Geschwindigkeitsrausch

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*Geschwindigkeitsrausch*

Heute scheint alles schnell gehen zu müssen. Kaum ein Auto läuft unter 170km/h in der Spitze, Filme haben schnelle Schnitte, Kommunikation über das Handy ist ebenso schnell und kurz in der Sprache. Gegessen wird „fast-food“ und getrunken ein „coffee-to-go“.

Kurz:
An Tempo sind alle gewöhnt und sehnen sich zugleich nach Beschaulichkeit und Ruhe. Wenn man sie dann mal zu fassen hat, kommt so manchem das langweilig vor. Mir auch.

Ich arbeite ja seit mehr als 30 Jahren mit jungen Menschen in der einen oder anderen Form, oft geht es um Mathematik. Und „klüger“ waren wir früher nicht, den Zahn muss ich allen Älteren leider gleich ziehen.

Der Unterschied besteht vielleicht eher darin, dass man sich früher mehr Zeit „nahm“, um zu denken. So wie man früher Briefe schrieb, so rechnete man auch. Heute rechnen viele so als würden sie über WhatsApp kommunizieren, aber das klappt nicht. Denken braucht nämlich vor allem … Zeit und Ruhe. Gerade das könnte man bei „Mathematik“ immer noch lernen. Und dass man sich im Leben auch mit „Unangenehmem“ beschäftigen muss, das auch.

Und so sehe ich oft kluge Schüler kurz vor dem Abitur, die das Wesentliche verstanden haben. Aber weil sie rechnen als seien sie getrieben, machen sie die blödesten Fehler oder schreiben so unstrukturiert und unsauber, dass sie ihre eigenen Zahlen manchmal nicht erkennen können. „Struktur“ und „Ordnung“ kann man später auch brauchen. Zusätzlich blicken sie beim Üben alle 10 Minuten auf’s Handy und verlieren die Konzentration.

Und ich kann es auch nicht besser und ich weiß es auch nicht, was man heute anders machen könnte.

Erstens:
In der Oberstufe reichen 40% der Punkte in der Regel für eine 4, ansonsten reichen 50%, das wäre also die „Hälfte“ der Aufgaben im zweiten Fall.

Also muss man, etwas vereinfacht betrachtet, in der Oberstufe und mit Ruhe nur 4 von 10 Aufgaben rechnen und dies richtig tun. Das reicht, mehr wäre gar nicht notwendig. Aber selbst Schüler, die bislang 4en hatten, versuchen *alle* Aufgaben zu rechnen, tun dies in Eile und haben zum Schluss oft keine 4 mehr. Das ist unklug.

Mit dem Gedanken „ich will nur die Hälfte rechnen“, geht mancher entspannter zur Klausur und schafft am Ende mehr als er in der hektischen Version erreicht hätte. Jedenfalls kenne ich bei der „entspannten“ Variante eher die besseren Resultate.

Zweitens:
Man werfe alle Kugelschreiber in den Müll und kaufe sich einen guten Füllfederhalter, den man gern verwendet und liebevoll einsetzt. Dazu einen Satz Fineliner und mehrere Bleistifte. Mit einem Kugelschreiber streicht man meist ohne Lineal, mit Tinte geht das in dieser Geschwindigkeit nicht, dann kratzt es. Da nimmt man automatisch ein Lineal … und meist sieht das dann auch ordentlicher aus. Jedenfalls sind die eigenen Zahlen dann oft besser lesbar. Und mancher lernt auch, etwas schöner zu schreiben.

Drittens:
Man verschwende mehr Platz im Heft, gerade in Mathematik! Sicher wird es einige Bäume das Leben kosten, aber die kann man ja nach den Prüfungen neu setzen. Viel zu oft wird eng geschrieben, alles zusammengequetscht … und nach einer kleinen Korrektur völlig unlesbar.

Mathematik und Eile sind nie Freunde.

Und das macht es meiner Meinung heute schwerer als früher für den Schüler, dass es da einen Gegenstand gibt, der offenbar etwas fordert, was man kaum noch kennt:

Ruhe, Nachdenken und …. Selbstkritik, …. darin, was man schaffen kann und was man lieber gleich abhaken sollte.

Und als Lehrer, da war ich fast immer im Stoff „hinter“ den Kollegen, die meistens alles schneller machten. Da musste ich, selbst zur Nervosität neigend, mich und andere immer beruhigen: „Ihr seid gut, wir machen die Grundlagen lieber langsam, am Ende gewinnt Ihr den Sprint vor dem Ziel.“

Und ich glaube auch heute nicht, dass das so falsch war.

Lehrer leben nämlich auch in diesen hektischen Zeiten und deshalb sind alle gut beraten, inhaltlich auch mal abzurüsten. Stattdessen setzen die Behörden jetzt auf mehr Technik in Form von programmierbaren Rechnern. Leider endet das nicht mit mehr Fähigkeiten der Schüler, sondern mit … weniger. Oft scheint mir die Bedienung der Maschine schwerer als die mathematische Anforderung. Man lernt ja auch nicht Latein, damit man es später beim Italienischen einfacher hat.

Man macht auch keinen Kochkurs, wenn man nur Eier kochen will. 🙂

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