
Schule-Teil 5-„Spezialfälle“ (in German only, sorry)
Ist Euch das aufgefallen, dass das Wort Junglehrer, es ist ein altes Wort, ich glaube ich habe es von meinen Eltern, …. nun, ist Euch aufgefallen, dass das mit „Jungle“ anfängt?
Genau, so ist es auch, ein Dschungel, keine festen Wege, viel Regen, es geht heiß her, wilde Tiere gibt es, Schlangengruben auch.
Besonders bei Kollegen.
Neues ist da oft nicht gern gesehen.
Nach dem Referendariat hatte ich mich bereits nach Dänemark an eine deutsche Schule „abgesetzt“, sah alles gut aus dort, aber Apenrade ist klein und nicht so ganz der Ort zum Leben. Urlaub gern.
In Schleswig-Holstein gab es ja keine Stellen.
Dann wurde ich aus der Landeshauptstadt angerufen, ich könne eine Schwangerschaftsvertretung an zwei Berufsschulen unserer alten Stadt übernehmen, Schwerpunkt Fachgymnasien.
Als ich berichtete, dass ich eine Stelle in Dänemark habe, da wusste er davon schon.
Ich sagte ihm, dass ich einen Tag später zurückrufen werde. Das war an sich eine Frechheit, aber er war einverstanden, einen Tag zu warten.
Am nächsten Tag habe ich ihm gesagt, dass so ein Vertrag für 10 Monate für mich keinen Reiz habe, es gäbe Dänemark und auch noch andere Länder, meine Noten waren ja nicht die schlechtesten.
„Nun, ich kann Ihnen das nicht schriftlich geben, aber Sie können davon ausgehen, dass Sie an einer dieser Schulen bleiben können. Mehr darf ich nicht sagen.“
Gut, dann habe ich zugesagt.
An der einen Schule bekam ich das erste Mal keinen Schulschlüssel, höchst bemerkenswert, nach einer Woche hörte ich mehrfach „Schlüssel bekommen nur die Abteilungsleiter, sonst nur der Hausmeister.“
Dann habe ich ein Schreiben mit einem Antrag auf einen Schulschlüssel gestellt, mit Begründung … Physik, neue Sammlung … etc.“
Am nächsten Tag hatte ich den Schlüssel.
„Aber dafür brauchen Sie doch keinen Antrag zu stellen, Herr Bruno, … es muss aber nicht jeder wissen.“
Als ich einer FOS den Raum aufschloss, hörte ich von Schülern, die älter als ich waren, „Na, super, ein Schüler vom letzten Jahr.“
Der Anfang -speziell an der Schule B- war bemerkenswert.
Ich hatte einen Termin mit dem Direktor schon vor den Sommerferien, danach sollte ich dort anfangen, ich bekam sofort einen Leistungskurs.
Die Kollegen rieten davon ab, die wollten den selbst, wie auch die anderen 20 Jahre. Er empfahl mir, mich mit einer „erfahrenen Kollegin“ zu treffen.
Sie war aus einem anderen Jahrhundert.
„Ich bin die Auguste, wir Mathematiker duzen uns alle an der Schule, Martin.“
„Martin, wir geben in der elften Klasse am Ende des Schuljahres grundsätzlich einem Drittel der Schüler eine 5 oder 6 und wir wollen auch, dass das so bleibt.“
Dieser Satz ist ein Original, er ist fest eingebrannt auf meiner geistigen Festplatte.
„Ich verstehe, worauf Du hinaus willst, Auguste. Ich bin ja noch neu, sind Klassen nicht manchmal unterschiedlich leistungsstark? Also, muss man nicht auch manchmal der Hälfte der Schüler eine 5 geben?“
„Ja, Du hast Recht, das kann auch vorkommen.“
„Dass es auch bessere Klassen gibt, das ist sicher sehr selten, oder?“
„Nein, das hat es noch nie gegeben.“
Am Ende des ersten Jahres, ich hatte eine tolle Klasse, da gab ich nur drei Fünfen. Von da an war ich die neue Ella. (Das versteht Ihr erst einen Absatz später, ist nicht schlimm, ich gebe keine Zensuren mehr.)
Auch noch als ich später leistungsschwächere Klassen hatte und auch mal im Drittelbereich mitspielen musste, ich blieb „Ella“. Dazu könnte ich noch mehr sagen, also warum und wann schlechte Noten sinnvoll sein können, aber hier passt es nicht.
Am ersten Tag im Lehrerzimmer, ein Kollege für Zahlen weist mich ein:
„Hier sitzen wir Mathematiker, ich, der Hartmut, die Auguste, die Du schon kennst, der Walter, der Matthias und die Mulla. Der Stuhl da, der ist noch frei. Da saß die Ella, die passte nicht so zu uns.“
Dass er sich als erstes nannte, nun, das passte, Mulla hatte gar nicht Mathematik studiert, so munkelte man, konnte aber nur das, so rudimentär jedenfalls, Blätter verteilen und nachrechnen.
