Weihnachten #1

Natürlich sind die Zeiten unruhig, trotzdem bitte ich um einen Rat aus philosophischer bzw. lebenserfahrener Sicht.

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Vorgeschichte :

Weihnachten 2014

Unser Sohn Henri war damals noch 15 und stand vor dem Realschulabschluß, den man jetzt irgendwie anders nennt.

Das folgende Geschenk machte vor knapp einem Jahr sein Patenonkel ihm zum Fest.

Er erhielt die „Buddenbrooks“ von Thomas Mann mit folgendem Text:

„Lieber Henri,
dieses Buch ist wie Fernsehen im Kopf – ohne Werbepausen. Die Personen haben reale Vorbilder. Deine Urgroßmutter hat mir das in Kopie beiliegende, von ihrem Großvater verfasste Verzeichnis abgeschrieben.

Die Lektüre des Buches lohnt sich doppelt:
Bei richtiger Beantwortung folgender Fragen bis spätestens 23.12.2015 gibt es 50€ in bar!
Dein Onkel ….., Weihnachten 2014“

… es folgen die drei Fragen zum Text … die hier unerheblich sind.

Sein Onkel ist Rechtsanwalt und 50 Jahre alt.

Das erleichtert die Situation kaum. 😉

Fortsetzung der Geschichte:

Im Sommer hat Henri beim Realschulabschluss sieben seiner Noten verbessert und besucht jetzt die Oberstufe.

Als Belohnung für seinen Abschluss stellte sein Onkel ihn vor die Wahl:

„50€ in bar sofort … oder Verdoppelung des Betrages von 50€ auf 100€ für die Beantwortung der Fragen zu den Buddenbrooks.“

Henri, der zu diesem Zeitpunkt die Lektüre der 759 Seiten noch *nicht* begonnen hatte, entschied sich für den höheren Betrag.

Ich selbst habe die Buddenbrooks vor knapp 40 Jahren gelesen, allerdings nicht ganz, wie ich gestehe, vielleicht zur Hälfte.

Es gab damals auch anderes im Leben. So ähnlich geht es unserem Sohn mit dem Geschenk auch, ich verstehe ihn.

In den Herbstferien hat er 200 Seiten gelesen, aber er konnte noch *keine* der drei Fragen zum Text beantworten.

Als Hilfe hatte ich ihm meine 22CDs mit der von dem herausragenden Gert Westphal gelesenen Fassung geliehen.

Ab Seite 100 hat er den Text mit den Augen verfolgt während dazu Gert laut las.

Dies ist seinem Onkel bekannt, aber er war von dem gewählten Verfahren *nicht* erfreut.

Nach 200 Seiten ließ die Motivation unseres Sohnes trotzdem deutlich nach.

Daraufhin habe ich Henri „beraten“ und wir sind das ganze Buch diagonal durchgegangen und er konnte dabei *alle* gestellten Fragen innerhalb von 15 Minuten beantworten ohne das Buch zu lesen. 🙂

Trotzdem hat er seitdem von Zeit zu Zeit weiter gelesen, bis zum heutigen Tag hat er ungefähr 350 Seiten geschafft. Auch mit Hilfe dieser bislang 350 Seiten wäre noch *keine* der gestellten Fragen zu beantworten gewesen.
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Und morgen ist der 23.12. und er muss die Antworten abgeben, um die 100€ zu bekommen.

Meine Frau macht sich große Sorgen.

Sie fürchtet eine stundenlange Diskussion über das Zustandekommen der Antworten.

Man müsse zugeben, wie die Antworten zustande gekommen seien, so ihre Ansicht. Ihr Bruder dürfe dann entscheiden, ob er die 100€ zahle oder einen geringeren Betrag.

Sie hält das Verfahren, das Henri und ich wählten, für unfair und er habe keinerlei Recht die 100€ von ihrem Bruder zu beanspruchen.

Ich selbst habe dazu eine andere Einstellung:

Henri hat die Fragen beantwortet, nur das war gefordert. Sein Onkel ist selbst dafür verantwortlich, wenn er Fragen stellt, die man beantworten kann, ohne den Text wirklich vollständig zu lesen.

Etwas lang.

Frage:
Was sollen wir tun?

Frohes Fest
Martin

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