*Black Sabbath Forever*
Alt, das ist man, wenn man nur noch die Musik von früher hört und nicht mehr auf Entdeckungsreisen geht.
Vor 35 Jahren sind wir, drei Studenten, für eine Woche nach Sylt gefahren, um uns um „Free Groups“ in Mathematik zu kümmern. Das ist ein recht spezielles Gebiet, das keinen normalen Menschen interessiert, sehr theoretisch. Es gab vermutlich nicht mehr als 50 Menschen auf der Welt, die sich mit dem Zeug beschäftigten. Das Beste war eigentlich der Streuselkuchen mit Kirschen obwohl der Mohnkuchen auch gut war. Heute erinnere ich mich besser an den Kuchen als an die Freien Gruppen.
Jedenfalls haben wir jeden Morgen um 9 angefangen, das lag vermutlich daran, dass Steve sich immer von Black Sabbath wecken ließ. Immer dasselbe Lied und immer furchtbar laut. Zum Glück war ich vorher wach und konnte ab dem zweiten Tag die Brötchen holen. Ob Sabrina das mit ihm mal diskutiert hat, das weiß ich nicht. Ich glaube, das Stück hieß „Paranoid“. Das dachten ganz schön viele Leute, wenn die hörten, dass wir auf Sylt mathematisch arbeiten, auch.
Und der Steve hörte fast nur die Sachen von vor 10 Jahren vom Anfang der 70er! Da müsste er circa 15 gewesen sein. Und wir hatten gerade Punk und New Wave hinter uns und er kannte weder die Talking Heads noch The Undertones oder The Replacements. Damals dachte ich so, aber heute bin ich weiser, ich kenne nun vieles auch nicht mehr.
Das passiert relativ vielen Menschen: Sie bleiben akustisch der Jugend verhaftet.
Steve war für mich der erste ein wenig musikalisch „alte“ Freund in meinem Alter. Ansonsten war er gar nicht so, aber mit anderer Musik aus den 80ern konnte man ihm nicht kommen, zumindest sagt mir das heute meine Erinnerung. Erinnerungen sind aber auch kleine Betrüger.
Ich hatte alte Eltern, die von Heinrich George statt von Schimanski schwärmten und von Ruth Leuwerik und Therese Giese statt von Farah Fawcett in amerikanischen und Romy Schneider in französischen Filmen. Ok, Farah war eher für Plakate als Filme bekannt, das floss mir nur so ins Telefon. Leider kenne ich selbst heute in Talkshows kaum einen der anwesenden Prominenten. Nur Sophia Thomalla neulich kannte ich von Lidl, weil die mich immer angrinst, wenn ich mit zwei Packungen Toilettenpapier an ihr vorbeikomme, aber warum die zum Sprechen eingeladen wurde, das habe ich nicht verstanden. Natürlich würde ich die Maischberger und die Will gern sehen, aber manchmal muss ich schon überlegen, wie die anwesenden Politiker heißen. An sich geht nur noch der Presseclub obwohl der Frühschoppen mit Werner Höfer und den Weingläsern ein anderer Start in den Sonntag war. Fernsehen ist nämlich auch nicht mehr wie früher. Es gibt einfach zu wenig wunderbare Irre wie Klaus Kinski heute. Und Wein gibt es auch nicht mehr. Oder die Irren werden nicht eingeladen oder sie fahren Taxi, weil sie nicht so „mainstreamig“ sind.
Und wenn ich heute von den „jungen Musikern“ spreche, dann meine auch ich welche, deren erste Platten vor 20 Jahren erschienen sind. Die laufen bei mir unter „Nachwuchs“. Ich bin heute ein späterer musikalischer Bruder vom Steve. Das sage ich natürlich nur hinter vorgehaltener Hand.
Früher habe ich meine Oberstufenschüler manchmal ihre 3 Lieblingskapellen auf einzelnen Zetteln aufschreiben lassen, um meinen musikalischen Alterungsprozess in den letzten 3 Minuten vor 15:00 Uhr zu verlangsamen. Aber irgendwann schrieben die dann Platten auf, die sie in den Schränken der Eltern gefunden hatten. Das war mindestens ein Drittel, das das machte. Himmel, sogar Schüler waren mit 20 manchmal schon so alt wie ich. Keine „eigene“ Musik, um sich von den Eltern abzugrenzen oder von den anderen Generationen: Geht gar nicht!
Als Abhilfe habe ich jetzt vor ein paar Tagen einige CDs von Farid Bang und Kollegah aus dem Zimmer meines Sohnes ausgeliehen. Deutsch-Rap.
Es war niederschmetternd festzustellen, dass ich das nicht mehr verstehe und jetzt sehr, sehr alt bin. Wenn ich Neil Young heulen lasse, dann denkt mein Sohn über mich wie ich früher über Lilli Palmer und O.W. Fischer!
Man merkt das Altern auch daran, dass man die leckeren Sachen von früher versucht zu backen oder zu kochen. Quarktorte mit Grieß zum Beispiel oder Salzburger Nockerln. Oder Kartoffelklöße mit Pflaumen, Zimt, Zucker und zerlassener Butter. Leider kriege ich oft Soßen nie so „wie früher“ hin. Zum Fleisch, nicht zum Kuchen, klar.
Und jetzt habe ich „früher war alles besser“ schon in den Tasten.
Demnächst rede ich vermutlich auch noch von der „guten alten Zeit“, das ist zumindest nicht so falsch wie ich früher immer dachte. Ich rechne noch oft in Deutsche Mark um. Auch dies darf keiner wissen.
Bin ja auch schon etwas älter, aber das mit der Musik klappt immer noch, dank Radio Eins. Da wird man doch auf dem Laufenden gehalten, was neue Musik betrifft. Obwohl, die „alte“ Musik war ja wirklich besser. In der Schulzeit und auch später gab es natürlich schon immer Leute , die uralt waren, die Volksmusik ala Heino hörten, da konnte man nur hinunterblicken in diese Abgründe der Kultur.
Aber gestern hab ich schmerzlich bemerken müssen, daß ich doch alt bin und früher alles besser war. Es wurde ein Bericht über die Video-Days in Berlin gebracht, wo sich youtuber und deren Fans trafen. Für mich völlig unverständlich und wieder ein tiefer Abgrund der Kultur (siehe oben)..
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