Also musste die immer mit Mathestunden im Gymnasium versorgt werden, so lief das da an der Schule B. Manchmal kommen Menschen in eine Position und irgendwann weiß keiner mehr so recht, warum die da gelandet sind, sehr ominös.
Das ganze kam mir wie eine Drohung vor „wer nicht bei uns sitzt, ist gegen uns“.
„Oh, danke, sehr nett! Gibt es hier ein Raucherzimmer?“
Ihr könnt Euch den Rest denken, ich bekam den Platz vom Ludwig, der bis zur Pension immer einen Schuss Finlandia im Tee aus der Thermoskanne hatte.
Da war es lustig, da saßen der Künstler, der Deutschlehrer, die Informatiker, manchmal flossen Tränen vor Lachen. Bei Geburtstagen gab es ein opulentes Frühstück, die Abteilungsleiter kamen gern und wurden locker, es war wie eine Großfamilie.
Und links neben mir Horsti mit den besten Sprüchen „Na, Maddin, heute wieder das Thema ´Die Klingel´ in Physik? Oder nach 2 Wochen Klingel jetzt ´Die Luftpumpe´, Du Luftikus?“
Dann noch der Pastor, den man auch „Gott“ nannte, er war irgendwann an einer Schule gelandet, die Gründe blieben unklar, weil er ja auch manchmal Gottesdienste hielt.
Er fühlte sich wohl mit den jungen Menschen.
Und Kaffee gab es immer.
Steven kaufte ihn ein und lagerte ihn in seinem 3er-BMW-Kofferraum, eine Packung holte er nur, wenn sie gebraucht wurde, damit nichts gestohlen wurde.
Klar, der hat uns immer etwas beschissen, aber dafür mussten wir nicht einkaufen gehen.
Er war ja Nichtraucher, zu teuer das Rauchen. Jeder hatte dort seine kleinen Macken.
Captain Bounty zum Beispiel, der kommentierte gern das Aussehen von Schülerinnen, er vergab Punkte, er fand das lustig, aber es war auch höchst peinlich, wenn man das anhören musste. Gelacht haben wir leider manchmal trotzdem. Verwandte wird man nie los, Kollegen sind ein ähnlicher Fall.
Da braucht es einen Modus Vivendi, wie der Spanier sagt. 🙂
Die Rettung war dann oft der Horsti.
Es klopft an der Lehrerzimmertür, Horsti macht auf, die Schwaden ziehen ins Treppenhaus, er schließt die Tür und ruft dem Bounty zu:
„Captain, da stehen 15 Punkte für Dich draußen und wollen mit Dir sprechen.“
So schnell war der Captain noch nie an der Tür! Dann kam er zurück „Wie jetzt, 15 Punkte, Horsti?“
„Na, alle vier zusammen, ist doch klar, Captain!“
Lehrer scheinen auch Menschen zu sein, manches darf aber keiner wissen.
Und es gab auch Lehrerinnen, die Schüler richtig niedlich fanden. Ein guter Satz, auf zwei Weisen lesbar, nicht wahr? Auch das sollte erwähnt werden, weil es ja sonst keiner tut.
Übrigens gestand mir ein Schüler einer Klasse, die ich gar nicht kannte, im zweiten Jahr seine tiefe Zuneigung. Nicht einfach zu lösen, solche Begebenheiten. Ich kannte ja schon die Frau, die später die beste Ehefrau von allen, die ich je hatte, wurde.
Zwei Jahre vergingen schnell, an der einen Schule hatte ich eine elfte Klasse mit einem tollen Mathematiker, der konnte fast alles.
Mit seinem älteren Bruder spielte ich Beachball am Strand.
Nun ja, der schrieb also Einsen in den Arbeiten, fehlte aber in 70% der Unterrichtsstunden, meistens unentschuldigt. Der Michi. Und nun?
Was macht man jetzt? 6/00 Punkte habe ich am Jahresende eingetragen, deshalb musste er wiederholen. Nur wegen Mathematik. Offenbar war er in den anderen Fächern immer anwesend gewesen.
Kleiner Scherz, Freunde.
Er fiel aus allen Wolken, ich hatte gemahnt und gemahnt, es half ja nichts.
Und wenn Ihr jetzt meint, das sei ungerecht, dann dürft Ihr mir das gern schreiben.
Nach dem Sommerferien saß er aber wieder in meinem Kurs, in derselben Klassenstufe wie im letzten Jahr.
„Michi, Mann, was ist denn jetzt los? Das müssen Sie sich doch nicht zweimal antun!“
Nein, er habe sich das überlegt, er wolle nochmal in meinen Kurs. Es lief super, zum Schluss hatte er seine Eins. Gut, er fuhr nachts Taxi, er brauchte das Geld. Im Unterricht schlief er oft ein, mit dem Kopf schräg auf dem Tisch, aber er war im zweiten Jahr immer da, auf seinem Platz hinten links in der letzten Reihe.
