Der Mann, den sie Pferd nannten

„Der Mann, den sie Pferd nannten“ oder „Aus Kindertagen“

Neulich:

„Adriana kommt erstmal in Helmut, dann lege ich sie unter Natalie in den Herbert.“

‚Adriana‘, das ist der 600g schwere Rundkäse aus den Niederlanden, ‚Helmut‘ das Wachspapier, ‚Natalie‘ das Tiefkühlfach und ‚Herbert‘ der Kühlschrank.

Und die Namen weiß die Kurze am nächsten Tag auch noch treffsicher.

Woher sie Adriana Lima kennt, habe ich nicht gefragt. Ich wusste nur von Bibi, Lena und Selena. Lena finde ich gut, die anderen kenne ich nur in zwei Dimensionen an Wänden.

Das liegt bei uns übrigens in der Familie, also das mit der Neutaufe.

Mein Vater wäre jetzt knapp 110 Jahre alt, doch so manche „Schrulle“ ist mir in Erinnerung geblieben.

Häufig hatte er prägnante Spitznamen für die Nachbarn. In einem Fall Mitte der 60er Jahre war der Gatte der Nachbarin etwas kleiner als sie. Das war damals ungewöhnlich. Heute sind Frauen ja meist größer als ihre Männer und manchmal sogar länger.

Die hießen dann „Familie Korken“, weil der Mann auch etwas taillenarm war.

Da musste man als Kind aufpassen, dass man nicht mit „Guten Tag, Herr Korken!“ grüßte. Das Grüßen war ja damals extrem wichtig für den ‚Ruf‘ einer Familie.

Weil wir Kinder manchmal zur Schule gefahren wurden, lediglich in der Grundschule bei Regen, wurden Fahrgemeinschaften gegründet. Daher lernte ich Fiat 500 und Renault 4 kennen, wir fuhren ja Käfer 1200 in lindgrün oder Kadett B Coupe LS in hellem Blau etwas später.

Und so ein Auto aus dem ‚Ausland‘, das hatte schon was, weil wir ja nur ins deutsche Mittelgebirge fuhren. Zum Wandern.

Dabei konnte man gut „Land Rover“ spielen. Man rannte durchs Unterholz und machte Motorgeräusche und schaltete an Steigungen herunter. Heute gibt es dafür die Playstation.

Logisch, dass Kinder das Mittelgebirge nicht kennen.

Eine andere Familie fuhr einen Mercedes Benz 280S mit den übereinander stehenden Rundscheinwerfern. Geschäftsleute. Der Wagen müsste aus der Kiesinger-Ära gewesen sein. Dessen Frau, also nicht die von Kiesinger, sagte die regelmäßigen Fahrten kurze Zeit später jedoch wieder ab, weil man nur eine ‚Versicherung für zwei Personen‘ für das Auto habe.

Zunächst entschuldigte sie ihren Mann jedoch aus Termingründen, weil er „sich von einem seiner Herren nach München fahren läßt“.

Sie hieß bei meinem Vater über *Jahre* nur noch „die Frau, deren Mann sich von einem seiner Herren nach München fahren lässt“.

Er sagte den Text immer vollständig. Der Name dieser Familie ist mir ebenfalls entfallen.

Die Kennzeichen von den Autos habe ich auch vergessen. Die Tochter hatte dunkles Haar und musste geigen.

Ebenso den wirklichen Namen von Herrn „Platztgleich“, alles gelöscht. Der war fast so ’stark‘ wie Obelix.

Besuch war bei uns selten, aber die ‚Kollegen‘ aus der Schule waren dann doch fast jährlich da.

Es gab Eierlikör für die Damen und Dujardin für die Herren, davor Käsewürfel mit Weintrauben und Toast Hawaii zu ‚Auslese-Weinen‘. Das war damals modern, schmeckte aber schon amerikanisch. Ich glaube, Nixon war gerade noch Präsident. So schmeckt das heute auch noch.

Irgendwann wurden dann immer Haus und Garten besichtigt, das war üblich.

Jedenfalls hat mein kleiner Bruder dann währenddessen einmal alle Reste aus den kleinen Gläsern geleert, vermutlich ging er noch in den Kindergarten.

Den Damen fiel es zuerst auf, dass das Eierlikörglas vor dem Rundgang noch halb voll war. Ich hätte das auch mal machen sollen, mich hätte ja nie einer verdächtigt. Aber vielleicht brauchte mein Bruder den Alkohol auch für den folgenden Vortrag am Klavier mit der anschließenden Verbeugung beim Beifall der Anwesenden.

