Russen

*Russen*

Wenn man „Russen“ liest, dann kann man zuerst an staatlich organisiertes Doping, an hybride Kriegsführung oder an Putin mit nacktem Oberkörper auf einem Hengst denken. Oder an Dostojewskis ‚Brüder Karamasow‘ oder Russinnen.

Ich denke ja zuerst auch manchmal an Fußball.

Da wundert es mich oft, dass der Osten Europas da keinen Titel holen kann. Die haben technisch so gute Spieler, aber die geben meiner Wahrnehmung nach schon auf, wenn sie ein Tor kassiert haben. Das würden Spanier und Italiener niemals tun, die werden dann erst richtig wehrsam. Und in den 70ern und 80ern war es sehr beeindruckend, wenn Spartak eine Angriff abschloss und der Ball zwei Zentimeter über das Tor ging …. und im Stadion Totenstille herrschte. Der Ball war ja nicht drin. Da ist es in Spanien lauter, wenn einer die Eckfahne trifft.

Und zweitens denke ich bei „Russen“ an riesige Weizenbrötchen. Die nannte man bei uns im Norden vielerorts „Russen“. Die heißen heute „Pummel“, was ich mir seit 40 Jahren nicht merken kann. Ich verlange konsequent den „Russen“. Die verstehen mich trotzdem, vielleicht weil es die nur bei einem Bäcker gibt und die mich kennen, weil ich mit dem Hund in der Tür stehen bleibe und meine Bestellung in den Laden rufe. Draußen haben die keine Möglichkeit einen Hund anzuschnallen …. und meistens darf er dann trotzdem rein, zumindest wenn die jungen Verkäuferinnen da sind. Die in meinem Alter sind viel strenger mit mir.

Aber alle erklären immer, dass der Russe jetzt „Pummel“ heißt. Oder sie nehmen den Russen, stecken ihn in die Tüte, sehen mich an und sagen:

„…. einen *Pummel* ….“

Das ist so ein Bäcker-Reflex, dass Brötchen beim Einstecken in Tüten mit dem richtigen Namen getauft werden.
Also früher gab es die „Russen“ beim Bäcker gegenüber von der Schule zu der Thomas Mann einst ging, bei „Harries“. Dann habe ich ein Loch in den Russen gebohrt und ihn ausgehöhlt, das Innere ist ja weich und formbar. Wenn ich darauf herumdrücke, denke ich immer, dass ich mal eine weiße Schachkönigin daraus formen will, genau wie ich mir das in Zweigs „Schachnovelle“ vorstelle.
Leider stecke ich das Weiche dann trotzdem in den Mund.

Pläne und Verführung passen einfach nicht zusammen.

Und dann kam das zweitbeste:
Man schüttete eine ganze Tüte „Treets“ in den Hohlrussen! Das schmeckte wesentlich besser als ein Nutella-Brötchen, vor allem *während* der Unterrichtsstunden, das war das Beste von allem:

Ich durfte für meinen alten Chemielehrer *in* den Chemiestunden (… hatte ich nur wegen ihm zusätzlich belegt, Chemie brauchte ich nicht, hatte der in der ersten Stunde gemerkt …) nämlich jede Woche einen Liter Coca Cola bei „Harries“ kaufen, weil er mit seinem Stock nicht gut zu Fuß war.

Bevor die Fachraumtür sich hinter mir schloss, rief er immer hinterher: „Martin, und nimm‘ die leeren Flaschen aus meinem Kabuff mit!“

Nie hätte Dr. Neumann einen Schüler gesiezt.

Der war wundervoll. Manchmal kam man zum Unterricht in den Chemieraum und er stand mit seiner Gauloise rechts in der Hand und dem Gehstock links am alten Pult im leeren Raum, die Cola im Glas vor ihm.

Dann machte er die Zigarette natürlich nicht aus sondern sagte: „Was wollt Ihr denn schon wieder? Gleich, ich habe jetzt noch keine Zeit.“

Bei dem habe ich sogar mehr gelernt, wenn ich einkaufen war als bei anderen, wenn ich in der letzten Reihe saß. Auch in Chemie.

Leider gibt es ihn nicht mehr, hoffentlich haben die Gauloises und Coca Cola im Himmel.
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Und „Treets“ gibt es auch nicht mehr.

Die beste Ehefrau von allen, die ich je hatte, wollte nicht, dass ich meinen Kindern dasselbe mit „Pummeln“ und „M&Ms“ demonstriere.

Ein Gedanke zu “Russen”

  1. Bei und gab es damals ECHTE Russen, die konnte man aber nicht aushöhlen, fuhren ja immer im Panzer oder LKW rum.
    Aber die „Konsumbrötchen“ (kosteten nur 5 Pfennig) konnte man genauso gut „auspopeln“ und kneten , nur das Innere hat geschmeckt. Teil Zwei mit der Füllung gabs bei uns nicht – schade. Nach der Wende gabs diese Brötchen dann nie wieder, aber die von Aldi sind ein wenig ähnlich.
    Und an meinen Chemielehrer kann ich mich auch noch deutlich erinnern. Er konnte die Mädels nicht !!! leiden und hat sie in jeder Stunde runtergemacht. Hat uns Jungs gefallen. Übrigens habe ich wegen ihm dann Chemie studiert und es auch nie bereut.
    Micha

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