
Haare und Zähne
Ich schreibe wieder am PC, der geht altersmäßig schon ins Gymnasium, die Augen werden schwächer, kann nix machen. Früher hab ich nur mit dem Handy geschrieben, an der Stammtankstelle oder auf der Bank, während der Hund einen Stock zerlegt hat. Die Stammtankstelle heißt jetzt anders, „Öl“ oder so. Da muss man den Kaffee bezahlen, das war mir gar nicht klar. 3,50€ für einen Becher Kaffee. In der guten alten Zeit hatte ich da meinen eigenen Becher und der stand schon auf dem Stehtisch, bevor ich „Guten Morgen, die Damen“ rufen konnte.
Früher, also ganz früher, als ich noch nicht zur Schule ging, da ist mein Vater mit mir zu Herrn Liedtke gegangen, das war ein kleiner Friseursalon in einem kleinen Reihenhaus in einer alten Siedlung aus den 30er Jahren. Da hat mein Vater gesagt: „Einen Faconschnitt für meinen Sohn, bitte.“ Das war rundherum sehr kurz, oben etwas länger, kostete 5 DM oder so. Das ist die gleiche Frisur, die mein großer Sohn alle zwei Wochen bekommt. Ich gehe nur alle vier Monate hin, ich weiß nicht, manchmal denke ich, ich müsste mich heute bei der Martina anmelden, dann vergesse ich es und am nächsten Tag denke ich: „Ach, eigentlich wie gestern, so dringend war es gestern auch nicht“.
Und wenn meine Frau dann sagt, sie kann vorne und hinten nicht so gut unterscheiden, dann sagt die Martina immer: „Na, dann machen wir wieder einen Neuschnitt?“ Neuschnitt, das ist immer ein bisschen teurer, kostet aber nur 20€ oder so, da kriegt die Martina immer 25% Trinkgeld, auch weil sie sagt:
„Wenn Sie die vor 2 Stunden gewaschen haben, brauchen wir das nicht noch mal machen, das kostet auch zu viel.“
Eigentlich muss sie das Geld für die Wäsche ja auch noch dazu bekommen, der Satz ist es einfach wert. Bei einem Friseur, der mir 45 € berechnet, würde ich wahrscheinlich das gleiche Trinkgeld geben. Oder gibt man dann mehr? Wenn man für 20€ Kuchen und Kaffee bestellt, dann sind 3€ in Ordnung, aber bei einem halben Brötchen für 2,50€ ist das dann unverhältnismäßig.
Genau, ich wollte eigentlich erzählen, dass ich die Namen vom Friseur, von meiner „Kinderfrau“ Astrid, die kenne ich heute noch, die ist jetzt 80, die kenne ich alle, auch Herrn Grunwald, den Zahnarzt meiner Kindheit in der Grundschule, den kenne ich noch, also den Namen. Er bohrt jetzt bei den Engeln. Meine Kinder hatten nie ein Loch im Zahn, das ist heute ganz anders. Also, Zahnarzt, das ist kein Beruf mit Zukunft. Na ja, bei älteren Leuten wie mir kann man mit den Ersatzteilen noch Geld verdienen. Ansonsten sage ich „Kieferchirurg“ oder „Kieferorthopäde“, da ist der Mercedes noch drin. Mein Chirurg fährt Porsche. Den habe ich mal gefragt, nachdem ich einen Kostenvoranschlag bekommen habe, ob er sich einen Porsche kaufen will. „Habe ich schon“, hat er gesagt. Und bei Herrn Grunwald in den 60ern oder Anfang der 70er, da brauchte man als Kind nur einen Finger im Stuhl zu heben, dann hat er sofort aufgehört zu bohren. Da gab es keine Spritze. Das war super, das hat man als Kind sozusagen im Zeigefinger gehabt, um ihn zu stoppen. Und weil man das hatte, hat man eben gewartet und sich gesagt, ah, das geht noch irgendwie. Meistens musste man den Finger gar nicht heben. Das war sozusagen pädagogisch höchst wertvoll und besser als die Narkose heute. Diese Spritzen, boah, die Lähmung im Gesichtsbereich noch Stunden später, boah.
Ich wünsche mir manchmal, dass dem Herrn Grunwald die Tankstelle gehört. Einfach an der Zapfsäule den Finger heben, wenn es dreistellig zu werden droht und die Preise gehen runter.
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Herr Grunwald sah anders aus, aber wegen Sophia neulich heute eben Alain. Zahnarzt hätte ihm auch gestanden.