* Winnetou und Streichholzschachteln*
Es fing eigentlich mit Winnetou I an:
Christoph, der Sohn von unserem Hausarzt und der Mann, den ich im Fußballverein vorn mit Bällen füttern sollte, hat mir das erste Karl-May-Buch geschenkt. Er war das, was Old Firehand bei Winnetou ist: Groß, breit, ein Vollblutbrecher, jedenfalls in meiner Erinnerung. Im Training gegen ihn zu spielen, war meist schmerzhaft wie die Zeit am Marterpfahl. Jetzt ist der Arzt, na ja.
Das mit dem Buchgeschenk müsste an meinem 11ten oder 12ten Geburtstag gewesen sein. Das war die Originalausgabe und dann folgten ungefähr 50 weitere, die meisten kann ich fast mitsprechen, so oft habe ich die gelesen. Wenn das Taschengeld nicht für ein neues reichte, musste ein altes nochmal gelesen werden. Manchmal selbst noch mit 18 …. dann konnte man sich nämlich in „gute alte Zeiten“ zurücklesen.
Das funktioniert auch heute noch, aber mit anderen Büchern oder mit alten Musikaufnahmen, mit denen sich unauslöschbare Erinnerungen verbinden. Da weiß man manchmal nicht, ob die Musik die Erinnerung wach hält oder ob die eigentliche Erinnerung die Musik selbst ist.
„Man weiß es ja nicht“, sagt die Kurze ja gern.
Später folgte dann das Sammeln von Streichholzschachteln, Zuckertütchen oder eingepacktem Würfelzucker aus Cafés. Steine und Bleistifte sammele ich heute noch. Bleistifte sind seit Urzeiten das beste Schreibgerät, weil sie mit dem Gebrauch verschwinden. Zusätzlich gibt es schöne Ergänzungsprodukte wie Kappen für die Spitzen und Bleistiftverlängerungen für die Reststifte. Ich verabscheue Kugelschreiber. In der Schule habe ich Kugelschreiber aus teilweise fadenscheinigen Gründen verboten. In der ersten Stunde habe ich erstmal ein großes Kreuz an die Tafel gemalt und „Der Kugelschreiber“ drauf geschrieben. Mit Todesdatum. Die meisten haben das gleich verstanden, weil man ja so eine Art „Ruf“ für jeden kleinen Irrsinn bekommt.
Die Wahrheit war, dass mich das ständige Geklicker mit der Mine gestört hat. Die merkten das ja nicht mal, also das mit dem Klickern, das mit dem Verbot war fühlbarer. Aber wenn man täglich acht Stunden lang klickende Kugelschreiber hört, dann weiß man die Stille von Füllfederhaltern, ’stabilos‘ und Bleistiften erst richtig zu schätzen. Und das bessere Schriftbild auch.
Frauen sammeln vielleicht eher Katzen, Eulen, Glocken, Porzellan oder Plüschtiere in der ersten Phase. Oder eben Schuhe, aber die werden nur als einzelnes Paar präsentiert, aber nicht ausgestellt. Zugegeben haben Schuhe ohne Füße auch immer etwas Leeres, das nach Füllung verlangt. Oder nach Schuhcreme.
Jedenfalls kenne ich wenige Frauen, die beispielsweise zum Sammeln von Musik in gegenständlicher Form neigen.
Karl May ist endlich, Musik ist das nicht.
Das ist ein großer Vorteil für das Sammeln, denn eine vollständige Sammlung verliert jeden Reiz. Unvollständigkeit ist wie Reisen. Ankommen ist oft gar nicht das beste, weil man sich den Gardasee zum Beispiel selten bevölkert vorstellt. Er sieht in der Vorstellung aus wie der Rio Pecos aus Winnetou I im TV. Aber der lag ja meines Wissens in Kroatien. Ob dort jetzt Hochhäuser stehen, wo vor 55 Jahren das Pueblo der Apachen stand? Vielleicht will man auch das gar nicht wissen.
Irgendwann kommt dann der sogenannte „Rappel“ und man wirft fast alles weg. Streichholzschachteln, Zucker, sogar einen Berg Konzerttickets aus den 70ern bis zum Ende der 90er habe ich einmal weggeworfen. Und ca 8000 CDRs ohne Hüllen in 5 IKEA-Beuteln an eine Kunstschule zum Basteln abzugeben, war zwar sinnvoll, aber wenn man sich ansieht, was da drauf war an seltenen Aufnahmen, kommt man ja auch nicht weiter als bis zur Hundersten. Trotzdem schade. Irgendwie.
Die ganz schlimmen Männer ‚machen ja Länder‘ bei ihren Freundinnen. Aber seitdem es durch die ganzen separatistischen Bewegungen ständig Neuland gibt, kommen die auch nicht weiter.
Manche ‚machen auch Vornamen nach ABC‘, aber bei ‚X‘ und ‚Y‘ haben die dann immer Lücken.
B. hat nämlich mal zu Anastasia gesagt:
„Du, bei ‚A‘ bin ich fertig und Ukraine auch, sorry.“ Das hat sie mir mal erzählt.
Solche Sammler mag ich nicht so, dann lieber Winnetou und Kara Ben Nemsi. Ich weiß auch nicht, was A. jetzt an B. fand. Und Ukraine ist gar nicht uninteressant als Thema, paßt jetzt aber nicht.
Briefmarken! Die habe ich total vergessen!
Klar, denn nachdem ich die zusenden ließ und nicht mehr bei der Post am Erscheinungstag holte, war zwar alles komplett, aber der Spaß bekam ein Kreuz wie der Kugelschreiber. Irgendwann bekommt Dylan auch eines.
Dann weiß ich noch nicht, was ich dann machen soll.
Ich hoffe, ich segne eher das Zeitliche als ER.
Noch zum Kugelschreiber-Klicken: Wir hatten mal nen Chef, der konnte dies auch nicht lassen. Wir saßen damals mehrere Wochen in einer Meßwarte (zur Steuerung eines chemischen Verfahrens) und der konnte ungelogen 8 Stunden lang klicken, mir einer Frequenz von 50 Hz. Ermahnungen von uns halfen nur für 1-2 Minuten. Blos gut, daß er dann in eine andere Firma gewechselt ist und ich das nicht mehr aushalten mußte. Da kann man durchdrehen.
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