Über Farben, Teil 2 – ‚Schwarz‘

 

 

*Über Farben, Teil 2 – ‚Schwarz‘*

Der mit dem Vollbart und der hohen Stirn, bei dem ich häufig morgens die frischen Brötchen kaufe, trägt immer das für den Bäcker typische, rot-weiß karierte Hemd. Sehr freundlich und lustig ist er fast immer, nur am Sonntag ist er manchmal unausgeschlafen.

Treffe ich ihn aber draußen vor der Tür -wenn gerade keine Kunden da sind- im schwarzen Mantel mit seinem Espresso und der Zigarette, steht er hoch aufgerichtet und wirkt wie der Leiter der Kreditabteilung der Bank gegenüber.

Und das macht nur der Mantel!

Natürlich steht er dann auch nicht vor den Milchbrötchen.

Die beste Ehefrau von allen, die ich je hatte, sieht in Schwarz immer umwerfend aus.

Sie ist aber nicht die typische „Frau in Schwarz“. Es gibt jedoch „Frauen und Männer in Schwarz“, ich war selbst auch mal so einer.

Und doch gibt es dabei große Unterschiede.

Es gibt zum Beispiel das „Heavy-Metal-Schwarz“ und es gibt das „Düsseldorf-Schwarz“, das sich durch ein schlichtes schwarzes Kleid auszeichnet, das aber durch eine goldene Handtasche, glitzernde Schuhe und zuviel Lametta seine Nichtfarbe vollständig verliert. Man hätte auch „Audrey-Hepburn-Schwarz“ sagen können, aber dafür sehe ich sie zu gern und liebe das neureiche Düsseldorf zu wenig.

Es geht eher um das Schwarz der Filmschaffenden, der Theaterintendanten, der Kabarettisten, der Architekten und der Philosophen, das sich aus der Schwärze der Lunge Sartres speist.

Da wird Kleidung zum Code, zum Statement, zu einer Art Entscheidung im Leben, es wird selten variiert.

Das sieht natürlich gut aus, aber eine Vernissage mit Dutzenden in Schwarz gewandeten Menschen bekommt auch leicht das Flair einer Beerdigung. Es dürfen nicht zu viele Schwarz tragen, sonst fällt das in der Masse nicht mehr auf und das soll es eigentlich. Zumindest war ich früher der einzige ’schwarze‘ Naturwissenschaftler.

Hätten alle Schwarzes getragen, hätte ich auch vor Weinrot keine Angst gehabt.

Weinrot ist furchtbar, sorry.

In Schwarz lächelt man verhalten und selten. Wissend sozusagen. Wer nur Schwarz trägt, hat etwas Wissendes, Oberschichtiges, sich Abgrenzendes.

Oder zumindest weckt es den Anschein.

Diese „Uniform“ könnte auf Friedrich Wilhelm III, den alten Preußen, zurückgehen.

Der hat Pfarrer, Richter und Professoren zu schwarzer Kleidung verpflichtet. Das waren alles „Akademiker“.

Andere glauben, dass später Sartre und seine Existentialisten, die Gréco und Co das Schwarz der Reformationszeit wieder aufleben ließen.

Kurz, Genaues weiß man halt nicht. „Europäisch“ ist dieser Look meiner Meinung nach jedoch fast immer.

Ich habe früher die praktischen Aspekte herausgestellt, wenn ich nach Gründen gefragt wurde, aber wie immer ist das nur die halbe Wahrheit.

„Positiv“ wahrgenommen wird Schwarz meines Wissens nur in Afrika als Farbe der fruchtbaren Erde und beim Schornsteinfeger als Glücksbringer.

Ansonsten ist es die Abwesenheit von Farbe, die Leere, die Trauer oder das Nichts.

Aber es betont den, der darin steckt.

„Physikalisch gesehen ist Schwarz die Farbe eines nichtleuchtenden Körpers, der alles Licht schluckt. Ein Schwarzes Loch im Universum ist ein Gravitationsfeld solcher Stärke, dass weder Materie noch Licht oder Information ihm entkommen können.“

Schwarzer Peter, schwarzes Schaf oder Schwarzmalerei, Schwarze Magie, positiv ist es kaum. Pessimisten sehen schwarz, Schwarzhandel, Schwarzfahren und die Schwarzarbeit sind verboten. Die schwarze Katze verheißt Unheil.

Andererseits wächst jeder bei Mutti ja zunächst im Schwarz auf, die Dunkelheit könnte man durchaus mit mehr Sternchen versehen.

Trotzdem leben wir in neuen schwarzen Zeiten, weg waren sie selten ganz.

Bei den Farben der Autos gab es Abwesenheit von Schwarz nur in der Zeit als die Taxen dunkel waren. Heute gehört ein Auto im unpraktischen Schwarz zum ‚Style‘, von Knutschkugel bis Oberklasse.

Ein Kanzler im grünen oder roten Auto ist undenkbar, das würde sofort für Spekulationen sorgen. Bei den Grünen passiert das bei schwarzen Autos jedoch nicht.

„Sprachlich verwandt ist Schwarz mit dem lateinischen Wort „sordidus“, es bedeutet schmutzig, gemein und niederträchtig“, das wusste ich nicht.

Der Sensenmann und der Henker kommen ja auch nie in Gelb.

Die Bevorzugung von Schwarz im Kulturbetrieb ist eigentlich kaum zu erklären.

In Italien wurde es zur faschistischen Farbe, vielleicht weil es Stärke und Härte ausdrücken kann. Unter Umständen drückte die Todesfarbe auch aus, dass man bereit war, für seine merkwürdigen Überzeugungen zu töten. Keine Ahnung, auch die Anhänger des sogenannten IS trugen ja bevorzugt Schwarz.

Aber warum auch im Kulturbetrieb?

Selbstdarstellung und Individualität kann man doch auch und gerade durch Farbe zeigen! Würden alle, die sich heute stets dunkel anziehen, plötzlich in Gelb auflaufen, dann hätten wir öfter ein sonniges Lächeln in den Mundwinkeln.

Aber vielleicht soll gerade das nicht sein.

Ernsthaftigkeit, Würde, Unnahbarkeit und Eleganz drückt die Sonnenfarbe nicht aus.

 

 

 

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