„Herr Bruno, der Michi ist eingeschlafen!“
„Ja, habe ich gesehen, lasst ihn mal, dann müsst Ihr eben etwas leiser sein.“
Und die Josephine, die hatte es geschafft in der Realschule eine 5 in Mathe zu bekommen, jetzt machte sie die Fachhochschulreife, im ersten Jahr scheiterte sie an Mathematik, nicht bei mir, es war eine 6.
Bei mir schrieb sie im Wiederholungsjahr auch immer eine 6. Es lag ihr nicht, Zahlen und Buchstaben, das kann verwirren, aber die anderen Fächer waren alle ohne Probleme und alles war „glatt“, wie man sagte.
Am Ende des Jahres gab ich ihr eine 5. Sie war immer da, sie hatte sich immer Mühe gegeben, gefragt und gerechnet, falsch, aber sie hatte das schönste Heft der ganzen Klasse, aber sie konnte es eben nicht.
Es gibt Wichtigeres im Leben als ein paar Zahlen und Buchstabensalat. Eine 5 sagt in ausreichendem Maße aus, was jemand in Mathematik kann. Ein Kollege spottete über meine 5, er hatte ja die 6 im Jahr zuvor gegeben.
Im Prüfungsjahr wieder dasselbe Spiel, als Vornote gab ich meine 5, Abschlussarbeit 6, dann entschied ich ohne mündliche Prüfung für die Note 5 und sie hatte ihre Fachhochschulreife.
Und wenn Ihr jetzt meint, das sei ungerecht, dann müsst Ihr mir das schreiben.
Nach zwei Jahren wurde ich von beiden Schulen für eine volle Stelle angefordert.
Im Raucherzimmer teilte mir die Direktorin von A mit verschwörerischer Stimme heimlich mit „Sie bleiben bei uns! Ich habe es nur noch nicht schriftlich.“
Da konnte ich nur Mathematik unterrichten, die Ausstattung war auch nicht so toll, das Raucherlehrerzimmer viel zu klein.
Wie schreibt man Raucherlehrerzimmer korrekt? RaucherInnenLehrerInnenzimmer? RaucherInnenLehrendenzimmer? Zimmer für rauchende Lehrende?
Ok, das gibt es ja nicht mehr. Vielleicht ist das der Grund, der Name.
Außerdem hatte mich bei A einer ein „Zuckerpüppchen“ genannt, weil ich ja Gymnasiallehrer war, ich war ja kein Handelslehrer. Ich wollte also lieber an die andere Schule B, also rief ich in Kiel an, den Herrn kannte ich ja schon.
„Sie müssen jeweils an Schule A und an Schule B jemanden für Mathematik schicken, richtig? Ich habe gehört, dass ich nach A gehen soll, aber ich will lieber B sagen.“
„Ja, wenn Sie das wollen, meinetwegen, dann ändere ich das und der andere geht nach A.“
Super, das hatte geklappt.
Natürlich Enttäuschung bei Frau A, mich falsch informiert zu haben, es war ein „Missverständnis“ im Kontakt mit Kiel, ja, das kommt vor, gerade mit Kiel.
Schade.
Dann vor den Sommerferien noch der Ausflug mit den Kollegen der Schule B, wir trafen uns in einem Dorf am Rande der Stadt, viel Grün da.
Es war warm, der Direx von B trug sein Hemd weit geöffnet, er trug eine große schwarze Sonnenbrille, Metallrand, auch schwarz, schlicht der Rest. Gürtel und Schuhe in derselben Farbe, wie bei Lothar Matthäus. So war es Anfang der 90er nach dem WM-Titel in Rom unter Beckenbauer. Der Elfmeter von Brehme, Maradona sehr traurig, er weinte.
Sorry, ich verlaufe mich in den großen Erfolgen meiner Jugend, also der Direx, gekleidet etwas wie bei der Mafia, so sah das aus. Das war ein Scherz.
„Na, Herr Bruno, Glückwunsch! Sie bleiben bei uns, an der B, dann freuen Sie sich mal!“
Kurzer Griff an den Rahmen der Sonnenbrille, ich konnte seine Augen nicht sehen, die Hitze, die brennende Sonne von Palermo, Ihr wisst schon. Er nuschelte ein wenig, fast wie in einem Film.
„Ach, das freut mich wirklich, sehr schön, mein Pate!“
„Ich habe Ihnen doch gesagt, wenn ICH das in die Hand nehme, dann klappt das auch!“
Ich habe diese Geschichte niemals jemandem erzählt, niemals. Man nennt es „Omerta“.
Und wenn Ihr jetzt meint, das sei alles unfair von mir gewesen, dann müsst Ihr mir das schreiben.
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Und nein, ich habe den Aufmacher aus der ZEIT noch nicht gelesen, das tue ich, wenn ich hier fertig bin.
Herrlich beschrieben, danke!
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