Aber der Glaube

Aber der Glaube

Gestern spät in der Nacht fiel ein heftiger Regen in Berlin-Friedrichshain. Ein „Hain“, das ist, nebenbei bemerkt, eigentlich eine Ansammlung von Bäumen. Bäume gibt es dort beim Theater ‚Zebrano‘ nur am Straßenrand, aber keine Mülleimer.

Und keine freien Parkplätze.

Frankie, mein Berliner Original, Rob, Otti und Ed und ich hatten ein wundervolles Konzert von Manfred Maurenbrecher erlebt. Er ehrte mit seinen Versionen des Dylan-Kanons unseren Helden, der auch einer der seinen ist. Schon mit 15 hat er dessen Texte stilsicher und kreativ ins Deutsche begonnen zu übersetzen.

Mit 15!

Ist Dylan der Mount Everest, so ist Maurenbrecher die Zugspitze.

Und was er spielte und wie er spielte, allein am Klavier mit teils energischen Tritten aufs Pedal, das gereichte nicht nur Bob zur Ehre zu seinem 83sten, sondern, so erlebten wir Zeugen es, auch ihm selbst. Ihm, einem der wenigen echten „Künstler“? Nie angepasst und immer wieder neu.

„Der ‚Junge‘ kann malen“, mit Worten!

Er ist nämlich ‚jung‘ trotz seiner nahen 75 im nächsten Jahr. Was wird er „dann“ spielen?

Der „Deutsche Dylan“.

Wer übersetzt „Shelter“ mit „Schlupfloch“?

Wer „Desolation“ mit „Invaliden“?

Es gibt Udo, eine „Type“ auch ohne Lieder, es gibt Herbert, der 70000 Menschen in Wallung singen kann und es gibt Marius, dessen Studioproduktionen oft teuren amerikanischen Ansprüchen genügen. „Warm“ wird mir bei Ihnen nicht. Das ist keine Kritik, es ist eine Feststellung.

Denn er, MM, ist der …. höchste deutsche Berg!

Die beiden Murmeln in Black & White hatte er seit 40 Jahren verdient, so lange höre ich seine Lieder. Bei Männern weiß ich oft nicht, wie sie auf das Geschenk für 20 Cent reagieren. Sie schauen verwirrt. Meist.

Bei Frauen weiß ich wie sie reagieren, sie lächeln, so oder so.

„Hört seine Lieder!“, möchte man rufen!

Kein Showtalent wie Udo, kein lauter Performer wie Herbie, kein Klangperfektionist wie Marius, aber …. er ist immer „echt“ wie auch seine Geschichten zwischen den Liedern oder in seinen Büchern.

Wie oft ich ihn live sah, weiß ich nicht. Udo sah ich nach Corona live und steckte mich an, große Unterhaltung, Udo, nicht Corona. MMW und Herbie sah ich nie live, das ist mir zu viel „You Too“.

Mir sind 70 viel lieber als 70000.

Beim Fußball sehe ich das anders, aber mehr „große Spiele“ sah ich im Leben in Spanien und Italien, viele waren es nicht hier bei uns. Warum? Weil es anders ist.

Ich liebte die Feria in Sevilla, aber niemals würde ich das Oktoberfest besuchen, ich mag Verkleidungen, aber Karneval muss ohne mich auskommen. Besonders in Düsseldorf, Köln und Mainz. Das sind mir leider zu viele Deutsche auf einmal.

Wer hat gesagt, der Deutsche sei einzeln ein wunderbares Wesen, aber in der Masse schrecklich? Ich weiß es nicht mehr, aber mein Gefühl spricht zu mir ähnlich. 40000 Italiener in „Firenze“ sind wunderbar, 40000 in Hamburg, nein, ich möchte nicht #40001 sein. Ist es so einfach?

Oder spielen mir gedanklich Großveranstaltungen der Vergangenheit, die ich gar nicht erlebte, Streiche? Oder will ich nicht einer unter vielen sein? In Florenz bin ich ja einer unter 40000 anderen, in Hamburg nur ein Massenelement. Große Demonstrationen mied ich lebenslang. Bei „Wir gegen Rechts“ musste ich nach jeweils 15 Minuten „raus“ aus dem Fluss der Masse, nur am Rande gehen, das ging länger.

Eine Mimose ist „er“.

War es Canetti?

In Deutschland sah ich den HSV circa 1975 im Nebel mit 1:0 gewinnen, in der Zeitung las ich, wer das Tor schoß. Peter Hidien. Den HSV sah ich in den 80ern gegen Inter Mailand mit „Rummenigge“ und hielt es in der Kurve heimlich mit Inter. Das darf meine Nachbarin nie erfahren. Bayern gegen Stuttgart 3:0 im letzten Jahr, danach ging es bergab, ich
kann nichts dafür.

Und sähe der Manfred aus wie Brad oder George, vielleicht hätte er dann mehr Zuhörer als die anderen. Manchmal entscheiden Kleinigkeiten in einer oberflächlichen Welt.

Oder der Glaube, dass das, was alle hören oder sehen, auch das Beste ist. Glaubt Ihr das? Ist das so beim Fernsehen? Bei der BILD? Im Kino?

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Und in der schwarzen, nassen Nacht nach dem Konzert unter der roten Markise beim „Tiger“-Bier, da sagte eine junge Frau mit einer breiten, blonden Strähne im Haar am Nebentisch zu ihren Freundinnen zu laut:

„Es gibt keine Seemänner mehr!“

Das beschäftigte mich noch als wir 20 Minuten später den Aufbruch im Regen wagten.

