The Broad Street Café



The Broad Street Café

Früher, ja, vor mehr als 30 Jahren, da gab es das „Café Art“, mein Stammcafe in der Stadt. Das galt in der „Brigitte“ in den 80er Jahren als eines der schönsten Cafés in Deutschland. An sich sind die meisten meiner Unterrichtsstunden in dieser Zeit zunächst auf „Ratsherren Pils“-Blättern des „Art“ entstanden. Das ist ja 40 Jahre her, also fast.

Es fällt einem einfach mehr in großer Entfernung vom Schreibtisch ein, das ist viel freier! Außerdem konnte man als junger Lehrer die Aufgaben manchmal an anwesenden Gästen testen.

Nicht immer geht es um Rechnerei. Aber die Idee muss „passen“. Als mathematisch Verbildeter weiß man vorher manchmal nicht, auf welche Ideen andere kommen. Das auszuprobieren ist hilfreich.

Jedenfalls saß ich dort immer vor dem Tresen an Tisch 7. Nie hätte ich woanders sitzen mögen. Wenn der „besetzt“ war, habe ich auf der Treppe gewartet, bis „mein“ Tisch frei wurde. Das ist so ein Ritual, eine Gewohnheit, immer derselbe Tisch. Zuhause nimmst Du auch stets denselben Stuhl, ich sowieso.


Bis heute bin ich wesentlich lockerer geworden, also jedenfalls solange der Tisch am Fenster in meinen jetzigen „Broad-Street-Café“ frei ist. Es kommt sogar vor, dass ich draußen auf einer Bank sitze.

Aber nur auf der linken, nie rechts, auch wenn die frei ist. Da ist eine Spielhalle
zu dicht dran und die hat kein gutes Karma. Also nur für mich, rein mathematisch gesehen. Da gibt es nämlich nichts zu gewinnen.

Auch den Tisch unter dem Baum nutze ich teilweise, also wenn die beste Ehefrau von allen, die ich je hatte, mitkommt. Tisch hinter dem Fenster innen, die Bank vor demselben Fenster und Tisch unter dem Baum draußen liegen ‚exakt‘ auf einer Geraden, ein Grund für meine variable Präferenz der Platzwahl. Bei Regen stelle ich einen Stuhl in den geschützen Hauseingang nebenan. Ich liebe Regen, aber nass werde ich ungern.


Früher, da hat mal jemand im „Art“ an Tisch 7 gefragt, „ob Maddin schon da war“. Da lagen damals nämlich drei Zigarettenreste im Ascher, parallel gelegt, alle gleich lang, mit 1,5cm „Restweiß“ und dem gleichen Knick an exakt derselben Stelle.

Auch Zigaretten brauchen es gleichförmig. Ich würde mich als Zigarettenrest unwohl fühlen, wenn es im Ascher aussieht wie Gruppensex, das geht gar nicht. Dann lieber gleich ausleeren, damit eine gewisse Ordnung erhalten bleibt. Oder eben parallele Strukturen anlegen!

Das habe ich bei „Rauchen, Teil 1, 2017“ schon mal geschrieben, aber das ist lange her und ich hatte es vergessen. Manchmal wiederhole ich Dinge der Eindringlichkeit wegen mit Absicht. Hier nicht. Hier liegt eine Art ehrlicher Charakterstudie zu Grunde.

In meinem jetzigen „Broad-Street“-Stammcafe, also wenn mein Akku, also der vom mobilen Telefon, nicht meiner, wenn der also leer ist, dann würde mich meine Frau tagsüber dort zuerst suchen, abends dann in dem Abendcafe neben dem Theater.

Wenn ich mit dem Hund zu Fuß weg bin, dann würde sie wiederum in einer anderen süßen Einrichtung suchen. Ich mag Cafés relativ gern, vielleicht ist Euch das aufgefallen.

Ich bin relativ berechenbar, anders als Joshua Kimmich.

Hier, ich schreibe nämlich aus dem Schaufenster, arbeitet auch eine ganze Familie, zu sechst, der das Cafe gehört! Sie stammt ursprünglich aus einem ganz fernen Land, das heute schon lange keine Ruhe mehr findet.

