Weizenbäckchen und Pferdeschwänze

Weizenbäckchen und Pferdeschwänze

Ich kaufe meistens beim Bäcker im Edeka-Supermarkt ein, außer am Sonntag, da muss ich dann etwas weiter fahren und am Kreisverkehr zum Bäcker gehen.

Sonntage fallen immer etwas aus der Reihe.

Bei Edeka arbeiten ja mehrere verschiedene Bäckereifachverkäuferinnen, immer flott in weiß. Zu Weihnachten und Silvester auch ganz in Schwarz oder Rot.

Ich mag solche Ausnahmen nicht sehr, aber das sieht gut aus bei denen. Die Bestellung von mir und das Gespräch haben grundsätzlich denselben Ablauf, es besticht durch Kürze und Sachlichkeit, speziell bei der einen, um die es hier geht. Eigentlich ist die auch immer da.

Manche Dinge im Leben darf man nicht ändern oder unterbrechen, es ist eine Art Ritual. Ich habe das bei Edeka jetzt schon jahrelang so laufen lassen. Ich kann recht nervig sein, manchmal mache ich eine kleine scherzhafte Bemerkung, danach sehen Menschen mich manchmal ganz vorsichtig, eher so seitwärts an, als würden sie dabei Fluchtwege suchen. Bei „scherzhaft“ muss man sehr aufpassen, dass man da nicht versehentlich ein „m“ einbaut. Aber genau das geschieht bei meinen Scherzen eben ab und zu, da kann sich ein Buchstabe hineinstehlen. Beim Bäcker, insbesondere morgens, ist das für alle Beteiligten unangenehm.

Der Ablauf ist also immer gleich, ich bestelle eine gewisse Anzahl von Weizenbrötchen, ich sage

„4 Weizenbrötchen, bitte …. (kurze Pause, immer gleich lang, einmal atmen) …. bitte etwas hellere, wenn es geht“.

Exakt diese Worte, auch exakt die Reihenfolge, die Pause von drei Sekunden, keine einzige Variation ist erlaubt. Die werden fast immer zu dunkel gebacken, jedenfalls für mich. Ein Problem, das es bei vielen Bäckern gibt. Die Brötchen heißen bei Edeka eigentlich „Weizenbäckchen“, aber derartige Wörter benutze ich nicht. Sie hat mich ein einziges Mal korrigiert, dann sah sie mich an. Sie hat es nie wieder getan.

Es war während einer Fußball-Weltmeisterschaft.

Die Verkäuferin hat so einen angenehmen Tonfall, die mit dem Pferdeschwanz in dunkel, die Weizenbrötchen sind heller. Die ist nie genervt, nie eilig, es ist ein Urlaubstonfall, der sagt, „ich mache das gern, aber ich freue mich auch auf Kaffee und Zigarette in meiner kleinen Pause, wenn die netten Stammkunden draußen sitzen“. Manchmal Polizei, manchmal die Jungs von der Straßenreinigung, da kehren viele ein.

Ich würde mich niemals, aber wirklich niemals dort hinsetzen. Dann sagt sie vielleicht so etwas wie „Geben sie mir bitte den Ascher rüber“ und dann ist alles kaputt, dann muss ich die Brötchen woanders kaufen, es kämen Probleme auf mich zu.

Sie sagt „gerne“ zu dem Wunsch nach den helleren. Dann tütet sie ein, macht die Rechnung fertig, stumm halte ich die Karte in der Hand, sie sagt dann immer „mit Karte, kann losgehen“, dann warten wir beide immer, aber auch immer 3 Sekunden, solange dauert es bis der Automat das kapiert hat. Danach fragt sie „Beleg dazu?“ Auch immer identisch, die Stimme geht am Ende leicht hoch, immer. Wenn sie das nicht machen würde, wäre mein Tag im Eimer. „Nein, danke“. Ich variiere minimal, ganz selten, etwa einmal monatlich sage ich beim Zahlen mit Karte schon „Beleg brauche ich nicht“. Ganz selten fragt sie danach trotzdem einige Sekunden später, circa einmal im halben Jahr. Dann mache ich ein kleines Grinsegesicht in den Kalender. Wegen des langen Gespräches. Zum Schluss sagt sie „einen schönen Tag“, wieder mit der Tonleiter nach oben. „Ihnen auch“ und ab. Wie im Theater.

Es ist einige Jahre her, da hatte sie dann das erste Tattoo, ich glaube am linken Arm, im Sommer, später eines am Hals, „Blessed“ steht da. Das ist jetzt wichtig, es geht nicht um Tattoos, jeder kann mit seiner Haut machen, was er möchte, besonders wenn das auch noch gut aussieht.

So ging das eine Zeit lang. Dann war aber plötzlich das Tattoo am Hals wieder weg! Beim nächsten Mal war es wieder da, ich war verwirrt. Wenn man alles gleich haben will, dann macht einen so etwas schlicht fertig.

Dann, ich war etwas müde und abgespannt und stehe wieder an der Bäckertheke, da stehen da zwei Bäckereifachverkäuferinnen! Beide Pferdeschwanz, dunkel wie die Brötchen mit Roggen, weiße Bluse, eine „Blessed“, die andere noch nicht. Toll, was?

Gleicher Tonfall, gleicher Text, gleiche Brötchen, gleicher Nachname.
Steht auf dem Schild.

So sehr ähnlich sehen die sich gar nicht, das fiel mir dann wie Schuppen von den Augen. Ich kann ja nicht fragen, wegen Ritual und so.

Ein Gedanke zu “Weizenbäckchen und Pferdeschwänze”

Hinterlasse einen Kommentar