Christoph Kramers Nase
Selten haben mich private Details eines Fußballspielers mehr beeindruckt. Die Ausnahme ist vielleicht die Freundin des Torspielers des 1.FC Köln, aber ich kann mir den Namen des Torwarts nicht merken.
Das wäre bei Geruchs-TV vielleicht anders.
Vor dem WM-Finale 2014 musste Khedira ja kurzfristig passen und Kramer kam in die Startaufstellung.
Leider hat der wiederum nach nur 17 Minuten derart einen auf den Kopf bekommen, dass er zwar noch 14 Minuten weiterspielte aber vorher den Schiedsrichter fragte, ob ‚das wirklich das WM-Finale‘ sei.
Als der das bejahte, hatte Kramer gesagt, dass das ‚gut zu wissen‘ sei. Er hat keine Erinnerung an 14 Spielminuten im Finale.
Ich vermute, dass man sich an Kramer und seine fehlende Erinnerung in 25 Jahren besser erinnert als an Mario Götze, aber das warten wir mal ab.
Das vom Finale weiß jeder, der sich auch nur peripher für Fußball interessiert.
Meine Frau, die beste Ehefrau von allen, die ich ja hatte, die weiß das nämlich auch, wenn ich sie daran erinnere. Ich halte so etwas ebenso für Allgemeinbildung wie dass man wissen sollte, welche Karten zu einem Skatspiel gehören.
Das habe ich jetzt für die Frauen geschrieben. Ich habe vor 30 Jahren mal eine getroffen, die das wusste.
Richtig interessant war aber jetzt das Interview mit Christoph Kramer. Das war wirklich sympathisch und zeigt, was für ein Feingeist im deutschen Mittelfeld die Gegner abräumen kann. Er schreibt nämlich Tagebuch.
Und in Brasilien hat er nach jedem Spiel ein kleines Stück vom Rasen im Stadion mitgenommen. Und vom extra für die „Mannschaft“ gebauten Campo Bahia im Dschungel hat er eine eine Packung Taschentücher in einer Box mitgenommen. Diese Boxen stehen für Tränenfluss auch bei Therapeuten.
Da habe ich mich gefragt, ob die Spieler vielleicht öfter Taschentücher brauchen als man denkt, weil das ja so ein männlicher Sport zu sein scheint.
Kramer hat die Box aber wegen des darin gefangenen „Geruchs“ des Campo mitgenommen!
Irre! Toller Typ!
Am schönsten ist aber, dass er seine Schuhe von der WM in einem Lederetui verwahrt, das er in einem Bankschließfach aufbewahrt.
In einem Bankschließfach!
Wer bewahrt ein paar Schuhe denn sonst in einem Schließfach auf?
Eben!
Ich habe mir Christoph gerade vorgestellt wie er in Mönchengladbach zur Deutschen Bank geht und sich zu den Schließfächern geleiten lässt.
Dann öffnet er das Fach vorsichtig und entnimmt das Lederetui. Er schaut sich gewissenhaft um, ob er allein im Raum ist. Vielleicht hat die Bank auch so ein kleines Separee.
Zärtlich entnimmt er die weltmeisterlichen Schuhe.
Dann senkt er seine Nase in den Innenraum und nimmt einen tiefen Zug mit geschlossenen Augen, die manchmal ein wenig verträumt wirken, es aber nicht sind.
Er hat gesagt, dass die Schuhe so riechen wie das Maracana in Rio.
Und mir ist so als sei das für ihn noch wertvoller als der goldene Pokal.
Weltmeisterlich.