Zu viel Beifall in jungen Jahren halte ich heute für überzogen.

Nach dieser Zeit wurde die „Bleistiftmethode“ bei Alkoholika in der sogenannten „Bar“ angewandt, weil der Schlüssel weg war.

Das heißt, dass bei jeder Flasche sozusagen der Pegel markiert wurde.

Mit Bleistift. Lächerlich.

Die Markierung ließ sich korrigieren, geringe Restmengen wurden in späteren Jahren mit Wasser aufgefüllt, das Mixgetränk wurde dann von elterlicher Seite weggeschüttet, weil ‚der Alkohol verflogen‘ war. „Alkohol“, das war schon ein Bier bei uns.

Die Mixmethode mit maximalem Alkoholgehalt von 3% habe ich später auf Klassenfahrten im Süden Europas wiederbelebt. Fand ich damals besser, die Flaschen zurückzugeben. Am letzten Tag.

War schon blöd, die tagelang im Schrank zu haben. Die Franzosen und Italiener denken vermutlich heute noch, dass deutsche Lehrer trinken. Ist ja auch nicht ganz falsch. Aber eben auch nicht ganz richtig.

Heute stehen bei mir noch Spirituosen, die man mir zum 40sten schenkte. Die dürfen bald wählen gehen! Rotwein ist ja eine feine Erfindung, aber Hochprozentiges hat einfach zu wenig Körper.

Wenn die Verwandtschaft aus dem Verkehrsknotenpunkt des Nordens kam, war das ein Highlight. Meistens wurde dann Rinderzunge mit Meerrettichsoße an Salzkartoffeln gereicht. Roh im Waschbecken fand ich diese Riesendinger immer „faszinierend“ wie Herr Spock.

Zum Glück haben meine schönen Cousinen das nie erlebt. Die nahmen stets nur Kartoffeln, die sind auch bis heute rank und schlank geblieben. „Zunge“, ich bitte Euch! Nur, weil die teuer ist, ist das noch lange nicht „gut“. Entsetzlich!

Nur die Spitze ist essbar, auch das nur mit Überwindung, die jedoch eingefordert wurde. Freiwilliges „Probieren“ ist ja in Ordnung, Verpflichtung jedoch nicht!

„Hirn“ gab es nur im kleinen Kreis. Da sagte der Vater mit spitzer Zunge immer: „Iss mal richtig viel!“

Tim Mälzer will ich noch beichten, dass Haferflocken mit viel Kaba und Zucker und wenig Milch, zu einer festen Pampe gerührt, mich trotzdem durch die Schule gebracht haben.

Auch TV-Köche sollten derlei Spezialitäten vorstellen!

Und „Immer wenn er Pillen nahm“, das will ich mir seit Jahren nochmal ansehen. Aber dann wäre die Erinnerung vielleicht nicht mehr ganz so hübsch.

Der Mann hätte bei meinem Vater vermutlich auch so geheißen wie die Serie aber er sah außer Tagesschau und Eduard Zimmermann nichts.

Das mit den neuen Namen machen offenbar besonders gern Lehrer, auch für Kollegen.

Einer wurde in seiner Abwesenheit bei uns stets „Der Mann, den sie Pferd nannten“ betitelt. Nicht nett.

Die Schüler nannten ihn „Ed, das sprechende Pferd“. Ich kenne den Film nicht und erwähne es nur der Vollständigkeit halber.

Jeder wusste, wer gemeint war. Jeder.

Ich will auch gar nicht wissen, wie die mich genannt haben. Die Schüler sagten manchmal „Graf Zahl“, wenn ich nicht dabei war, ein Kollege sagte mir das leise grinsend, das fand ich trotzdem witzig. Ein mutiger Schüler gestand es ebenso mit einem Lächeln.

Bis ich dann sah, wer das ist „Graf Zahl“.

„Graph Zahl“, man hört den Unterschied ja nicht, das wäre ein Kompliment gewesen.

5 Gedanken zu “Der Mann, den sie Pferd nannten”

  1. Leider habe ich vergessen zu erwähnen, dass Schüler besagten Kollegen nur „Ed, das sprechende Pferd“ nannten. Das fand ich schon aus traditionellen Gründen super.

    Edit: Habe „Ed“ im Text ergänzt.

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