Hitparade

*Hitparade*
Irgendwie fing alles mit den Briefmarken an und danach folgten Karl May-Bände. Als ich mir von denen knapp 50 Bände vom Taschengeld abgespart hatte und sich so manches wiederholte, da habe ich in meiner Erinnerung dicke Bücher durch flaches Vinyl ersetzt.

Zwei Plattenläden gab es in einer Entfernung von knapp 150 Metern von der Schule, deren „Primanerfünfkampf“ einst Graf Luckner im 19. Jahrhundert für sich entschied. Es gab noch drei oder vier weitere, aber dorthin schaffte man es in der Pause nicht. In dem einen, nahe gelegenen, lagen immer der ‚Melody Maker‘ und die ‚Billboard‘ aus. Die ausgelesenen Exemplare wurden unter dem Ladentisch für mich aufgehoben und der Papiermüllljunge lernte daraus deutlich mehr als der Englisch-Unterricht je bot. Man lernt unmerklich, wenn’s einen interessiert.

Das muss die Zeit gewesen sein, in der Wolf-Dieter Stubel so oft bei der ‚Internationalen Hitparade‘ in die Songs quatschte und meine Tonbandaufnahmen erdrückte, Günter Fink war als Vertretung noch schlimmer. Zuerst hatte ich ja nur ein altes Telefunken-Tonbandgerät in Mono und dazu die alte Graetz-Musiktruhe aus den Fünfzigern, danach schon einen 8200er Cassettenrecorder von BASF.

„Mit Stereo“ und Pegelanzeige!

Es gab auch „Musik für junge Leute“ und „Der Club“ im Radio! Ohne Werbung! Da wurden neue Platten besprochen, und Peter Urban gehörte zu den Helden des Abends und der Nacht, schon weil der nicht dazwischen redete. Etwas später hat Peter mich auch mit Warren Zevon bekannt gemacht als er seine erste Platte herausbrachte.

Übrigens gibt es Peters Doktorarbeit nicht mehr zu kaufen, ein Jammer. „Rollende Worte-Die Poesie des Rock“ heißt die und ich Idiot habe sie einmal verliehen und vergessen, wer die hatte. Ist damals bei ‚Fischer‘ oder ‚Rowohlt‘ als Taschenbuch erschienen, ich glaube mich an Fische auf dem schwarzen Rücken zu erinnern. Peter ist ein Held!

In der ‚Internationalen Hitparade‘ wurden immer die Top 5 aus UK und den USA genannt. Die habe ich immer schnell mitgeschrieben, sonst würde ich heute nicht mehr wissen, dass B.J. Thomas für mehrere Wochen einen Nummer 1-Hit in den USA hatte mit „Hey, Won’t You Play ….“.

Der Titel ist sehr lang und endet mit „… Wrong Song“.

Tony Orlando & Dawn kennt heute auch kaum noch einer, vermute ich, ihr hättet einfach die Top 5 mitschreiben sollen.

„Meine“ erste Nummer 1 war übrigens „Goodbye Yellow Brick Road“, jedenfalls in meiner eigenen ‚Hitparade‘. Für die brauchte ich nämlich auch die Top 5 aus dem angelsächsischen Raum. Jedenfalls habe ich jeden Sonntag am Morgen meine 100 besten Lieder gelistet, sozusagen als private ‚Hitparade‘. Später auch für LPs, das war in der Billboard auch so, allerdings nach Verkaufszahlen.

Und das sah recht gut aus so getippt mit der alten Schreibmaschine nach dem Saugen des Fußbodens. Ich hätte eher die Hausaufgaben abgeschrieben als eine Woche keine ‚Hitparade‘ zu tippen. Wurde in Klarsichtfolie abgeheftet, klar. Irgendwo müssen die noch sein.

Sonntags habe ich danach Fußball bis zum Abwinken gespielt. Hausaufgaben kann man besser abschreiben als Siege und Tore.

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