Mode, Bandwagons und Pinguine

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*Mode, Bandwagons und Pinguine*

„Der Mode entkommt man nicht. Denn auch wenn Mode aus der Mode kommt, ist das schon wieder Mode.“ – Karl Lagerfeld

Eigentlich wollte ich etwas über „Mode“ schreiben nachdem ich kürzlich den ‚Diderot-Effekt‘ sozusagen auf der Nebenstraße des Internets gefunden hatte.

Nun also „Pinguine“.

„Der ‚Pinguin-Effekt‘ leitet sich aus dem Verhalten von hungrigen Pinguinen ab, die in kleinen Gruppen am Rande des freien Wassers auf festem Grund verharren, anstatt ins Wasser zu springen und nach Nahrung zu suchen, weil im Wasser potenzielle Fressfeinde lauern könnten. Der einzelne Pinguin weiß nicht, ob sich tatsächlich Feinde im Wasser befinden. Sobald jedoch der erste den Sprung ins Wasser gewagt hat, können die noch abwartenden Vögel die Gefahr besser abschätzen (und gegebenenfalls selbst ins Wasser springen), womit der Auslöser für den Pinguin-Effekt gegeben ist. Beispiele für den Pinguin-Effekt findet man unter anderem bei Software oder Aktien.“

Zuerst musste ich dabei aber an Politik denken.

Zum Beispiel traut sich ja keiner aus der CDU zu sagen, dass „Muttis“ Zeit ihrem Ende zugeht. Würde aber einer der ‚Pinguine‘ in dieses heikle Wasser springen, so würden vermutlich schnell weitere folgen. Und wenn, dieses am Rande, Demokratie einen Nachteil hat, dann den, dass die Regierenden nur in Zeiträumen bis zur nächsten Wahl denken und nicht eine Generation in die Zukunft planen. Nur zwei Amtsperioden, das würde mehr „Freiheit“ in der zweiten schaffen, andererseits aber andere ermuntern, sich noch stärker als Nachfolger zu positionieren.

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Gibt es nun einen „Pinguin-Effekt“ auch in der Mode?

Vielleicht sind die ersten „springenden Pinguine“ heute die Stars des Bildes oder der Leinwand, die als Erste Neues wagen. Und dann springen weitere hinterher? Der Pinguin-Effekt stammt zwar aus der Netzwerktheorie, aber irgendwie findet der sich andernorts auch. Mir scheint, dass es dabei an sich nur um etwas …. „Mut“ geht.

„Effekt“ klingt nur etwas besser.

„Im Englischen ist der ‚Bandwagon‘ der Wagen einer Musikband. ‚Bandwagon‘ heißt also Musikantenwagen oder Festwagen mit einer Musikkapelle. Dieser Band-Wagen wird von Mitläufern zu Fuß begleitet. Deswegen ist der „Bandwagon-Effekt“ der „Mitläufereffekt.“

Auch den gibt es in der Politik, nämlich derart, dass der Wähler gern auf der Seite des vermuteten Wahlsiegers steht und daher nach Umfragen vor der Wahl eher die stärkere Partei wählt. Das hat Frau Noelle-Neumann 1940 schon in ihrer Doktorarbeit am Beispiel der USA dargelegt. Daher sind Umfragen vor Wahlen durchaus kritisch zu betrachten, weil deren Ergebnisse stärker beeinflussen als Inhalte des Wahlkampfes.

Mein Großer war viele Jahre lang ein Fan des Hamburger SV. Die Bettwäsche blau, die Raute auf dem Kopfkissen, die Wand blau. Allerdings ist es seit vielen Jahren nicht so leicht, den HSV zu unterstützen und deshalb sagte er vor einigen Jahren plötzlich: „Ich habe keine Lust mehr auf Relegation, ich will auch mal vorne sein. Ich bin jetzt für die Bayern!“

Das ist sozusagen der ‚bandwagon“-Effekt im Sport. Es gibt ihn auch, wenn Menschen Nachteile befürchten, wenn sie ihm nicht folgen, das ist oft ein Phänomen in Diktaturen.

