











Problemfälle Pt 2: Werkstätten
Ich habe leider eine „Autophase“, die geht wieder vorbei, denn alles geht bei mir vorbei.
Außer Bob Dylan.
Es kann auch meine Rückkehr zu Zeiten von vor 50 Jahren sein als ich mir zum Geburtstag ein Abonnement von „auto, motor und sport“ gewünscht habe. Das schreibt man heute auch noch klein, obwohl die Autos immer größer werden.
Ich hatte einmal ganz üble Geräusche bei meinem alten Volvo V70, es war das einzige Mal in 10 Jahren. Jedenfalls bat ich einen erfahrenen Mechaniker einer Vertragswerkstatt, sich das kurz anzuhören.
„Jo, das ist ein Zylinder, der läuft nur auf vier Töpfen, das kann teuer werden beim Diesel. Echt selten solche Defekte beim Diesel.“
Da hatte der völlig Recht, das ist selten.
Trotzdem habe ich auf der Hacke kehrt gemacht nachdem ich einen schönen Tag gewünscht hatte, bedankt hatte ich mich auch und angekündigt, dass ich bald wiederkomme.
Manchmal bin ich echt zu nett.
Dass der alte V70 ’nur‘ auf vier Zylindern läuft, das ist nämlich relativ normal, der hat nämlich nur vier und nicht fünf wie der noch ältere V70 und wie der Mechaniker fälschlicherweise dachte.
Muss er wissen. Vier sind nicht fünf. Und wenn einer von vier ausfällt, dann höre das sogar ich, ich hatte ja auch VWs.
Ein „Teiletauscher“, kein Mechaniker.
Es war dann ’nur‘ die verschlissene Kupplung, hat mein ‚Schrauber‘ super gemacht. Der hat nur gegrinst als ich dem vom „defekten fünften Zylinder“ erzählt habe.
„Klar! Als ob ein defekter Zylinder so klingt. Taub, oder was war der?“
Jetzt hat der alte Passat 222.222km auf der Uhr, eine schöne Zahl. 2en kann man schreiben wie kleine Schwäne, ich liebe 2en.
Die Kupplung „kommt etwas spät“, aber ist noch ganz ok so weit. Schaltet sich noch perfekt, die „handgerissene“ Passat-Limousine. Ein kleiner 1.4TSI brabbelt unter der Haube.
Damit das so bleibt, wollte ich im Urlaub in der kleinen Stadt an der Nordseeküste Preise für eine neue Kupplung bei VW erfragen, erst zur Reparatur im Sommer oder Herbst oder so, ich brauche da kein Auto, jedenfalls nicht für alle Tage.
Da ist man eben „Herr Bruno“ nach zwei Minuten und nicht „Herr Nummer“ wie in meiner Stadt. Im kleinen Ort ist das nicht billiger, aber ich gehe auch lieber zu Konzerten mit 70 Zuhörern als zu denen mit 70000 Leuten. „Leute“, das ist wunderbar ‚genderneutral‘, aber auch ein wenig volkstümlich. So wie der Norden.
Die waren sehr freundlich in der kleinen Stadt bei VW, besonders der Meister aus der Werkstatt, der wusste viele Details, klasse, der Mann. Auch zum „Steuerkettenproblem“ beim 1.4TSI. Alles harmlos, zu wenig Öl lässt es rasseln, da fehlt zunächst der Öldruck. Ein paar Sekunden mit der Rassel braucht es, bis das Öl da ankommt, wo es kurz Geräusche macht. Zu wenig Öl und es rasselt noch länger.
Logisch, wusste ich aber nicht.
Kupplung ‚ohne‘ Originalteile bei VW 1800€. Mit Massenschwungrad circa 3600€, meinte der von der Verwaltung am anderen Schreibtisch.
„Meistens muss das nicht ersetzt werden, die sind normalerweise noch top.“
3600€ ist das ganze Auto nicht Wert, aber der sieht besser aus als mancher, der noch in den Kindergarten geht. Meiner hat die Pubertät schon hinter sich. Bei Autos beginnen die Probleme immer „nach“ der Pubertät.