„Was hast Du damit gemeint?“, fragte ich sie, „dass es keine Sehmänner mehr gibt, die Du gern ansiehst oder keine echten Seemänner von Schiffen mehr?“

„Ich meinte die von den Schiffen! Man sagt, dass jedes Mal ein Seemann stirbt, wenn man eine Zigarette an einer Kerze anzündet!“

„Und Du hast sie alle umgebracht?“

„Nein! Man sagt das, weil die Seemänner früher an Land Streichhölzer verkauften und nichts verdienten, wenn man Kerzen benutzte!“

Ich kannte weder das Eine noch das Andere, die Erklärung. Ich habe ihr sicherheitshalber meine Streichhölzer geschenkt, zum Schutz der allerletzten Seemänner. Eine Pfeife kann man auch mit einem Feuerzeug anzünden.

Ich bringe nämlich keine Seemänner mehr um die Ecke.

Aber der Glaube.

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Auf dem Weg nach Hamburg fotografierte ich zwei blinkende Harleys für meinen Nachbarn neben ihren Fahrern, eine „Low Rider“ und eine „Sportster“!

Ich verstehe davon gar nichts, aber das stand ja drauf. Bei der zweiten hing eine kleine Glocke unter der Gabel. Die schützt vor bösen Geistern, die zum Beispiel den glänzenden Tank zerkratzen. Aber man darf die Glocke nicht kaufen, man muss sie als Geschenk erhalten, sonst wirkt ihr Zauber nicht.

Genauer ist das hier:

„Dadurch werden die bösen Geister der Straße im inneren des Glöckchens eingefangen, wo sie das stetige Klingeln wahnsinnig macht und sie dadurch ihren Halt verlieren und zu Boden fallen.“

Aber der Glaube.

„Einige haben einen Engel am Motorrad oder am Schlüssel. Es soll bedeuten, dass Du nicht schneller fährst als dein Schutzengel fliegen kann“, schrieb mein Nachbar, der Normanne.

Der Glaube.

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Manchmal, da glaubt man etwas, was gar nicht stimmt.

Zum Beispiel beim Arzt, da hat jetzt eine „Patientenhelferin“, die eine falsche Berufsbezeichnung als „Arzthelferin“ führt, trotzdem meine Murmeln bekommen. Eine Arztpremiere.

Ihr Name klingt als wäre sie aus Albanien, aber das stimmt sicher nicht. Jedenfalls hat sie mir einen unterhaltsamen Lungenfunktionstest beschert. Schließlich habe ich 30 Jahre lang „wenige“ Zigaretten täglich geraucht, dann aber viele Jahre gar nicht mehr. Mein Test unter ihrer ‚Anfeuerung‘ wie von Jürgen Klopp war ziemlich gut. Ich will ja, dass die einen schönen Erfolg hat, meine Lungen-Trainerin.

An sich wäre sie auch eine gute Ärztin, aber sie ’sieht sich da nicht‘. Schade.

Nach dem Test gestand ich ihr, als sie „Nichtraucher? Raucher?“ fragte, dass ich seit 6 Wochen manchmal gemütlich und heimlich eine Pfeife rauche, mein Geheimnis, aber dass sie bitte „Nichtraucher“ ankreuzen solle.

Ich mache das ja heimlich damit ich nicht diskutieren muss mit der besten Ehefrau von allen, die ich je hatte.

Sie gestand, nun fast privat, ihre alten ‚Rauchsünden‘, also die, nicht meine Frau. So alt konnten sie nicht sein, die Sünden, denn mit 7 hatte sie noch nicht geraucht.

Sie lächelte stumm und machte ihr Kreuz. Für mich. Die war wirklich sympathisch. Ich will den Test im nächsten Jahr wiederholen lassen.

Auch wegen der Pfeife.

Dann ruft mich nach kurzer Wartezeit mein Arzt zu sich, der beste seines Fachs. Der ‚Maurenbrecher‘ unter den Internisten! Der Name wäre für einen Arzt von Nachteil, vor allem für Chirurgen.

Seine erste bohrende Frage kam direkt, still und sachlich, ohne jede Maske, wie von Clint im Film. Ein Zigarillo dazu wäre perfekt gewesen.

„Seit wann rauchen Sie wieder, Herr Bruno?“

Ich hatte schon vorher den Eindruck, dass er nicht raucht.

Auf dem Weg zum Volvo draußen kam ich dann an „ihr“ vorbei und gab ihr meinen bösen Blick, der fiel mir ein wenig schwer, zugegeben.

„Sie sind eine Petze!“

Ich gewann ein strahlendes Lächeln.

„Es ist mein Job!“

Und weil ich Menschen mag, die ihre Arbeit sehr gut machen, gab ich ihr Monate später zwei Murmeln. Zum Schluss war mir ihre Arbeitseinstellung wichtiger als unsere qualmenden Geheimnisse.

Denn der Glaube ….

….. an eine ‚Beziehung‘ zwischen zwei Unbekannten hat schon so manchen
Mann zu Fall gebracht.

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Das Foto von MM, der Bob hält, ist vom Ron. Der ist kein Berliner, er ist ein Buch. Und er sieht aus wie ein Referendar. Herzlichen Glückwunsch zum 53sten.

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