





Der Stock
„Die mutigste Entscheidung, die du jeden Tag triffst, ist die, gute Laune zu haben.“
Das passt nicht zum Folgenden, aber der Satz von Voltaire ist ja weit mehr als ein Scherzartikel.
Von einem ernsthaften 911er Porsche träumen ja viele Männer seit ihrer Jugend.
Wenn sie sich den Wunsch dann spät erfüllen, ist es in den meisten Fällen so, dass ihnen das Ein- und Aussteigen schon schwer fällt. Ein Jammer, die Jungen können sich den Wagen nicht leisten, aber für reiche Ältere ist so ein Auto nicht gemacht. Ein alter Mann mit einem 911er wirkt wie ein Gebrechlicher mit Krücken beim Kiten. Ein Dilemma.
Seit mehr 40 Jahren hatte ich zwei bislang unerfüllte, andere Wünsche.
Der erste sind maßangefertigte Schuhe, eine große Investition, sicher, unter 1500€ wird das nichts, eher ist man mit 2500€ dabei, bei der Herstellung durch klassisches Handwerk in Deutschland. Dafür bekommt man mehrere CD-Regale mit Gebrauchtware oder mehrere Verstärker. Man kann aber nur eine CD über einen Verstärker zur Zeit hören, diese Tatsache vergesse ich zwischenzeitlich.
Solche Maßschuhe halten mindestens zwanzig Jahre, das kann sich in gewissem Maße sogar rechnen. Trägt man ausschließlich Maßschuhe, muss man den Porsche vielleicht verkaufen. Nur oberflächlich betrachtet eine schlechte Entscheidung, denn in verschiedenen Schuhen läuft man jeden Tag 16 Stunden. Es sei denn, man gibt Yoga-Unterricht oder man ist Bademeister.
Die Frage stellt sich, bis zu welchem Alter sich der Kauf von Maßschuhen lohnt. Einen Porsche wird man immer los, bei Maßschuhen ist das etwas problematisch. Echten Wert haben die nur für den einzelnen. Das macht aber ihren Wert aus, das Individuelle.
Moden? Ich bitte Euch!
In 50 Jahren haben sich echte Schuhe für Herren kaum verändert. „Sneakers“ wie man Turnschuhe heute nennt, würde ich niemals entgegen ihrer Einsatzbestimmung anziehen. Nie! Die sind zum Laufen oder für den Tennisplatz, mein Gott.
Bequemlichkeit ist das Eine, Stil das andere. Nicht immer ist beides deckungsgleich.
Weiß? Für Schuhe? Ernsthaft?
Ja, bei Toni Kroos ist das in Ordnung, weil er ein Überzeugungstäter in Weiß ist. Nicht umsonst wechselte er vor 10 Jahren zum „weißen Ballett“ von Real Madrid.
Ich kann Euch nicht sagen, woher ein zweites, letztes Lebensziel, dieser gewünschte zweite Erwerb rührt. Jedenfalls wollte ich seit Ewigkeiten einen Spazierstock haben, einen Fritz-Stock, wie man auch sagt.
Mein Vater hatte einen Spazierstock aus Holz, oben rund, mit der oft üblichen, scharfen Metallspitze zum Wandern. Er nahm ihn später, mit 80, auch zum Einkauf zusammen mit dem Rollwagen mit. Gebraucht hat er ihn auch dann nicht. Schon mit 50 Jahren, als ich geboren wurde, hatte er den Stock, eigentlich hatte er den schon immer, so vermute ich. Vielleicht war es sein Geschenk zum Abitur 1928, ich weiß es leider nicht.
Er ging immer mit Spazierstock, auch im Urlaub in den Bergen. Am Strand waren wir fast nie, meine Mutter liebte die Berge sehr. Ich kenne daher alle deutschen Mittelgebirge. Seit 45 Jahren habe ich deshalb keinen Berg mehr bestiegen. Im Flachland kann man einfach weiter sehen. An der See im Stehen sind das circa 20 Kilometer, die Erde ist ja rund, man kann das recht leicht berechnen. In Bergen ist das schwieriger. Auch die Mathematik wird schwerer je höher man steigt.
Ein Spazierstock ist heute „aus der Mode“, aber mir gefiel sein Holzstock immer, besonders, wenn er mir den Stock kurzzeitig bei Wanderungen überließ und ich damit als Kind „schießen“ konnte. Karl May dringt ja in jede Pore ein, Western durfte ich nicht im TV ansehen, das Lesen blieb.
So ein Spazierstock ist fast so variabel wie ein gefundener Ast, aber glatter und haptisch ein ganz anderes Erlebnis!
James Joyce hatte einen, Marcel Proust’s „Held“ Mr. Swann hatte ein Dandystöckchen, das wette ich, habe jetzt nicht nachgelesen. Dagobert Duck ist vielleicht der bekannteste mit einem Stock, auch er ohne eine körperliche Einschränkung. Er soll auch nur sein Alter symbolisieren. Außerdem kann er sich damit zur Wehr setzen, wenn die Arme zu kurz sind.
Auch Joe Frazier hätte einen Stock geschätzt!
Ich interessierte mich immer für besagten „Fritz-Stock“ des alten Preußenkönig Friedrich II. Das sind doch auch Traditionen, die erhaltenswert sind! Also in schwarz und mit silbernem Knauf oder Griff, so musste er sein. Ob Friedrich orthopädische Probleme hatte, wurde nie geklärt, die Krücke hatte wohl eine andere Funktion, er trug sie sogar auf seinem Pferd.
