









In Ermangelung eines Musikgeschmackes
Nun, ich wurde kürzlich bei Facebook nach meinem „Musikgeschmack“ gefragt.
Aufgrund der Fülle kann ich darauf keine Antwort geben, mein „Musikgeschmack“ erstreckt sich über die letzten 100 Jahre, von The Carter Family, Jimmie Rodgers und Al Jolson bis zur genialen 2024er Musik von „Jana“, die aber noch kein Lied veröffentlicht hat. 🙂
Bis auf die 80er findet sich nämlich fast überall Interessantes.
Das mit den 80ern ist nur ein Seitenhieb für diejenigen, die in den 80ern 13 oder 15 waren und immer noch denken, es sei eine gute Zeit für Musik gewesen. Sie war es nicht. Und viele bleiben bei der Musik aus ihrer Jugend, weil sie sich dadurch an diese erinnern oder das Interesse an Neuem mit 20 verlieren. So setzt das musikalische „Altern“ recht früh ein. Oft fehlt es auch an Zeit für neue Musik, wenn das Berufsleben beginnt.
„Das Leben ist wie Fahrrad fahren. Um die Balance zu halten, muss man in Bewegung bleiben.“
Das ist von Albert Einstein, der spielte ja Geige. Und das gilt auch für das Hören von Musik. Das „Muss“ könnte man durch ein musikalisches „Soll“ ersetzen. Aber Albert war ein Stein, der ließ sich nicht formen.
Männer tendieren beim Musikgeschmack entweder zu „höre keine Musik mehr“ oder zum „Spezialistentum“. So wie bei Autos: Entweder sie haben keines oder etwas sehr Spezielles mit vielen Pferden ist ihr Traum.
Bei Frauen soll ein Auto meistens praktisch aber auch „schön“ sein. Alles Vorurteile, mag sein. Fragt man, welches Auto eine andere Person fährt, so ist die häufigste weibliche Antwort:
„Ein schwarzes!“
Bei bevorzugter Musik kommt oft ein „Alles!“ bei Frauen. Sammlerinnen sind sie seltener als Männer. Jedenfalls bei Tönen. Sie sammeln körpernäher, oft Schuhe.
Mit „alles“ ist als Antwort wenig anzufangen. „Alles“ ist eine Variante von „Nichts“.
Wenn man „alles“ hört, kann man dann von einem „Geschmack“ sprechen?
Ich höre alles.
Ich habe keinen Geschmack.
Ich weiß nur, was gut für mich ist.
Und das ist nur das Beste aus jeder Richtung. 🙂
Bob Dylan ist zum Beispiel richtig „gut“, seit deutlich mehr als 50 Jahren schon. Also bei mir. Er ist 83 und immer da.
Ein „Weltmeister“, ein „Begleiter“.
Über Selbstverständlichkeiten schreibt man nicht. Die beste Platte aller Zeiten ist von ihm, ich kann mich nur nicht entscheiden, welche das ist. „BOTT“ von 1974 oder „Blonde On Blonde“ von 1966 oder doch „TOOM“, die ‚kürzlich‘, also 1997, erschien?
Es sind zu viele Großtaten.
Im letzten Urlaub haben wir in diesem französischen Leihfahrzeug in Andalusien fast ausschließlich über das Mobiltelefon der besten Ehefrau von allen, die ich je hatte, und ihre Freundin Miss Spotify Daliah Lavi gehört. Drei Frauen im Auto, das ist im spanischen Frühsommer unschlagbar.
Sie, die Miss und Daliah.
Ich habe mit meinem Handy noch keine Musik gehört, mich interessiert es auch nicht, das Handy über Bluetooth im Auto zu verbinden. Ich kann das nicht mal mit dieser Box im Wohnzimmer. Ich habe es auch noch nicht versucht. Kopfhörer benutze ich an dem Mobilteil auch nicht. Ich mag keine Stecker im Ohr und ich will die Welt um mich herum hören. Zum Abschotten reichen mir ein Sitzplatz in einem Cafe und ein Buch. Man muss ja nicht darin lesen, daß Halten reicht.
