Regentage

*Regentage*

Regen kennt ja viele Ausprägungen.

FB_IMG_1500793813677-1Wundervoll ist so ein richtiger Platzregen. Wenn es rauscht und prasselt wie bei einem Applaus, das ist auch klanglich ein Genuß. Natürlich ist es unter einem schützenden Dach noch schöner.

Nass wird man ja nicht unbedingt gern.

So richtig schön ist ein ‚Zwischenregen‘ eigentlich nie, so ein Regen wie eine „Übergangsjacke“, ein Nieselregen. Bei dem weiß man nie, ob man dem Schirm aufklappen soll oder nicht. Bei zu wenig Regen mit einem Schirm herumzulaufen, das finde ich stets etwas peinlich. Sozusagen wie Schirm mit Blumenmuster, den ein muskulöser junger Mann bei 10 Tropfen pro Minute trägt.

Das kostet optisch jeden Muskel und killt alle Tattoos.

Nieselregen ist weder beschützt noch unbeschützt schön, weil sich der Himmel nicht entscheiden kann.

„Zu wenig Wetter“ könnte man dazu sagen.

Nieselregen ist wie ein schwelender Streit, der nicht ausgetragen wird. Platzregen, der klärt wenigstens die Luft, auch bei einem Streit!

Wenn Arbeit über lange Zeit wie ein Nieselregen im Norden ist, dann ist das nur schwer mit guter Laune zu ertragen. Schirm passt ja nicht, aber nass wird man trotzdem nach einiger Zeit.

Politessinnen werden zum Beispiel auch bei Sonne symbolisch immer nass. Wie nennt man eigentlich einen Mann, der Politessin ist? Polit?

Kürzlich traf ich drei vom Nieselregen ihrer Arbeit nass gewordene junge Frauen, die es trotzdem schaffen, ihre gute Laune überwiegend zu behalten. Alle drei tragen ein Lächeln in den Augenwinkeln, das kein Regen wegbekommt!

Und alle drei hören oder lesen täglich irgendwelche Beschwerden.

Beschwerden sind ja total in Mode gekommen.

Die eine sitzt am Ende einer Beschwerdehotline und muss immer sagen, dass sie ‚das gut nachempfinden kann‘, was der Anrufer sagt, obwohl sie den Hörer gern oft an die Wand schleudern möchte. Ich habe sie auch mal spaßeshalber angerufen, um zu sagen, dass die Zapfsäule Nr. 3 an einer Tankstelle nicht so gut funktioniert wie die anderen fünf. Sie wollte sich des Problems ‚annehmen‘, hat aber nicht gesagt, dass ich wohl einen an der Waffel habe, deshalb in der Deutschlandzentrale von Esso anzurufen. Das wäre angemessen gewesen.

Die zweite hört sich geduldig die unsinnigen Klagen von Mietern über quietschende Schubladen ihrer Nachbarn an. Ein wenig Öl oder meinetwegen auch Gleitcreme hätte dem Nachbarn mehr geholfen. Aber darauf kommen die Leute nicht und sie kann das auch nicht empfehlen, weil es sonst ein Gewitter gäbe.

Die dritte ist noch neu im Nieselregen, sie ist die Tochter der jungen Frau mit den Schubladen. Sie betreut Schülerfahrten und hört sich Probleme von Eltern zwanzigjähriger junger Männer an, die sich seit zwei Tagen telefonisch nicht von der Algarve gemeldet haben. Sie muss dann im Hotel anrufen und fragen, ob die schon eine Leiche gefunden haben. Das können besorgte Eltern an sich auch selbst machen.

Aber so richtig anstrengend wird Nieselregen erst, wenn er tropfenweise auf eine „Beziehung“ regnet.

Da werden kleine Tropfen auf die Dauer zu vielen schweren Steinen. Das gibt es viel öfter als man denkt. Ich höre davon ziemlich oft.

Fast so oft wie es im Norden Nieselregen gibt.

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„… and the rain sounds like a round of applause“, das ist -natürlich- von Tom Waits.

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