Schule-Teil 12-„Attraktivitätsfragen“

Schule-Teil 12-„Attraktivitätsfragen“

Der Tuchel, der ist ja ein Asket, der fastet vermutlich das ganze Jahr, ich weiß nicht, ob der etwas isst oder ob der sich vom Video-Studium anderer Mannschaften ernährt.

Ich mag ja diese lockeren Typen lieber, Kaugummi-Ancelotti zum Beispiel oder Zidane, der draußen steht und immer weiß, dass er es immer noch besser kann.

Oder auch Xabi Alonso, der wirkt immer so wie früher auf dem Platz, 200 Ballkontakte, aber fast immer tiefenentspannt.

Übrigens ein ganz, ganz großer Spieler! Real Sociedad, FC Liverpool 5 Jahre, Real Madrid 7 Jahre, Bayern München 3 Jahre. Noch Fragen? Das ist Toni Kroos-Niveau!

Klar, dass Ihr da anderer Meinung seid, aber ich verstehe nun mal etwas davon, tut mir leid.

Messi, Ronaldo, ja ja, ihre Tore, die großen Organisatoren des Spieles stehen aber im defensiven Mittelfeld. Genau, die müssen gar nicht so viel rennen, effektiv getrabt ist halb gewonnen.

Ach, ja, genau, Fastenzeit.

Darüber wollte ich ja schreiben. Bayern München hat bei Vizekusen 0:3 verloren, gestern in Rom 0:1. Leute, die fasten! Keine Tore für acht Wochen, auch das geht. Man muss nur wollen.

In Schulzeiten habe ich auch sehr, sehr, viel gefastet, aber eher ohne Absicht, das ergab sich so, weil die Arbeit durchaus fordernd und anstrengend ist.

Nach der ersten Stunde wusste ich die Namen der Jungs, die sich am deutlichsten bemerkbar machten, nicht durch das Stören oder so, nein, die fragen gern kritisch nach: „Kein Kugelschreiber? Warum das denn?“

Dabei geht es nicht um den Kugelschreiber, die wissen ja, dass da keine Diskussion möglich ist, es geht darum, eine kleine Flagge am Mast zu haben. Es hören ja 30 andere zu, die ihn nicht kennen.

Mir gefällt das, ein Lächeln dazu und ein „Weil ich das so will!“

Man kann das mit dem Argumentieren nämlich auch übertreiben. „Weil ich hier der Boss bin“, kann man grinsend auch sagen, wenn man die Landesflagge selbst hissen möchte.

Also deren Namen konnte ich sofort, wie ein Trainer, der den Namen des Kapitäns wissen will.

Und die Namen der zwei attraktivsten Schülerinnen, die konnte ich in jeder Klasse auch am ersten Tag, ich muss das zugeben, ich kann dafür nichts. Natürlich habe ich deren Namen auch immer wieder verwechselt, ich bin ja nicht so blöd, dass mir das jemand anmerken soll.

Lehrer sind Menschen, das sollte man nicht vergessen. 

Dummerweise sind mir die so Attraktiven dann oft drei Jahre lang nicht mehr aus diesem Grund aufgefallen, ich war ja anderweitig gefordert.

Bei der Abiturentlassung und bei der Abiturientenparty, da fiel mir oft erst wieder auf, dass die ja ziemlich gut aussehen, sehr ominös, das Ganze.

Dazwischen waren einfach zu viele Zahlen, zu viele Graphen, zu viele Buchstaben. 

Natürlich gab es Ausnahmen wie die eine, die vor der Zeugniskonferenz noch an den Lehrertisch kam, sich darüber lehnte, so dass ich mit einem 5cm-Hüpfer im Stuhl auch noch den Nabel hätte beurteilen können und fragte, ob sie denn wirklich eine 5 bekommt.

„Du, mich beeindruckst Du so nicht, mach‘ doch noch zwei Knöpfe mehr auf und geh‘ dann durch die Pausenhalle.“

Boah, die war aber schnell weg. Irgendwie habe ich die nie wieder gesehen, vielleicht hat sie auch die Klasse gewechselt.

Ich habe immer bis zu den ersten Herbstferien konsequent gesiezt, dann konnte ich nicht mehr.

In Deutsch mag das gehen, in Mathematik ist ein „Sie“ mehr ein Hindernis, etwas lockerer im Ton lernt es sich deutlich besser.

Es hat sich nie jemand beschwert. Doch einer, den habe ich dann weiter gesiezt, bis er das auch nicht mehr wollte.

Auch so ein „Flagge-am-Mast“-Fall.

Oder eine andere, toll in Mathematik, die beste in der Klasse, immer erste Reihe, aber eben oft auch mit leichter Bekleidung.

Bei 30°C im Schatten war das manchmal „way too much“.

„Boah, ist mir heiß“, hat sie geflucht und hatte kaum noch etwas an.

Irgendwann kann man sich dann als Lehrer nicht mehr konzentrieren, also habe ich ihr aus meinem Fundus einen Pullover geholt.

Falls ich auf dem Rad klatschnass wurde, hatte ich so einen frischen Ersatz immer greifbar. Auch Hausschuhe, nichts ist schlimmer als nasse Schuhe über 8 Stunden.