Ein mobiles Telefon ist zum Schreiben, zum Einkaufen und zum Lesen da. Man kann auch mal ein Foto machen. Gespielt habe ich damit auch noch nicht.
In den 80ern habe ich an einem Apple MacIntosh „Tetris“ gespielt. Ich hatte recht viele Punkte. Da war der Bildschirm sehr klein und in Schwarz-Weiß. Danach brauchte ich bis heute keine digitalen Spiele mehr. Es gibt ja Karten, Spielsteine und Murmeln. Die MacIntosh Festplatte fasste übrigens 20 Megabyte, da war aber eine Menge drauf.
Da wäre heute nur Platz für die Hälfte von „Flowers“ von Miley Cyrus, also als wave-Datei.
Und Anfang der 70er war zunächst auch Albert Hammond ein Held. Der reiste mit der Gitarre und sehr wenig Gepäck durch Europa, er trug Jeans, ein Jeanshemd und eine Jeansjacke. In seiner Tasche war dasselbe nochmal. Er ließ das im Hotel waschen, er konnte sich nämlich wegen „It Never Rains In California“ schon ein Hotelzimmer leisten. Bei meiner Oma hatte ich es in der BILD-Zeitung gelesen. Er war in der Schaubude im NDR aufgetreten. Im Jeanslook, klar.
„It Never Rains In California“ von 1972 und „The Free Electric Band“ von 1973 klingen heute noch toll. Die Langspielplatten, nicht nur die beiden Lieder.
Jedenfalls für meine Ohren.
Sein Konkurrent war Gilbert O’Sullivan, der verkaufte Anfang der 70er auch bis zu 10 Millionen von seinen Schallpatten!
„I’m A Writer, Not A Fighter“ ist ein gutes Beispiel. „Get Down“ kennt eigentlich jeder.
Aber 1974 veröffentlichte er auf „A Stranger In My Own Backyard“ das Lied „A Woman’s Place“ (…. is in the home). Rückblickend hat das Lied quasi seine Karriere beendet. Nur in Japan hielt er seinen Status. Ob das mehr über Japan als über Gilbert sagt, vermag ich nicht zu beurteilen.
Und man sollte die Erstveröffentlichungen suchen, nicht diese „Remasters“, die sind alle für Mobilhörer komprimiert worden und deutlich zu laut.
Fast wäre es Randy Newman später nach „Short People“ (… got no reason to live) in den USA auch so wie Gilbert gegangen. Aber dass das Satire war, hatten dann doch genug Menschen verstanden.
Und Elton John!
Großartige Platten hat er bis 1975 gemacht! Auch später gab es noch Highlights, nicht viele, zugegeben, aber nie wieder in der Qualität und Konstanz der frühen 70er. Das kann man auch nicht erwarten.
Bei Van Morrison ist es auch nicht wesentlich anders. „Astral Weeks“ bleibt unübertroffen. Eine Inselplatte, die niemals alt wird.
Zwei Elton-John-Veröffentlichungen jährlich in großer Qualität bis 1975, besonders bei „Elton John“, „11-17-70“ (live), „Tumbleweed Connection“, „Honky Chateau“, „Captain Fantastic“ und „GYBR“, auch wenn die letzte als Doppel-LP eine Platte zu lang geriet und ich nur insgesamt 6 Stück erwähnen will.
Und Cat Stevens, den eher die Damen liebten, auch nur bis 1975. Er sah ja auch besser aus als alle anderen.
Vor Albert, Gilbert, Elton und Cat waren „The Beatles“ meine Helden, die Stones kamen erst parallel mit Albert und Gilbert. Mit 13 oder 14 fing man meist ja erst an, sich mit Musik zu beschäftigen. Ohne Plattenspieler gab es ja nur das Radio in der alten Musiktruhe aus den 50ern. Aber die hatte einen sagenhaften Klang mit ihren Breitbandlautsprechern. Der Plattenspieler ging nicht mehr, ein ‚Perpetuum Ebner‘ war das, ein PE.
