*Sommermorgen*
„Arschloch!“
Ein Tag kann schöner beginnen.
Aber selten erhellender.
In den Ferien stehe ich ja erst um 6 Uhr auf. Und wenn es dann bei 9°C regnet, dann ist die Lust auf den Morgenspaziergang im hohen Norden mit dem kleinen schwarzen Hund nicht unbedingt das erste Highlight.
Der erste Weg führt trotzdem auf die Hundefreilaufwiese hinter der Stammtankstelle, natürlich mit einem Becher Kaffee, halbvoll, weil ich sonst beim Gehen und beim Werfen eines Stöckchen zu viel verschütte.
Es regnet hier anders. Mancherorts regnet es ja so, wie wenn ein Kilogramm einer offenen Zuckertüte aus dem Küchenschrank fällt. Hier dagegen regnet es so wie beim Einfüllen von Zucker in den Zuckerstreuer daneben geht. Aber viel länger.
Ein breiter Schirm ist da für einen Mann mit Hund nicht die öffentlichkeitswirksame Imagepflege. Außerdem ist ein Schirm mit Kaffee links und Stöckchen rechts schwer zu halten, jedenfalls wenn man nicht den Schirm zum Werfen benutzt.
Der Weg an der Freilaufwiese unter dichten Baumkronen entlang, der ist ebenso schön wie die Alleen im Osten, die es im Westen nicht mehr gibt.
Da braucht man weder Schirm noch Scheibenwischer.
Und da war sie dann, die rothaarige Frau mit den beiden riesigen schwarzen Hunden mit dem lockigen Fell. Beide Hunde an der Leine und 100m von uns entfernt. Ich stand unter meinem Blätterdach, warf Stöckchen auf die nasse Wiese und ließ den Hund sich müde toben. So alt sah die gar nicht aus mit dem ruhigen Tieren.
Und dann machte sie einen Bogen über die Wiese und wich mir aus. So gefährlich sah mein Hund gar nicht aus.
Auf gleicher Höhe in 15m Entfernung kam dann erstmal „Arschloch!“ durch den Nieselregen von der Freilaufwiese. Da war ich schon ganz froh, dass die beiden großen Hunde das Frauchen angeleint hatten. Ohne Leinen und ohne Hunde hätte die gar nicht so übel ausgesehen, aber eben nur tonlos.
„Siehst Du nicht, dass meine an der Leine sind, Idiot?“
Klar, ich sehe das, bin ja nicht blind.
„Wenn Sie wollen, dass ich ihn anleine, dann rufen Sie doch rüber. Ist ja eine *Freilaufwiese*!“
Und dann gibt ein Wort das andere, so ganz habe ich nicht verstanden, was mich jetzt zum idiotischen Arschloch machte, aber ich will gar nicht alles verstehen.
„Beim nächsten Mal lasse ich die Hunde auf Dich los, Du dumme Sau!“
Ich hatte vor den Hunden keine Angst.
Trotzdem zittert man ja wegen der ganzen Aufregung dann trotz äußerer Ruhe. Das stört mich so, dass ich dann erstmal eine rauchen muss obwohl der Kaffeebecher schon leer ist.
Und glaube ja, dass viele Menschen oft auf das reagieren, was sie denken und nicht auf das, was passiert. Und das war erhellend am dunklen Morgen. Und sie reden zu spät.
Dass nach meiner Runde in 100m Entfernung erneut lautes Gepöbel und Gekläff zu hören war, hat mich dann zusätzlich beruhigt. Leider musste ich nochmal zurück durchs Nieseln, weil ich den Becher auf der Bank vergessen hatte. Da habe ich dann gemerkt, dass es um meine innere Ruhe weniger gut bestellt war als ich dachte.
Was mag sie gedacht haben, die Frau, die morgens schon von ihren Hunden gehalten werden muss?