Und Umay, die technische versierte Künstlerin aus der Türkei, Zoe, die Medizinerin aus Deutschland, Anna aus Pakistan, die normalerweiae im sozialen Bereich ihre Bestimmung hat, Sonja aus der Ukraine und die Annemieke, die ‚Viertel-Holländerin‘ ist, die alle machen Kaffee zum Niederknien. Annemieke hat eine Zwillingsschwester, die ist übrigens auch ‚Viertel-Holländerin‘, die Marleen.

Eigentlich weiß ich auch nicht, ob die beiden manchmal heimlich ihre verschiedenen „Jobs“ tauschen!

Und gut sehen die auch noch aus, die „Caffe Latte“ mit der „Schaummütze“ und dem gemalten Muster oben drauf.

Ich trinke immer dasselbe, das ist in meiner Natur so angelegt. So ein plötzlicher „Flat White“ aus heiterem Himmel würde meinen Tagesablauf zu sehr umkrempeln. Ansonsten bin ich natürlich ganz anders.

Da geht man kaum noch weg.

Zoe schon, sie raucht manchmal für die anderen mit, aber ich glaube nicht, dass ich das schreiben darf. Ich frage sie einfach mal. Wenn sie „ja“ sagt, dann lasse ich das so stehen. Ansonsten lüge ich mir etwas zusammen. Ihr merkt das ja gar nicht. Sie ist echt schnell, die schafft in 50 Minuten mehr als ich in 60 Minuten schaffen würde, die erarbeitet sich solche Minipausen. Niemand zieht eine leichte „Marlboro“ zügiger „durch“ als Zoe. Mit schnellem Schritt raus und schon ist sie wieder am Tresen, ich könnte das nicht in 2 Minuten.

Aber ich bin ja auch dreimal so alt.

Jedenfalls beglücke ich hier Schüler ab Klasse 11 mit meinen Zahlen und Buchstaben. Kostenlos, zweimal in der Woche für eine Stunde. Manchmal auch 90 Minuten, ich bin ja nicht unflexibel. Das läuft erst wieder „an“, manchmal kommen gar keine Logarithmen oder Logarithminnen und ich muss hier allein tippen oder lesen. Ist nicht schlimm, aber ich fühle mich dann doch etwas unterfordert.


Der netten Dame vom Ordnungsamt habe ich auch schon angeboten, dass sie zu ‚BSM‘ kommen darf, denn ihre beiden Töchter sind schon über 30. Sie will mich allerdings lieber im Parkverbot aufschreiben. Job ist eben Job, ich verstehe das gut. Ich wünsche mir immer, dass sie wieder einen netten Gruß dazuschreibt.

Der wäre mehr Wert als das Ticket.

‚BSM‘, das ist eine Abkürzung und bedeutet „Broad-Street-Math“. ‚Maths‘ ist britisches Englisch, ‚Math‘ ist amerikanisch, deshalb ‚Math‘ und nicht ‚Maths‘.

Mir gingen in den letzten Jahren einige wenige Briten im Musikbereuch schwer auf den Zeiger, wisst Ihr?

‚BSM‘ ist etwas heikel, ich weiß.

Ich lerne durch meine Mathematik indirekt auch andere Menschen kennen, die sind in ganz verschiedenen Altersgruppen zuhause. So ein Studentencafe, das wäre nichts für mich. Das vermittelt mir so ein „Altersfeeling“ und das fühle ich höchst ungern.

Umay berät mich manchmal kurz bei meinen Fragen zu optischen Gestaltungen, die ist schnell, sehr schnell. Da muss ich genau zuhören, denn sie sagt nicht alles zweimal, nur weil ich so alt bin. Da muss man hellwach bleiben. Sie spricht so schnell wie Hamilton Auto fährt. Lewis, nicht der Fotograf. Das tun Menschen, wenn sie noch schneller denken.

Bei mir geht das nicht, ich denke oft langsamer als ich spreche. Das ist kein Vorteil von Zeit zu Zeit.

