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„Ich habe im Laufe meines Lebens gelernt, dass nicht jeder Mensch so ist wie ich.“

Es ist 5:04 und zum Glück hat Stephanie die Tankstelle endlich aufgemacht.

Vier Minuten zu spät, aber ich bin nicht kleinlich.

Das mit dem lange Schlafen, das war noch nie mein Ding. Und wenn man morgens solche historischen Sätze hört, dann muss ich die aufschreiben. Die würde ich verpassen, wenn ich länger schliefe.

Stephanie hat schnell gelernt, man muss ja bedenken, dass sie noch zur Schule geht.

Andere lernen das ja oft erst im Altenheim und manchmal sprechen sie selbst dann solche Worte nur, weil sie sie nachsprechen.

Das ist bei Stephanie nicht so.

Ich mag den Namen so gern, deshalb habe ich „Stephanie“ jetzt schon viermal benutzt.

Neulich habe ich dann vorsichtig herausfinden wollen, ob andere Männer auch so sind wie ich.

Ich habe Marc nämlich gefragt, ob er die Namen der Damen in der Bücherei und bei Rewe an der Kasse kennt.

Er kauft immer bei Rewe, zur Bücherei geht er auch.

„Martin, das wäre mir erstens zu anstrengend und zweitens will ich von denen doch nichts“, hat er gesagt.

Wenn ich mir das mal ganz genau überlege, kenne ich zur Zeit sehr viele Männer relativ gut.

Ich decke die gesamte Bandbreite des modernen Mannes von heute zwischen 40 und knapp 80 Jahren ab.

Ich kenne also diese fünf Männer ganz gut.

Mehr fallen mir wirklich nicht ein, ich kenne nur fünf, also ohne die von der deutschen Fußballnationalmannschaft.

Mit einem oder zweien von denen habe ich mich sogar schon mal verabredet, also so mit einer Uhrzeit und einem Ort.

Auch mit den Ehefrauen, aber dann spricht man nicht offen.

Zu zweit treffen wir Männer uns natürlich nicht zuhause, wir planen ja keine Hochzeit.

Also mit zweien von den fünf -nicht mit den Nationalspielern- habe ich mich schon mal verabredet.

Die anderen Männer verschwinden immer mehr.

Es gibt keine Männertheatergruppen und keine Männertreffen nach verabredeter Zeit zu dritt oder zu viert in einem Lokal.

Wir machen das alles mit uns selbst aus, weil wir früher sehr stark waren.

Jedenfalls haben uns das die Mütter so erzählt über Männer vor unserer Geburt.

Also nicht alle, aber viele Mütter.

Und Marc kennt die Namen der Damen nicht, ich leider schon.

„Ich habe im Laufe meines Lebens gelernt, dass nicht jeder Mensch so ist wie ich.“

Mich wundert, dass er die große, junge Blondine von Rewe zum Beispiel nicht namentlich kennt.

Ich war da nur zweimal und „Lisa“ kenne ich mit Namen.

Dass er von der nichts will, verstehe ich überhaupt nicht, weil er öfter erwähnt, dass sie da ist.

Die ist Studentin und arbeitet da nur tageweise.

Ich kenne die, weil ich eine russische Dose mit gezuckerter Kondensmilch wegen des dicken Bleches nicht mit dem Dosenöffner aufbekommen hatte.

Blöderweise hatte ich wohl die Dose falsch herum gehalten und die hat mir das gezeigt.

Auf der anderen Seite war nämlich ein Öffner.

Ich schwöre, dass bei meiner Erstdose das Papierband falsch herum klebte.

Ich bin ja nicht dämlich und öffne Dosen von unten. Als Dosenöffner muss mir an sich niemand etwas erklären.

Außer der „Lisa“.

Das war dann so ein Moment, in dem ich mich etwas alt fühlte.

Andererseits bekomme ich von Lisa beim Rewe-Besuch jetzt stummes Schmunzeln.

Jedes Mal.

 

Bei Lidl gehe ich zu Frau Müller oder zu Frau Maralto am liebsten.

Der Mann von Frau Maralto ist nämlich bei VW und weil der Name so selten ist, habe ich sie mal gefragt, ob ihr Sohn bei VW arbeitet.

Das war etwas blöd, weil das nämlich ihr Ehemann war.

Ist jetzt auch egal, aber deshalb kenne ich eben Frau Maralto und frage beim Bezahlen immer, wie es ihrem Gatten bei VW so geht, Dieselaffäre und so.

Das steckt ein Mann nur mit einer guten Frau weg.

Ich bin etwas langsamer beim Bezahlen, da kann das schon mal dauern, bis die hinter mir an der Kasse mit den Augen schon in der Prügelphase sind.

Aber die fahren ja Opel oder Ford.

Ich würde niemals einen Ford fahren.

Niemals.

Frau Müller kenne ich, weil die so viele Tattoos hat und weil sie als ‚Frischebeauftragte‘ bei Lidl das grüne T-Shirt tragen darf.

Meistens vergisst sie das und sitzt da in Blau.

Dann frage ich immer, ob sie den Frischejob verloren hat oder das T-Shirt.

Manchmal sagt sie auch nur:

„Bitte keine Fragen jetzt!“

Ich gehe zu denen und einer dritten auch, wenn die die längsten Schlangen haben, weil ich ungern unbekannten Frauen mein Geld anvertraue.

Marc meint, dass ich ja ‚gestört‘ sei und lieber den Sportteil genauer lesen sollte, damit er mir das nicht alles erzählen muss mit Sportfreunde Lotte und Bayern Leverkusen.

Leider arbeitet meine Lieblingsverkäuferin bei Sky jetzt auf Fehmarn und das ist mir für die Einkäufe zu weit.

Die kannte jedes Produkt im Laden. Jedes. Der Marktleiter weinte, als ich sagte, er solle die zurückholen.

Fast.

„Sie hat einen anderen …. Markt“, stammelte er.

Fehmarn, das würde sich wegen ihr schon lohnen, aber 80km Autobahn sind mit Baustellen einfach zu mühsam.

Zu meinen ‚Freundinnen‘ in der Bücherei gehe ich immer am Montag um 10, das ist sozusagen nach der Tankstelle und dem Frühstück mein erstes Date jede Woche.

Ich würde nie an einem anderen Tag Bücher und CDs ausleihen, weil ich die dann auch an einem anderen Tag verlängern müsste.

Das ist leider spontan neulich mit ‚Martenstein‘ passiert, den hatte ich mitgenommen, aber gar nicht gelesen, weil der so gut schreibt und ich nicht seine Ideen denken will.

Jedenfalls habe ich Frau Block, der Blonden -also es gibt noch Frau Glock, aber die hat dunkle Haare- gesagt, dass mich das ganz nervös macht, ‚Martenstein‘ am Donnerstag verlängern zu müssen.

Sie sah dann kopfschüttelnd kurz hoch und sagte vom Bildschirm:

„Nettsein ist auch keine Lösung.“

Das hat mich dann ganz durcheinander gebracht, weil ich nicht verstanden hatte, wie sie das meinte, und ich habe gefragt, wie sie das meint.

„Das ist der Buchtitel. Lesen Sie nicht mal die Titelseite?“

–

„Time is an ocean – but it ends at the shore“

 

 

 

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