Gewohnheit und Fehler

*Gewohnheit und Fehler*

Ich glaube ja, dass die meisten Menschen einige des Merkens würdige Gewohnheiten haben, die sie gern für sich behalten, weil sie ihnen ein wenig abnorm vorkommen.

Das könnte daran liegen, dass kaum einer darüber spricht.

Ich sitze gerade im Auto in der Selbstwaschanlage.
Das Auto ist gar nicht schmutzig, die Felgen könnte man kurz mit dem frischen Waschwasser des Taxifahrers überspülen aber die sehen jetzt noch nicht so aus, dass das zwingend oder nach meinen Maßstäben notwendig wäre. Außerdem ist die Box etwas sandig und wenn ich aussteige, dann muss ich hinterher die Schuhe abwischen, während die Felgen blinken. Das sind zwei Aspekte, die ich innerhalb von Sekunden gegeneinander abwäge.

Es regnet etwas und man kann im Trockenen unter einem Dach der Selbstwaschanlage bei offenen Fenstern gut schreiben, denken und rauchen, weil alle Boxen frei sind. Das ist eine Art persönlicher Boxenstopp während der schon wieder schlafende Hund auf seiner Decke auf der Rückbank durchtrocknet. Die Pfoten spüle ich mit dem Wasser an der Tankstelle nach dem Spaziergang auch gern ab.

Das Ganze würde die beste Ehefrau von allen, die ich je hatte, zum Beispiel nicht mitmachen obwohl das recht gemütlich ist, so morgens gegen 6:30.
Sie würde das als Zeitverschwendung betrachten während ich selbst es auch im Urlaub als Zeitverschwendung betrachte, bis um 9:30 zu schlafen. Das lange Schlafen ist gesellschaftlich leichter vermittelbar als das frühe Parken und Schreiben in Selbstwaschanlagen.

Bei anderen fallen mir manchmal Verhaltensweisen auf, die die anderen offensichtlich mehr belasten als mich meine kleinen Störungen. Unverständlich sind mir Menschen, die sich zum Beispiel vegan oder vegetarisch ernähren und daher ständig über das Essen und ihre Ernährung sprechen. Ich überlasse ja jedem die eigene Form der Ernährung gern, aber ich erzähle zum Beispiel in der ersten Viertelstunde beim Kennenlernen niemals, dass ich seit 40 Jahren wahnsinnig gern Dickmilch mit Haferflocken und einer dicken Zuckerschicht esse.

Ich rühre das auch nicht um. Dickmilch zuerst mit etwas Zucker cremig rühren, dann zarte, nie kernige Haferflocken drauf und oben ein Häufchen Zucker. Das sieht dann aus wie ein schneebedeckter Berg. Das folgt leider keiner Lebensphilosophie, es kann sein, dass ich das deshalb verschweige.

Singer zum Beispiel spricht ja Tieren ein Bewusstsein zu, daher dürfe man sie nicht essen und meint, man solle Affen Menschenrechte gewähren. Kann man alles machen, aber mir schmecken Tiere tot trotzdem, vor allem kurz angebraten und bei schwacher Hitze durchgegart.
So genau weiß ich auch gar nicht mehr, was der schrieb. Der lag mir so fern wie Hartmut Engler von Pur oder Fans des Opel Manta B. Ich bin jetzt nicht mal sicher ob der „Hartmut“ heißt so weit weg fühle ich ihn. Also Engler. Singer aber auch, nur auf einem anderen Niveau.

So etwas über die eigene Lust auf Fleisch traut man sich ja öffentlich kaum noch zu sagen, weil man eine Art Mörderimage bekommt, wenn fleischlose Esser daneben sitzen. Ich habe auch nie verstanden, warum die dann „Wurst“ aus Soja essen oder ein Tofu-„Kotelett“. Das wäre mir sprachlich schon so dicht am Fleischgedanken, dass ich dann nur den Salat essen würde, wenn ich kein Fleisch mögen würde.

Mein Fehler ist ja, dass ich trotz meines Mörderimages nie dazu komme, diesen Krimi zu schreiben. Ein Freund von mir, der hat das nämlich gemacht. Und er lässt immer Leute sterben, die ihm im wirklichen Leben mal so richtig „auf den Sack“ gegangen sind. Und ich habe eben überlegt, dass ich nur auf fünf mögliche Opferprofile aus meiner Realität komme, die ich gern schriftstellerisch grausam zur kalten Schlachtbank führen würde.

Ich finde *fünf* sind für mehr als ein halbes Jahrhundert gar nicht zu viele und es ist auch nur eine einzige Frau dabei.

Muss jetzt die Box freimachen sonst fragt der, warum ich hier nur sitze und nicht wasche. Ist zu schwer vermittelbar und ich erkläre mich ungern.

3 Gedanken zu “Gewohnheit und Fehler”

  1. nur fünf mögliche Opferprofile?? In über fünfzig Lebensjahren? Das kann doch gar nicht sein! Willst Du welche von mir abhaben? Vielleicht kann man die Schlachtbank ja hinterher gemeinsam durch die Waschstraße schieben. Also rein literarisch natürlich.

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    • Wundervoll, Pauline!

      … also nicht die Anzahl potentieller Opfer sondern die Waschstraßenidee!

      Nein, ich komme nicht auf mehr als fünf, bleibe aber offen für Neuzugänge. 🙂

      Es ist ja so, dass es auch eine gewisse Ehre darstellt, als Opfer tauglich zu sein. Kleine Sünden oder schlicht üble Charakterzüge reichen dafür bei mir nicht. Vielleicht für die Streckbank, aber das war’s auch schon.

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