


Merkwürdigkeiten #2
Teil1: Der rauchende Mann
Als ich neulich an der alten Schule von Thomas Mann vorbeikam, da war der halbe Schulhof voll mit lachenden Mädchen, ehem, also jungen Frauen, und ihren Fahrrädern, vielleicht war das der Musikkurs zusammen mit dem Kunstkurs.
Ich kann oft 31-jährige nicht mehr von 19-jährigen unterscheiden.
Vor allem mit Make-Up.
Das ist mir neulich bei einer Hochzeit passiert. Ich hatte mich bei einer Vierer-Gruppe gewundert, weil die nicht den Brautstrauß fangen wollten. Dann streckten die mir vier Finger mit Ringen entgegen.
Wieder falsch gedacht.
Am breiten Tor der Schule stand dieser grauhaarige, schlanke Mann in meinem Alter, schaute stehend zu den jungen Damen und rauchte.
Zigarette. Mit Tabak. Einer von früher.
Wie ich.
Einer der Lehrer, er sah aus wie „Geschichte und Deutsch“, so mutmaßte ich. Rauchen dürfen Lehrer schon lange nur noch auf der Straße. Manche nicht mal zuhause.
Ich wollte ihn fragen, wann die Sommerferien anfangen. Nicht, dass ich auch in den großen Ferien noch im „Broad Street Café“ auf meine Logarithmen und Logarithminnen warte!
„Entschuldigung, darf ich Ihnen eine Frage stellen?“
„Nein!“
Barsch, laut und rasselnd. Der musste ziemlich viel rauchen und schon sehr lange. Um mir das alles zu sagen, brauchte er nur ein Wort. So ist eben der Norden.
Und sofort nach dem zweiten „n“ in „nein“ setzte er sich zügig in Bewegung, die Rippenstraße hinunter. Die glimmende Zigarette warf er dabei auf die Straße.
Das war gar kein Lehrer. Der rauchte nur da in die bewußte Richtung. Der dachte bestimmt an Thomas Mann. Oder an etwas anderes, Baustile oder so.
Lehrer werfen vor Schulen keine Zigaretten auf Straßen, das kam noch dazu. Hatte ich ihn vertrieben? War er in Gedanken? Hatte ich …. gestört?
Merkwürdig.
Ich hatte dann noch von einem leichtem Grinsen begleitete 150m zur Bibliothek vor mir.
Teil 2: Der schwarze Engel
Eine Frau in Schwarz tippte an das alte Geländer gelehnt auf ihrem Mobilgerät. Irgendwo zwischen 30 und 40, egal.
Einfach, aber perfekt, diese Erscheinung: Ein hochgekrempeltes, schwarzes Männerhemd, eine weite schwarze Hose aus fließendem Stoff, dazu ein schwarzer Ledergürtel, schwarze Stiefel in der robusten Version, eine schwarze Sonnenbrille im brünetten Langhaar, eine schwarze Tasche, nicht diagonal getragen.
Diagonal „kommt nie gut“.
„Sieht klasse aus, auch die Brille dazu!“ …. habe ich im Gehen mit kurzen Seitenblick zum Absichern knapp gelobt, ‚en passant‘, so wie beim Schach.
Manchmal, da kann ich einfach nicht anders, wenn so eine schwarze Perfektion auf meine Netzhaut trifft. Das kommt ja im Halbjahr nur einmal vor. Aber das sollte schon so bleiben.
„Perfektion“ ist unglaublich selten, ich bin ein wenig anspruchsvoll, zugegeben. Man braucht für eine 11 von 10 weder viel Geld noch das geringste „Chi-Chi“.
Das ganz Schlichte spielt bei mir in der Champions-League. Meine Frau, die beste Ehefrau von allen, die ich je hatte, kann das auch. Sie trägt selten schwarz obwohl ihr das perfekt steht. Aber noch ohne schwarze Sonnenbrille im Haar.
Das war der einzige Unterschied.
Und die Haarfarbe, klar.
Es ist leider so, dass wir schwarzgewandete Frauen nur loben können, wenn wir sie nicht kennen. Machen wir das mit den eigenen oder guten Freundinnen so bekommen wir unweigerlich das zurück:
„Weil das Schwarz schlank macht, oder was?“
Klar, dann lassen wir das, wir sind ja nicht so dumm, uns für ein Kompliment eine Diskussion einzuhandeln.
So, das ist jetzt vorbei mit dem Rundflug, zurück zur „11“.
Frau Kunz von der Bibliothek hat mich dann einige Meter weiter an ihrem Fenster gestoppt. Für sie ist Roland Kaiser der „perfekte Mann“, ihr Mann toleriert das, sagt sie. Er hat auch keine andere Wahl, vermute ich.
„Santa Maria“, auch ich akzeptiere, dass ich „da“ nicht mithalten kann, aber ich bemühe mich trotzdem. So wie ein Zweitligaspieler es eben tun muss.
Auch wenn er weiß, dass Real Madrid ihn nie anrufen wird.
Als „Die Perfekte“ dann hinter mir vorbeischwebte -ich hatte sie im Augenwinkel gesehen- sie musste vom Himmel gekommen sein und könnte meine Enkelin sein, da sagte sie lächelnd „Danke“, auch nur im Gehen, klar.
Das Lächeln habe ich leider nur gehört, das geht, glaubt mir einfach.
Frau Kunz hat ihr aus dem Fenster kurz hinterhergesehen, sie musste sich ein wenig nach außen lehnen, und sie hat mich sofort gefragt, wofür die sich bei mir bedankt hat.
Da habe ich das Thema schnell gewechselt.
Dafür musste ich nur minimale Kritik an Rolli anklingen lassen „naja, jung ist er nicht“ und schon vergisst sie ihre Frage und verteidigt ihren „Kaiser“. Er habe nämlich noch „Stil“, hat sie geantwortet.
Frau Kunz fragt zum Glück nie zweimal dasselbe. Bei ihr funktioniert das. Ohne Roland wäre das nicht so leicht.
Bei meiner Frau würde das nicht gehen, das ist auch ganz gut so. Sie mag den „Kaiser“ überhaupt nicht.
„Autoverkäufer“ sagt sie dann beispielsweise.
Ich mochte das eine Interview schon nicht, dann bin ich zu Kaiser Franz zurückgekehrt.
Bitte verratet das nicht Frau Kunz, sonst macht sie das Fenster zu, wenn ich wieder vorbeikomme.
–
„peace, tranquility and good will“