Daliah Lavi und das Stehlen

Daliah Lavi und das Stehlen

Kürzlich hatte ich bei Facebook mal wieder ein Rätsel. Das macht man so, wenn man sonst zu dieser Zeit mit der Zeitung oder dem Hund spricht.

An der Fleischtheke im Supermarkt kann man auch nicht jeden ansprechen, das macht man auf Friedhöfen auch nicht.

Die Lösung war ‚Daliah Lavi‘ und die Siegerin bemerkte am Rande, dass ich wohl ein „visueller Typ“ sei.

Das fand ich sehr interessant oder auch entlarvend.

Ja, ich telefoniere zum Beispiel nicht, aber das konnte die Rätselkönigin nicht wissen.

Mit Maschinen spreche ich auch nicht gern.

Daher mag ich die sogenannten „Anrufbeantworter“ auch nicht.

Die beantworten nämlich gar nichts und das Wort ist deshalb falsch:

„Anrufentgegennehmer“ würde schon besser passen.

Vermutlich kaufen diese ‚Beantworter‘ aber Menschen wie ich, die versuchen, Anrufe gerade nicht entgegennehmen zu müssen.

Zum Glück funktioniert unser Festnetztelefon seit 15 Monaten nicht mehr, weil ich den neuen Router nicht installiert habe.

Leider telefoniert meine Frau aber gern lange beim Bügeln.

Ein Interessenkonflikt.

Andererseits habe ich das Klingeln doch 24 Jahre ertragen.

Ich mache das mit dem Telefon nächste Woche, also im Herbst, sage ich mal.

„Visueller Typ“, also bei Daliah Lavi stimmt das wirklich, zugegeben.

Andererseits klauen ja alle Optisches unbewußt oder klaren Gedankens geschickt, was sie gern sehen oder sich zum Vorbild wählen.

Dylan zum Beispiel sah mal aus wie Woody Guthrie, das betrifft auch die Haltung. Oder dieses Vincent Price-Bärtchen, das scheint ihm 45 Jahre später auch gefallen zu haben.

Der ist zum Beispiel nicht nur beim Visuellen ein Dieb mit gutem Geschmack.

Er macht sich das Fremde oft so unmerklich zum Eigenen, dass Fachleute monatelang rätseln und nach den Quellen forschen müssen.

Der spricht auch nicht so gern öffentlich, der Bob. Aber wenn andere ihm auf der Bühne zuhören, findet er das trotzdem gut.

Vielleicht muss er das auch machen, weil er nicht anders kann.

Ich selbst habe auch schon oft geklaut.

Meistens bei Älteren, bei Kollegen zum Beispiel, die ich schätzte.

Der eine, der Germanist, schrieb alles mit Calligraphie-Stiften, 2mm breit. Die habe ich mir dann auch gekauft.

Und dann, „man weiß es ja nicht“, wird die eigene Schrift unmerklich aber langsam der anderen etwas ähnlich.

Oder liegt das nur am Stift?

Ein anderer, ein richtig toller Lehrer, ein Naturwissenschaftler, den die Schüler nicht zu schätzen wussten, der sprach so gestenreich mit den Händen und seine Worte wählte er langsam und mit Bedacht, fast wie Helmut Schmidt, Pausenkönig.

Der Physiker war leider zu weit weg von mir mit seiner Ruhe. Den hätte ich gern gestohlen.

Nur die Jahre hätte ich ihm gelassen.

Der wiederum hätte wohl gern meine Jahre gestohlen, ich hatte ja nur halb so viele wie er.

Das ist zum Beispiel ein unlösbarer Interessenkonflikt.

Visuell finde ich auch saubere Autos einen Blick wert. Aber verdreckt schaue ich nicht mal einem Maserati hinterher.

Also einem verdreckten Maserati, ich dusche morgens.

Mir fällt jetzt kein Vergleich zu Frauen ein, aber wenn die beste Ehefrau von allen sagt:

„Hast Du den gesehen?“, dann meint sie irgendeinen Mann.

Aber die kommen bei mir oft gar nicht bis zur Netzhaut. Das schaffen aber fast alle Frauen.

Leider kann man bei denen nicht klauen.

Meine Frau schimpft des Öfteren über meine Kleidungswahl und deshalb müsste ich mir das visuelle Stehlen bei den Männern eigentlich mal angewöhnen.

Und da war da noch Gerald.

Gerald war immer ganz zurückhaltend und still nickte er mit dem Kopf. Und „Hmmm“ machte er auch oft.

Das war sehr angenehm.

Er hat mir mal erzählt, dass er Bob Dylan an einer Autobahnraststätte getroffen hat, als der in den Zeitschriften blätterte.

Der trägt ja privat keine Cowboyhüte sondern der kauft eher in der Sportabteilung ein.

Und wer den nicht kennt, der denkt, dass das ein uralter Mann ist, dessen alter, rostiger Renault 4 vor der Aral verreckt ist.

Da muss man auf die Schuhe achten!

Die kosten bei Bob so viel wie ein gebrauchter, rostfreier Opel Corsa!

Jedenfalls hat Gerald ihm die Hand gegeben und „Hello, Bob“ gesagt.

Und mir hat er erzählt, dass Bob einen ‚ganz sanften Händedruck‘ hat und dass ’seine Hand ganz warm und trocken‘ war.

Also ich wäre ja auch ziemlich erschrocken, wenn Dylan mit einer kalten, feuchten Hand fest zugepackt hätte.

Aber nun weiß ich immer noch nicht, ob das Sanfte in Gerald vielleicht doch …. ein wenig „dylanesk“ ist.

Wäre es irgendwie komisch, wenn ich Gerald mal frage, welche Handcreme er benutzt?

–

„peace, tranquility and good will“

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