Zum Vergleich dann noch zu der ‚Hinterhofwerkstatt‘ im kleinen Urlaubsort. Die Werkstatt war bei meinem ersten Urlaub 1992 mit meiner späteren Frau auch schon dort! Da war ich noch nie, ich fuhr ja BMW Diesel und Volvo Diesel.
Die hatten Allergien gegen Werkstätten.
Der Eingang ist schmal, das Büro klein mit zwei Schreibtischen. Am linken Schreibtisch sitzt ein grauer Mann am Telefon, Typ kleiner SUV, er sagt nichts, er hört nur zu, bestimmt seine Frau oder seine Mutter, die mindestens 80 sein muss. Er malt Kreise.
Ich sage „Moin“, er nach dem Luftholen auch, aber er malt weiter seine runden Figuren. Er hört 3 Minuten weiter zu, dann sagt er kurz „Tschüß“ und legt auf. Das Telefon ist ein graues aus den 80ern.
„Und?“
Das ist Nordsee-Deutsch und bedeutet:
„Ja, entschuldigen Sie bitte, womit kann ich Ihnen helfen?“
„Ich habe einen Passat 3c von 2008 mit dem 1,4er TSI und irgendwann ist die Kupplung fällig. Ich bin hier immer im Urlaub und wollte fragen, was das bei Ihnen kosten würde.“
„Fahrzeugschein?“
Immerhin das dritte Wort, wir waren fast schon Blutsbrüder.
„Den habe ich nicht mit.“
„Dann nich.“
„Dann komme ich heute am Nachnittag mit einem Scan wieder.“
„Yo, Tschüß.“
Nach Kaffee und Kuchen stehe ich wieder da, dieses Mal mit Hund.
„Moin, darf der mit rein?“
„Warum nich?“
„Hier ist der Fahrzeugschein auf meinem Handy.“
„Gib her.“
Es dauert knapp vier Minuten, er rechnet und summiert neben den Kreisen auf dem Block. Es gibt Menschen, bei denen ich weiß, wann ich meine Klappe halten muss.
„880„
„Super, also unter 1000?“
„880„
„Ich überlege noch, ob sich das im Sommer lohnt, der ist ja 16 Jahre alt, der Passat.“
„Seh‘ mir alles an. Vorher„
„Und wenn das Massenschwungrad auch neu muss, was würde es dann kosten?“
„Hatter nich, nur Diesel„
„Ach, das wusste ich nicht! Wegen des höheren Drehmoments?“
„Auch„
Das wusste der bei VW nicht, der Mann für die Kostenschätzung. Schwach. Ganz schwach. Der „macht“ aber nur VW und Audi. Der vom Hinterhof „macht“ alle Autos.
„Hinterhof“, alte, kleine Werkstatt, er grau, dicke Brille, alles alt, aber sauber und ordentlich. Und mit „Ahnung“.
„Ahnung“, die ist wichtiger als große Fensterfronten.
‚Werkstatt‘ also wie das Gespräch, kein überflüssiger Euro, kein überflüssiges Wort. Geschäftlich knapp, aber nicht unfreundlich. Er will mich ja nicht heiraten.
„Wir sehen uns im Sommer oder im Herbst, mein Bruder“, das habe ich nicht gesagt, aber so was ähnliches.
„Tschüß„
24 Wörter hat er gesagt, keines war überflüssig. Wenn er 30 gebraucht hätte, dann nennen die ihn an der Küste eine „Quasselstrippe“.
Könnt Ihr nachzählen, habe ich schon nach seinem „Fahrzeugschein?“ im Gespräch gemacht.
24 bei zwei Besuchen.
12 im Durchschnitt.
Hätte ich den Passat gleich stehen lassen, hätte er schon 26 gebraucht:
„Schlüssel?“
„Donnerstag!“
Das eine „Tschüß“ war für das Telefon, das zählt nicht. Nur falls hier einer ist wie ich.