins nächste Dorf, da fährt dann der Bus in Ihre Stadt. Aber Karten gehen nicht, es gibt nur Barzahlung!“

Das war der erste Heilige.

„Ah, danke! Dann werde ich da in K-Dorf Bargeld besorgen!“

„Da ist nichts, der Bäckerei hat jetzt auch zu gemacht. Da bekommen Sie kein Bargeld!“

„Ach, ich bekomme irgendwie immer etwas!“

Das stimmt.

  • Einschub:

Auf Flohmärkten suche ich jemanden, der PayPal „hat“ und lasse mir dann Bares geben. Auch bei Konzerten klappt das, irgendeine Frau hinter oder vor dem Tresen hat immer Bargeld gegen eine Paypal-Überweisung, wenn ich am „Merch“ CDs kaufen will.

Selten muss ich eine zweite fragen.

Kurz:

Meine erste Wahl ist meistens schon genau richtig.

Vor dem Konzert denke ich ja nicht nach, jedenfalls nicht über Bargeld.

Meine Bank ist nämlich weg, die Shell-Tankstellen haben den Service eingestellt und bei Lidl vergesse ich immer, um Bargeld zu bitten, weil wir uns an der Kasse kurz unterhalten.

Nur mit der Frischebeauftragten im grünen Shirt macht das keinen Spaß.

Aber an deren Kasse gehe ich nicht, vor der habe ich Angst.

Will ich zu meiner Innenstadt-Bank, kostet mich das 3,50€ für das Parkhaus, also, wenn ich in Eile bin.

Teuer für 5 Minuten. Zu teuer. 7DM.

  • Ende Einschub.

Aber in dem Bus sagte eine Dame von hinten als ich vorn ausstieg:

„Ich gebe Ihnen 15€ für den Bus. Reicht das?“

„Toll! Ja, sicher, schreiben Sie ihre Nummer auf, dann schicke ich Ihnen das Geld!“

„Nein, ich will Ihnen das schenken, alles gut!“

Und dann konnte ich nur noch der zweiten Heiligen von draußen winken.

Erst der Fahrer, dann die ältere Dame meines Alters.

Mitgenommen. Geschenkt. Einfach so.

So, also umsteigen, wieder 30 Minuten Wartezeit.

Der Hundespaziergang wuchs auf 105 Minuten an. Der findet das super. Auch eine Bruce-Springsteen-Konzertlänge würde der Hund toll finden.

Dann waren wir 65 Minuten später zu Hause.

So ein Besuch in einem Dorf mit dem ÖPNV zieht sich.

Er kostet aber wenig.

Ich hatte noch 10,80€ übrig.

Zwei Tage später.

Das Auto mit den vier neuen Scheiben, Sätteln und Belägen musste wieder abgeholt werden, also sind wir -der Hund und ich- zur praktischen, nächsten Überlandbushaltestelle 35 Minuten zu Fuß gegangen.

Da hing kein Fahrplan, aber nach 20 Minuten mit „scorpio“, meiner Tabaksorte, kam der Überlandbus.

„Überlandbushaltestellenmülleimer“ ist ein Wort, das ungefähr so lang ist wie die Wartezeit auf Busse.

Heidewitzka, man denkt ja die Busse schleichen, wenn man im Auto hinter ihnen fährt, aber alle drei waren echte Verstappens.

Ein Tempo, irre.

Ach, vor dem Einsteigen:

Ich suchte ja nach dem 10€-Schein von vorvorgestern, aber der war irgendwie weg, wieder stand ich da nur mit meiner Karte und ohne Bargeld.

Als ich das dem Fahrer vor dem 45minütigen „Ritt“ sagte, meinte der nur:

„Geh‘ durch, ich lasse niemanden stehen.“

Der war der dritte Heilige.

(Als Dank habe ich dem einen 7,20€ Gutschein für Rewe geschenkt, es war bedeckt, im Himmel hat das niemand mitbekommen. Schade.)

Und in Dunkeldorf, nach wiederum 25 Minuten Fußweg, 55 Minuten Spaziergang mit Hund in der Tagessumme, da fand ich in meiner Hose unter Feuerzeugen und Waschmarken volle 8€ Kleingeld.

Die hatte ich vergessen.

Die Hose.
Die Füllung.
Das Geld.

Ich werde kein Heiliger.

–
„peace, tranquility and good will“

2 Gedanken zu “Die Heiligen”

  1. Es tut herzerfrischend gut, solche Geschichten zu lesen. Dass es immer noch Menschen gibt, die einen an der Kasse vorlassen, die ohne Hintergedanken zurücklächeln, die einem den Parkplatz überlassen oder ein bisschen kleingeldauslegen – das ist wundervoll. Und macht Hoffnung.

    Like

    • Ja, das sehe ich ebenso.
      Leider ist es mit diesen „kleinen Heiligen“ oft wie mit grünen Ampeln:
      Man nimmt sie zu kurz wahr, fährt weiter und hat sie -leider- schnell vergessen.

      Rote Ampel werden deutlicher wahrgenommen, bei dreien nacheinander haut mancher gar aufs Lenkrad.

      Und mit Menschen und deren Verhalten könnte es ähnlich sein, wir geben den Falschen zuviel Aufmerksamkeit.

      Und oft zielen sie -gerade im Netz- genau darauf ab.

      Kurz:
      Ein klarerer Blick auf die Grünen täte vielen gut. 🙂

      Like

Hinterlasse einen Kommentar