Zuerst habe ich zu ihr im Spaß „L’Artista“ gesagt, dagegen hatte sie nichts.

Anna trägt viel schwarz, also „im Job“, aber wenn sie selten auch einmal ‚privat‘ erscheint, dann kommt einem ein Rausch von geschmackvollen Farben entgegen! Mutige Farben, aber keine lauten. Das verstehen nur Frauen und Modeschöpfer. Und sie spricht Deutsch, Englisch, Türkisch und Urdu. Wenn die jetzt auch noch Mathmatik „kann“, dann müsste ich eigentlich den „Caffe Latte“ zubereiten.

Dafür werden zwei Espresso „gezogen“, aber ich habe keine Ahnung, weshalb Espresso „gezogen“ wird. Man „macht“ einen Filterkaffee, aber keinen Espresso!

Also könnt Ihr am Tresen auch bitten:
„Ziehen Sie mir bitte einen Espresso!“

Ich bestelle grundsätzlich zwei „Caffe Latte, groß“. Den einen trinke ich morgens, den anderen am Nachmittag. Den zweiten würde ich Yoga-Sabrina überlassen, aber sie war in letzter Zeit nicht da. Vermutlich wegen eines Retreats im Süden Europas.

Zoe hat fast nur Schwarzes an, das passt wirklich immer zusammen, stilvoll. Der Kontrast zum hellen Milchcafe ist gut. Ich glaube aber nicht, dass das ein Einstellungskriterium war, weil alle anderen unterschiedliche Farben zulassen.

Sonja aus der Ukraine und Annemieke oder Marleen, man weiß das nicht, kenne ich erst einige Tage.

Aber man kann sagen, dass da die halbe Welt am immer gleichen „Caffe Latte“ arbeitet!

Eigentlich ist das wie ein Kurzurlaub.

Teilweise gehe ich denen bestimmt auf die Nerven, wenn ich Fragen am Tresen stelle. Aber die lassen mich das noch nicht merken, sehr angenehm. Zoe ist da sehr cool, wenn ich eine „Du, eine 30-Sekunden-Frage“ habe.

„30 Sekunden habe ich“, sagt sie dann.

Das mag ich total, diese Klarheit ihrer Aussagen einem alten Mann gegenüber. Deshalb stelle ich ihr auch die meisten Fragen, nur so, weil mich das so freut, wie sie sehr elegant auf Kürze besteht. Jedesmal hat das ‚Klasse‘. Wenn mir keine zweite Tages-Frage einfällt, ärgere ich mich, aber die sollte eben auch ‚passen‘.

Meine gleichaltrige Tochter ist da wesentlich direkter mit einem schlichten „Nö“.

Neulich hat sie drei Studenten nach 30 Gesprächsminuten mit einem plötzlichen „Na dann: Tschüß“ verabschiedet. Schlecht finde ich auch das nicht. Sie kann auch „so, wohin geht ihr denn jetzt hin?“ zu fünf Jungs sagen.

Früher gingen Frauen einfach weg, heute schicken sie ganze Männergruppen weg.

Sehr gut.

Ich schicke meine Tochter bald einmal zu Zoe für den Grundkurs in „Eleganz“.

Heute war keiner da für meine Graphen, Zufälle und Skizzen, deshalb habe ich gedacht, ich schreibe mal etwas zum Ort des Geschehens, das ausfiel. Außerdem wollte Umay, dass ich das versuche. Hoffentlich ist sie nicht so streng mit diesem Text, ich habe da doch ein wenig Respekt.

Neulich hat eine Nachbarin von mir gesagt:

„Mathe im Cafe? Kostenlos? Das kann ja nur schlecht sein!“

Ja, mancher sieht das so, ich musste lächeln. Die Nachbarin war früher nicht so gut in Mathematik, glaube ich.

Ganz falsch ist der Gedanke ja nicht, aber auch etwas oberflächlich.

Ich glaube, ich biete ihr an, dass sie als einzige für ihren Sohn bezahlen muss, damit sie das nicht so „schlecht“ findet.

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