Diese Dinger können heute bis zu 800€ kosten! Unnötig, es muss ja keine Porsche-Krücke sein, es gibt auch keine „Maßstöcke“. Porsche und Krücke sind eben die zwei Seiten der Medaille im Leben.
In Malaga waren wir gerade zweimal, einmal drei Tage zu Beginn des Urlaubs in Andalusien, einmal am Ende, kurz vor dem Abflug. So eine „Klammer“ kann nett sein wie derselbe Song zu Beginn eines Albums oder Konzertes mit einer Reprise, die es beschließt. Dann klatscht auch keiner für weitere Zugaben. Das „Klammern“ setzt einen Rahmen und machen etwas „vollständiger“ als ohne, es wird geöffnet und geschlossen. Klammern haben nicht nur in der Mathematik eine selten gewürdigte, ganz eigene Schönheit. Rund, eckig, geschweift, ja, man braucht ein wenig Zuneigung und Liebe zum Elementaren. Nicht jeder sieht Mathematik in dieser Weise, zugegeben.
Jedenfalls redete mir die beste Ehefrau von allen, die ich je hatte, das „Dandy-Stöckchen“, wie sie den Stock nannte, zu Beginn im Hutladen Malagas aus. Hüte passen mir selten, mein Kopf ist zu groß, meine Frau nennt ihn jedoch „dick“, was ich nicht verstehe. „Groß“ und „dick“ sind nicht dasselbe! Elle MacPherson ist groß, Helmut Kohl war dick. Niemand käme auf die Idee, Elle und Helmut in derselben Schublade zu platzieren. Dass man das mit „tz“ schreibt, finde ich immer noch etwas deplaziert. 🙂
„Wie sieht das denn aus? Wie willst Du den Stock in den Flieger kriegen? Das ist ja eine Waffe! Geht gar nicht, vergiss es!“
Aber das half nicht, alte Wünsche sind hartnäckig. Kurz vor dem Abflug und vor dem Kauf also ein persönlicher „Check“ bei der Fluggesellschaft und dem Sicherheitsdienst. Ich sehe ja noch nicht nach orthopädischem Notfall aus, aber ich plane meine Zukunft gern im Detail. Mit 75 kann so ein Stock gute Dienste leisten, spätestens. Da sind 60€ gut angelegtes Geld!
„Walking Stick“ ist englisch, „Gaston“ spanisch, nur falls Ihr jetzt auf den Geschmack gekommen seid.
„Haben Sie denn eine Einschränkung?“ fragte die dunkle Schöne von Spanish-Air.
„Nein, aber ich weiß nicht, was mein Knie nach 4 Stunden im Sitzen sagt!“
Ich bin ehrlich, in gewissem Maße. Hat nicht jeder nach vierstündigem Sitzen leichte „Probleme“? Eben.
„Dann fragen Sie bitte beim Sicherheitscheck nach Ausnahmeregelungen!“
Dem Herrn bei der Security bot ich bei seiner Frage nach der „Einschränkung“ an, sich meinen rechten Fuß anzusehen, er wollte das jedoch nicht. Leicht zog ich auf dem Weg zu den Sicherheitsbeamten vorher das Bein nach. Ich hatte ja noch nicht gekauft, der Stock musste so mitkommen, kein Spezialgepäck. Zu teuer. Planung ist wichtig. Irgendwie hatte ich plötzlich echte Knieschmerzen, das ist ja nicht planbar. Die Psyche spielt uns so manchen Streich.
Also habe ich den Stock letztlich am letzten Tag vor dem Rückflug doch noch gekauft und kurz geübt, „method acting“, nur für den Sicherheitsdienst. Die brauchten das leider, denn auf ehrliche Weise wäre es nicht gegangen, so mein Eindruck. Meine Frau war voller Sorge, völlig unnötig.
Es ist sehr erstaunlich, wie sich die Umwelt verhält, wenn man einen Spazierstock bewegt, das ist schlicht aus der Mode und wird mit Gebrechen assoziiert. Das ist falsch.
Im Hotel wollte mir der junge Mitarbeiter den kleinen Rollkoffer abnehmen, nicht meiner Frau den ihren. Im Bus bedeutete mir eine junge Frau, dass es Sitzplätze gibt, sehr freundlich, ich humpelte aber in keinster Weise!
Beim Einchecken mit der Gepäckabgabe wollte meine Gattin, dass ich eine Frage zum Stock stelle! Warum, bitte? Meine Brille gehört auch zu mir, da frage ich auch nicht, ob ich die mitnehmen kann, bei Zahnersatz ist das auch so, auch wenn da Metall drin sein kann, glaube ich. Niemand fragt da nach, niemand verzichtet beim Security-Check auf seine „Dritten“. Wäre dem so, ich würde dort arbeiten wollen, man erführe viel Neues, auch von Prominenten.
Sicherheitscheck „exceptional“, keine Schlange, kein Warten, die hatten gar nichts zu tun da, nun gut, leichtes Nachziehen des rechten Beines, minimal nur, das kam plötzlich für die 100m durch die Halle. Psychisch, denke ich.
Stock zum Röntgen mit dem Rest, ein Ersatzstock aus den 50er Jahren wurde mir gereicht, ganz automatisch. Die sind im Detail vorbereitet. Ich mag so etwas, auch dieses wortlose, routinierte Verfahren. Man muss weniger sprechen als man denkt.
„Danach“ habe ich den Stock, mein neues drittes Bein, jedoch getragen wie Stewart Granger damals die Flinte in „Der Ölprinz“. Ich will nicht, dass man mich für älter hält als ich bin.
Der Stock ist wirklich schön für später.