Gibt es einen „bandwagon“-Effekt nun auch in der Mode? Ich erwähne die wenig kleidsamen „high-waist-jeans“ jetzt nicht nochmals. Über Mode zu schreiben, ist nämlich ein schwereres Unterfangen als ich dachte.

„Die Natur macht Frauen verschieden –
die Mode macht sie gleich.“

So jedenfalls Königin Christine aus Schweden, die 1654 abdankte, um sich in Rom konsequent der Wissenschaft und der Kultur zu verschreiben. Es kann aber auch sein, dass gerade „Rom‘ zu dieser Zeit in der oberen Schicht wieder ‚in Mode‘ war und Christine nur einer anderen Mode verfiel als der des Äußeren.

„Mode nutzt mehr Kleider ab als ein Mensch“, das wusste noch früher schon Shakespeare. Es ist ja nicht so, dass Mode ein Phänomen unserer Zeit ist. Trotzdem wird sie leicht belächelt und ist selten Gegenstand längerer Betrachtungen.

Überaus interessant scheint mir die Zeit in Florenz kurz vor dem Jahr 1400 gewesen zu sein. Für Männer existierte dort zeitweise keinerlei vorherrschende Mode, weil jeder sich suchte so individuell wie möglich und stets anders als andere zu kleiden. So etwas wäre für die heutige Industrie ein ziemlich hartes Brot, weil sie nur noch auf Einzelstücke setzen könnte.

Reizvoll sind zwei kurze, noch heute lesenswerte Essays von Georg Simmel vom Anfang des 20. Jahrhunderts:

„Philosophie der Mode“ und „Psychologie der Mode“

Simmel gehört zu den Begründern der Soziologie und daher betrachtet er Mode auch mit dem Schwerpunkt auf dem Gesellschaftlichen. Ihm zufolge kopieren ‚untere‘ Schichten die Moden der ‚oberen‘. Sind die Moden ‚unten‘ angekommen, benötige die ‚obere‘ zur Abgrenzung eine neue Mode. Für ihn ist Mode ein „Produkt klassenmäßiger Scheidung“. Das ist jetzt eine sehr grob vereinfachte Darstellung seiner Aussagen, die Lust auf Modefragen reicht bei mir auch nicht für längere Texte, für Fotos jedoch schon. Oder Blicke. Das ist das eigentliche Wesen der Mode. Der Blick.

Es wäre interessant, wenn Canetti sich noch zu „Masse und Mode“ äußern könnte, ich glaube nämlich, dass er das nicht tat.

Zusammengefasst kann man sagen, dass das Befolgen einer „Mode“ immer ein Aufgehen in einer Gesamtströmung darstellt. Dabei möchte der Einzelne aber dennoch immer möglichst individuell erscheinen, was jedoch ein offensichtlicher Widerspruch ist.

Wer sich der Mode bewusst zu verschließen trachtet und sich beispielsweise kleidet wie in vergangenen Zeiten, tut dies auch lediglich, um sich vom Gängigen abzugrenzen und verfolgt somit vergleichbare Ziele wie sie vor mehr als 100 Jahren „obere Schichten“ verfolgten.

Eine andere Möglichkeit besteht in der Anpassung und der gleichzeitigen Übertreibung der gängigen Mode, um aufzufallen. Man könnte den Bund der Hose beispielsweise bis zur Brust ziehen und wenn höhere Schuhe in Mode sind, Sohlen mit 20cm Höhe tragen. Sind balkenartige Augenbrauen angesagt, kann man gleich zwei Stifte über die Augen kleben.

Das nennt man dann „individuell“.

„Was unmodern ist, tragen die anderen“, sagte nämlich schon Oscar Wilde.

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