Ach so, die grinste nur und zog den Pullover über, der stand ihr viel besser als mir.

Vor der mündlichen Prüfung hatte ich etwas mehr Angst als sie, so schien es mir.

Meine Sorge war: Wenn die so am heißen Prüfungstag erscheint, dann wird das nichts mit einer 2 oder 1, die Kollegen werden kaum zuhören und meinen Notenvorschlag auf andere als mathematische Vorzüge schieben.

Also habe ich sie einige Tage vor der Prüfung kurz zur Seite genommen. 

„Du, Nike, wegen der mündlichen Prüfung nächste Woche, … also, … hör mir bitte genau zu, … also, wenn Du über den Cournotschen Punkt sprichst, dann wäre ich Dir sehr dankbar, wenn ich den bei Dir nicht sehen könnte.“ 

„Okaaaaaay“, mehr kam da nicht.

Ein Glück, sie kam im schwarzen Kleid, Knie bedeckt, hoch geschlossen, kurze Ärmel, Haare hochgesteckt.

Keineswegs bieder, aber so, dass man ihr zuhörte, der Sandra Maischberger-Effekt, so kann man das nennen.

Note 1, die war noch klüger als ich dachte. Bei der Abschlussfeier sagte ich nur kurz:

„Ach, danke für …..“ mit Nike kommunizierte ich gern in unvollständigen Sätzen, die brauchte keine Punkte.

„Ja, ja, ich hatte das ja auch verstanden, …. also auch das, was Sie kurz vorher noch gesagt haben.“

Blöd gesagt, in Mathe hatte ich ihr vielleicht weniger beigebracht als mit der unsicheren Bemerkung, wer weiß. Kann sein, dass ich das schon mal erzählt habe, aber das erhöht ja nur die Glaubwürdigkeit. 😉

Noch eine Geschichte dazu?

In der Regel hatte ich immer die Hälfte der Schüler des Gymnasiums im Unterricht, also so grob.

An mir und dem anderen Physiker kam man also nicht so leicht vorbei, wir waren eben die Innenverteidigung.

Wir sprachen selten, er war nicht so der Typ für Worte. Einmal hatte ich ihn einige Zeit in mehreren Gruppen vertreten, nur eine Stunde pro Woche, mehr war nicht drin.

Das geht irgendwie dann doch, auch mit einer Klassenarbeit, am besten ohne jede schlechte Note.

Jedenfalls fragte er nur als er zurückkam „Wo soll ich in 12 weitermachen?“ „Mit Bohr-Sommerfeld!“ „Und in 13?“ „Beim Hamming-Code!“

Mehr Austausch brauchten wir nicht, kann man so oder so sehen.

Vollständige Sätze sprachen wir selten.

So, also viele Schüler hatte ich eben auch -nicht- zu unterrichten, aber es gibt welche, die grüßen einen unbekannterweise in der Halle, man selbst grüßt zurück, kennt aber nicht mal die Namen.

Immer sehr amüsant, es sagt so etwas wie: „Ich weiß, dass es Dich gibt, aber wir sehen uns leider nicht im Unterricht.“

Das ist nichts Geschlechtsspezifisches, „to get this right“.

Jedenfalls kannte ich Christiane vom Sehen und Grüßen und weil Captain Bounty -ihr Englisch-Lehrer- immer von ihren äußeren Qualitäten schwärmte.

Etwas nervig, aber das hatten wir ja schon.

So, dann saß ich also in ihrer mündlichen Abiturprüfung in Philosophie, vermutlich nur als Beisitzer.

Sie konnte alles, ein 15 Punkte-Fall, das war mir nach 2 Minuten klar, sprachlich top, kritisch, belesen, ein breites Lächeln.

Aber auch mit einem Zeh über der Grenze, nicht arrogant, selbstbewusst, etwas überlegen, sie konnte sich das durchaus leisten.

„Wenn sie dazu sonst keine Fragen haben, würde ich nunmehr …“ oder „Wenn ich ihre Frage noch etwas präzisieren darf …“.

Wäre sie so bei mir in Mathematik aufgetreten, hätte ich ihr vor der Prüfung geraten, nicht zu provokativ zu sein, mir machte das eher Spaß, es gibt aber Kollegen, die gern zeigen wollen, dass sie ja doch die besseren sind.

Kurz, ich hatte meinen Spaß in der Philosophie-Prüfung, mir sieht man das durchaus an, dagegen kann ich wenig tun.

Ich bekam mehr von Christianes Lächeln als mir gehörte.

Die Frau des Prüfers arbeitete in der Schlafforschung, vermutlich hatte sie ihn da auch kennengelernt. Klar, dass ich gegrinst habe.

Christiane trug oben nur eine Weste, vielleicht von ihrem Bruder.

Nicht mehr, nur die Weste.

Als die Prüfung vorbei war, sagte der andere Philosoph als erstes nur :

„Ganz schön warm hier.“

Großartiger Moment. 15 Punkte.

Trotzdem:

Das mit der Weste war überflüssig.

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