*Die Einschränkung*
Heute in der Zeitung wieder eine Umfrage.
Seite 1 unten in der WELT:
52% aller Eltern fühlen sich in ihrer persönlichen Freiheit durch ihre Kinder zumindest manchmal „eingeschränkt“.
Ich liebe so etwas. Auch sprachlich ist das purer Genuß und ich würde auch gern derartige Umfragen machen, weil ich Sinnlosigkeit so erhellend finde.
52%.
Also unsere Kinder zum Beispiel, die erleben ihre Eltern zu 100% als Einschränkung in ihrer persönlichen Freiheit, …. zumindest manchmal.
Ich selbst finde viele andere Dinge viel, viel einschränkender und freiheitsraubender als Kinder.
Am schlimmsten finde ich das mit der „Zeit“, die ja für jeden endlich ist. Daran denke ich ziemlich selten, aber das fällt mir jetzt als Erstes ein, weil es nicht zu ändern ist. Also *ohne* Einschränkung, das geht sowieso nicht.
Danach kommen Uhren und das mit dem Rasieren, knapp unter 100%. Haarwachstum im Gesicht, das ist einer der wenigen Prozesse, die ich gegen die Schöpfung führen würde. Die Haare bringen nichts, Rasieren auch nicht. Was soll der ganze Quatsch? Zeitraubend, sinnlos, einschränkend.
Aber nicht „manchmal“, sondern *immer*.
Bügeln auch. Das knittert nach zwei Sekunden, schon wenn man das Hemd in die Hose steckt.
Dann war es das Hemd von meinem Sohn und ich nehme ein anderes, aber das erste hat Knicke und muss wieder gebügelt werden.
Regen zähle ich auch dazu, wenn ich den Schirm vergessen habe und das Auto weit weg steht.
Ansonsten ist Regen eine super Sache. Nur wenn man nass wird, ist das einschränkend. Vor allem mit Brille und superentspiegelten Gläsern. Ohne Brille stört mich die Nässe nicht so sehr.
Und auch wenige andere Menschen sind „einschränkend“, ich hatte da gerade einen Fall, aber das war eher eine Einschränkung bei der Person als eine Einschränkung für mich, aber doch zumindest zeitweise. So ein Tag mit der Beschäftigung mit einer Person kostet ja Zeit und die ist dann weg, genau wie die beim Rasieren.
Aber nach dem Rasieren ist man frisch und wenn die Person weg ist, dann ist man müde.
Wenn ich der besten Ehefrau von allen, die ich je hatte, alle Uhren wegnehmen würde, dann würde ich sie noch mehr lieben. Aber sie würde das mit den Uhren schon beim Aufwachen merken und sich ohne Uhr eingeschränkt fühlen.
So genau weiß man das nicht, an wem oder was das Einschränkende liegt. Man fühlt das nur wie einen Sonnenuntergang. Da weiß man auch nicht, ob wieder ein Tag zuende geht oder ob eine Nacht beginnt.
Könnten die Jungs und Mädchen aus der Umfragewelt auch mal eine sonnige Statistik machen? So etwas wie:
„Empfinden Sie sonnige Tage im Urlaub als positive Bereicherung?“
„Fühlen Sie sich, zumindest bei den Toren, belebt, wenn die „Mannschaft“ toll spielt und gewinnt?“
Andererseits kosten einen die langweiligen anderen Spiele viel Zeit und wirken dadurch stark einschränkend. Eine Einschränkung ist zum Beispiel, dass man nicht *vorher* weiß, ob es so spannend wie Deutschland vs. Italien 1970 oder 2016 wird. Das weiß man erst hinterher und meistens fühlt es sich hinterher wie verlorene Zeit an.
… oder aber so langweilig wie Brasilien vs. Deutschland vor 2 Jahren ab der 22. Minute. 😉
Ich sehe mir das trotzdem gern nochmal an, nur die Tore und diese Gefühle in den Blicken der Spieler und Zuschauer. Da denke ich zuerst an die Brasilianerin mit der Fahne auf der Wange, den riesigen Augen und der Hand vor dem Mund.
Ihr wisst, welche ich meine? Klar, jeder weiß das.
Und wie Toni Kroos nach seinem zweiten Tor gelacht hat, das war auf dem Spielplatz früher auch so, bei Jan und Michi.
Sogar, wenn man das Tor als Torwart kassiert hatte, diese Freude beim Torschützen glich den Spielstand ein ganz klein wenig aus. Immer gewinnen war auch langweilig, etwas Spannung musste sein.
Wenn die Spieler sich aufrichtig freuen, denke ich oft, dass die das auch machen würden, wenn gar keiner zuguckt. Andererseits ist diese TV-Show-Freude nervig.
Umfrage:
„Welchen Jubel von welchem Spieler fanden Sie in ihrem Leben bislang am schönsten?“
Das wäre mal was.
Also: „Welcher war’s?“