„Der Club“, „Musik für junge Leute“, das waren meine Sendungen. Die dritte, immer spät abends, fällt mir gerade nicht ein.
Selten habe ich eine verpasst. Am besten waren damals die Sendungen von Peter Urban und Klaus Wellershaus. Peter Urbans Doktorarbeit ist auch sehr lesenswert, im Fischer-Verlag erschienen, aber nur noch im Antiquariat zu finden. Günter Fink dagegen hat mich oft genervt, auch Wolf-Dieter Stubel, die blieben beide der Hitparade zu stark verhaftet. Bei denen gab es nicht viel „Spezielles“. Vor allem aber nur schon Bekanntes.
Schlager habe ich leider verachtet, die nannte ich damals schon „Funktionsmusik“ aber bei Daliah Lavi habe ich eine Ausnahme gemacht. Ich würde sie auch heute nicht unter „Schlager“ einsortieren, sondern unter „Chansons auf Deutsch“.
Weil sie so gut aussah geht das nicht anders.
Nach dem Urlaub im Frühjahr habe ich mir alte Schallplatten von ihr besorgt, nicht einfach zu finden in sehr gutem Zustand. Und viele CDs, bei denen ist es wiederum schwer, die klanglich guten Erstausgaben zu finden. Die, die sich „remastered“ nennen, klingen entsetzlich. Immer dasselbe.
Aber die Zeiten sind ja teilweise auch so, warum sollten Klänge dahinter zurückstehen?
„Der einzige Weg, Gesundheit zu erhalten, ist zu essen, was Du nicht willst, zu trinken, was Du nicht magst und zu tun, was Du eher nicht tun würdest.“
Musik hat Mark Twain hier nicht erwähnt, aber was ich nicht mag, das höre ich auch nicht zweimal an. Manchmal ist das ein Fehler, weil es oft Musik gibt, die mit mehrmaligem Hören erst ‚wächst‘. Man kann jedoch nicht oft Musik hören, die einem nicht gefällt und auf den Faktor „Zeit“ setzen. Und das, obwohl mir kürzlich ein alter Freund schrieb, dass „Zeit nur eine Illusion“ sei.
„We often feel sad in the presence of music without words; and often more than that in the presence of music without music. All of us contain Music & Truth, but most of us can’t get it out“. – Mark Twain
Und Albert, Gilbert, Elton und Cat habe ich nur als erste erwähnt, weil man für Van The Man, Bruuuuce und Johnny Cash kaum Widerspruch bekommt.
Eher für das Leichtgewichtigere von Albert, Gilbert und Daliah.
Dann mal los. 🙂
„It’s Too Late To Stop Now„.
–
„peace, tranquility and good will“
HACH, Mann aus Mazzipanien, wieder schön fabuliert und – fast – noch schöner zu lesen.
Aber nun kommt das grosse ABER; ganz so schlimm waren die 80 nicht, die TALKING HEADS z.B. haben nicht nur fantastische Platten in dieser Dekade abgeliefert sondern auch den wohl – mindestens – zweitbesten Konzertfilm EVER!
Auch Frank Zappa, den ich immer gerne gesehen und gehört habe, war nicht ganz faul in den 80ern. Den kleinen Prince nicht vergessen.
Ich hör mal lieber auf, sonst heisst es noch ich stänkere hier bloss rum.
Nochmals Danke für die schönen Texte
Alexander
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Du Mann vom Flusse schreibst ebenso flüssig wie das Wasser vor Deinem Haus plätschert. 🙂
Und selbst ein „Stänkern“ wäre hier willkommen!
Ich stimme Dir bei Talking Heads und Frank Zappa vollumfänglich zu.
Tolle Musik!
Allerdings praktizierten beide schon in den 70ern bzw 60ern. Für *mich* machten sie *ihre* Musik auch in den 80ern weiter, aber das war keine 80er Musik, sondern eine Fortsetzung ihrer Geschichte, sozusagen gegen den Zeitgeschmack und zufällig auch in den 80ern. 🙂
Sie konnten die Jahreszahlen nicht anhalten! Ein typisches Zeitproblem!
