
*Horoskope*
Mit Horoskopen, Wahrsagerei und Graphologie kann ich leider relativ wenig anfangen. Das geht vermutlich recht vielen Menschen ebenso, aber trotzdem lesen sie das Horoskop in der „Gala“, der „Grazia“ oder in der Tageszeitung. Es wird nicht mehr lange dauern und die Presseerzeugnisse werden vor Jahreshoroskopen überquellen.
Und weil ich gern etwas Fundiertes lese, habe ich jetzt eine ‚Persönlichkeitsanalyse‘ in Auftrag gegeben, um mich besser kennen zu lernen.
Hier das Ergebnis:
„Sie sind auf die Zuneigung und Bewunderung anderer angewiesen, neigen aber dennoch zu Selbstkritik. Ihre Persönlichkeit weist einige Schwächen auf, die Sie aber im Allgemeinen ausgleichen können. Beträchtliche Fähigkeiten lassen Sie brachliegen, statt sie zu Ihrem Vorteil zu nutzen. Äußerlich diszipliniert und selbstbeherrscht, neigen Sie dazu, sich innerlich ängstlich und unsicher zu fühlen. Mitunter zweifeln Sie stark an der Richtigkeit Ihres Tuns und Ihrer Entscheidungen. Sie bevorzugen ein gewisses Maß an Abwechslung und Veränderung und sind unzufrieden, wenn Sie von Verboten und Beschränkungen eingeengt werden. Sie sind stolz auf Ihr unabhängiges Denken und nehmen anderer Leute Aussagen nicht unbewiesen hin. Doch finden Sie es unklug, sich anderen allzu bereitwillig zu öffnen. Manchmal verhalten Sie sich extrovertiert, leutselig und aufgeschlossen, dann aber auch wieder introvertiert, skeptisch und zurückhaltend. Manche Ihrer Erwartungen sind ziemlich unrealistisch.“
Ich fand mich ziemlich gut getroffen. 🙂
Vielleicht denkt Ihr jetzt, dass das auch zu einem guten Teil auf Euch selbst zutrifft. Das wäre ziemlich normal, denn das geht vielen Menschen so. Zugegeben, es ist auch gar nicht die Analyse meiner „Persönlichkeit“. Das ist nämlich nur ein Text aus dem Internet, mehr nicht.
Bertram R. Forer hat 1948 ein Experiment gemacht, in dem er seine Studenten einen angeblichen „Persönlichkeitstest“ machen ließ. Danach gab er jedem Probanden den obigen Text und bat sie auf einer Skala von 0 bis 5 einzuschätzen, inwieweit der Text auf sie zutrifft. Der Durchschnitt lag bei knapp 4,3 Punkten, die ‚Auswertung‘ wurde also mehrheitlich als zutreffend bewertet obwohl jeder Student exakt dieselbe Analyse erhalten hatte. Den Text hatte Forer aus Zeitungshoroskopen zusammengestellt, seinen Text habt Ihr oben gerade gelesen. Der Test ist später oft wiederholt worden und immer lag das Durchschnittsergebnis über 4!
Solche Werte würde eine Beschreibung vom eigenen Lebenspartner übrigens kaum erzielen.
Es handelt sich um den „Barnum-Effekt“:
„Er bezeichnet die Neigung von Menschen, vage und allgemeingültige Aussagen über die eigene Person so zu interpretieren, dass sie als zutreffende Beschreibung empfunden werden.“
Psychologen sprechen von „persönlicher Validierung“, damit hier ein Fremdwort die Glaubwürdigkeit erhöht. Benannt wurde der Effekt nach dem Zirkusgründer Phineas Taylor Barnum, der mit seinem Zirkus „jedem Geschmack“ etwas bieten wollte. Den Phineas habe ich kürzlich entdeckt, weil er mit seinen letzten Worten vor dem Tod fragte, wie die Tageseinnahmen waren.
„Allen Barnum-Aussagen ist gemeinsam, dass es ihnen an Objektivität und Falsifizierbarkeit mangelt. Sie betonen vor allem Aspekte, die allen Menschen gemeinsam sind, oder Eigenschaften, die alle Menschen gerne besitzen würden.“
Dabei sind die Interpretationen natürlich subjektiv. „Sie gehen nicht gern große Risiken ein“ wird von ‚ängstlichen‘ wie auch von ‚mutigen‘ Personen als ‚passend‘ empfunden. „Großes Risiko“, damit ist unklar, was gemeint ist und vermutlich deutet es der Leser als „Risiko, das ich meiden würde“. Dann passt das irgendwie immer.
Also, wie wird ‚es‘ noch gemacht?
Jeder sucht Sicherheit, also hat jeder Ängste. Weit verbreiteten Wunschvorstellungen wie „mehr Geld“, „große Liebe“ oder „gute Arbeit“ wird zusätzlich meistens zugestimmt.
„Sie sind manchmal etwas unsicher, finden aber zum Schluss gute Lösungen“, das verbindet dann noch die Bandbreite von „unsicher“ bis „lösungsorientiert“ und jeder findet da einen Ort im Satz, an dem er sich wohlfühlt.
Und weil das Ganze einen ‚Wohlfühleffekt‘ haben kann, werde ich das neue Jahreshoroskop jetzt doch lesen.