Doch halt, eine Frage:
Welcher Konzertfilm ist besser als „Stop Making Sense“? Trotz Nachdenkens fällt mir da keiner ein. 🙂
Und der „kleine Prinz“ hat sich doch nicht um Jahreszahlen geschert! Und waren seine ersten Platten nicht Ende der 70er erschienen? Ich weiß es nicht genau.
Kind regards, Mr Untenamfluss!
M.
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Musik ist was Feines, aber nicht am Handy, da stimme ich voll zu.
Mein Handy verbindet sich mit dem klugen Auto, da klingelt es dann mal im Autoradio, und man tippt mit dem Finger drauf, sehr komfortabel.
Auch Fotos vom PC (um sie irgendwo anderen zu zeigen) nimmt das Handy brav und drahtlos entgegen.
Aber mit Musik im Ohr durch die Straßen laufen? Nee, mag ich auch nicht.
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„Welcher Konzertfilm ist besser als „Stop Making Sense“? Trotz Nachdenkens fällt mir da keiner ein. „
Ich sagte ja „mindestens der zweitbeste“!
Welchen ich auch grandios finde: „The Last Walz“, ist sogar das von Dir hochgeliebte „Bobbelche“ mit aktiv.
Und – nicht zu vergessen – der vielgeschmähte „Anti-Neil“ hat einen wunderbaren Auftritt.
Auch gut: Rocky Horror Picture Show (habe ich bestimmt 40mal gesehen im Kino.
Searching for Sugar Man ist auch sehr empfehlenswert.
Oder „Rolling Thunder Revue“
„Das mit den 80ern ist nur ein Seitenhieb für diejenigen, die in den 80ern 13 oder 15 waren und immer noch denken, es sei eine gute Zeit für Musik gewesen. Sie war es nicht.„
„Allerdings praktizierten beide schon in den 70ern bzw 60ern. Für *mich* machten sie *ihre* Musik auch in den 80ern weiter, aber das war keine 80er Musik, sondern eine Fortsetzung ihrer Geschichte, sozusagen gegen den Zeitgeschmack und zufällig auch in den 80ern.“
Na, zurückrudern is‘ nich‘!
Und rumrabulisieren auch nich‘!
Musik aus den 80ern ist Musik aus den 80ern!
BASTA (Gerhard Schröder).
Schönen Tag noch
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Danke, Gerhard S.!
Danke, „Acker“! ;-))))
Wenn Du Dich doch nur noch zu Musik äußern würdest, es wäre ein Segen!
–
Und Alexander,
es ist mir eine Freude, auch Dich zu lesen! Zustimmung zu Rocky, Last Waltz und RTR, alles großartig!
Ob der Anti-Neil 1976 noch ‚groß‘ war oder da nicht so richtig ins Line-Up passte, das müssen wir bei einem „Münchner Hell“ besprechen.
Die Frage bleibt: Wann? 🙂
Mit Marzipan? Nein, nur zum Rotwein!
Der war in den 80ern größer als die Summe der Musik. Basta. 🙂
LG
Maddin61
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Herrlich! Und auch noch NDR Programme gehört, als sie noch nicht „Formatradio“ waren! Bei Albert Hammond stimmen wir überein. Gilbert, Elton und Cat näääää – Nagut. In den Anfängen hatte ich „Pinball Wizzard“ in der Elton Version auf Kassette. Das war die Zeit von der „Tommy“Verfilmung. Und von Bachmann Turner Overdrive! Yeahr!
Behalten hab ich aus den Anfängen nur die Liebe zum Phillysound. Denn kurze Zeit später fand ich in den Art-Rock, der nu aba Prog genannt wird. Wat willste machn?!
Aber macht richtig Spaß , hier zu lesen!
(Musikgeschmack hab ich auch keinen: Ich mag Elvis und die Doro Pesch. Muss ich nochmehr gestehn?! :-))
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